Auszug aus der
Gedenkrede
für Horst Männchen
Geboren: 03.06.1935, verstorben:
12.01.2008
Beisetzung am 02.02.2008 11.00 Uhr
Zentralfriedhof Berlin- Friedrichsfelde
Wir nehmen heute Abschied von einem treuen
Weggefährten und engagierten Mitstreiter für die Sicherheit der DDR, für
Sozialismus und Frieden, von Genossen Generalmajor a. D. Dr. Horst Männchen.
Horst Männchen ist am 12. Januar diese
Jahres nach langer schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren verstorben.
Herzlichen Dank sagen wir allen Mittrauernden,
die heute persönlich erschienen sind, um Horst Männchen zu seiner letzten
Ruhestätte zu begleiten. Dank aber auch all jenen, die ihre Anteilnahme in
anderer Weise zum Ausdruck brachten.
Tage und Stunden des Abschiedes machen
Gedanken frei für Vergangenes. Wer war Horst Männchen? Was wird im Gedenken an
ihn Bestand haben? Schauen wir noch einmal zurück auf sein Leben und Wirken,
auf bedeutsame politische Ereignisse und Entwicklungen, die sein Denken und
handeln formten.
Horst Männchen wurde am 3. Juni 1935 in
Berggießhübel bei Pirna als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren und wuchs in
sehr einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater gehörte bis 1933 der KPD an, seine
Mutter war Mitglied der SPD.
Erlebnisse in der Kindheit hatten auf seine
politische Haltung dauerhafte Wirkung. Sein Vater arbeitete als Eisengießer in
einem für die Nazis
rüstungswichtigen Betrieb und war deshalb
mit Beginn des faschistischen
Krieges „unabkömmlich“ gestellt. 1943 wurde
er trotzdem zur Wehrmacht eingezogen, weil er sich abfällig über die Nazis
geäußert hatte. Im Krieg wurde sein Vater schwer verwundet.
Ab diesem Zeitpunkt hasste Horst Männchen
instinktiv die Faschisten. Dieser Hass verstärkt sich noch, als eine nahe
Verwandte in das KZ Hohenstein gebracht wurde.
1941 in seinem Heimatort eingeschult,
wechselte Horst Männchen 1947 in die Grundschule nach Königstein und besuchte
ab 1949 die Oberschule in Pirna, um dort das Abitur abzulegen. Zuvor hatten ihm
seine Eltern ins Gewissen geredet, sich durch sehr gute Leistungen Schulgeldfreiheit
und möglichst noch ein Stipendium selbst zu erarbeiten, weil das Geld in der
Familie dafür nicht reichte.
Horst strengte sich an, er wollte unbedingt
Ingenieur werden, möglichst für Flugzeugbau. Auf Grund seines Lernfleißes
erhielt er das für die damalige Zeit höchste Stipendium von monatlich 60 Mark.
Nach dem Krieg hat sich Horst Männchen
aktiv in der Pionierorganisation und FDJ engagiert. Er gehörte zu den ersten
drei Pionieren in der Grundschule.
In der Oberschule wurde er sofort in verschiedene
FDJ-Funktionen gewählt, war Mitglied des dortigen Fanfarenzuges, spielte aktiv
Handball und fuhr mit Freunden zum Bergsteigen in die Sächsische Schweiz.
Voller Stolz war er Teilnehmer am 1.
Deutschlandtreffen und an den Weltfestspielen in Berlin.
Diese Zeit auf dem Weg zum Abitur hat Horst
Männchen für immer geprägt. Das betraf vor allem auch seine politischen
Haltungen zur Sowjetunion, zu den Befreiern vom Faschismus in den Uniformen der
Roten Armee, zur antifaschistisch-demokratischen Entwicklung im Osten
Deutschlands. Seine politische Heimat wurde die DDR. Folgerichtig – und im
Wissen um den Hass und die Machenschaften ihrer Feinde – meldete sich Horst
Männchen schon am Ende seiner Oberschulzeit 1953 freiwillig zur kasernierten
Volkspolizei.
Kurze Zeit später, in den für die junge
Republik außerordentlich gefahrvollen Juni-Tagen 1953, wurde er Angehöriger des
Ministeriums für Staatssicherheit in der Bezirksverwaltung Dresden. Damit
begann für ihn ein Lebensabschnitt, dessen Inhalt und Anforderungen bis zu
seinem Tode bestimmend waren.
1956 wurde Horst Männchen nach zweijähriger
Kandidatenzeit Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der er
bis 1989 angehörte. In diesen mehr als drei Jahrzehnten arbeitete er in
verschiedensten Parteileitungen, so vor allem auch in der SED-Kreisleitung des
Ministeriums in Berlin.
Bereits wenige Wochen nach seiner
Einstellung in das MfS wurde er in die Zentrale nach Berlin gerufen, und von
dort zu einem Funkerlehrgang delegiert, den er erfolgreich abschloss.
Damit gehörte er zu jenen Mitarbeitern, zu
den ersten Funkern, die – damals noch ausgerüstet mit alter Wehrmachtstechnik,
mit wenigen Telefunken-Empfängern und einem Telefunken-Peiler – in
Berlin-Johannisthal eine erste Beobachtungsstelle der später so erfolgreichen
Funkabwehr des MfS aufbauten.
Horst Männchen erhielt den Auftrag, mit
Hilfe sowjetischer Berater die Auswertung zu errichten.
Der Knoten sei bei ihm gerissen, wie er
später über diese Zeit berichtete, als er einen ersten Sachstandsbericht zu
Erkenntnissen über von westlichen Geheimdiensten eingesetzte Funkspione
fertigte.
Erst 21jährig nahm Horst Männchen im Herbst
1956 als Mitglied der Delegation der DDR an der ersten internationalen
Konferenz der Funkabwehrorgane der sozialistischen Länder in Prag teil, auf der
beschlossen wurde, in Warschau eine Gruppe zur Koordination der verbündeten
Funkabwehrdienste zu bilden. Und Horst Männchen war von Anfang an in Warschau
mit dabei, 1957 begann er seinen Dienst in der
dortigen Koordinierungsgruppe. Hier erlernte er schnell die russische
Sprache und bekam tiefe Einblicke in die damaligen Strukturen und Ausrüstungen
sowie in das Handlungsvermögen der Funkabwehrorgane der beteiligten
sozialistischen Staaten, insbesondere des sowjetischen Dienstes.
Nach seiner Rückkehr in die DDR wurde er
zum Leiter der Auswertung der Funkabwehr ernannt. Horst Männchen hatte
persönlichen Anteil daran, dass durch die Funkabwehr des MfS bis 1961 über 200
Spione auf dem Territorium der DDR entlarvt wurden, die ihre Informationen
mittels Funk an die imperialistischen Geheimdienstzentralen übermittelten.
Darüber hinaus lagen beweiskräftige
Erkenntnisse vor, dass in dieser Zeit über 400 weitere Spione in der DDR und in
den anderen sozialistischen Ländern einseitig über den so genannten
Rundspruchdienst mit den Feindzentren verbunden waren und auf diesem Wege ihre
Anweisungen erhielten.
In diesen ersten Jahren der Funkabwehr
sammelte Horst Männchen umfangreiche Erfahrungen. Auf ihnen konnte er aufbauen,
als er zum Ingenieurfernstudium in der Fachrichtung Hochfrequenztechnik
delegiert wurde. Gerade das anspruchsvolle Studium begonnen, verursachte er
einen Verkehrsunfall, in dessen Folge ihm der linke Arm amputiert werden
musste. Horst Männchen gab nicht auf. Er setzte sein Fernstudium fort, drang
tiefer in spezifisch technische Zusammenhänge ein, und wurde beauftragt, seine
Spezialkenntnisse nunmehr in der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS anzuwenden
und zu vervollkommnen.
Sein Kampfabschnitt wurde von nun an die
Aufklärung des elektronischen Kampfes der NATO und ihrer Geheimdienste,
insbesondere der BRD, gegen die DDR und die sozialistische Staatengemeinschaft.
Die NATO verfügte bereits zu diesem
Zeitpunkt auf dem Territorium der BRD und in Westberlin über zahlreiche mit
modernster Technik ausgerüstete geheimdienstliche Stützpunkte. Horst Männchens
Recherchen führten zu der auch von verschiedenen westlichen
Geheimdienstexperten geteilten Einschätzung, dass rund 80 Prozent aller in den
Geheimdiensten verwerteten Informationen aus der elektronischen Aufklärung
stammten. Und zugleich reifte in ihm die Erkenntnis, dass die Konzentration
einer zu schaffenden funkelektronischen Aufklärung im MfS allein auf
militärische Quellen nicht ausreichte.
Mit Abschluss seines Studiums als Ingenieur
für Hochfrequenztechnik wurde Horst Männchen in den Stab des 1. Stellvertreters
des Ministers versetzt. Von dort aus organisierte er umfangreiche praktische
Experimente mit dem Ziel, den elektronischen Angriffen des Gegners wirksame Potenziale
des MfS entgegenzustellen.
Folgerichtig wurde 1971 die
funkelektronische Aufklärung des MfS konstituiert, der Startschuss für die
Bildung der Linie III gegeben und Horst Männchen mit dem Aufbau und der Leitung
beauftragt.
Das hieß, dafür Sorge zu tragen, die ihm
unterstellten Dienstkollektive zu befähigen und zu motivieren, mögliche
militärische Überraschungsangriffe gegen die DDR und die anderen Staaten des
Warschauer Paktes rechtzeitig zu erkennen und zu signalisieren.
Auf Grund seiner guten Resultate genoss
Horst Männchen umfassende Unterstützung durch die Führung des MfS. Man stellte
ihm Personal und Technik zur Verfügung und er erhielt die Möglichkeit zur
Errichtung von Aufklärungsstützpunkten in allen grenznahen Bezirken.
Zwischenzeitlich hatte Horst Männchen auch
ein Fernstudium an der Juristischen Hochschule des MfS absolviert und als
Diplomjurist abgeschlossen.
Den Auftrag, eine wissenschaftliche Arbeit
über Ziele, Aufgaben und Struktur der Funkaufklärung sowie die Integration der
Funkabwehr anzufertigen, schloss er mit der Promotion zum Dr. jur. ab.
1982 wurde die Hauptabteilung III im MfS
unter Leitung von Generalmajor Dr. Horst Männchen gebildet und die
Funkaufklärung mit der Funkabwehr vereinigt. Er führte die Hauptabteilung III
erfolgreich, effektiv und konsequent bis zu ihrer Auflösung Ende 1989.
Über den Zusammenbruch der staatlichen und
gesellschaftlichen Verhältnisse und den Untergang der DDR war Horst Männchen
wie die übergroße Mehrheit seiner Mitkämpfer schockiert.
Er dachte viel über die Ursachen und
Bedingungen nach, stellte sich Fragen und suchte nach Antworten. Für ihn kann
jener Gedanke gelten, den Markus Wolf im Schlusswort zu seinem Prozess vor der
bundesdeutschen Klassenjustiz im Jahre 1993 so formulierte: „Wir haben geirrt, vieles haben wir falsch
gemacht, die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. Aber ich halte an
den Werten fest, mit denen wir die Welt verändern wollten.“
Auch Horst Männchen war von der
BRD-Klassenjustiz betroffen. Mit dem gegen ihn eingeleiteten
Ermittlungsverfahren gelang es vermeintlichen Siegern der Geschichte jedoch
nicht, eine Hauptverhandlung gegen ihn zu eröffnen. Selbst das
Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 15. Mai 1995 festgestellt: „Die Angehörigen der Geheimdienste der DDR
hatten – wie die Geheimdienste aller Staaten der Welt – eine nach dem Recht
ihres Staates erlaubte und von ihm sogar verlangte Tätigkeit ausgeübt.“
Als kompetenter Akteur und Zeitzeuge hat
Horst Männchen zusammen mit einem Autorenkollektiv ehemaliger Führungskräfte
und Insider des MfS an der wahrheitsgemäßen Aufarbeitung der Geschichte und
Rolle des MfS mitgewirkt. Davon kündet sein Beitrag zur Durchleuchtung des
funkelektronischen Kampfes im Kalten Krieg im doppelbändigen Sachbuch „Die
Sicherheit – Zur Abwehrarbeit des MfS“. Gemeinsam mit weiteren ehemaligen
Spezialisten des MfS wollte er an vertiefenden Publikationen arbeiten. Aber
seine Gesundheit erlaubte es ihm nicht mehr, das Projekt weiterzuführen,
gleichsam, als habe er für sich entschieden, seine letzten Geheimnisse mit ins
Grab zu nehmen.
In den Versuchen bürgerlicher Medien, Horst
Männchen durch eine bewusste Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten, Lügen und
fabrizierten Behauptungen zu diffamieren, offenbart sich letztlich Rache und Wut
darüber, dass die Hauptabteilung III des MfS unter seiner Leitung, in
elektronisch hochsicherheitsrelevante Bereiche des Gegners eindrang und so zu
besonders wertvollen Erkenntnissen kam. Das schmerzt die vermeintlichen Sieger
besonders, von dieser Wahrheit haben sie sich offenkundig bis heute nicht
erholt.
Es sei nur daran erinnert, dass das
Glasfaserkabel, im Westen als absolut sicher angesehen, von der Hauptabteilung
III für das MfS durchsichtig gemacht wurde.
Bestimmte Medien bzw. ihre Auftraggeber
zeigen deshalb mit Fingern auf ihn, um von ihren Ambitionen abzulenken und die
eigenen Geschäfte zu besorgen.
Das umso mehr, weil unter maßgeblicher
Leitung von Horst Männchen und in Zusammenarbeit mit anderen Diensteinheiten
eine erfolgreiche Strategie für das komplexe Vorgehen des MfS gegen die
Angriffe des Gegners auf diesem spezifischen Feld entwickelt wurde.
Der Wert der von der Hauptabteilung III
gewonnenen bedeutsamen Informationen aus der funkelektronischen Aufklärung
wurde nicht zuletzt auch auf der im November 2007 an der Süddänischen
Universität Odense stattgefundenen Konferenz über die Hauptverwaltung A
würdigend hervorgehoben. Sie trugen in nicht geringem Maße zur Sicherung des
Friedens, dazu bei, dass der Kalte Krieg nicht in einen heißen umschlug.
Besondere Verdienste erwarb sich Horst
Männchen auf dem speziellen technischem Sektor dabei, die komplizierten
Auswertungsprozesse durch
rechnergestützte Erfassung und Selektierung, durch fortschreitende
Digitalisierung effektiver zu gestalten.
Und das alles unter den Bedingungen der
Devisenknappheit der DDR. So drängte er immer wieder auf eigene
Entwicklungskapazitäten, auf die modifizierte Nutzung in der DDR vorhandener
Techniken und Ausrüstungen und ihren effektiven Einsatz im funkelektronischen
Kampf.
Horst Männchen war außerordentlich kreativ
und galt als Vordenker. Seinen ihm unterstellten Leitern und Mitarbeitern
übergab er präzise Aufgabenstellungen, deren Realisierung er streng
kontrollierte. Er forderte seine Mitarbeiter bis an ihre Leistungsgrenze,
übernahm persönliche Verantwortung und war stets bereit, selbst alles zu geben.
Er bewältigte ein immenses tägliches Arbeitspensum bei höchster
Selbstdisziplin. Sein Ausspruch „geht nicht – gibt`s nicht“ wurde zum Leitmotiv
bei der Bewältigung besonders schwieriger Aufgaben. Zauderer und Schwätzer
mochte er nicht, sondern Leiter und Mitarbeiter, die sich mit Leib und Seele,
mit Stolz den Anforderungen im funkelektronischen Kampf stellten.
13 Jahre nach dem die DDR zum
Beitrittsgebiet erklärt wurde, schrieb Horst Männchen: „Alles in meinen Kräften Stehende habe ich getan, die mir übertragenen
Aufgaben ordentlich zu erfüllen. Den Begriff Einsatzbereitschaft habe ich für
mich wörtlich genommen…“
Das Leben von Genossen Horst Männchen hat
sich vollendet.
In unserer Erinnerung bleibt er als starke
Persönlichkeit, der Sicherung des Friedens und dem Schutz der DDR verpflichtet.
In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von
Genossen Generalmajor a. D. Dr. Horst Männchen.
Begleiten wir den Gang zu seiner letzten
Ruhestätte mit Worten Louis Fürnbergs:
„Laßt mich … nicht vergebens in der Welt gewesen sein.
Was ich tat, tat ich im Dienst des Lebens!
Nie zum Schein!“
(Jan.2008 "Der Spiegel", Heft 5/2008, Seite 150) zu Horst Männchen