Berlin, 14.09.09
Sehr geehrter Herr Holzapfel,
als Reaktion auf Ihren Offenen Brief darf ich Ihnen versichern, dass sich an
meinen Feststellungen zum Unrecht in der DDR nichts geändert hat. Ich verstehe
allerdings nicht, dass Sie meine inhaltliche Wertung als ,,entwertet"
ansehen, weil ich eine Mitarbeiterin beschäftige, die ihre Arbeitsbiographie
und ihren Lebenslauf nie geleugnet hat.
Meine Mitarbeiterin hat sich bei mir auf eine offene Stelle als Schreibkraft in
meinem Berliner Büro beworben. Im Auswahlverfahren hat Ihre Bewerbung von allen
eingangenen am deutlichsten überzeugt. Ihre lückenlosen Personalangaben hat sie
ungefragt vorgelegt und ich habe ohne jede rechtliche Pflicht geprüft, ob es
jenseits ihrer Beschäftigung im Ministerium für Staatsicherheit über ihre
,,technische" Tätigkeit als Russischdolmetscherin hinaus Tätigkeiten
gegeben haben könnte, die mit Denunziation, Spitzelei oder gar Zerstörung von
Menschen in Verbindung gebracht werden könnte.
Ihre Angaben, ausschließlich Übersetzungstätigkeit für die Warschauer
Pakt-Staaten gemacht zu haben, erwiesen sich als belastbar und Gegenteiliges
konnte ich bei meinen Überprüfungen nicht in Erfahrung bringen. Mit dem jetzt
öffentlich debattierten Tätigkeitsbereich von Abhörmaßnahmen gegenüber westdeutschen
Bundesbürgern bzw. der Bundesregierung hatte ihr Dienstbereich nichts zu tun.
Sie war im Bereich Spionageabwehr mit drei weiteren Mitarbeitern als Referat
für Sprachmittlung zuständig, heute bezeichnet als Dolmetscherabteilung. Sie
selbst war mit operativen Vorgängen gar nicht befasst, sondern übersetzte
Dokumente, Bulletins, Tageslagen, aber auch technische Handbücher in die
Amtssprache des Warschauer Paktes, also ins Russische.
Im Übrigen sei wegen der Machtverhältnisse darauf hingewiesen, dass sie
überproportional mehr aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen hatte. Über
alle diese Umstände wurde ich umfassend unterrichtet und trage
selbstverständlich die Verantwortung für die befristete Einstellung in meinem
Büro. Ich könnte es mir einfach machen und Ihnen bestätigen, dass die
Beschäftigung jetzt ordnungsgemäß endet. Insoweit habe ich die Forderung aus
Ihrem offenen Brief erfüllt. Denn sämtliche Beschäftigungsverhältnisse meines
Büros enden durch mein Ausscheiden aus dem Bundestag mit Fristablauf. Einen
Grund zur Kündigung gibt es allerdings nicht, da meine Mitarbeiterin mich weder
belogen, noch sich arbeitsrechtlich irgendetwas hat zu Schulden kommen lassen.
Ihr Argument, werter Herr Holzapfel, dass man Hauptamtliche aus dem Ministerium
für Staatssicherheit nicht aus Steuergeldern bezahlen dürfe, halte ich für
nicht tragfähig. Wie sollte ich meiner Mitarbeiterin erklären, dass sie zwar
die geforderte Sekretariatsarbeit hervorragend erledigt habe, sie aber mit
einem anderen Maßstab behandelt wird als ehemalige Kollegen des MfS bei der
BStU oder als die Personenschützer der Bundeskanzlerin? Und das nur, weil sie
nach zwanzig Jahren in die Öffentlichkeit gezerrt wird - und zwar nicht durch
eigene Veranlassung, sondern lediglich durch ihre Tätigkeit bei mir. Außerdem
sind sämtliche Weiterbildungen, ABM-Stellen oder Integrationsmaßnahmen in den
Arbeitsmarkt auch aus Steuergeldern bezahlt. Das Kriterium Steuergeld scheint
mir jedenfalls für das Thema Aufarbeitung ungeeignet zu sein. Im Übrigen zahlt
meine Mitarbeiterin auch regelmäßig Steuern - hier würde sich das Argument
spätestens im Kreis drehen.
Menschlich gesehen möchte ich Ihnen gegenüber erwähnen, dass meine
Mitarbeiterin alle Texte von mir nach Diktat geschrieben hat, dabei u. a. auch
mein Bekenntnis zum Unrecht in der DDR. Schon deshalb haben wir sehr oft auch
inhaltlich über solche Themen gesprochen. Aus diesen Gesprächen weiß ich, dass
sie meine Sicht auf die Dinge inhaltlich teilt. Und zwar nicht, weil ich ihr
Chef bin und sie sich meiner Meinung anpassen wollte, sondern weil sie ihre
eigene persönliche Meinung dazu hat.
Sie hat sehr oft mit mir über 1989 und das folgerichtige Ende des Ministeriums
für Staatssicherheit gesprochen. Meine Mitarbeiterin hat in diesen Diskussionen
immer glaubhaft dargestellt, dass es für sie eine der wichtigsten Erfahrungen
1989/1990 war, dass mit dem Ende der DDR und der Auflösung des MfS kein
einziger Schuss gefallen ist. Sie wissen selbst, sehr geehrter Herr Holzapfel,
wie angespannt die Situation damals war. Matthias Büchner, Stasi-Opfer, hat
beim 10. Jahrestag der Grenzöffnung im Landtag in Erfurt die Aussage
mitformuliert, dass er dankbar für den Mut derjenigen sei, die die
Stasi-Zentralen gestürmt haben, aber auch für die Besonnenheit derjenigen, die
bewaffnete Auseinandersetzungen verhindert haben.
Vielleicht müssen wir uns dies zum 20. Jahrestag auch einmal in Erinnerung
rufen. Wie mächtig wird die Staatssicherheit eigentlich, wenn sie wie ein
Untoter regelmäßig zu Wahlkämpfen wieder mit Leben erfüllt wird und wie bei
meiner Mitarbeiterin bzw. Schreibkraft dazu benutzt wird, gegen mich politisch
zu agieren? Dass am Wochenende Journalisten ihre Privatwohnung belagert haben,
dass ihr kompletter Name überall abgedruckt wurde, dass auch ihre Familie in Veröffentlichungen
mit angegeben wird, ist für mich schwer nachzuvollziehen. Ich dachte, dass ein
öffentliches Interesse dann bestünde, wenn jemand lügen, mogeln oder tricksen
würde oder beabsichtigt, eine verantwortungsvolle Position in der Politik zu
übernehmen. Meine Mitarbeiterin kandidiert aber für kein öffentliches Amt,
erfüllt keinerlei VS-Aufgaben, sondern ist eine von mir eingestellte
Schreibkraft, die, und das muss ich betonen, ihre Arbeit immer ohne
Beanstandungen meinerseits erfüllt hat. Wenn es darum geht, die mögliche
Regierungsbeteiligung in Thüringen zu torpedieren, wäre es nicht nötig, sie und
ihre Familie in der Öffentlichkeit zu brandmarken. Eine Schreibkraft, die vor
zwanzig Jahren Texte übersetzt hat, schadet der Demokratie deshalb doch heute
nicht!
Womit ich nicht einverstanden bin, ist der Eindruck von alttestamentarischer
Rache. An Aufarbeitung bin ich aus den Gründen, die ich Ihnen schon früher
geschrieben habe, weiterhin interessiert, weil eine offene Gesellschaft
Diktaturerfahrungen bearbeiten muss. Aber wie soll man mit Menschen umgehen,
die im untergegangenen Staat gedient haben und überzeugt waren, dass sie das
Richtige tun? Darüber müssen wir reden. Aber geht es darum jetzt wirklich? Am
Beispiel meiner Mitarbeiterin wird deutlich, wer sich jetzt wieder temporär als
Stasi-Jäger betätigt.
Sehr geehrter Herr Holzapfel, in diesem Zusammenhang möchte ich hinsichtlich
des gesamten Themas Aufarbeitung noch Folgendes anmerken: Ich bin froh, dass
vor 20 Jahren die Diktatur des Proletariats mit ihrem Schild und Schwert der
Partei untergegangen ist und ich bin froh, dass wir darüber reden können. Wenn
man aber mit Menschen reden will, die damals dem untergegangenen Staat gedient
haben und die aus heutiger Sicht ,,Täter" waren, müssen diese auch eine
Chance auf ein inneres Bekennen haben. Wenn aber eine reine Existenzvernichtung
als adäquate Antwort angesehen wird, darf man sich nicht wundern, wenn
ehemalige Beschäftigte das alles für Okkupation und Siegermentalität halten.
Wenn aber ein Mensch auf diese Weise an die Öffentlichkeit gezerrt und
desavouiert wird, obwohl dieser ohne jegliche äußere Verpflichtung bei der
Annahme einer Stelle seine Biographie freiwillig und ohne Zögern mit aller
Offenheit Preis gegeben hat, wird es anderen Menschen schwer fallen, auch
weiterhin mit ihrer Vergangenheit und den in 20 Jahren Geschichtsaufarbeitung
gewonnenen Einsichten offen umzugehen. Meine Mitarbeiterin jedenfalls war immer
bereit darüber zu reden und hatte damit die Chance zu erkennen, was die Krake Staatssicherheit
alles an negativer und menschenverachtender Entwicklung zu verantworten hatte.
Wenn jetzt ihre Entlassung gefordert und ihre Familie gleich mit gebrandmarkt
wird, wäre das Signal deutlich, dass die Rache bis in die nächste Generation
gehen soll. Dies hätte mit Aufarbeitung und Bearbeitung nichts zu tun.
Als Christ will ich mit der Erkenntnis schließen, dass ein Bekenntnis mit
Bereuen einhergeht, wenn es eine Chance auf Vergebung geben soll. In Südafrika
hat hier Desmond Tutu Maßstäbe gesetzt, die mich heute noch prägen. In
Südafrika hat man nach der rassistischen Gewaltherrschaft das Wort Vergebung
aktiv in die Aufarbeitung einbezogen. Dies fehlt mir im gesamtdeutschen Dialog
immer noch. Ich danke ausdrücklich für Ihren offenen Brief und würde mich
freuen, wenn sie auch meine offene Erwiderung veröffentlichen würden, denn ich
halte unseren bisherigen Dialog dazu aus tiefstem Herzen für aufrichtig und
würde mich freuen, wenn das auch weiterhin so bliebe.
Mit freundlichen Grüßen
Bodo Ramelow