Ausschnitte aus der von Klaus Eichner gehaltenen Trauerrede für
Wolfgang Hartmann
am 27. März 2009
„… Wir nehmen Abschied von einem Genossen und Freund,
mit dem viele von uns seit Jahren eine enge und herzliche
Freundschaft verband, getragen von gegenseitiger Anerkennung und engster
politischer Übereinstimmung.
Wolfgang gehörte mit seiner Ausbildung als Chemielaborant an
der Universität Halle, seiner Tätigkeit im Kulturbund und im Staatssekretariat
für Hochschulbildung zur „Aula-Generation“. Er repräsentierte jene junge
Generation, aus einfachen Verhältnissen stammend, die nach dem Ende des
furchtbaren faschistischen Krieges mit dem Aufbau der
antifaschistisch-demokratischen Ordnung angetreten war, das Bildungsprivileg
der Bourgeoisie zu brechen. Wolfgang selbst war herausragendes Zeugnis dafür, mit
welchem Erfolg dies gelang.
In vielen Gesprächen zitierte Wolfgang aus der von ihm
hochgeschätzten „Aula“ von Hermann Kant die Worte des Spanienkämpfers und
SED-Kreissekretärs, Haiduck:
„Misstrauen vergiftet die Atmosphäre, Wachsamkeit reinigt
sie. … Wachsamkeit hat mit Mut zu tun, Misstrauen hat mit Angst zu tun.
Misstrauen schießt auf Gespenster. Das ist Munitionsvergeudung, und die ist
strafbar.“
Mit Stolz, Dankbarkeit und Genugtuung erinnerte er immer an
seine politischen Lehrmeister, deren Einflüsse sich tief bei ihm eingegraben
hatten – die hochgebildeten sowjetischen Kulturoffiziere, seine Vorgesetzten
und Mitstreiter aus den Reihen der Kämpfer der Internationalen Brigaden im
Spanischen Bürgerkrieg, aus dem antifaschistischen Widerstand, oft geprägt
durch jahrelange Qualen in faschistischen KZs, aber nie gebrochen. Ihre klare
politische Haltung, ihre Konsequenz und Toleranz, ihr Handeln nach den
Grundsätzen marxistischer Dialektik – all das waren prägende Elemente für
Wolfgangs Haltung und Entwicklung in der Politik, für seine innige Verbindung
zu unserer Kultur und zu seinem Vaterland.
Nicht zuletzt kommt
das auch in seinem letzten Wunsch zum Ausdruck, dass zu seiner Trauerfeier das Becher/Eisler-Lied mit der Textzeile: „Deutschland meine
Trauer, du mein Fröhlichsein“ gespielt werde.
Es konnte nicht ausbleiben, dass der junge Genosse Wolfgang
mit solider politischer Bildung, klarem
Klassenstandpunkt und Fähigkeiten zum Umgang mit den Menschen bald auch in das
Blickfeld der „Talentesucher“ des Ministeriums für
Staatssicherheit geriet.
Seinen Fähigkeiten entsprechend setzte ihn die
Auslandsaufklärung der DDR für spezifische Aufgaben ein – er wurde
„Einzelkämpfer“ an der unsichtbaren Front, aber trotzdem immer in enger
Verbindung mit den für seine Einsätze verantwortlichen Genossen. Es gibt Zeugen
und Zeugnisse dafür, mit welcher Hingabe und Zuwendung zu den Menschen Wolfgang
diese Aufgaben erfüllte – Zeugen dafür, die bis heute noch zu ihm und ihrer damaligen
Entscheidung stehen.
Ich begegnete Wolfgang erst nach dieser Zeit, nach der
sogenannten „Wende“.
Eine kleine Gruppe Linker aus West und Ost fand sich 1991/92
zusammen, um der anwachsenden Verleumdung und der Strafverfolgung der
Mitarbeiter des MfS unsere Wahrheit entgegenzusetzen. Es entstand in intensiver
Diskussion die Broschüre „Spionage und Justiz im geteilten Deutschland “, in
der wir beide eigene Beiträge eingebracht hatten.
Es erwuchs aus dieser gemeinsamen Tätigkeit eine enge und
tiefe Freundschaft, die auch manche Gewitter aushalten musste, aber dadurch
auch immer enger wurde.
Wolfgang hatte uns einiges voraus – in erster Linie die
„Weltanschauung“ im besten Sinne des Wortes, er hatte durch seine Einsätze die
Welt sich wirklich anschauen können – und ihre positiven und negativen Seiten
sehr kritisch verarbeitet.
Dann beeindruckte uns seine umfangreiche humanistische
Bildung. Wolfgang kannte z.B. seinen Brecht - wie kaum ein Zweiter unter uns - und hatte ihn so verinnerlicht, dass er in
vielen Auseinandersetzungen sich immer wieder Anregungen bei Bertold Brecht holen
konnte.
Unser enges Zusammenwirken setzte sich fort bei der Gründung
und der Arbeit des Insiderkomitees zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte
des MfS; wir wirkten von Anfang an gemeinsam im Sprecherrat. Wolfgangs Beiträge
zur inhaltlichen Gestaltung unserer Arbeit waren für uns alle unverzichtbar und
sind bleibende Dokumente seines politischen Wirkens in einer schwierigen Zeit.
Sein Credo fasste er bei der Gründung des Insiderkomitees mit den Worten
zusammen: „Mut wird nötig sein! Sowohl zu selbstkritischer Reflexion und
moralischer Selbstprüfung als auch zum Bekenntnis dessen, was heutzutage ungern
gehört wird oder nicht mehr gehört werden soll.“
Besonders beeindruckend für viele von uns war das Auftreten
von Wolfgang in der Gesprächsreihe „Zwie-Gespräche“
in der evangelischen Kirche in Berlin-Lichtenberg. Das Anliegen dieser
Gesprächsreihe, dass sich ehemalige Mitarbeiter des MfS und Betroffene unserer
früheren Tätigkeit (also landläufig: Täter und Opfer) treffen und über ihre
Einsichten und Erfahrungen sprechen – sich dabei in die Augen sehen können, die
anonymen „Täter“ für andere ein Gesicht bekamen – war für Wolfgang eine
Herzenssache, der er in den Jahren dieser „Zwie-Gespräche“
viel Zeit und Aufmerksamkeit widmete.
Wolfgang gehörte in unserem Freundeskreis zu denen, die
beharrlich und nachdrücklich darauf drängten, sich der Verantwortung für unser
Tun und Unterlassen während unserer Tätigkeit im MfS oder in anderer Funktion
in der DDR zu stellen.
Nicht zur Selbstzerfleischung, sondern aus Verantwortung für
die Zukunft, für eine linke Politik, die aus Deformationen, Fehlern und auch
Verbrechen, die im Namen des Sozialismus sowjetischer Prägung begangen wurden, die
Lehren für eine zukünftige sozialistische Ordnung, für unsere Enkel und
Urenkel, ziehen müsste. Damit leistete er einen wesentlichen Beitrag, in der
Öffentlichkeit das „verordnete“ Bild über die Mitarbeiter des MfS etwas zu
relativieren.
Und wenn wir zu einigen seiner Thesen skeptisch waren, sie zu
kritisch bewerteten, dann zitierte er uns Bertold Brecht: aus den „Nicht
feststellbare Fehlern der Kunstkommission“ oder erinnerte an den Marx’schen
kategorischen Imperativ, dass wir angetreten waren, eine Gesellschaft zu
schaffen, in der alle Verhältnisse umzuwerfen seien, „in denen der Mensch ein
geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“
Sein politischer Blick ging jedoch immer über die Grenzen
der Beschäftigung mit dem Thema „Sicherheit der DDR“ hinaus. Er war bis zuletzt
ein aktives Mitglied seiner Basisgruppe der PDS/jetzt Die Linke und erwarb sich
durch seine konstruktiven Beiträge dort hohe Anerkennung.
Bis zuletzt nahm er immer wieder an vielfältigen kulturellen
Ereignissen teil – und bedauerte mit uns allen die weitgehende Mißachtung und Zerstörung des kulturellen Erbes der DDR.
Wolfgang Hartmann gehörte zu jenen, die für ihre Überzeugung
kämpften, zu jenen unverzichtbaren Menschen, die keine Niederlage klein machen
konnte.
Er lebte für das Brecht-Wort und hinterließ es uns als
Vermächtnis:
„Und doch wird nichts mich davon
überzeugen,
dass es aussichtslos ist, der
Vernunft
gegen ihre Feinde beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte
immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig
gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen
erneuern, und wenn sie schon
wie Asche in unserem Mund sind!“
Liebe Trauergäste,
lassen Sie mich noch einmal den von Wolfgang Hartmann
verehrten Bertold Brecht zitieren: „Der Mensch ist erst wahrlich tot, wenn
niemand mehr an ihn denkt“
Wir alle werden Wolfgang Hartmanns Andenken fest in unseren Herzen bewahren – und Wolfgang wird in uns und mit uns weiter leben.“
Meldung in der "jungen Welt" vom 14.03.2009 zu Wolfgang Hartmann