Aus dem Buch “Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS” (edition ost Berlin 2002),

Hrsg. Reinhard Grimmer, Werner Irmler, Willi Opitz, Wolfgang Schwanitz

Seite 594 - 595

 

Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) ging 1948 aus einem Suchdienst

des amerikanischen Agenten Rainer Hildebrandt hervor. Inspirator,

Organisator und Finanzier dieser klassischen Terrororganisation, die sich

zur skrupellosesten und gefährlichsten Agentenzentrale in Westberlin entwickelte,

war der Leiter der Region VIII des amerikanischen militärischen

Geheimdienstes Counter Intelligence Corps (CIC), Severin F. Wallach, der

die Losung ausgegeben hatte: »In der Zone muß es bumsen, bumsen!«[1]

Die Entlarvung und Festnahme von Terroristen der KgU, die Sprengstoffanschläge

gegen Eisenbahn- und Straßenbrücken sowie Talsperren, Brandanschläge

und selbst die Vergiftung von Trinkwasser geplant, vorbereitet

und z. T. auch durchgeführt hatten (Burianek, Benkowitz und Kaiser), gehörte

bekanntlich zu den ersten großen Erfolgen des MfS.

Darüber hinaus wurde die KgU als eines der Hauptprojekte des Office of

Policy Coordination (OPC), der politischen Koordinierungsabteilung der CIA

in Westberlin, von der sie ab 1950 auch finanziert wurde, zu vielfältigen verdeckten

Operationen gegen die DDR eingesetzt.[2] Sie betrieb umfangreiche

Spionage, vor allem auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet, Wirtschaftssabotage

durch Fälschung von Anweisungen der DDR-Außenhandelsorgane,

Lebensmittelkarten, Bezugsscheinen etc. sowie in besonders

aggressiver Form auch die Herstellung und Verbreitung von Hetzschriften

gegen die DDR. Diese wurden auch mittels explosiver Ballons unter Verletzung

des Luftraumes der DDR eingeschleust. Durch die KgU wurden Rundfunksendungen

im Sinne der psychologischen Kriegsführung gegen die DDR

gestaltet und vornehmlich über den Sender RIAS ausgestrahlt.

Die KgU mußte 1959 im Ergebnis der konzentrierten Bekämpfung durch

das MfS aufgelöst werden. Eine ausführliche Darstellung der subversiven

Tätigkeit der KgU enthält der Dokumentarbericht »Unmenschlichkeit als

System«, der 1957 im Kongreß-Verlag Berlin erschienen ist.

Zwei ehemalige Agenten der KgU erhielten in einer Fernsehsendung des

WDR (»Bomben, Gift und Reifentöter – die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit

«) am 12. März 1996 Gelegenheit, sich zu erinnern. Joachim Müller

(Deckname »Bürger«) bestätigte, im Auftrag der KgU Militärspionage gegen

die sowjetischen Streitkräfte betrieben zu haben. Er schilderte detailliert,

wie er zweimal die Autobahnbehelfsbrücke bei Finowfurt in Brand setzte,

Reifentöter legte und festgenommen wurde, bevor er den Sprengstoff erhielt,

mit dem die Paretzer Schleuse zerstört werden sollte.

Walter Schöbe, Veterinärmediziner aus Leipzig, Mitglied der KgU-Agentengruppe

»Tagore« erklärte wörtlich: »Wir haben jede Gelegenheit ergriffen,

Unruhe und Verwirrung oder Sabotage zu treiben, egal wo. Ob wir

falsche Schlachtscheine für Bauern ausstellten … Wir haben Reifentöter

an die Autos der Funktionäre, wo wir wußten, es sind welche, hingelegt …

Malik (gemeint war der hauptamtliche Mitarbeiter der KgU – d. A.) sagte

zu mir, ihr bekommt Kantharidin für den Notfall, wenn militärische Auseinandersetzungen

kommen sollten, daß ihr irgendein Gift in der Hand habt,

um den Gegner – also es handelt sich nur um russische Soldaten, russische

Offiziere – kampfunfähig zu machen … Ich muß heute sagen, daß diese

Methoden doch harte Methoden waren und ich aber in keiner Weise, auch

heute nicht, diese Methoden verurteile.«

Im Schlußkommentar dieser WDR-Sendung hieß es: »Die Akten, erzählt

man, hätten sich CIA und BND brüderlich geteilt … Nach dem Fall der

Mauer wurden Joachim Müller, Walter Schöbe und viele andere durch deutsche

Gerichte rehabilitiert.«

 

Fußnoten:

[1]  Klaus Eichner/Andreas Dobbert: Headquarters Germany. edition ost, Berlin 1997, S. 152/153.

[2]  Vgl.: George Bailey/Sergej A. Kondraschow/David E. Murphy: Die unsichtbare Front. Propyläen,

Berlin 1997, S. 148-151. – David E. Murphy war in den 50er Jahren Chef der CIAOperationsbasis

in Westberlin, Sergej A.Kondraschow zur gleichen Zeit Chef der Deutschlandabteilung

des KGB, der Buchautor George Bailey seinerzeit US-Verbindungsoffizier

in Westberlin.