Die Schuld der
"Weichspüler"
Am 17.
April 2010 fand in Neustrelitz der
14.Bundeskongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen statt. Die
veröffentlichten Erklärungen von Teilnehmern lassen erkennen, dass sie voller
Sorge sind. So beklagte laut "Ostsee-Zeitung" Rostock vom 19. April
2010 zum Beispiel der Soziologe Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat
der Freien Universität Berlin: Wenn Eltern im Osten ihren Kindern von
Alltagserinnerungen erzählen, passiere oft ein "Weichspülen" der DDR.
Es werde oft nur von positiven Erinnerungen berichtet, der soziale Bereich
werde idealisiert, die Diktatur bleibe ausgespart. Deshalb seien die Landeszentralen
für politische Bildung gefordert, Fakten und Zusammenhänge zu vermitteln. Sie
müssten stärker als bisher in die Schulen gehen.
Die
Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Thüringens, Hildigund
Neubert, forderte verpflichtende Fahrten zu Gedenkstätten beider deutschen
Diktaturen für alle Schüler. Auch
solle darüber nachgedacht werden, deutsche Nachkriegs- und DDR-Geschichte schon
ab Klasse acht zu behandeln. Bisher sei dies in der zehnten beziehungsweise
zwölften Klasse der Fall - daher falle das Thema den Vorbereitungen auf
Abitur und Mittlere Reife zum Opfer. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des
Bundesverbandes der Opfer des Stalinismus, Johannes Rink.
DDR-Geschichte sollte früher und umfangreicher als bisher vermittelt werden,
sagte er "Es kann nicht sein, dass 15-,16-.17-jährige nicht wissen, wer
Ulbricht war und was am 17.Juni 1953 geschehen ist." Offensichtlich entsprechen beispielsweise die diesbezüglichen
Maßnahmen der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern
noch immer nicht den Erfordernissen, obwohl diese Behörde jährlich in 50 bis 70
Schulen mit Bildungsprojekten unterwegs ist und der
"Demokratie-Bildungsbus" der Behörde und Landeszentrale für
politische Bildung seit Mai 2008 rund 5 000 Schüler erreicht hat.
Aus der Sicht
der Kongressteilnehmer kann man deren Unzufriedenheit schon nachvollziehen. Mit
der "Aufarbeitung" der Geschichte des "Unrechtsstaates" DDR
waren immerhin zwei Enquete-Kommissionen unter Leitung von Rainer Eppelmann
beauftragt. Mitgewirkt haben überdies 3 000 Bedienstete der
Gauck-Birthler-Behörde. Filmische Pseudodokumentationen und
"Unterhaltungsstreifen" werden wie zu Zeiten der Goebbelschen
Reichsfilmkammer generalstabsmäßig produziert ("Das Leben der
Anderen", "Die Frau vom Checkpoint Charlie" usw.). An der
Entstellung der Geschichte der DDR beteiligen sich mehr als 1 200
Forschungsprojekte, etwa 250 Archive und Bibliotheken, rund 50 Institutionen
der politischen Bildung sowie 65 Museen und Gedenkstätten. Hinzu kommen 20 Fachzeitschriften,
von den täglichen Unterstellungen und Verleumdungen über das Leben in der DDR
durch Presse, TV und Radio gar nicht zu reden. Und nun diese in Neustrelitz
gezogene Bilanz: Eine wachsende Mehrheit der Ostdeutschen ist auch nach zwei
Jahrzehnten Gehirnwäsche nicht bereit, sich das staatlich verordnete
Geschichtsbild von 40 Jahren DDR zu Eigen zu machen und Angela Merkels
Geschichts- und Rollenverständnis zu folgen..
Schon Anfang
2008 kamen Forscher zu der Schlussfolgerung, dass die Kultusminister der
Länder, die Funktionäre der Schulverwaltungen und vor allem das Heer der Lehrer
an den allgemeinbildenden Schulen das Kinkelsche Programm der Delegitimierung der DDR endlich mit mehr Energie
durchsetzen sollen. Anders stehe der Staat Bundesrepublik nicht auf festem
Grund. Dass es in Brandenburg, wie damals ermittelt wurde, nicht gelungen sei,
wenigstens die Hälfte der Schüler von zehnten und elften Klassen zum
Verdammungsurteil über den "Unrechtsstaat" zu bewegen, in dem ihre
Eltern und Großeltern hatten leben müssen, kann in der Tat nur Besorgnis bei
allen hervorrufen, die 1990 mit so schönen Hoffnungen in "Deutschland
einig Vaterland" aufgebrochen waren, und nun sehen müssen, dass es mit der
finanziell und personell sehr aufwendigen Ausrichtung in den Köpfen nicht
klappt. Und das bei den Nachgewachsenen! Ähnliche Forschungsergebnisse wie in
Brandenburg waren zuvor schon in Berlin gewonnen worden.
Vor dem
Hintergrund der im Elternhaus erfahrenen Arbeitslosigkeit, der
Hilfsbedürftigkeit selbst der Arbeitenden, des Kampfes um Lehrstellen, welche
Aussicht auf Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung bieten, und der ebenso
artigen wie wirkungslosen Ermahnung der Kanzlerin an die Raffkes an der Spitze
der Banken und Großkonzerne, mit denen sie, wie die Bilder zeigen, ein Herz und
eine Seele ist, beginnt der Vergleich beider deutschen Staaten, des
existierenden mit dem untergegangenen, neue Resultate zu zeitigen. Mehr noch,
und das ist das für die Regierenden und den hinter ihnen die Fäden ziehenden
Kräften das eigentlich Beunruhigende: Es hat ein Nachdenken über Werte
eingesetzt, die als erstrebenswert gelten.
Ausgerechnet
in den Jubiläumsjahren 2009 und 2010 werden die Merkel-Regierung, die Führungen
der so genannten etablierten Parteien, "Bürgerrechtler" und die
Inquisitoren der Behörden für die Stasi-Unterlagen von Umfrageergebnisse formlich durchgeschüttelt. Was haben sie sich in den
zurückliegenden Jahren geschunden, um den Unrechtscharakter der DDR und ihre
Verbrechen aufzuzeigen, den untergegangenen Staat zu dämonisieren, im Sinne der
Totalitarismus-Doktrin mit der verbrecherischen Nazi-Diktatur gleichzusetzen
und den Leuten einzureden, dass jeder Schritt in Richtung Sozialismus nur
Unheil bringt. Und nun dieses äußerst magere Ergebnis
jahrelanger aufwendigen
"Aufarbeitung".
Zwei
Jahrzehnte nach der "Friedlichen Revolution", den "ersten
wirklich freien und demokratischen" Wahlen in der DDR (Kohl) und der
"Wiedervereinigung" wird die DDR von Nord nach Süd und von West nach
Ost überwiegend positiv beurteilt. 49 Prozent der befragten Ostdeutschen
stimmen nach einer Emnid-Umfrage folgender
Einschätzung zu: "Die DDR hatte mehr gute als schlechte Seiten. Es gab ein
paar Probleme, aber man konnte dort gut leben." Nur acht Prozent meinten,
sie habe überwiegend schlechte Seiten gehabt, genau so viele meinten dagegen
gar: "Die DDR hatte überwiegend gute Seiten. Man lebte dort glücklicher
und besser als heute im wiedervereinigten
Deutschland."
Doch es kommt
für die zeitweiligen Sieger noch schlimmer: Wenn 73 Prozent der deutschen
Wahlbevölkerung die Verhältnisse in Deutschland als ungerecht betrachten (von
den Ostdeutschen sind es gar über 80 Prozent) und zugleich eine große Mehrheit
glaubt, dass es ihr in zehn Jahren nicht besser, sondern schlechter gehen wird,
dann kommt das, um es mit den Worten des Sports zu sagen, einer
Disqualifizierung der heute Regierenden gleich. Auch zwei Jahrzehnte nach dem
"Mauerfall" fühlen sich 42 Prozent der Ostdeutschen als Bürger
zweiter Klasse, wie eine in der "Wirtschaftswoche" vom 26.9.2009
veröffentlichte Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach ergab.
Demnach sind sogar 63 Prozent der Ostdeutschen weiterhin überzeugt, dass die
Unterschiede zwischen Ost und West größer sind als der Vorrat an
Gemeinsamkeiten. Während anfangs noch 71 Prozent der Ostdeutschen erwarteten,
dass sich ihre persönlichen Lebensverhältnisse verbessern würden, sagen 20
Jahre später nur noch 46 Prozent, dass dies eingetroffen sei. Im Westen sind es
nur 40 Prozent, 1989 waren es dort 52 Prozent.
Seit Jahren
grübeln die "DDR-Aufarbeiter" und ihre
Auftraggeber über die Ursachen derartiger für sie ärgerlicher demoskopischer
Ergebnisse. Und ihre "Erkenntnisse" treiben dabei die tollsten
Blüten: Schuld an der "unkritischen, nostalgischen und verklärenden Haltung
zum 'Unrechtsstaat' DDR" sind danach unter anderem fehlendes
Demokratieverständnis und Untertanengeist der DDR-Bürger, die ostdeutschen
Lehrer, die Eltern, die Folgen einer gefährlichen Gewohnheitsdiktatur, der
angeblich fehlende Elitenaustausch, die mangelhaft bestraften Täter und
ähnlicher Schwachsinn. SED-Forscher Klaus Schroeder kommt das zweifelhafte
"Verdienst" zu, auf dem 14. Bundeskongress der Landesbeauftragten für
die Stasi-Unterlagen die "weichspülenden" Eltern als eine weitere
Kategorie von Schuldigen ausgemacht zu haben. Nicht einer der heute Regierenden
und der Tausenden in ihrem Auftrag die DDR entstellenden "Aufarbeiter" ist bisher auf den Gedanken gekommen
beziehungsweise war bereit, öffentlich einzugestehen, dass die Ursachen in der Kolonialisierung,
Demütigung und massenhaften Enteignung der früheren DDR-Bürger, in der neoliberalen Politik der Bundesregierung,
die sich in Ostdeutschland besonders hart auswirkt, sowie in ihrer eigenen
Unglaubwürdigkeit zu suchen sind.
Die "richtige"
Erinnerung an die DDR ist zu einer Allzweckwaffe des bundesdeutschen
Establishments in einem ideologischen Krieg geworden. Sie ist stumpf, schon
weil sie regierungsoffiziell und amtlich daherkommt, weil sie mit persönlichen
und geschäftlichen Interessen vieler von denen verbunden ist, die sie seit
Jahren verwenden. Es lebt sich heute gut mit DDR-Klischees, vor allem, weil sie
mit der gegenwärtigen Realität nichts, mit der vergangenen wenig zu tun haben. Wichtigster
Bestandteil dieser Allzweckwaffe ist die "Stasikeule" als Produkt
einer gesteuerten Meinungsmanipulation der Sieger. Sie ist seit 20 Jahren im
Dauereinsatz und soll die politische und soziale Ausgrenzung der früheren
Mitarbeiter des MfS sichern, den "Unrechtsstaat" DDR veranschaulichen
und viele Menschen, die, wie beispielsweise der beliebte Schauspieler Herbert Köfer, in diesem Land gern gelebt und gearbeitet haben,
demütigen. Sie soll DIE LINKE als Partei diffamieren und den
Herrschaftsanspruch der westdeutsch geprägten
"freiheitlich-demokratische Ordnung" - in
Wahrheit des ungezügelt handelnden Kapitals
- begründen.
Dass sozialistische und
kommunistische Regime Unrechtsregime waren, sollte allgemein bekannt sein. Das
zu leugnen, gefährdet die Identität heutiger Demokraten, warnte Thüringens Stasi-Beuftragte Hildigund
Neubert am Ende des Bundeskongresses in Neustrelitz. Was und wer die
"Identität der heutigen Demokraten" zu denen sie sich selbst auch zählt, in Wahrheit gefährdet, zeigt ihr eigenes Handeln als
Bilderstürmerin im Erfurter Landtag. In einem in Jena herausgegebenen
Anzeigenblättchen rühmte sie sich mit viel Wortgeklingel, auf ihre Initiative
hin sei ein Bild des "DDR-Malers" Werner Tübke
aus einer Ausstellung des Landtags entfernt worden. Besagtes Bild zeigt den
Leichnam eines von ungarischen Faschisten 1956 gelynchten Kommunisten, der von
einem Laternenpfahl heruntergenommen wird. Man könnte diesen Vorfall als
lächerlich-absurde Provinz-Parlamentsposse abtun, wenn nicht einige
klärenswerte Fragen auftauchten. Beispielsweise die, wieso es zu ihren Aufgaben
als Stasi-Beauftragte gehört, eine Ausstellung zu zensieren und ein Bild
entfernen zu lassen, das keinerlei Bezug zu ihren Aufgaben als
Landesbeauftragte enthält, und was es mit dem Geschichts- und
Demokratieverständnis der thüringischen Landtagspräsidentin Prof. Dagmar
Schipanski (CDU) auf sich hat, die das Bild sofort aus der Ausstellung
entfernen ließ, ohne die Aussteller zu benachrichtigen. Und damit taucht eine
weitere Frage auf: Die Kunst ist frei. Jeder hat das Recht, seine Meinung in
Wort, Schrift und Bild frei zu äußern, zu verbreiten und sich zu informieren.
Eine Zensur findet nicht statt. So steht es noch im Grundgesetz. Gilt diese
Freiheit auch in Thüringen oder gilt sie nicht? Darüber hätten
Stasi-Landesbeauftragte und Landtagspräsidenten nachdenken sollen, bevor sie
sich entschlossen ihr eigenes
Geschichtsverständnis dem gesamten Thüringer Parlament überstülpen zu wollen.
Auch die Forderung von Frau Neubert, "die Leugnung der Verbrechen des
Sozialismus/Kommunismus" unter Strafe zu stellen, lässt darauf schließen,
wie wenig sie selbst von demokratischen Gepflogenheiten im Umgang mit Andersdenkenden hält. Offensichtlich zieht
sie ein gesetzliches Mund verbieten und die Bestrafung missliebiger Kritiker
ihres Geschichtsverständnisses und DDR-Bildes ernsthaften politischen
Auseinandersetzungen über die reale Geschichte der DDR vor.
Wenn sie in Neustrelitz
forderte, darüber nachzudenken, deutsche Nachkriegs- und DDR-Geschichte schon
ab Klasse acht zu behandeln, dann drängt sich die Frage auf, inwieweit sie
selbst die deutsche Nachkriegsgeschichte kennt. Würde sie die unrühmliche
Gründungs- und Nachkriegsgeschichte der BRD kennen, dann würde sie mit einer
solchen Forderung sicher vorsichtiger sein und nicht ständig das Wort
"Unrechtsstaat" im Zusammenhang mit der DDR im Munde führen. Aber ihr
kann geholfen werden. Lassen wir die aktive Unterstützung der
Adenauer-Regierung bei der Teilung Deutschlands durch die Westmächte, die
Wiederaufrüstung gegen den energischen
Widerstand der Bevölkerung sowie die flächendeckende und massenweise
Reaktivierung der faschistischen Kader und damit auch des nazistischen
Ungeistes nach 1945 einmal unerwähnt ( nach Angaben des "Bulletins des
Presse - und Informationszentrums der Bundesregierung" waren Ende März
1957 insgesamt 181 202 "Ehemalige" wieder im staatlichen Dienst) und betrachten allein die
Polizeistaatmethoden der als "Rechtsstaat" gelobten BRD:
Es ist verständlich, dass
die heute politisch Verantwortlichen nicht gern daran erinnert werden möchten,
dass auch die BRD siebzehn höchst abenteuerliche Jahre hinter sich hat. In
dieser Zeit übte sich ihre angeblich unabhängige Justiz in
"Vorneverteidigung" gegen "Staatsfeinde" - vor
allem Kommunisten, aber auch des Leninismus unverdächtigte, pazifistische
Christen oder zur nationalen Einheit willige Gewerkschaftler. Mit 1951
verabschiedeten Paragraphen und damals gebildeten siebzehn übers Land
verteilten speziellen "Staatsschutzkammern" wurde gegen rund
hundertfünfzigtausend Bundesbürger wegen "Staatsgefährdung",
"Geheimbündelei", "Rädelsführerschaft"
und weiterer schwammiger "Delikte" ermittelt, wo statt der Tat die Gesinnung zählte. Rund sechzigtausend Leute
landeten in den Gefängnissen - "Zahlen, die einem ausgewachsenen
Polizeistaat alle Ehre machen", wie Staatsrechtsprofessor Werner Maihofer, später Bundesinnenminister, schon 1965
konstatierte. Aber nicht nur die Zahlen taten das, auch die Methoden und die
Urteile. Die fielen manchmal allein dank "Zeugen
vom Hörensagen" - Beamte der politischen Polizeikommissariate
gaben Aussagen ihrer V-Leute wieder, die weder benannt noch auf ihre
Glaubwürdigkeit hinterfragt werden konnten.
Zu den Ursachen der
wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung und der immer geringer werdenden
Akzeptanz der Parolen aus Berlin gehört nicht zuletzt auch der eklatante
Widerspruch zwischen der offiziellen Meinungsmache und dem von den Menschen
Erlebten. So glauben die Ostdeutschen aufgrund eigener Erfahrungen eher der
Erklärung von Prof. Egon Bahr (SPD), der
mit Blick auf die forcierte Deindustrialisierung
Ostdeutschlands und die gigantische Enteignung früherer DDR-Bürger infolge des
verhängnisvollen Grundsatzes "Rückgabe vor Entschädigung" sagte, er
kenne kein Volk auf Erden, das so enteignet worden wäre wie das Volk der DDR,
sowie den Worten des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin,
Pastor Albertz, der mit Blick auf die Währungsunion am 1.Juli 1990 erklärte:
"Manchmal denke ich, ein Einmarsch von Truppen ist ehrlicher als das, was
jetzt geschieht" als der Schönschwätzerei des "Kanzlers der
Einheit" Helmut Kohl (CDU) und seiner Partei.
Und wenn offiziell
vollmundig vom "Zusammenwachsen was zusammen gehört" und vom
Geschenk der "Einheit" unseres
Volkes die Rede ist, dann erinnern sich die früheren DDR-Bürger daran, dass der
international bekannte deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth in seinem Stück
"Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land" das Geschehene
als "Variante des Kolonialismus" bezeichnet, der "nirgendwo
gegen Menschen des Kontinents, geschweige denn des eignen Volkes, je
praktiziert wurde." Eine die westdeutschen Eliten zutiefst beschämende
Feststellung, die der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass im Mai 1992 mit
folgenden Worten ergänzte: „Es ist zu einer entsetzlichen Kolonialisierung gekommen.
Mit großer Arroganz. Die Besitzenden werden die Westdeutschen sein. Und die
führen in der DDR einen Morgenthau-Plan durch, der
Gebiete verarmen lässt, die von der Geschichte her Industriegebiete
waren(...)" Und 17 Jahre später, aus Anlass des Gedenkjahres 2009,
bezeichnete Grass die Westdeutschen noch immer
als
"Kolonialherren", die "von ihrem hohen Ross herunterkommen"
müssen. Und schließlich noch die bestätigenden Worte des früheren Ersten
Bürgermeisters Hamburgs, Henning Voscherau aus dem Jahr 1996: "In Wahrheit
waren fünf Jahre Aufbau Ost das größte Bereicherungsprogramm für
Westdeutschland, das es je gegeben hat." (Um Missverständnisse
vorzubeugen: Ich verstehe unter den von
Grass genannten "Westdeutschen" die unzähligen über die
DDR-Bürger gekommenen Vertreter westdeutscher Banken und Konzerne, gut
betuchten Heuschrecken, die sich in Raubritter-Manier mit Hilfe der
"Treuhand" Betriebe, Versicherungen, LPGs, Wohnungsgenossenschaften,
Grund und Boden sowie Unternehmen und Einrichtungen aller Art für'n Appel und 'nen Ei unter den Nagel gerissen haben, nicht
aber die Millionen westdeutscher Bürger, die von ihrer Hände Arbeit leben. Ich
bin sicher, dass auch Günter Grass so verstanden werden will.)
Was, so müssen sich
Bundesregierung und Teilnehmer des 14. Bundeskongresses der Landesbeauftragten
für die Stasi-Unterlagen fragen lassen, ist an einer sachlichen Rückschau, an
einer angemessenen Bewertung der Leistungen eines seit 20 Jahren nicht mehr
existierenden Staates denn so gefährlich, dass sie auf jedes neue ihnen unangenehme
Umfrageergebnis derartig hysterisch reagieren? Könnte es sein, dass die
Enttäuschung über 20 Jahre Raubtierkapitalismus und die Empörung über die Krise
mit ihren verheerenden Folgen in eine
andere Richtung gelenkt werden und sich an einer mit allen Schreckensattributen
ausgestatteten DDR abreagieren sollen und dass das nicht wunschgemäß klappt?
Auch großbürgerlichen
Medien fällt es immer schwerer, diese Krise als Naturkatastrophe oder nur als
von habgierigen Bankern hervorgerufen darzustellen. Denn diese Krise ist
systembedingt, verursacht durch den ganz gewöhnlichen Kapitalismus und der war
zu keiner Zeit menschenfreundlich. Anstatt alle diese allgemein bekannten
Tatsachen anzuerkennen und daraus konkrete Maßnahmen zur Überwindung der immer
größer werdenden sozialen Schieflage in
unserem Land abzuleiten, mogelt sich die Bundesregierung seit zwei Jahrzehnten
mit Schönschwätzerei an der Wahrheit vorbei und versucht, mit Schuldzuweisungen
an die DDR und Pflege eines Feindbildes vom nicht mehr existierenden anderen
deutschen Staat von den katastrophalen Folgen ihrer eigenen neoliberalen Politik
abzulenken. Sowohl der CDU-Bundesparteitag in Stuttgart als auch der
Bundeskongress der Stasi-Beauftragten in Neustrelitz haben keinen Zweifel daran
gelassen, dass die hinreichend bekannte hassgetrübte Geschichtsauffassung der
Union verstärkt in die Schulen getragen werden soll - nach
dem Motto: Wenn zwei Jahrzehnte Gehirnwäsche bei den "Alten" nicht
das gewünschte Resultat gebracht haben, dann versuchen wir es eben bei den
"Jungen", die die DDR nicht selbst erlebt haben. Die "Aufarbeiter" sollten aber darauf achten, dass sie
dabei den Jugendoffizieren der
Bundeswehr nicht ins Gehege kommen, denn auch sie sind infolge dramatischer
Rückgänge bei der Wehrbereitschaft junger Menschen verstärkt in den Schulen
aktiv, um Kanonenfutter für Kriegsabenteuer der Bundesregierung zu beschaffen.
Mehr als die Hälfte der
Bevölkerung, die mit ihren Lebensbedingungen unzufrieden sind, und die mehr als
70 Prozent, die die Verhältnisse in der BRD als ungerecht beurteilen, sollen
mit Hilfe der bereits erwähnten Gedenkstätten, Museen, Mahnmalen, Gedenktafeln,
Denkmälern, Fernsehfilmen, täglichen Medienbeiträgen und anderen
Propagandamaßnahmen über den
"Unrechtsstaat" DDR von den ins Auge springenden wahren Ursachen für
ihre wachsende Unzufriedenheit abgelenkt und ruhig gestellt werden.
So sind wir heute Zeuge,
wie die DDR-"Aufarbeiter" und ihre
Auftraggeber nicht nur vor einem Rätsel, sondern auch vor einem Dilemma stehen.
Machen sie weiter wie bisher, reduzieren sie die DDR auf Mauer, Todesschützen,
Stacheldraht und Stasi, verleumden und dämonisieren sie den nicht mehr
existierenden Staat, dann erreichen sie, wie die Praxis zeigt, nur das
Gegenteil. Mäßigen sie sich in ihrer Propaganda und Hetze, dann geben sie zu,
dass sie bisher aus Furcht vor jeder gesellschaftlichen Alternative zum
derzeitigen System gefälscht und gelogen haben.
Es entspricht dem Wesen
der heutigen Gesellschaft und dem antikommunistischen Hass der in ihr
herrschenden Eliten, dass sie sich für eine Fortsetzung ihres Lügenfeldzuges
entscheiden werden, und zwar ohne Rücksicht auf die Folgen.
Hans Fricke
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Hans Fricke ist Autor des im
August 2008 im Verlag edition ost
Berlin, erschienenen Buches „Politische Justiz,
Sozialabbau, Sicherheitswahn und Krieg“ (ISBN 978-3-89793-155 -8, 383
Seiten, Preis 19,90 Euro) sowie des vom GNN-Verlag
Schkeuditz zur diesjährigen Leipziger Buchmesse herausgegebenen Buches "Eine feine Gesellschaft" - Jubiläumsjahre und ihre Tücken, (ISBN 978-3-89819-341-2, 250 Seiten, Preis 15.00 Euro)