Kolloquium des
Insider-Komitees am 09.Dezember 2009:
„Uns an den
eigenen Maßstäben messen!“
Nach fast zwei Jahren
wieder zu einer Diskussionsveranstaltung unseres Komitees einzuladen, hatte
triftigen Grund: zum achtzigsten Male jährte sich der Geburtstag unseres im März
verstorbenen Genossen Wolfgang Hartmann, eines der Initiatoren und Sprecher des
Insider-Komitees,.
Anliegen war, ihn zu
ehren, indem wir uns seiner Erkenntnisse und Mahnungen erinnern, unter denen
„Uns an den eigenen Maßstäben messen“ einen gewichtigen Platz einnimmt.
Und zu überdenken,
wie sie bei den weiteren Auseinandersetzungen im Gedenk-Marathon zwanzig Jahre
nach 1989/1990 nutzbar zu machen sind.
Als Teil des
geistigen Erbes von Wolfgang sind uns seine begründeten Forderungen nach
selbstkritischem Umgang mit der eigenen Vergangenheit gegenwärtig. Allerdings
standen sie auf unserem Kolloquium nicht in dem Maße im Mittelpunkt – zumindest nicht explizit – wie es den
Einladern vorgeschwebt hatte. Den größeren Raum nahm die Würdigung der
Persönlichkeit und des Wirkens von Wolfgang ein – im Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen in den fünfziger Jahren als damals jüngster
Oberregierungsrat der DDR, der wegen seiner geistigen Selbständigkeit und
kritischen Offenheit zeitweise verdächtigt wurde, parteifeindlich zu wirken;
später als erfolgreicher Werber und Agentenführer hochkarätiger geheimer
Quellen für die Hauptverwaltung Aufklärung des MfS und schließlich – nach dem Anschluss der DDR an die BRD – als einer der Sprecher
unseres Komitees.
Dem hier an erster Stelle genannten Lebensabschnitt Wolfgangs als junger Mann im Dienste der Bildungs- und Hochschulpolitik der DDR wandte sich Professor Siegfried Prokop in seinem einleitenden Referat zu. Was er zur Kenntnis brachte, war für die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer wohl überraschend, da Wolfgang Hartmann allgemein als ehemaliger Mitarbeiter der HVA bekannt war, aber kaum jemals zur Sprache kam, dass es höchst erinnernswerte Lebensabschnitte vor dem als MfS-Mitarbeiter gegeben hatte.
Professor Prokop
schlug von diesen frühen Jahren Wolfgangs einen Bogen zu seinen vielfältigen
Aktivitäten ab 1990. Verdienstvoll seine Mitarbeit in der Autorengemeinschaft
„So habe ich das erlebt“, nicht nur als Autor, sondern auch als Anreger weiterer Beiträge, darunter der Aufnahme des Zeitzeugen-Reports
von Arnold Eisensee „Funkstudio Stalinallee“ in den Band über den 17.Juni 1953.
Ebenso gewichtig Wolfgangs Förderung der Forschungen des Historikers
Bernd-Rainer Barths und dessen Edition „Der Fall Noel Field“.
Im Referat von
Oberkonsistorialrat i.R. Dr.Schröter dann der Sprung
zu den Jahren nach 1989: zur Mitwirkung und Wirkung Wolfgangs in der von 1991
an über acht Jahre hinweg geführten Reihe „Zwie-Gespräche“,
die Dr.Schröter in der Erlöser-Kirche in
Berlin-Lichtenberg ins Leben gerufen hatte und moderierte. In diesen Debatten
zwischen Menschen, die sich als Opfer des MfS sehen und ehemaligen
MfS-Mitarbeitern, die sich der Konfrontation stellten, war Wolfgang von Beginn
an ein zugleich durch Prinzipienfestigkeit wie durch Willen
und Fähigkeit zu selbstkritischer Nachdenklichkeit Achtung erwerbender Diskutant.
Seine Artikel in der nach wie vor lesenswerten Publikationsreihe „Zwie-Gespräch. Beiträge zum Umgang mit der
Staatssicherheitsvergangenheit“ zeugen davon, wie er anstrebte, Vergangenheits-Aufarbeitung fruchtbar für eine
gemeinsame Zukunft zu machen. Die bis Ende 1995 erschienenen 31 Hefte dieser
Reihe widerspiegeln ein gemeinsames Suchen nach der geschichtlichen Wahrheit,
nach gerechter Beurteilung von Geschehnissen und deren Akteuren und das Bemühen
um ein Verstehen des Lebens der Anderen, von denen die „Zwie-Gespräche“
geprägt waren. In diesem Rahmen zielten Wolfgangs Beiträge vor allem darauf,
die eigenen Genossen dafür
aufzuschließen, kritisch mit eigenem Denken und Handeln in der Tätigkeit als
Mitarbeiter des MfS umzugehen. Beispielhaft seien hier wenige „Hartmann-Sätze“
zitiert:
„So wie die früheren Mitarbeiter des MfS einen
Anspruch haben, im ganzen Kontext der Geschichte gesehen und bewertet zu werden
, so ist ihnen eine kritische Sicht auf das ungeteilte Ganze (der
widerspruchsvollen Prozesse in der DDR-Gesellschaft) abzuverlangen.“
[„Zur historischen Einordnung der Geschichte des MfS“, s. „Zwie-Gespräch“
Nr.26, März 1995]
„Mit Niederlagen
fertig zu werden, auch durch selbstkritisches Lernen, (ist) eine Voraussetzung für geduldiges, sich nicht erschöpfendes
Streben nach Fortschritt.“ [„Schwierigkeiten mit der eigenen Geschichte“, s. „Zwie-Gespräch“ Nr.31, Dezember 1995].
Auch der zwischen
diesen Phasen des politischen Wirkens Wolfgang Hartmanns liegende Abschnitt - wenn
auch nicht Gegenstand eines der Referate - wurde nicht ausgeblendet. Seine Leistungen
und Arbeitserfahrungen im MfS bei Werbung und Führung von Kundschaftern wurden
in der Diskussion u.a. durch Generaloberst a.D. Werner Großmann gewürdigt. Er
plädierte dafür, eine durch Wolfgang 1989 vorgelegte umfangreiche Arbeit „Zur
Gewinnung und Führung von Kundschafterpersönlichkeiten im Operationsgebiet“,
die als Teil eines Promotionsverfahrens gedacht war, zu publizieren.
Klaus Eichner knüpfte in seinem – von ihm selbst
als diskussionswürdig bezeichneten - Beitrag über die Rolle und Perspektiven
von Geheimdiensten in einer „modernen Gesellschaft“ an Diskussionen an, die von
und mit Wolfgang Hartmann im Insiderkomitee und zu anderen Anlässen geführt
worden waren. Er verstand es als Angebot für eine weiterführende Diskussion zu
linker Programmatik.
Aus der streitbaren,
aber immer konstruktiven Diskussion (die zu erheblicher Überschreitung der
geplanten Zeitdauer führte) kann hier nur eine kleine Auswahl vorgetragener Überlegungen skizziert werden. Beachtlich der Hinweis Hans
Rentmeisters, dass die stereotyp verwendete
Formulierung von „Täter-Opfer-Gesprächen“ verhüllt, dass im Regelfall die als
Opfer Auftretenden selbst Täter waren, nämlich von Straftaten nach den Gesetzen
der DDR. Ebenso seine Fragestellung, wie weit die Fokussierung der „Stasi“-Diskussion auf Mittel und Methoden darauf zielt –
zumindest aber geeignet ist – von den
primären Inhalten des Handelns der Kontrahenten abzulenken. (Allein dieser
Beitrag löste mehrere – teils bekräftigende, teils widersprechende weitere
Wortmeldungen aus.)
Auch kritische
Hinweise zum eigenen Agieren fehlten nicht, z.B. durch einen ehemaligen
Mitarbeiter der Armeeaufklärung, der eine zu wenig selbstkritische Haltung
insbesondere bei
in der Abwehr tätig gewesenen
MfS-Angehörigen konstatierte.
In mehreren Beiträgen
wurde die in letzter Zeit erneut anschwellende Hetze gegen des
MfS und dessen ehemalige Mitarbeiter diskutiert. Ab 1990 zu registrierende
Ansätze für eine sachliche Auseinandersetzung mit Rolle und Wirken des MfS
erscheinen in Besorgnis begründender Weise zurückgedrängt. Ganz dominierend
seitens sich als Bürgerrechtler gerierender Kräfte eine teils bis zur Hysterie
gesteigerte Hetze (z.B. wenn ein junger Mann wegen Dienstes als Wachsoldat im
Wachregiment des MfS als „Stasi-Spitzel“ angeprangert wird – und dies in
parlamentarischer Debatte, von der doch ein gewisses Niveau zu erwarten wäre).
Ein Teil der rund 40
Gäste nutzte das Angebot, zu den ersten Erwerbern einer Neuerscheinung
auf dem Buchmarkt zu gehören: Eine vom Insiderkomitee herausgegebene Sammlung
von Texten Wolfgang Hartmanns mit dem Titel „Mit Leidenschaft und Verstand“,
die auch weiterhin zu beziehen ist (keichner@t-online.de).
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