Vorwort
Seit 1990 gibt es das Ministerium für Staatssicherheit
nicht mehr. Die Institution ging mit dem Land unter, das sie ins Leben gerufen
hatte. Formal teilte es also das Schicksal aller Ministerien der DDR, deren
einstige Mitarbeiter, die offiziellen wie die inoffiziellen, in vergleichbaren
Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Arbeit fanden.
Natürlich ist das Ironie.
Das Schicksal des MfS und seiner Mitarbeiter ist
keineswegs mit denen anderer DDR-Einrichtungen vergleichbar. Bereits vor dem
Anschluss des Landes begannen Ausgrenzung und Ächtung. Die öffentliche
Denunziation verschärfte sich nach dem 3. Oktober 1990. Alles, was sich an
Schlechtem seit Kriegsende zwischen Flensburg und Dresden, Ostsee und Bodensee
zugetragen hatte, besaß seither nur eine Adresse. »Die Stasi« war an allem
Schuld.
Dies wird seither mit großem propagandistischem Aufwand
in die Hirne von Millionen zu hämmern versucht. Wie jede Indoktrination nimmt
es auch diese mit den Fakten und der historischen Wahrheit nicht so genau.
Folglich sind derzeit die Kenntnisse mehr als dürftig. Was »die Stasi«
tatsächlich gemacht hat, woran sie »Schuld« trug und woran nicht, was man ihr
tatsächlich vorwerfen muss, und warum es sie überhaupt gab, das wird nicht
vermittelt. Auch wenn diese Fragen durchaus legitim sind und sich auch
unideologisch beantworten lassen: Sie werden es nicht.
Viele Fragen stehen nicht nur »im Raum«, sondern werden
zunehmend von jungen Menschen gestellt, die berechtigt Zweifel daran haben, ob
alles so stimmt, was man ihnen einzureden versucht. Viele dieser Fragen klingen
in den Ohren der Eingeweihten banal: Das weiß man doch, das ist doch logisch!
Nein, für die heute 20- oder 30-jährigen ist nicht alles logisch und schon gar
nicht bekannt. Und deshalb sind ihre Fragen von anderem Zuschnitt als von
einst. Positiv selbst an der vermeintlich dümmsten Frage ist die Tatsache, dass
sie überhaupt gestellt wird. Denn wer fragt, gibt sich mit den bisherigen
Antworten nicht zufrieden.
Das vorliegende Buch verdankt zweifelsohne sein
Erscheinen – leider, muss man sagen – dem unwürdigen Zustand, dass auch zwanzig
Jahre nach dem Ende der DDR der innere Frieden in der Bundesrepublik
Deutschland infolge eines politisch und medial forcierten feindseligen, auf
Leugnung historischer Wahrheiten beruhenden Umganges mit der DDR, ihren
staatlichen Strukturen, Einrichtungen und Bürgern erkennbar gestört wird. Egon
Krenz hat Recht, wenn er in seinem Vorwort von »Herbst 89« schreibt: »Eine
Allianz aus Politikern, systemtreuen Historikern und ebensolchen Journalisten,
vermeintlichen oder tatsächlichen DDR-Oppositionellen aktiviert stabsmäßig
uralte Feindbilder und Klischees über die DDR. […] Sie übertreffen an
Gehässigkeit und Falschheit noch jene aus den finsteren Jahren des Kalten Krieges.«
Einige Vorbemerkungen sollen als
Hintergrundinformationen das Anliegen des Buches ergänzen, bekräftigen und
bestimmte Zusammenhänge verständlicher machen.
Wären die Verhältnisse und Gegebenheiten der
vereinnahmten DDR fair und ohne systematische Kriminalisierungs- und
Diffamierungsabsichten, ohne Hass und Häme erörtert und historisch gerecht
beurteilt worden, hätte sich vermutlich eine eingehende Beschreibung von
Strukturen, Methoden, Mitteln und Aufgaben des MfS, des DDR-Schutz- und
Sicherheitsorgans mit geheimen nachrichtendienstlichen Befugnissen, nicht
unbedingt aufgedrängt. Jahrelange Bemühungen, in sachlichen Diskussionsrunden
und öffentlichen Veranstaltungen, im fairen Meinungsstreit eine realistische
Bewertung der Biographien der Bürger der DDR zu erörtern und Probleme
aufzulösen, wurden von den Vertretern des herrschenden Zeitgeistes
grundsätzlich, in der Regel mit Arroganz und Häme, zurückgewiesen und haben
daher zu keiner Beruhigung führen können. Eine solche Entwicklung hat mit
Vernunft und politischer Weitsicht nichts zu tun.
Nun gut, könnte man sagen, das eben ist Klassenkampf,
der eigentlich nur eine Erfindung starrköpfiger Marxisten sei.
»Stasi«, »Stasi« und nochmals »Stasi«: Das ist der
Stoff, aus dem der Mythos des Unmenschlichen und weltweit Einmaligen gewoben
wird, um die Köpfe der Menschen zu vernebeln und eine vernünftige Rückschau auf
die DDR auszuschließen. Selbst Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble war, wie
von ihm zu hören ist, damals für eine Vernichtung der Akten des MfS, weil er
»destruktive Streitigkeiten über die Vergangenheitsbewertung« vorausgeahnt
habe. Ob das aber in heutiger Zeit für das Finden eines Wahrheitsbeweises gut
gewesen wäre, sei dahingestellt.
Verbale Beleidigungen, Verleumdungen und als
künstlerische Werke, journalistische Dokumentationen und wissenschaftliche
Arbeiten verkleidete, zentral gesteuerte und mit umfangreichen Steuermitteln
geförderte Angriffe auf Strukturen und Erscheinungen der DDR-Vergangenheit –
wobei das MfS als Vehikel für die Diffamierungsabsichten herzuhalten hat –
eskalieren die Situation ungehemmt weiter. Die konfrontativen Standpunkte
verhärten sich, werden immer unversöhnlicher. Eine so vergiftete
gesellschaftliche Atmosphäre bleibt auf Dauer nicht ohne negative Folgen für
den inneren Frieden. Dieses Land – es sollte doch auch das Land der so genannten
Staatsnahen, auch der Autoren dieses Buches, sein dürfen – hat schier unlösbare
nationale und globale wirtschaftliche, gesellschaftspolitische und ökologische Probleme
zu bewältigen. Müssen wir uns dann in diesen nachtragenden Streitigkeiten
verlieren und wertvolles gesellschaftliches Potenzial vergeuden?
Als 1991 der damalige Bundesjustizminister Klaus Kinkel
vor der westdeutschen Richterschaft forderte, es müsse gelingen, das »SED-Regime
zu delegitimieren«, schien er bereits – wie nunmehr
zu erkennen ist – die Schwierigkeiten dieses Anliegens geahnt zu haben. Nur so
macht die beschwörende Formulierung, »es muss uns gelingen« einen
verständlichen Sinn.
Als Erinnerungshilfe, wie arglistig überhaupt gedacht
war, mit den »Brüdern und Schwestern«, wenn man sie endlich eingefangen hatte,
umzugehen, sei hier ein Zitat des auf allen Talkshows präsenten Historikers
Arnulf Baring angeführt, der unwidersprochen
erklärte, die Leute »da drüben« seien »verzwergt« und
»verhunzt«. »Ob sich einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Soziologe,
selbst Arzt oder Ingenieur, das ist alles egal. Sein Wissen ist auf weite
Strecken unbrauchbar.«
Ausgehend von den nahezu täglich in den Printmedien, in Funk
und Fernsehen meist verfälschten in die Welt gesetzten denunzierenden
bösartigen Auslassungen zu ehemaligen hauptamtlichen wie auch Inoffiziellen
Mitarbeitern und zur Tätigkeit des MfS überhaupt, ist der Schluss nicht
unbegründet, dass außer den politisch gewollten vordergründigen
Diffamierungsabsichten für die Bevölkerung auch berechtigtes
Informationsinteresse besteht. Unkundige sehen nämlich gewöhnlich in
Geheimdiensten entweder etwas ganz Schreckliches, Verruchtes, wenn nicht gar
Abscheuliches. Andere wiederum meinen, dort Abenteuer und Risikofreude zu
finden. Soweit es sich allerdings um die »Stasi« handelt, wie das MfS, aus
welchen Gründen auch immer, bezeichnet wird, muss nach dem Willen der so
genannten öffentlichen Meinung das Böse dominieren. Das ist erklärtes Ziel
aktuellen politischen Handelns.
Auf eine Anfrage zu den Kriterien eines
»Unrechtsstaates« teilte die CDU-geführte
Bundesregierung mit, »es gehe zumeist darum, die politische Ordnung eines
Staates, der als Unrechtsstaat gebrandmarkt wird […] moralisch zu
diskreditieren.«
Nun wissen wir es aus berufenem Munde und müssen nicht
nach den Gründen von Medienschlachten forschen. Nach Auffassung der politisch
Herrschenden dieses Landes ist die Welt ohnehin in gute, weil demokratische
oder wenigstens kapitalistische Staaten, und in böse, wenn nicht gar
Schurkenstaaten, aufgeteilt. Folglich gibt es auch gute und böse Geheimdienste.
Zu Letzteren gehört nach dieser Sprachregelung das MfS. Demzufolge sind die Angehörigen
dieses Ministeriums der DDR a priori stigmatisiert.
Die Menschen des vereinigten, einst zweigeteilten
Landes – vor Wahlen schmeichelnd »der Souverän« genannt, wenn die Parteien
Wählerstimmen brauchen – machen sich kaum Vorstellungen, in welchem Maße gerade
Parteien oder Behörden mit in Anspruch genommener Deutungshoheit ein Hort von
Hass, Bösartigkeit, Lügen und auch Dummheit sind, wenn es um die Diffamierung
und das Verächtlichmachen, die Verleumdung und Kriminalisierung der DDR und
ihrer Vergangenheit geht.
»Herr Generalsekretär«, so Bundeskanzler Helmut Kohl
1987 zu Erich Honecker beim Festessen in Bad Godesberg, »es ist richtig und
gut, dass wir zusammenkommen und miteinander sprechen. Mit unserer praktischen
Zusammenarbeit trotz aller Gegensätze haben wir ein Beispiel gegeben – zum
Wohle der Menschen und im Interesse des Friedens. Auch die übrigen Völker
Europas wünschen sich, dass sich die Deutschen in Ost und West vertragen.«
Diese Aussage muss, das darf man getrost unterstellen,
offizielles politisches Programm der Bundesregierung gewesen sein. War sie aber
auch ehrlich und aufrichtig gemeint? Klaus Kinkel, ließ zu Protokoll nehmen:
»Was die so genannte DDR und deren Regierung betrifft, so handelt es sich dort
nicht einmal um einen eigenständigen Staat, diese so genannte DDR ist niemals
von uns staatsrechtlich anerkannt worden. Es gab ein einheitliches Deutschland,
von dem ein gewisser Teil von einer Verbrecherbande besetzt war.« So wurde der Ex-BND-Chef und Justizminister am 26.
Oktober 1992 von der Frankfurter
Rundschau zitiert.
Ein solcher Ausfluss des Hasses aus der Zeit des Kalten
Krieges, gepaart mit tief sitzender antikommunistischer Gesinnung, ist
letztlich das durchschlagende Motiv für die nie erloschene Feindseligkeit
gegenüber der DDR und ihren Bürgern. Nicht wenige von den nach dem Anschluss
kriminalisierten Menschen aber hatten einst mit höchstem Blutzoll, um den Preis
ihres Lebens, ihrer Freiheit und den Verlust ihrer Heimat mutig Widerstand
gegen den Faschismus und dessen verbrecherische Politik geleistet und schließlich,
nach dem an der Adenauerpolitik die Einheit Deutschlands gescheitert war, einen
friedfertigen, antifaschistischen, antikapitalistischen deutschen Staat
geschaffen. Und zu diesem Staat gehörte, ob das jemandem gefällt oder nicht,
auch ein mit geheimdienstlichen Befugnissen ausgestattetes, in einem speziellen
Ministerium organisiertes Staatssicherheitsorgan. Wie anders hätten die
geheimdienstlichen und andere Angriffe auf den von der Bundesrepublik
ungeliebten sozialistischen Staat abgewehrt werden können?
Welchen Anteil somit die Bundesrepublik selbst am
Sicherheitsdenken in der DDR hatte, wird in seinem ganzen Ausmaß erst nach vollständiger
Öffnung der Aktenbestände der Geheimarchive der BRD hinreichend beurteilt
werden können. Es lässt sich doch nicht aus der Welt schaffen: Zahllose
bundesdeutsche und ausländische Geheimdienste, Einrichtungen, die Spionage, Terror
und Brandstiftung, Hetze, unterminierende Wühltätigkeit und Menschenhandel,
staatlich und privatkapitalistisch finanzierte Sabotage und Diversion
betrieben, gingen gegen die DDR vor. Es waren Organe und Einrichtungen der Alt-BRD, bzw. sie erfreuten sich erwiesenermaßen des
Wohlwollens und der Unterstützung dieses Staates.
Aber genau das bleibt bei der »Aufarbeitung der
Geschichte der DDR« und im Besonderen bei der Beurteilung und Beschreibung der
Tätigkeit des MfS gänzlich unerwähnt. Mehr noch, es wird behauptet, dass diese
Einwirkung auf die DDR legitim und deren Aufklärung und Bekämpfung illegitim
gewesen sei.
An der Tätigkeit des MfS lässt sich die Zielstellung der
Delegitimierung der DDR wohlfeil »aufarbeiten«. Da
mutieren in der DDR begangene Gesetzesverletzungen einfach zum legitimen
»antikommunistischen Widerstand« durch einstige »Stasiopfer«. Die Aufklärungs-,
Sicherheits- und Abwehrmaßnahmen des MfS sind dann nichts anderes als
»menschenverachtende Handlungen«. Hauptamtliche und Inoffizielle Mitarbeiter –
in aller Regel als »informelle Mitarbeiter und Spitzel« bezeichnet – werden
grundsätzlich mit dem strafrechtlich besetzten Begriff als »Täter« diffamiert.
Stasimethoden, Stasikiller, Stasitäter, Mauerschützen,
Schießbefehl, Folterknechte, Röntgenkanone, Folterkammer etc. sind keine
journalistische Gedankenlosigkeit oder harmlose Rabulistik, sie sind durch
stereotype Wiederholungen zu prägenden Kampfbegriffen mit Signalwirkung
avanciert. Es sind die Totschlagargumente, um die Meinungsbildung zu
beeinflussen, wenn allerschlimmste Zustände herbeigeredet werden sollen.
Totschlagargumente im wahrsten Sinne des Wortes, folgt
man zum Beispiel Äußerungen des ehemaligen sächsischen Justizministers und
erfolglosen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Steffen Heitmann
(CDU), in der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung vom 2. September 1994, als er bedauernd erklärte, dass man das Versäumnis,
im Herbst 1989 die Unterdrücker nicht an den Laternen aufgehängt zu haben,
leider nicht nachholen könne.
Geheimdienste sind keine Erfindung der DDR. Sie gehören
zu den Strukturen eines jeden Staates als Machtinstrumente der jeweils
herrschenden politischen Kräfte. Dazu äußern sich die Autoren, soweit es die
Fragen und betreffenden Sachverhalte erfordern, wie auch darüber, inwieweit das
MfS als Schutz- und Sicherheitsorgan der DDR natürlich auch ein Geheimdienst
mit ähnlichen Mitteln und Methoden wie jeder andere Geheimdienst war.
Die Autoren wollen sich nicht in Schuldzuweisungen oder
mit einem Auflisten aller Aktionen gegen die DDR in den Zeiten des Kalten
Krieges durch die Geheimdienste der BRD und anderer Staaten verlieren. Dazu
liegen bereits umfangreiche Dokumentationen besonders aus ihrer Feder vor. Sie
werden aber dann konkret darauf eingehen, wenn es dem Erkenntnisgewinn dienen
kann. Und sie erlauben sich Verweise auf Praktiken westlicher, insbesondere
bundesdeutscher Geheimdienste und anderer Einrichtungen auch deshalb, um deren
Heuchelei und Demagogie zu entlarven.
Die Autoren des vorliegenden Buches haben sich bemüht,
einen umfangreichen Komplex von Fragen an das MfS, zu dessen historischer
Herkunft, zu Charakter und Tätigkeit, seiner politischen Stellung, seinen
Aufgaben und Grenzen möglichst objektiv, mit der Sachkenntnis von Insidern zu
beantworten. Soweit es zu Detailfragen gehört, sind die Autoren auch unbequemen
Fragen nicht ausgewichen, haben sie diese als betroffene Akteure und Zeitzeugen
ungeschönt und zuverlässig beantwortet. Sie wähnen sich nicht im Besitz eines
Wahrheitsmonopols und sind nicht frei von subjektiven Sichten und Wertungen.
Sie wissen aus leidvollen Erfahrungen um den Wert und die Überzeugungskraft
ehrlicher Antworten und Urteile. Die unter den derzeitigen politischen
Verhältnissen in die Öffentlichkeit vom Zeitgeist lancierten tendenziösen,
vorurteilsvollen Fehlinterpretationen dürfen nicht die Lüge zur Wahrheit werden
lassen.
Es ist zu wünschen, dass die in den Antworten
enthaltenen Fakten und Argumente überzeugen können und bei den Leserinnen und
Lesern eine aufklärende, zu eigenen Urteilen führende Wirkung haben. Die
Autoren sind sich der Schwierigkeiten ihres Vorhabens wohl bewusst. Gleichwohl
hoffen sie auf eine Zeit vernünftiger Toleranz und Einsicht sowie des gerechten
Umganges mit der schwierigen deutschen Nachkriegsgeschichte zweier deutscher
Staaten mit eingeschränkter Souveränität.
Um dorthin zu gelangen, wollen sie sich an den Spruch
von J. W. v. Goethe orientieren: »Hab nur den Mut, die Wahrheit frei zu sagen
und ungestört. Es wird den Zweifel in die Seele tragen, dem, der es hört. Und
vor der Lust des Zweifels flieht der Wahn.«
Generaloberst a. D. Werner
Großmann
Generalleutnant a. D. Wolfgang Schwanitz
Berlin, 8. Februar 2010