Neues
Deutschland" 20.03.1998
Die
"Untätigen" waren sehr aktiv
Zum Disput um MfS und
Rechtsextremismus (13.3.98):
Es
ist schon erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Außenstehende die Arbeit des
MfS beurteilen Begierig werden alle Vorurteile, Halbwahrheiten und
Unterstellungen aufgesaugt, wenn sie nur dem Credo entsprechen, dass das MfS
die Inkarnation alles Bösen zu sein hat.
Nun
existieren aber wirklich ausreichend nachprüfbare Akten und Unterlagen. Frau
Dr. Behrend könnte sich bei ihrem Studium davon überzeugen, in welchem Umfang
das angeblich untätige MfS faschistische und antisemitische Schmierereien oder
die Schändung sowjetischer und jüdischer Friedhöfe aufgeklärt, welche
Ermittlungsverfahren es nach den §§106, Abs. 1, Ziff. 5 und 220, Abs. 3 des
StGB der DDR eingeleitet hat. Sie könnte auch die Berichte der HA XX über die
Sicherungseinsätze bei den Fußballspielen des BFC Dynamo studieren, um
festzustellen, wie die „unwissende“ HA XX „Faschotreffs“ übersehen hat indem
sie bei jedem dieser Spiele 10 bis 20 Personen zugeführt, vielfach verwarnt
oder mit Ordnungsstrafen belegt, manche sogar inhaftiert hat, um gewalttätige
Ausschreitungen vorbeugend zu verhindern oder zu unterbinden - unabhängig
davon, welchem Fan-Block sie angehörten. Sie könnte Maßnahmepläne und
Konzeptionen finden, die auf eine stärkere erzieherische Arbeit des BFC Dynamo
mit seinen Fans abzielten, Hinweise auf die Anwerbung und den Einsatz von IM
zur Überwachung, positiven Beeinflussung und Dezimierung des negativen
Fußballanhangs. Doch wen interessiert heute noch die Wahrheit? ~
Zur
Wahrheit gehört übrigens, dass es aus rechtlichen Gründen auch in der DDR nicht
möglich war, Skinheads allein wegen ihrer äußeren Erscheinung oder in einer
friedfertigen Ansammlung zu belangen. Nach den Analysen der HA XX waren 1988
DDR-weit etwa 1000 Skinheads bekannt, davon zirka 400 in der Hauptstadt
der DDR und davon wiederum einige Dutzend unter dem Anhang des BFC. Der BFC
konnte sich diesen Anhang nicht aussuchen, er war aber weder typisch für den
BFC noch für seine Fans.
Als
am 17.10.1987 eine größere Gruppe alkoholisierter West- und Ostberliner
Skinheads ein Punkkonzert in der Zionskirche überfiel, war meiner Erinnerung
nach nur ein Funkstreifenwagen der VP in der Nähe, dessen Besatzung sich
überfordert fühlte und deshalb Verstärkung herbeirief. Als diese eintraf hatte
sich alles schon aufgelöst. Das kann komplett in Gerichtsakten nachgelesen
werden, denn die Ostberliner Täter wurden ohne Aufforderung durch die SED
ermittelt und abgeurteilt. Erst als das Strafmaß zu gering erschien, griff die
SED ein. In einem zweiten Verfahren wurde härter geurteilt. Nach den Westberliner
Skins wurde per Rechtshilfeersuchen an den Westberliner Senat gefahndet. Sie
wurden nicht ermittelt.
Es
ist fragwürdig genug, aus einem einzigen Beispiel auf 40 Jahre Tätigkeit der
Sicherheitsorgane zu schließen. Was eine Verurteilung aber mit Duldung zu tun
hat, ist unabhängig vom Strafmaß nicht nachvollziehbar. Absolut abenteuerlich
ist auch die Konstruktion, bei den Punkern in der Zionskirche (nicht zu
verwechseln mit der in der Kirchgemeinde ansässigen „Umweltbibliothek“) habe es
sich um Vertreter der Opposition gehandelt, die eingeschüchtert werden sollten.
Nun
kommt es bei 16 Millionen Widerstandskämpfern auf paar Punker wahrlich nicht
an. Die Punker in der DDR galten im MfS aber als überwiegend politisch
desinteressiert und eher asozial gefährdet. Das MfS war auch durchaus in der
Lage zwischen Punkern und Skinheads, aber auch innerhalb dieser Gruppierungen
zu differenzieren. Trotzdem handelte es sich bei beiden und weiteren
Gruppierungen um Erscheinungen, die ihre Vorbilder im Westen hatten.
Von
mir zu erwarten, ich solle doch einmal Neofaschismus definieren, ist sicher
als Diffamierung gedacht. Ich gehöre einer Generation an, die noch eine eigene
Erinnerung an die Folgen von Krieg und Faschismus hat. Das hat mich auch
maßgeblich mit bewogen Mitarbeiter des MfS zu werden. Vielleicht geht es aber
auch nur um den Begriff Rechtsextremismus. Diesen lehne ich ab, weil er das
menschenverachtende Wesen der faschistischen Ideologie verniedlicht und es der
gängigen Meinungsmanipulation zu bequem macht, den sogenannten Linksextremismus
als vergleichbar darzustellen.