Junge Welt
07.11.2009 / Wochenendbeilage / Seite 1 (Beilage)
Beginnen wir mit dem Ende. War Ihnen, als Sie Chef des Wachregiments
wurden, klar, daß Sie dessen letzter Kommandeur sein
würden?
Natürlich nicht. Jeder Soldat denkt mit der Übernahme einer
Aufgabe nicht an deren Ende, sondern ausschließlich daran, diese so gut wie
möglich zu erfüllen.
Auch wenn man sieht, daß es mit dem Umfeld
nicht mehr stimmt? Oder haben Sie das nicht bemerkt?
Möglicherweise sogar früher als andere.
Wann kamen Ihnen erste Zweifel, daß wir
eventuell scheitern könnten?
1975/76 beim Besuch eines Einjahreslehrganges an der
Parteihochschule »Karl Marx«.
Dafür wird man Sie aber wohl kaum zum Lehrgang für höhere Kader
delegiert haben. Im Gegenteil. Aber erzählen Sie mal.
Um es deutlich zu sagen: Wie viele von meinesgleichen hielt
ich es bis zum Untergang der DDR für undenkbar, daß
uns die Sowjetunion preisgeben würde. Mit dem Wissen von heute könnte man
sagen: Das war Wunschdenken. Ja, und dennoch würde ich widersprechen. Ich war
Militär und dachte folglich in diesen Kategorien. Wenn die Sowjetunion die DDR
aufgeben würde, verlöre sie in militärstrategischer Hinsicht ihre westliche
Front. Das würden die verantwortlichen Politiker und Militärs in Moskau nie tun,
davon war ich überzeugt.
Das heißt, proletarischer Internationalismus, sozialistische
Gemeinschaft, Solidarität, Verteidigungsbündnis und all die Schlagworte hatten
für Sie keine Relevanz. Sie bauten ausschließlich auf die geostrategische
Situation der UdSSR.
Allerdings, auch wenn mir diese Begriffe sehr viel
bedeuteten. Doch ich betrachtete das Problem auch unideologisch, ganz
pragmatisch. Und da wähnte ich mich erst recht auf der sicheren Seite. Man
konnte ja nicht davon ausgehen, daß die KPdSU einen
Dilettanten und Hasardeur an ihre Spitze stellen würde.
Und innenpolitisch? Bemerkten Sie da Veränderungen?
Doch. Mir war bewußt, daß wir auf Pump zu leben begannen. Und ich wußte und sah, wie man außerhalb der vergleichsweise gut
versorgten Hauptstadt lebte.
Aber wenn die Versorgung schlecht war, zweifelt man doch nicht gleich
am System.
Ich habe ja keineswegs am System gezweifelt. Der Sozialismus
war für mich die einzig denkbare und notwendige Alternative zum Kapitalismus.
Ich hatte nur Bedenken, ob wir möglicherweise nicht das richtige, also
ungenügend befähigte und qualifizierte Personal hatten und folglich nicht die
richtige Politik machten.
Und darüber sprachen Sie mit Genossen?
Ja. Aber nicht im Zimmer. Immer nur im Freien.
Oha.
Jaja.
1985 kam Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika. Jubelten auch Sie?
Keineswegs. Ich war nie euphorisch, im Gegenteil. Wir
unterhielten gute Kontakte zum Mansfeld-Kombinat. Die Genossen dort hatten
Verbindung nach Kriwoj Rog.
Die Politische Hochschule in Berlin-Grünau stand im Kontakt zur Politischen
Hochschule der Sowjetarmee in Nowosibirsk. Es gab Drähte zur
SED-Bezirksleitung, insbesondere zum Zweiten Sekretär Helmut Müller. Das war
ein sehr sachlicher, kluger Genosse. Die Nachrichten, die über diese Kanäle zu
uns kamen, klangen nicht sehr ermutigend. Seit 1987 gab es ernste Bedenken in
der Führung des Wachregiments über die Entwicklung in der UdSSR. Wir tauschten
uns darüber aus. Wir teilten die Auffassung unserer sowjetischen Genossen, daß diese unsinnigen Doppelstrukturen von Partei- und
Staatsapparat überwunden werden mußten.
Die ja eigentlich keine Doppelstrukturen waren. Der Parteiapparat
beherrschte den Staatsapparat. Ein ZK-Abteilungsleiter hatte mehr Einfluß als ein Minister.
Richtig. Gorbatschow nahm die Partei zurück, wodurch aber
eine Lücke entstand, die nicht gefüllt wurde. Sein Umbau war ein Abbau, was
dazu führte, daß immer weniger funktionierte. Im Juni
1988 war ich auf Einladung zum Urlaub in Moskau und am Baikalsee. Es waren zum
Teil drei deprimierende Wochen für uns. Im Heim in Bratsk
waren wir mit sowjetischen Tschekisten zusammen. Im
Fernsehen übertrugen sie die XIX. Parteikonferenz. Gorbatschow sprach. Seine
Rede wurde vom Gelächter der umsitzenden Genossen begleitet. Bei einer anderen Gelegenheit
sagten sie mir: »In der DDR braucht ihr keine solche Perestroika.« Trotz solch desillusionierender Beobachtungen war ich
davon überzeugt, daß die Sowjetunion bleiben werde,
und damit auch wir.
Militärstrategisch gedacht.
Und auch weil ich Kommunist war und bin. Ich war mir
durchaus bewußt, daß die
Sowjetunion für und um die DDR keinen Krieg führen würde. Denn nach diesem
Krieg hätte es keine DDR, sondern nur ein zerstörtes Europa gegeben. Innere
Unruhen würde sie wie 1953 jedoch bestimmt beenden, um die DDR zu halten. Noch
mal: Brach die DDR weg, brach auch ihre westliche Verteidigungslinie. Einen
solchen Dammbruch würde die sowjetische Führung nie riskieren. Dachte ich. Sie
würde uns also in jedem Falle halten und helfen.
Nach einem Studium an der Artillerieoffiziersschule in Torgau und
Dresden kamen Sie 1956 nach Eggesin. Im Sommer 1957 wurden Sie nach Prenzlau
einbestellt.
Die Kaderkommission wollte wissen, ob ich nach Berlin wolle.
Natürlich wollte ich. Obgleich ich doch nur den Ring kannte und die Bahnhöfe
vom Umsteigen.
Wußten Sie, was das
Wachregiment war?
Nicht die Spur. Ich hatte noch nie etwas davon gehört. Am
nächsten Tag, es fand die traditionelle Liebknecht-Luxemburg-Ehrung
in Friedrichsfelde statt, trug ich bereits einen Kranz der Parteiführung die
Frankfurter Allee entlang.
Wurden Sie als Artillerieoffizier eingestellt?
Ja, aber zuerst ordnete man uns behelfsmäßig den Kompanien
zu. Nachdem wir im Sommer die Gruppenführer ausgebildet hatten, wurde in Adlershof eine Artillerieabteilung aufgestellt, die im
Herbst nach Erkner verlegt wurde.
Gab es dort Kasernen oder dergleichen?
Es standen ein paar Baracken aus der Vorkriegszeit, um die
Johannisbeersträucher gepflanzt waren. Desweiteren
waren vier neue zweistöckige Gebäude vorhanden. Nach und nach kamen neue
Gebäude hinzu. Anfänglich waren dort rund 700 Soldaten, am Ende dreimal so
viele. Eines der letzten Objekte war ein Fünfgeschosser.
Dort waren die Kräfte untergebracht, die die Ausweichführungsstelle der
Regierung errichten und sichern sollten.
Wo befand sich die Baustelle?
An der Abfahrt Storkow, unweit der Autobahn
Berlin-Frankfurt/Oder, wurde zwei, drei Jahre lang gebaut, nachdem die
Parteiführung, das Verteidigungsministerium in Strausberg und andere Einrichtungen
bereits ihre Ausweichquartiere bei Prenden,
Biesenthal und Marienwerder etc. erhalten hatten. Dieser Bunkerkomplex 17/5000
ist bekannt.
Der, auf den Sie hinweisen, ganz offenkundig nicht.
Er wurde auch nicht fertig. 1982/83 stellte man die Arbeiten
insgesamt ein. Diese Anlage wurde offensichtlich nicht mehr für notwendig erachtet.
Das sagen Sie als Militär?
Man muß nicht Militär sein, um zu
wissen, daß auf einer atomar verwüsteten Erde auch
Bunker keine Chance auf ein Überleben bieten. Man kann von dort aus zwei, drei
Wochen lang militärische Abwehroperation organisieren – sofern noch Einheiten
existieren. Aber irgendwann gehen in jedem Bunker die Vorräte zur Neige, der
Diesel ist aufgebraucht, der den Strom erzeugt, Filter, Heizung, Klimaanlage,
Licht fallen aus, man muß also raus. Und das war’s
dann …
Ich vermute mal, daß an jener Stelle
unentdeckt etwas in der Erde ruht.
Davon gehe ich auch aus.
Am 21. August 1968 wurden Sie zum Kommandeur des Kommando Zwei in
Erkner berufen.
Das blieb ich drei Jahre. Im Sommer 1971 wurde ich
kurzfristig zum 1. Stellvertreter von Heinz Gronau,
dem Kommandeur des Wachregiments »Feliks Dzierzynski«, berufen. Am 30. Januar 1987 übernahm ich
planmäßig diese Funktion von Bernhard Elsner, der wie Gronau
an seinem 60. Geburtstag demissionierte. Ich hatte schon einmal unmittelbar
nach dem Jahreslehrgang an der Parteihochschule für Bernhard amtiert, als er
längere Zeit wegen Krankheit ausfiel.
Gab es Wehrpflichtige im Wachregiment?
Nein, nur Offiziere und Unteroffiziere auf Zeit.
Das heißt, niemand war gegen seinen Willen dort. Er hat sich bewußt und freiwillig zum Wachregiment des MfS gemeldet.
So ist es.
Wirklich jeder?
Absolut.
1989 spitzten sich alle Probleme zu, wie in der Republik so im
Wachregiment. Können Sie sich noch erinnern?
Selbstverständlich. Diese Zeit war bleiern, es bewegte sich
nichts, und alle hofften irrational auf die Sowjetunion. Am 5. November luden
die sowjetischen Genossen zum Jahrestag der Oktoberrevolution nach
Berlin-Karlshorst in die Waldowallee. Ich höre noch,
wie der Chef der Abwehr Mielke auf Nachfrage versicherte, er solle sich keine
Sorgen machen. Sie hätten alles fest im Griff. Zwei Tage später lud die
UdSSR-Botschaft aus dem gleichen Grunde ein. Da hörte ich die Diplomaten
unserer Verbündeten offen diskutieren, wie lange es die DDR noch mache: ein
Jahr, zwei Jahre? Die gaben uns also schon verloren.
Und wie war die Stimmung im Wachregiment?
Im September waren wieder 3000 Neue gekommen, darunter viele
Abiturienten. Die hatten diesen unruhigen Sommer erlebt: mit
Botschaftsbesetzungen, Massenfluchten in Ungarn, Sprachlosigkeit der
DDR-Führung, mit all den Beschwichtigungs- und Beschönigungsversuchen. Die
Stimmung im Regiment war gleichermaßen nachdenklich und bedrückt. Aber es löste
unverändert seine Wach- und Sicherungsaufgaben, die Ausbildung der Nachrücker
lief an. Im November jedoch kippte die Stimmung.
Weshalb?
Da war die Grenzöffnung. Wenn unsere Jungs nach Hause
fuhren, trafen sie im Zug und daheim auf Menschen, die von ihren Ausflügen nach
drüben berichteten. Und auch beim Stamm begann es zu kriseln. Während der
Versammlung am 6. Dezember 1989 stand eine Genossin auf und fragte mich: »Warum
darf ich nicht nach Westberlin? Mein Mann ist Major beim MdI (Ministerium des
Innern – die Red.) und der darf.« Es schwand zunehmend
die Motivation.
War die denn im Oktober noch vorhanden?
Doch. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen um den
Republikgeburtstag herum lieferten einen Schub. Wir hatten hundert Genossen vom
Wachregiment am 7. Oktober in FDJ-Blusen auf die Brücken links und rechts neben
dem Palast postiert. Es hatte geheißen, es sei ein Durchbruch zur Grenze zu
befürchten und sie sollten die Massen aufhalten. Dabei kam es zu Übergriffen.
Mehreren Genossen wurden glühende Zigaretten ins Gesicht gedrückt und die
Schienbeine wurden attackiert. Ich entschied am nächsten Tag, daß die Sonderausrüstung ausgegeben werde. Ich wußte, daß der Personenschutz
Westen, Schilde, Helme, Schlagstöcke und Armschoner für 500 Mann bei uns
eingelagert hatte. Der PS schien sich dafür nicht zu interessieren. Das MdI
lieferte uns auf Anfrage das Ausbildungsmaterial.
Zunächst wurde ich dafür kritisiert, daß ich das Zeug
so spät ausgegeben hatte. Vier Wochen später wurde ich aus den eigenen Reihen
dafür attackiert, daß ich es überhaupt getan hatte.
Wer habe mir das erlaubt bzw. dazu den Auftrag erteilt, wurde ich im Kinosaal
gefragt.
Der Kinosaal war in jener Zeit wiederholt Schauplatz heftiger verbaler
Auseinandersetzungen.
Es fanden dort regelmäßig Dienstversammlungen der
Berufssoldaten statt. Die Führung des Regiments stand Rede und Antwort und
legte ihre Positionen dar. Damit versuchten wir, der
wachsenden Unsicherheit entgegen zu treten. Die Situation wurde jedoch
zunehmend komplizierter.
Erinnern wir uns: Am 28. Oktober liest Ulrich Mühe im Deutschen Theater aus
Walter Jankas »Schwierigkeiten mit der Wahrheit«. Am 4. November findet auf dem
Alexanderplatz die große Demonstration statt. Am 7. November tritt die
Regierung geschlossen zurück, auch Erich Mielke amtiert gemäß Verfassung weiter
bis zur Bildung eines neuen Ministerrates. Am 8. November demissioniert das
Politbüro, am 9. November führt Schabowskis Versprecher zur chaotischen Öffnung
der Grenze. Am 13. November blamiert sich Minister Mielke in der Volkskammer
und setzt damit auch das MfS dem öffentlichen Gespött aus. So geht es Schlag
auf Schlag.
Als am 17. November die Modrow-Regierung vereidigt wurde, kam die Führung des
Wachregiments in die Offensive. Ich wollte, daß das
Wachregiment eine Loyalitätserklärung abgab. »So lange es eine DDR gibt, gibt
es eine DDR-Regierung. Und so lange es eine Regierung gibt, muß
diese geschützt werden«, sagte ich. »Das ist unser Auftrag, und den erfüllen
wir unter allen Bedingungen.«
Dann aber kam der nächste Schlag: Am 3. Dezember trat das ZK geschlossen
zurück. Die einstigen Politbüromitglieder Günter Mittag, Harry Tisch, Gerhard
Müller und Hans Albrecht wurden verhaftet, Alexander Schalck-Golodkowski
flüchtete in den Westen. Am 6. Dezember legte Egon Krenz sein Amt als Staatsratsvorsitzender
nieder. Die, für die wir im Ernstfall unser Leben eingesetzt hätten, für die
wir uns hätten in Stücke reißen lassen, wurden jetzt des Hochverrats
bezichtigt. Kurzum, die Aufgabe war weg wie die Motivation. Wir fielen in ein
Loch.
Unmutsbekundungen, Befehlsverweigerungen, Randale?
Das hielt sich in Grenzen. Uns wurde von einer Einheit in Adlershof
ein Forderungskatalog übergeben, der etwa 300 Unterschriften trug. Wenn wir die
Forderungen nicht erfüllten, würde man nicht auf Wache ziehen, lautete die
Drohung. Wir haben uns nicht erpressen lassen und statt
dessen geredet. Dann zogen sie auf Wache.
Ich fuhr nach Erkner, weil sich dort die Lage zuzuspitzen schien. Dort war der
Abiturientenanteil besonders hoch, er lag bei etwa 25 Prozent. Ich stellte mich
den etwa sechzig Unteroffizieren. Am Anfang waren sie bissig, nach anderthalb
Stunden redeten wir normal miteinander.
Um was ging es da?
Um die gleichen Probleme wie draußen: Versorgung,
Informationspolitik, Reisefreiheit, Offenheit und Transparenz, vermeintliche
Privilegien der Obrigkeit, Korruption und Amtsmißbrauch
von Funktionären.
Nicht etwa, daß man gezwungen gewesen sei,
eine Diktatur und deren Diktatoren zu schützen?
So einen Quatsch redete keiner. Die meisten waren enttäuscht.
Wir alle waren enttäuscht.
Sie fühlten sich allein gelassen?
Na sicher. Der einzige Regierungsvertreter, der sich bei uns
meldete, war Staatssekretär Walter Halbritter. Er forderte wie in jedem Winter
Soldaten für die Braunkohle an. Nur fiel in jenem Jahr der Winter aus. Die
Jungs hingen sechs Wochen dort in den Baracken herum und langweilten sich. Und
wer viel Zeit hat, kommt auf dumme Gedanken. Sie malten Losungen auf Bettlaken,
in denen sie sich beispielsweise vom MfS distanzierten. Das war natürlich der
Stasihysterie geschuldet, die landauf, landab inzwischen grassierte. Der
vorläufige Höhepunkt war bekanntlich am 15. Januar, als die Zentrale in der
Normannenstraße gestürmt wurde. Als die tausend Jungs aus der Braunkohle nach Adlershof zurückkamen, war das Thema Wachregiment endgültig
erledigt. Die Absetzbewegung war nicht mehr zu stoppen. Dennoch flaggten
etliche am 8. Februar.
Hatte das Wachregiment noch etwas mit dem von westlichen
Geheimdiensten organisierten »Sturm« auf die Zentrale zu tun?
Zu diesem Zeitpunkt wurde die Zentrale von uns nicht mehr
gesichert. Wir konzentrierten uns auf unsere Objekte. Vergessen Sie nicht: Hier
lagerten Waffen, Munition und Kampftechnik sowie größere Mengen Kraftstoff für
die Mobilisierungsreserve und dergleichen. Aber unsere Sorge war unnötig. Es
hat im gesamten Zeitraum keine Aktionen gegen unsere Objekte gegeben.
Ab 11. März, eine Woche vor den Volkskammerwahlen, soll keine Uniform
mehr im Objekt zu sehen gewesen sein.
Das stimmt. Sieht man von den Volkspolizisten ab. Die
verbliebenen Berufssoldaten erschienen von diesem Tag an nur noch in Zivil. Das
Wachregiment war Geschichte. Ich hatte mir selbst einen Entlassungsschein
unterschrieben. Am 30. März, einem Freitag, setzten sich die letzten
verbliebenen Stabsarbeiter zusammen. Dann schlossen wir das Haus ab und gingen.
Waren Sie gleich arbeitslos?
Nein, das Auflösungskomitee hatte einigen von uns einen
Arbeitsvertrag vom 1. April bis 30. Juni ausgestellt, damit wir die endgültige
Abwicklung vollziehen konnten. Am 28. Juni meldete ich mich bei beim
zuständigen Arbeitsamt. Nach einer 34monatigen Arbeitslosigkeit ging ich dann
mit 60 in Rente.
Wenn Sie vor Beginn Ihrer militärischen Laufbahn gewußt
hätten, was Sie erwartete, hätten Sie dann nicht doch lieber Medizin studiert?
Die Frage ist, Sie wissen es, Unsinn. Aber wenn sie darauf
zielt, ob ich etwas bedauere oder gar bereue, sage ich Ihnen: Ich stehe zu
meiner Vergangenheit ohne Wenn und Aber.
Wenn der Osten nicht militärisch stark gewesen wäre, hätte es in Zentraleuropa
nach 1945 Krieg gegeben. Die militärstrategische Parität, das Risiko der
Vernichtung im Falle eines Angriffs, sicherte den Frieden. Dafür haben wir uns
geschunden und einen hohen Preis gezahlt. Ich habe meinen Soldaten nie etwas
geschenkt. Wir haben uns gequält und auf vieles verzichtet. War das umsonst,
haben wir am Ende alles verloren? Nein, das glaube ich nicht.
Für ein halbes Jahrhundert friedliche Koexistenz lohnte sich jeder Einsatz.
Anmerkung: Das vorstehende Interview ist eine
auszugsweise Wiedergabe. Das vollständige Interview kann im Buch von Eberhard
Rebohle "Rote Spiegel". Wachsoldaten in der DDR" (edition ost Berlin 2009)
nachgelesen werden.