Geschichtsrevisionismus in Berlin-Hohenschönhausen

Am 21.07.2006 wurden vier fragwürdige Informationstafeln aufgestellt, die das ehemalige Sperrgebiet Hohenschönhausen markieren sollen.

 

Berlin wäre um eine Tourismusattraktion reicher, würden die einstigen Stätten des Kalten Krieges im Osten wie im Westen der Stadt, darunter alle Sperrgebiete um die Quartiere und Einrichtungen der US-amerikanischen, britischen, französischen, sowjetischen und deutschen Geheimdienste informell erschlossen.

Wenn allerdings nur das ehemalige Sperrgebiet in Berlin-Hohenschönhausen mit Informationstafeln bestückt wird, noch dazu wo im gleichen Stadtbezirk mit dem ehemaligen Sperrgebiet in Karlshorst ein viel geschichtsträchtigeres Areal existiert, dann liegt nahe, dass es sich um einen PR-Gag der „Gedenkstätte Hohenschönhausen“ handelt.

Ehemalige Mitarbeiter des MfS forderten bei einer Podiumsdiskussion am 14.03.2006 vor einer solchen Aufwertung zunächst erst einmal die Seriösität dieser Gedenkstätte zu überprüfen.

Die bekannte Wehrmachtsausstellung durfte etwa zwei Jahre nicht gezeigt werden, weil eine einzige Bildunterschrift falsch zugeordnet worden war. Und die „Gedenkstätte Hohenschönhausen“?

Allein die in der Publikation des Spotless-Verlages „Das Gruselkabinett des Dr. Knabe(lari)“ aufgelisteten Fakten würden in jedem anderen zivilisierten Land ausreichen, um einen Untersuchungsausschuss einzusetzen.

Stattdessen kam es zu einem wochenlangen hysterischen Aufschrei von Politik und Medien, durch den die Kritik an der „Gedenkstätte“ als Verhöhnung und Beleidigung der „Opfer“ denunziert und die Kritiker mit allen denkbaren Verbalinjurien diffamiert und mundtot gemacht werden sollten. Das gipfelte in der schwachsinnigen Konstruktion, dass „Täter“ keine Zeitzeugen sein dürften. In die Drohkulisse eines regelrechten Meinungsterrors wurde sogar der Verfassungsschutz eingereiht, eine Institution also, die ihrem Namen nach eigentlich die Verfassung und damit auch das Grundrecht der freien Meinungsäußerung zu schützen hätte.

 

Die Geschichtsfälschungen in der „Gedenkstätte Hohenschönhausen“ werden mit den aufgestellten vier Markierungstafeln fortgesetzt, wobei wiederum auf das bewährte Rezept zurückgegriffen wird, nach dem die mäßig entstellte Wahrheit als schlimmste Form der Lüge wirkt.

 

Betrachten wir die Tafeln im Einzelnen:

 

Tafel 1 (weitgehend identisch mit Tafel 2):

 

Auf  allen Tafeln wird eine Straßenskizze des ehemaligen Sperrgebietes mit der Bezeichnung einstiger darin befindlicher Objekte abgebildet. Die Tafeln 1 und 2 zeigen Fotos eines Eingangstores bzw. einer Außenmauer.

Text:

„An dieser Stelle befand sich bis 1990 der Zugang (Tafel 2: die Außenmauer) zum Sperrgebiet Berlin-Hohenschönhausen (siehe Foto). Das militärisch gesicherte Areal wurde 1945 von der sowjetischen Geheimpolizei eingerichtet. Ab 1951 unterstand es dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit. Im Inneren befanden sich verschiedene Hafteinrichtungen und Verwaltungsgebäude. Während er über vierzigjährigen kommunistischen Diktatur in Ostdeutschland waren hier mehr als 40 000 Menschen inhaftiert.“

Der Kampfbegriff „kommunistische Diktatur“ bedient die herrschende Ideologie des Antikommunismus. Mit der politischen und gesellschaftlichen Realität in der DDR hat er nichts zu tun. Kommunismus galt in der DDR als Zukunftsgesellschaft und die „Diktatur“ stand keinesfalls im Widerspruch zur demokratischen Mitwirkung von Millionen Bürgern bei der Gestaltung des Lebens in der DDR, auch und vor allem in den Betrieben, Einrichtungen, Schulen, Wohngebieten, bei der Rechtsprechung u. v. a. m. Die Deformationen menschlicher Beziehungen durch die Wolfsgesetze der Diktatur des großen Geldes waren DDR-Bürgern fremd.

Die DDR war ein souveräner, international anerkannter Staat und geachtetes Mitglied der UN. Die Bezeichnung Ostdeutschland ist ein Rückfall in die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges, u. a. geprägt durch den Alleinvertretungsanspruch der BRD.

Bei den 40.000 Inhaftierten handelt es sich laut „RBB-Aktuell“ vom 21.07.06 um die Insassen des ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnisses des MfS. Diese Zahl bedürfte der Nachprüfung. Geht man von der tatsächlichen Kapazität, der durchschnittlichen Belegung und einer durchschnittlichen Dauer der Ermittlungsverfahren von 3 Monaten aus, so errechnen sich etwa 12.000 bis 15.000 Untersuchungshäftlinge des MfS in Hohenschönhausen. Eine Behörde mit einem Jahresetat von 100 Millionen € und über 2.000 Mitarbeitern müsste an sich in der Lage sein, die vollständig überlieferten Untersuchungsvorgänge der Hauptabteilung IX des MfS zu sichten und die darin erfassten inhaftierten Beschuldigten auszuzählen. Daran besteht aber vermutlich kein Interesse, weil ansonsten auch andere Phantasie-Zahlen, z.B. die von angeblich  250.000 politischen Gefangenen der DDR, ins Wanken geraten könnten.

Dem Zeitgeist und der Rehabilitationspraxis nach 1990 folgend erscheint die Inhaftierung in Hohenschönhausen als Willkür gegenüber Unschuldigen. Nach DDR-Recht standen sie aber ausnahmslos im Verdacht, Straftaten begangen zu haben, darunter zahlreiche Verbrechen und Vergehen, die in anderen Ländern auch geahndet werden, wie Terror, Spionage, Schädigung der Volkswirtschaft, Militärstraftaten, Schändung von sowjetischen oder jüdischen Friedhöfen, faschistische und Völkerhetze, gewaltsame Grenzdurchbrüche, Menschenschmuggel, Verbrennen der Staatsflagge, Beleidigung des Staatsoberhauptes, Androhungen von Mord, tätliche Angriffe auf Personen, Schwerstkriminalität usw. Selbst 1988 machten „Andersdenkende“ nur etwa ein Prozent der Untersuchungshäftlinge in Hohenschönhausen aus und mehr als die Hälfte von ihnen wurde nach kurzer Haft zu „Studienaufenthalten“ ins westliche Ausland geschickt. (Siehe auch: Jahresbericht der HA IX für 1988)

Unter den in Berlin-Hohenschönhausen Inhaftierten befanden sich insgesamt 165 Nazi- und Kriegsverbrecher, wie der berüchtigte KZ-Arzt Fischer oder der Mörder von Oradour, Barth. Sind nun auch sie Opfer der kommunistischen Diktatur?  

In großer, zum Ende der DDR immer mehr anwachsender Zahl wurden Personen inhaftiert, die die DDR überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen illegal verlassen wollten oder eine legale Ausreise mit Straftaten (oder auf dem Umweg des Freikaufs nach einer Verurteilung) erzwingen wollten. Wie immer man das bewerten will: die DDR würde heute noch existieren, wenn die BRD die Aufnahme von DDR-Bürgern ähnlich restriktiv gehandhabt hätte, wie sie es heute bei Einwanderern praktiziert.

 

Tafel 3:

Foto: Außenaufnahme Arbeitslager

Text: „Auf diesem Gelände arbeitete von 1945 bis 1950 die Abteilung Speziallager der sowjetischen Geheimpolizei. Auf dem Gebiet der späteren DDR unterstanden ihr zehn Lager, in denen offiziell 123 000 Deutsche inhaftiert waren (untere Funktionäre des NS-Regimes, politisch Missliebige und andere willkürlich Verhaftete); 43 000 von ihnen kamen ums Leben. Anschließend, von 1952 bis 1974, betrieb hier das DDR-Ministerium für Staatssicherheit ein Arbeitslager, das etwa 8 000 Gefangene durchliefen. Später wurde das Gelände vom Staatssicherheitsdienst für Kfz-Reparaturen genutzt.“

Absichtsvoll wird in diesem Text die exakte Bezeichnung Internierungslager vermieden. Solche Lager waren nach den gemeinsamen Beschlüssen der alliierten Siegermächte in allen Besatzungszonen eingerichtet worden, um Personen zu isolieren, von denen Gefahren für die Besatzungsmächte ausgehen konnten. In allen Besatzungszonen starben eine große Zahl der Internierten an Hunger und Krankheiten, in allen Besatzungszonen wurden auch politisch Missliebige inhaftiert (erst kürzlich wurde bekannt, dass in englischen Lagern Kommunisten nicht nur interniert, sondern auch gefoltert wurden) und überall kam es auch zu willkürlichen Verhaftungen, wurden Personen Opfer von Denunziationen usw. Ohne den verbrecherischen, von Deutschland ausgehenden II. Weltkrieg hätte es solche Lager niemals gegeben. Unbedarfte müssen aus dieser Tafel jedoch einen Willkürakt der sowjetischen Geheimpolizei entnehmen, zumal jede Erinnerung an die Internierungslager der westlichen Alliierten fehlt.

Erst nach Intervention der PDS-Abgeordneten der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Lichtenberg auf ihrer Tagung am 26.04.06 wurde der Klammersatz mit dem Hinweis auf Funktionäre des NS-Regimes eingefügt, der allerdings historisch korrekt lauten müsste: mehrheitlich Funktionäre des NS-Regimes… (Vgl. Statistik zum Speziallager Nr. 3)

Die verharmlosende Kennzeichnung untere Funktionäre des NS-Regimes setzte Hubertus Knabe in der o. g. Tagung durch, nachdem sogar die CDU-Fraktion von Lichtenberg den PDS-Vorschlag akzeptiert hatte.

Positiv ist, dass der Versuch der Gedenkstätte, die Nazis als „Deutsche“ zu entfeinden, aus der Geschichte zu eliminieren und als Opfer kommunistischer Diktatur wieder auferstehen zu lassen, wenigstens zum Teil abgewehrt werden konnte.

 

Im vom MfS unterhaltenen Haftarbeitslager verbüßten verurteilte Straftäter (95 % Kriminelle vom Mörder bis zum Heiratsschwindler, 5 % „Politische“) ihre Haftstrafen und wurden dabei durch sinnvolle Arbeit auf ihre Resozialisation vorbereitet. Sie erbauten die neue Untersuchungshaftanstalt und Wohngebäude und waren insbesondere auch für Kfz-Reparaturen an Dienstfahrzeugen des MfS eingesetzt. Unter den Insassen der Strafvollzugsanstalten der DDR galt das Lager in Hohenschönhausen wegen seiner Haftbedingungen als eine gute Adresse. Die angegebene Zahl von 8 000 Inhaftierten wird von MfS-Insidern als um mindestens das Doppelte überhöht angesehen und ließe sich sicher auch exakt prüfen, wenn man denn wollte.

Interessant wäre zu erfahren, ob diese 8 000 in die 40 000 Inhaftierten laut Tafeln 1 und 2 eingerechnet wurden. Sind denn nun auch noch waschechte Kriminelle Opfer der DDR?

Im Zusammenhang mit dem Haftarbeitslager spricht Hubertus Knabe gern von „Zwangsarbeit“. Dabei vergisst er, dass es in der DDR nicht nur das Recht, sondern auch eine Pflicht zur Arbeit gab, so dass es absurd gewesen wäre, ausgerechnet arbeitsfähige Häftlinge nicht arbeiten zu lassen. Sie wurden dort eingesetzt, wo sie nützlich waren, z.B. auch beim Wäscherei-Betrieb Rewatex oder in der Braunkohle. Sie wurden für ihre Arbeit (bei Abzug der Unterbringungskosten) entlohnt und waren in der Sozialversicherung versichert. Für sie galten die gleichen Arbeitsschutzbedingungen wie in der DDR sonst auch.

 

Tafel 4:

 

Foto: Automatische Brieföffnungsanlage

Text: “In diesem Gebäudekomplex befand sich bis 1990 der Operativ-Technische Sektor des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. In mehreren Werkstätten wurden hier Abhöranlagen, Kameras, Mini-Fotoapparate oder Vorrichtungen zum Öffnen von Briefen (siehe Foto) zur Überwachung der Bevölkerung hergestellt. Von 1952 bis 1956 existierte auf dem Gelände ein Haftarbeitslager.“

Geradezu zwanghaft wird immer wieder darauf verwiesen, dass in der DDR eine Postüberwachung existierte. Dass während des Kalten Krieges in der BRD und in Westberlin in gleichem Umfang mit analogen Mitteln die Post der Bürger kontrolliert wurde, wird dabei völlig verdrängt. Der BND-Aussteiger Norbert Juretzko begann seine Karriere in der Postkontrolle und beschreibt diese anschaulich in seinem Buch „Bedingt dienstbereit“.

Wer stellt eigentlich heute die Abhöranlagen für die immer mehr ausufernden Lauschangriffe her?

Verzichten andere Geheimdienste auf Mini-Kameras?

Wenn alles nur eine Frage der „Überwachung der Bevölkerung“ war, warum war dann die Postkontrolle des MfS der Spionage-Abwehr zugeordnet?

Ansonsten wird diese Tafel den Leistungen des OTS des MfS nicht gerecht. Seine größte Leistung bestand in der den westlichen Einrichtungen ebenbürtigen technischen Ausrüstung der Horchposten der funkelektronischen Abwehr und Aufklärung des MfS. Man hätte also besser die Station auf dem Brocken als Foto auswählen sollen, aber dann wäre vielleicht sogar einem Leser von „BILD“ aufgefallen, dass das Ganze doch etwas mit dem Kalten Krieg zu tun hatte.

Wolfgang Schmidt

04.08.2006

 

Weiteres zum Thema: Interview des GRH-Vorsitzenden Hans Bauer mit der "jungen Welt" am 22.07.06

 

Ergänzung aus aktuellem Anlass 

 

 Mitte April 2008 wurde die Markierung des ehem. Sperrgebietes Hohenschönhausen  nach Investition einer sechstelligen Summe neu gestaltet, verbunden mit einer entsprechenden Weihe. 13 statt bisher 4 Tafeln, ein Informationspunkt und Markierungslinien wurden installiert. Außer bei einer speziellen Tafel, die an Kriegsgefangene und osteuropäische Zwangsarbeiter, die hier 1940 - 1943 untergebracht waren, erinnert (auf Opferzahlen wird hierbei vornehm verzichtet), ist die Mitwirkung linker Politiker und Historiker an diesem Projekt nicht nachvollziehbar. Die inhaltliche Aussage blieb im Wesentlichen gleich. Das bedeutet:

Die Vorgeschichte der sowjetischen Speziallager, ihr Zusammenhang mit der Niederwerfung der verbrecherischen Nazi-Diktatur, die Tatsache, dass ehemalige Nazis die Mehrheit der Gefangenen ausmachten (angeblich waren sowieso nur "untere" Nazi-Funktionäre inhaftiert) und Werwolf-Gruppen zurecht als Gefahr für die Beatzungsmacht angesehen werden konnten, werden nicht dargestellt.

Wiederum wird von 40.000 Inhaftierten in diesem Sperrgebiet gesprochen. Wie viele davon auf Gefangene der sowjetischen Besatzungsmacht entfallen wird dabei ebenso wenig entschlüsselt wie auch nicht erklärt wird, dass es sich bei ca. 95 % der 8.000 in einem Arbeitslager des MfS Beschäftigten um verutreilte Kriminelle gehandelt hat.

Die Betroffenheit der Betrachter der Informationstafeln wird vermutlich ihren Höhepunkt erreichen, wenn sie erfahren, dass das MfS tatsächlich einen rückwärtigen Dienst und sogar zwei Lagerhallen unterhielt.

Wolfgang Schmidt

23.04.2008