Dr. Wolfgang Schwanitz
Berlin, den 16.02.2000
Einführungsvortrag zur Podiumsdiskussion
des Berliner Alternativen Geschichtsforums am 16.02.2000
zum Thema
"Feinde ringsrum?
Zur Sicherheitspolitik der SED
und zur Verantwortung der Abwehrorgane des MfS."
Meine Damen und Herren,
das Thema der heutigen Veranstaltung ist nach wie vor sehr neuralgisch. "Die Stasi", wie es abwertend heisst, musste und muss weiter dafür herhalten, die DDR zu delegitimieren und als Unrechtsstaat zu verleumden. Ob Mord und Totschlag, Unterstützung von Terroristen, Mißbrauch der Psychiatrie, Freiheitsberaubung und Rechtsbeugung, Folter, Erpressung, Nötigung, radioaktive Verstrahlung von Untersuchungshäftlingen - es gab und gibt kein Verbrechen, dessen das MfS nicht lauthals öffentlich bezichtigt wird. Über die im Ergebnis von Gerichtsverfahren erfolgten Freisprüche, über die Einstellung der Ermittlungsverfahren wegen "Nichtbestätigung der Verdachtsgründe", überhaupt über die Tatsache, dass den meisten Vorwürfen jegliche objektive Grundlage fehlt, gibt es kaum Verlautbarungen.
Dagegen mußte Herr Oberstaatsanwalt Bernhard Brocher, sicherlich ein Spezialist auf dem Gebiet der sogenannten Regierungs- und Vereinigungskriminalität als Fazit jahrelanger Ermittlungstätigkeit öffentlich eingestehen, daß eine Bewertung des MfS als kriminelle Organisation rechtlich nicht haltbar sei.
Uns ist bewusst, dass dennoch das Thema ausreichend Stoff enthält für kontroverse Diskussionen. Um so mehr wollen wir dazu beitragen, dass die heutige Veranstaltung sachlich verläuft. Auch die hauptamtlichen und die Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS haben einen Anspruch darauf, im ganzen Kontext der Geschichte der DDR gesehen und bewertet zu werden.
Ausdrücklich danken wir dem Berliner Alternativen Geschichtsforum und dem Hausherrn dieses Saales für die Gelegenheit, unsere Positionen zum heutigen Thema öffentlich darlegen zu können.
Meine Damen und Herren,
dem Hinweis Wolfgang Harichs folgend, bei der Behandlung des Themas größere Zusammenhänge zu belichten, z. B. die geopolitische Lage dieses wie er sagte "merkwürdigen Landes Deutschland", von dem die DDR "ein so kleines, ärmeres, schwächeres Teilchen" aber gleichzeitig über "Jahrzehnte Eckpfeiler dieses riesigen realpolitischen Imperiums" war, möchten wir heute einen Beitrag leisten, um die Tätigkeit der Abwehrorgane des MfS in die historischen, politischen und rechtlichen Bedingungen und Grundlagen der DDR einzuordnen.
Die Beschlüsse der SED-Führung waren für alle
Staatsorgane unantastbar und mit aller Konsequenz zu
verwirklichen. Führende Rolle der SED hieß
unangefochtene Richtlinienkompetenz der Parteiführung.
Die Angehörigen des MfS betrachteten ihre Tätigkeit in erster Linie als politischen Auftrag. Aus dem politischen Charakter und Verständnis der Arbeit des MfS ergab sich zugleich ein gewisses Spannungsfeld zwischen der Forderung nach unbedingter Durchsetzung der Beschlüsse der Partei und den bei ihrer Verwirklichung in den jeweiligen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen propagierten und tatsächlich erreichten Ergebnissen sowie den eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen der Angehörigen des MfS. In unzähligen Informationen an die Partei- und Staatsführung und die politisch und staatlich Verantwortlichen auf allen Ebenen machten die Mitarbeiter des MfS auf Mängel und Widersprüche aufmerksam, häufig verbunden mit Vorschlägen zur Veränderung der Lage in den jeweiligen Bereichen. Um so größer war dann die Enttäuschung, wenn es nicht zu den notwendigen Entscheidungen und Maßnahmen kam. Das führte schließlich dazu, daß es auch unter den Angehörigen des MfS zunehmende Zweifel an der Richtigkeit der Politik und schließlich Vertrauensverlust gegenüber der Parteiführung gab.
Führende Rolle der SED hieß für das MfS, die Linie der
Partei offensiv verwirklichen zu helfen, diese Linie
unter keinen Umständen zu stören. Der im MfS
gebräuchliche Begriff "politisch-operative
Arbeit" sollte u. a. auch zeigen, daß das MfS der
Durchsetzung der Politik der SED zu dienen hat. Der
Anteil, den es dazu erbrachte, wurde zum Gradmesser
seiner Tätigkeit und letztlich auch seiner Wirksamkeit
gemacht.
Sicherheitspolitische Maßnahmen und Entscheidungen
wurden von der Parteiführung häufig aus einer
bestimmten oder zu erwartenden Lage heraus getroffen. Als
besonders schwerwiegend erwies sich aber die Tatsache,
daß die sich aus den inneren gesellschaftlichen
Entwicklungen ergebenden Probleme, Konflikte und
Widersprüche, ihre Ursachen und die Wege zu ihrer
Lösung nicht zu den notwendigen Konsequenzen in der
gesamten Politik - und damit auch in der Politik zur
Gewährleistung der staatlichen Sicherheit - führten.
Statt realistischer Analyse vor allem der durch die
Politik der SED selbst gesetzten Ursachen für ernste
Probleme und Schwierigkeiten, wurden diese zunehmend vor
allem auf äußere Ursachen, Bedingungen und Einflüsse
reduziert, die es unbestritten auch gab und die nicht zu
unterschätzende Wirkungen hinterließen. Auf die Folgen
der gravierenden Defizite insbesondere in der
Wirtschaftspolitik und - zunehmend - in der Ökologie, in
Handel und Versorgung und bei Dienstleistungen, bei den
Reisemöglichkeiten, bei der weiteren Ausgestaltung der
demokratischen Rechte und Freiheiten der Bürger, in der
Medienpolitik, auf die immer stärker werdenden
Forderungen nach breiterer Mitbestimmung und
Mitgestaltung der Politik und der sozialistischen
Lebensverhältnisse wurde zunehmend mit staatlichem
Dirigismus und repressiven Mitteln reagiert. Damit wurden
vor allem den Sicherheits- und Rechtspflegeorganen, und
somit auch dem MfS, Aufgaben und Verantwortlichkeiten
übertragen, die vornehmlich durch politische Maßnahmen
und Entscheidungen hätten gelöst werden müssen.
Wenn hier auf die Sicherheitspolitik der SED und damit
zusammenhängende Probleme so ausführlich eingegangen
wird, heißt das keineswegs, daß wir unseren eigenen
Anteil, unsere eigene Verantwortung an der Entwicklung,
vor allem aber der Durchsetzung dieser Sicherheitspolitik
kleinreden wollen. Das belegen z.B. viele Informationen
und Vorschläge an die SED Führung. Ihre tatsächliche
Wirkung, ihre Umsetzung war weitgehend davon abhängig,
wie sie von der SED Führung betrachtet und bewertet
wurden. Sicherheitsorgane haben die undankbare Aufgabe,
oftmals über Schattenseiten zu berichten, die nicht in
das lieb gewordene Bild der Herrschenden passen, ja als
störend empfunden werden.
Es bleibt festzustellen: Die Führungskräfte des MfS und
davon ist sicherlich keiner von uns ausgenommen, tragen
Mitverantwortung für die Ausweitung der von der
SED-Führung begründeten Sicherheitserfordernisse und
für das gesamte Sicherheitsverständnis in den 70er und
80er Jahren, die so nicht zu rechtfertigen waren und
sind.
Meine Damen und Herren,
im Folgenden nunmehr zu einigen sicherheitspolitischen Einschätzungen und Aufgaben-stellungen der SED Führung, die Grundlage für die Abwehrarbeit des MfS waren. Dabei beschränke ich mich aus Zeitgründen auf einige ausgewählte Zusammenhänge.
Schädlinge zu entwickeln sowie die Tätigkeit der Sicherheitsorgane zu verbessern, die sich in ihrer Arbeit auf die breitesten Volksmassen stützen müssen." Einen Monat später wurden diese Schlußfolgerungen in einer Erklärung des ZK und der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) zu den Verbindungen ehemaliger deutscher Emigranten zu dem Leiter des Unitarian Service Committee Noel H. Field präzisiert.
Hatte sich die Provisorische Volkskammer bei ihrem
Beschluß über die Bildung des MfS von der
tatsächlichen sicherheitspolitischen Lage und ihren
Erfordernissen leiten lassen, so zeigte sich mit diesen
Einschätzungen und Schlußfolgerungen der Einfluß der
KPdSU und insbesondere Stalins auf die Sicherheitspolitik
der Führung der SED und damit auch auf das MfS.
Für das MfS ergab sich daraus die verhängnisvolle
Konsequenz, in innerparteiliche Auseinandersetzungen
einbezogen und mißbraucht worden zu sein.
Die erhobenen Vorwürfe gegen Funktionäre der KPD, die
in der Schweiz und in Frankreich in der Emigration gelebt
hatten, mit dem US amerikanischen Staatsbürger und
Diplomaten Noel Haviland Field vor und nach 1945
Spionagebeziehungen unterhalten zu haben, erwiesen sich
später als falsch. Nach den Prozessen gegen Rajk,
Slansky u.a. in Ungarn und in der CSSR erfolgten auch in
der DDR durch die ZPKK der SED Untersuchungen,
einschließlich von Befragungen ehemaliger deutscher
"Westemigranten". Die von der ZPKK erarbeiteten
Materialien wurden dem MfS mit dem Auftrag übergeben,
durch die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen
namentlich vorgegebene Funktionäre die parteiinternen
Untersuchungen nunmehr staatlich zu bestätigen. Noch vor
dem Vorliegen von Ergebnissen der strafprozessualen
Ermittlungen begann eine zentral gesteuerte massive SED
parteiinterne und zugleich öffentliche Vorverurteilung
der Inhaftierten als "Agenten des
Imperialismus". Für die Beschuldigten, zumeist
langjährig im illegalen Kampf erprobte und bewährte
Kommunisten und Antifaschisten, brach eine Welt zusammen,
als sie aus den eigenen Reihen der Spionage und des
Verrats bezichtigt wurden. Diese Verfahren waren
besonders tragisch. Sie trugen nicht unwesentlich dazu
bei, das Ansehen der SED, der DDR und seiner Sicherheits-
und Justizorgane zu beeinträchtigen. Es ist eine bittere
Erkenntnis, dass das MfS Mitverantwortung trägt für das
Unrecht, welches diesen Menschen zugefügt wurde.. Daran
ändern auch nichts die Vorverurteilung durch die
SED-Führung und die Aktivitäten des sowjetischen
Geheimdienstes KGB.
Wir bedauern es zutiefst, dass Menschen von den
Sicherheitsorganen der DDR zu Unrecht verfolgt wurden.
Damit meinen wir jedoch keineswegs diejenigen ehemaligen
Straftäter, Spione, Diversanten, Menschenhändler,
Fahnenflüchtige usw., die nunmehr nach dem Anschluß der
DDR an die BRD ad hoc zu Opfern umfunktioniert wurden. Es
ist wohl ein absolutes Novum, wenn bis dahin respektierte
Gesetze eines souveränen Staates aus rein politischen
Motiven für rechtsstaatswidrig erklärt werden.
Diese Inoffiziellen Mitarbeiter waren unsere
Hauptverbündeten. Umso härter trifft uns, daß sie
nunmehr bereits seit 10 Jahren gedemütigt und
ausgegrenzt werden. Die Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS
handelten aus politischer und humanitärer Überzeugung
und in Übereinstimmung mit der Verfassung der DDR. Für
ihre rechtmäßige Tätigkeit übernehmen wir
uneingeschränkt die politische Verantwortung.
Als "Hauptaufgabe" des MfS bezeichnete das
15. Plenum den Kampf gegen faschistische
Untergrundorganisationen. Das entsprach der damaligen
offiziellen Einschätzung der Ereignisse des 17. Juni als
faschistischer Putsch. Das MfS sollte etwas nachweisen,
was so nicht stimmte. Zweifelsohne gab es in der DDR
ehemalige Faschisten, die sich mit der neuen Ordnung
nicht zufrieden geben wollten, aber sie waren nicht
Ursache und Hauptkräfte dieser Ereignisse. Verbunden mit
dieser Hauptaufgabe war die Forderung, die
politisch-operative Arbeit in den Industriezentren zu
organisieren. Einige, wie z. B. Leuna, Buna und Zeiss
wurden als "Hort faschistischer
Untergrundorganisationen" vom Plenum direkt
vorgegeben. Kritik gab es an der Arbeit in den Kreisen.
Der Arbeit der Kreis- und Objektdienststellen wurde in
den folgenden Jahrzehnten im MfS stets große
Aufmerksamkeit gewidmet. Zur Qualifizierung ihrer
Tätigkeit gab es mehrere spezielle Konferenzen und
Führungsseminare mit allen Verantwortlichen unter
Leitung des Ministers für Staatssicherheit.
Das Plenum lenkte die Arbeit des MfS auch auf "gewisse sozialdemokratische Gruppierungen" als Basis für die Tätigkeit des Ostbüros der SPD. Die Notwendigkeit der Abwehr gegen die subversive Tätigkeit des Ostbüros der SPD war unumstritten. Eine strenge Unterscheidung zwischen subversiver Tätigkeit des Ostbüros der SPD und der demokratischen Auseinandersetzung mit politischen und ideologischen Vorstellungen des sozialdemokratischen Reformismus erfolgte jedoch nicht.
Im Ergebnis dieser schwerwiegenden Kritiken wurde die
Staatssicherheit als Staatssekretariat in das Ministerium
des Inneren eingegliedert. Im Juli 1953 erfolgte die
Absetzung Wilhelm Zaissers als Minister für
Staatssicherheit. Zusammen mit Rudolf Herrnstadt wurde er
wegen "parteifeindlicher fraktioneller
Tätigkeit" aus dem Politbüro und dem ZK der SED
ausgeschlossen. Konsequenzen hatte die Kritik auch für
die Parteiorganisationen in den Bezirksverwaltungen und
Kreisdienststellen. Sie wurden den örtlichen Bezirks-
und Kreisparteiorganisationen unterstellt.
Ein Ereignis sollte jedoch auf lange Sicht die tiefgreifendsten Auswirkungen auf den Gang der Geschichte haben: Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 mit seinen Enthüllungen über die Verbrechen in der Stalin-Ära. Er führte in den sozialistischen Staaten zu tiefgreifenden Erschütterungen und vor allem in den Kommunistischen- und Arbeiter-Parteien der kapitalistischen Länder zu neuen Überlegungen über die praktische und theoretische Umsetzung der Lehren des Marxismus-Leninismus in den sozialistischen Staaten. In den Forderungen nach Demokratie und nationaler Unabhängigkeit, gegen Dogmatismus und Zentralismus, die natürlich von allen antikommunistischen Kräften aufgegriffen wurden, sahen die Führungen der herrschenden Parteien reale Gefahren für die Machtverhältnisse in ihren Staaten. Aus den blutigen Ereignissen in Ungarn 1956 und aus den Vorgängen in Polen, wurde die Schlußfolgerung gezogen, daß sich der moderne Revisionismus in den sozialistischen Ländern als der Wegbereiter der Konterrevolution entlarvt hätte, der schonungslos zu bekämpfen sei.
In der SED selbst waren die Auseinandersetzungen mit Karl
Schirdewan, Ernst Wollweber und anderen, die für
Reformen und die Ablösung Ulbrichts eintraten, Ausdruck
der inneren Schwierigkeiten. Erich Honecker zog aus der
gesamten Lageentwicklung auf dem 30. Plenum vom 30.
Januar bis 1. Februar 1957 die Schlußfolgerung, "die
Wachsamkeit gegen die imperialistische Reaktion zu
erhöhen." Unter dem Einfluß des XX. Parteitages
der KPdSU kam es der Parteiführung darauf an,
Zweifeln an der Richtigkeit des Kurses der SED zu
begegnen und den totalen Wahrheitsanspruch der
SED-Führung mit aller Konsequenz durchzusetzen. Auf
diesem Plenum wurden die radikalen konzeptionellen
Vorstellungen Wolfgang Harichs als konterrevolutionär
abgestempelt. "Die Konzeption dieser Leute, deren
staats- und parteifeindliche Tätigkeit durch die
Parteiführung aufgedeckt wurde, stimmt vollkommen mit
der Konzeption Adenauers und Brentanos und anderer
Vertreter der aggressiven Teile des westdeutschen
Monopolkapitals überein. Ihre Konzeption ist eindeutig
konterrevolutionär," hieß es im Bericht des
Politbüros.
Diese Vorverurteilung war verbunden mit der
grundsätzlichen Aufgabenstellung für das MfS: "Genosse
Wollweber wurde beauftragt, zu prüfen, welche Methoden
in der Arbeit unserer Sicherheitsorgane verbessert werden
müssen, damit in Zukunft das MfS rechtzeitig von
bestimmten feindlichen Erscheinungen informiert
wird." Das war die klare Orientierung des MfS
auf die Verstärkung der Vorfeldarbeit, insbesondere auf
die vorbeugende operative Kontrolle bestimmter
Personenkreise mit nachrichtendienstlichen Mitteln und
Methoden. E. Wollweber zog dann auch als "ernste
Lehre" die Schlußfolgerung, überall
politisch-operativ, also mit nachrichtendienstlichen
Mitteln und
Methoden zu arbeiten, wo Oppositionelle wirksam werden
könnten. Das zog die verstärkte Arbeit mit
Inoffiziellen Mitarbeitern in Universitäten und
Hochschulen, unter Schriftstellern und Künstlern nach
sich.
Er forderte als wichtigste Schlußfolgerung, eine höhere
Wachsamkeit aller Kräfte der Partei und der
Arbeiterklasse, die Verstärkung der ideologischen Arbeit
der gesamten Partei, geduldige Überzeugungs- und
Aufklärungsarbeit, um vor allem vorzubeugen: Besonders
hob er den vorbeugenden Effekt der Arbeit des MfS hervor:
"Die Politik von Partei und Regierung besteht nicht
darin, durch die Organe der Staatsmacht viele Festnahmen
durchzuführen, sondern vielmehr darin, durch geduldige
Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu verhindern, daß
Bürger der DDR mißbraucht werden und deshalb
festgenommen werden müssen...".
Die veränderten äußeren und inneren
Lagebedingungen nach dem 13. August 1961 führten zu
wesentlichen Veränderungen und in nicht geringem Umfange
zu einer Erweiterung der Aufgabengebiete der Abwehr des
MfS.
Das offenbarte sich besonders in den Beratungen des 15. Plenums des ZK der SED 1975 über die Ergebnisse der KSZE - Konferenz. E. Honecker hob hervor, "daß die Abenteuerlichkeit des Imperialismus, sein Expansionsdrang weiterhin unberechenbar sind." Wir müßten für "jähe Wendungen in der internationalen Lage stets gewappnet sein." An unsere Klassenwachsamkeit werden also weiterhin große Anforderungen gestellt."
Verharren auf dem einseitigen, für sich genommen
richtigen Blick auf die immanenten Gefahren, aber kein
Wort über weitere innenpolitische Konsequenzen aus
Helsinki. Kein Wort über konkrete Maßnahmen zum
weiteren Ausbau sozialistischer Rechtsstaatlichkeit, wie
einer dringend erforderlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit
und der Erweiterung der Reisemöglichkeiten und über
Ausreisebestimmungen für Bürger der DDR. Damit waren
wachsende innere Widersprüche in der DDR und die sich im
Ergebnis entwickelnde Unzufriedenheit von Bürgern der
DDR programmiert.
In dieser Zeit nahmen erneut Bestrebungen von Bürgern
der DDR zu, ihr Land zu verlassen. Mit diesem Ziel kam es
zu entsprechenden Personenzusammenschlüssen. Das waren
sicherheitspolitische Gefahren, die von der SED-Führung
ignoriert wurden. Die Auseinandersetzungen mit den
angestauten Reise-, Übersiedlungs- und anderen
innenpoli-tischen Problemen wurde den Sicherheits- und
Rechtspflegeorganen überlassen.
Die politischen Defizite des Plenums führten zu
unmittelbaren Konsequenzen für die Arbeit des MfS. Es
mußte Aufgaben übernehmen, die eigentlich nicht zur
Arbeit eines Staatssicherheitsorgans gehörten, die vor
allem dadurch entstanden, weil es keine
gesellschaftspolitische Konzeption für die Umsetzung von
Helsinki - vor allem hinsichtlich des Korbs III - gab.
Die Arbeit des MfS wurde damit weiter in die Breite
gedrängt. Gleichzeitig öffneten die fehlenden
innenpolitischen Konsequenzen dem Gegner ein weites Feld
für Angriffe gegen die SED und die DDR.
Damit wurde - um das auf einen kurzen Nenner zu bringen -
von den Schwerpunkten zur vorbeugenden Aufklärung und
Bekämpfung subversiver Angriffe und Kräfte regelrecht
wegorientiert. Zumindest hatte die Orientierung auf
Aufgaben und Probleme, die eigentlich zutiefst
politischen und gesamtgesellschaftlichen Charakter
trugen, und demzufolge auch nur politisch,
gesamtgesellschaftlich lösbar gewesen wären, derartige
Auswirkungen. Auf unterschiedliche politische
Auffassungen, aufgetretene ideologische Konflikte, vor
allem aber auf die zunehmende Unzufriedenheit und
kritische Haltung zu gesellschaftlichen
Entwicklungsprozessen und -problemen wurde immer weniger
politisch reagiert. Anstelle von Dialog, von politischem
Meinungsstreit und Überzeugung traten Anpassungsdruck
und administrative Lösungsversuche, Disziplinierung und
letzlich auch staatliche Repression.
Die von der SED-Führung vorgegebenen und vom MfS
aufgenommenen Sicherheitserfordernisse führten u. a.
auch zu einer Erweiterung des Feindbildes. Es wurde unter
Verwendung des operativen Begriffs
"feindlich-negative Personen" teilweise auch
auf solche Bürger der DDR ausgeweitet, die in ehrlicher
Sorge um die sozialistische Entwicklung eine kritische
Haltung zu Fehlentwicklungen einnahmen, die Forderungen
nach mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erhoben.
Personen, die die Entwicklung der DDR sehr kritisch
begleiteten und die im Rahmen der DDR bestimmte Reformen
verlangten, wurden ebenso mit nachrichtendienstlichen
Mitteln und Methoden überwacht, wie solche, die aus
ihrer feindlichen Einstellung heraus und häufig im
Zusammenwirken mit gegnerischen Einrichtungen und
Kräften Handlungen gegen die verfassungsmäßigen
Grundlagen mit dem Ziel der Beseitigung der DDR
durchführten.
Das MfS war somit auch in sich eine Spiegelung der
widerspruchsvollen Prozesse in der Gesamtpolitik und im
Besonderen der Sicherheitspolitik.
Meine Damen und Herren,
lassen Sie mich abschließend feststellen:
Dass der erste große geschichtliche Versuch Sozialismus - nicht nur für die DDR - in einer verheerenden Niederlage endete, hat vielfältige Gründe. Als erwiesen jedoch kann schon jetzt festgehalten werden: Schutz- und Sicherheitsorgane und Geheimdienste können niemals politische Defizite ausgleichen, die von den Herrschenden verursacht werden. Das Versagen der SED-Führung mußte schließlich zum Scheitern führen.
Auch in Bezug auf die Tätigkeit der Abwehrorgane des MfS
haben wir allen Grund, die eigenen Fehler und Versäumnisse
kritisch aufzudecken. Das ist aber nur eine Seite.
Wenn die DDR als Staat in die Geschichte eingehen wird, der der
Bourgeoisie in einem Drittel Deutschlands Macht und Eigentum
entzog, von dem in dieser Zeit Frieden und kein Krieg ausging, so
haben daran das MfS, seine Angehörigen, die Inoffiziellen
Mitarbeiter und Kundschafter an der unsichtbaren Front ihren
unauslöschbaren Anteil.