Odense – ein Tatsachenbericht
Referenten der HVA bewerten die wissenschaftliche
Konferenz
Hauptverwaltung A: Geschichte – Aufgaben
– Einsichten
am 17./18. November 2007 an der Süddänischen
Universität in Odense
Die Medienreaktion nach der Konferenz trägt groteske Züge
und steht mit dem tatsächlichen Verlauf der Tagung im krassen Widerspruch.
Anwesend waren ehemalige Angehörige des MfS und Verantwortungsträger der HV A
sowie prominente Wissenschaftler, Historiker, Rechtsexperten der DDR, wie auch
Historiker und Geheimdienstexperten aus der BRD, den USA, aus Holland,
Dänemark, Schweden.
Als Zeitzeugen folgten wir der Einladung der Süddänischen Universität. Unsere
Teilnahme war von der Absicht und dem Willen getragen, einen Beitrag zum Dialog
über die Geschichte der DDR und die Rolle der Geheimdienste in der Zeit des
Kalten Krieges zu leisten.
Zur Vorgeschichte der
Konferenz:
Im November 2001 führte die Birthler-Behörde in
Berlin-Dahlem eine Konferenz zum Thema: „Stasi im Westen: Geheimdienste und
Politik im deutsch-deutschen Verhältnis“ durch. Dort traten nur Referenten der
Behörde bzw. handverlesene Publizisten und Historiker auf. Vertreter des MfS
waren nur als Zuhörer geduldet (Beiträge nachlesbar in: Georg Herbstritt/Helmut
Müller-Enbergs: Das Gesicht dem Westen zu; edition temmen, Bremen, 2003).
Im Jahre 2002 sollte nach den Vorstellungen der
Birthler-Behörde eine Podiumsdiskussion über die Kundschafter stattfinden. Als
Thema war vorgesehen: „Kundschafter und Patrioten – Bundesbürger im Dienst der
Stasi“. Einige „ausgewählte“ Vertreter der HVA sollten daran teilnehmen. Als
wir als Bedingung unserer Teilnahme darauf bestanden, dass mindestens ein
Kundschafter der DDR im Podium vertreten sein müsse, wurde dieses Projekt durch
die Birthler-Behörde fallengelassen.
Wir führten dann am 7. Mai 2004 mit Unterstützung des
Berliner Alternativen Geschichtsforums die internationale Konferenz „Spionage
für den Frieden?“ in Berlin-Kreuzberg durch. Dazu liegt ein Konferenzband vor.
Es traten Vertreter ausländischer Geheimdienste, renommierte Historiker und leitende
Mitarbeiter der HVA/des MfS auf – aber Vertreter der Birthler-Behörde nahmen
nicht teil.
Ab 2006/2007 gab es eine erste Initiative für eine
gemeinsame Konferenz, wesentlich getragen u.a. durch Helmut Müller-Enbergs (Birthler-Behörde)
und den dänischen Historiker Thomas Wegener Friis. Es erfolgte eine regelmäßige
Abstimmung mit Vertretern der HVA und die Zusicherung einer fairen Behandlung
teilnehmender Mitarbeiter und Kundschafter. Das Konzept und die organisatorischen
Vorbereitungen waren für den Juni 2007 in Berlin abgestimmt. Die Absage,
vorwiegend inspiriert von der Birthler-Behörde und von Vertretern der Berliner
CDU führte zu Reaktionen bei der Süddänischen Universität mit der Grundaussage:
Wir wollen diese Konferenz im Interesse der Freiheit der Wissenschaft - wenn
das in Deutschland nicht möglich ist - dann in Dänemark.
Verlauf der Konferenz
Die Konferenz am 17./18. November 2007 in den Räumen der
Süddänischen Konferenz war gegliedert in fünf Sektionen:
1. Die HVA im
Überblick
- Nachkriegs-Gegenspionage in Europa: Prof. Dr.
Nigel West (USA)
-
Geschichte und Aufgaben der HVA: Werner Großmann (HVA)
- HVA – ein
Forschungsstand: Helmut Müller-Enbergs (BRD)
2. Politische
Spionage
-
Bundesregierung und Auswärtiges Amt: Ralf-Peter Devaux (HVA)
- Parteien
in der Bundesrepublik: Kurt Gailat (HVA)
-
Kontaktpolitik: Dr. Herbert Bertsch (HVA)
- Spionage
gegen die BRD: Bernd Lippmann BRD)
-
Desinformation als Propagandakrieg der DDR (bis 1972): Prof. Dr. Michael Scholz
(Schweden)
- Feindbilder: Vom Nutzen und
Nachteil für den Intelligence Cycle: Dr. Beatrice de
Graaf
(Niederlande)
3. Militärspionage
-
Strategische Militäraufklärung: Karl Rehbaum (HVA)
-
Aufklärung der NATO: Rainer Rupp (HVA)
-
Militärspionage unter Chruschtschow: Dr. Matthias Uhl (BRD)
-
Militärspionage des BND in der DDR: Dr. Armin Wagner (BRD)
4. Wissenschafts-,
Technik und Wirtschaftsspionage
- Der
Sektor Wissenschaft und Technik: Horst Vogel (HVA)
- Operatives
Wissen und praktische Verwertung: Prof. Dr. Jörg Roesler (BRD)
- Die
„Kronjuwelen“ und die Bedeutung der wissenschaftlich-technischen Aufklärung:
Prof. Dr. Kristie Macrakis (USA)
5. Gegenspionage und
Spionageabwehr
-
Aufklärung und Abwehr der CIA: Klaus Eichner (HVA)
-
Aufklärung und Abwehr der BRD-Dienste: Gotthold Schramm (HVA)
-
Infiltration des BND: Dr. Gabriele Gast (HVA)
- Das
Verbindungssystem: Heinz Geyer (HVA)
-
Kontinuität und Brüche des BND in der DDR-Spionage: Erich Schmidt-Eenboom
(BRD)
-
Konfrontation der Geheimdienste in Deutschland vor 1961: Dr. Paul Maddrell
(Großbritannien)
- „Blinder
Fleck“: Die CIA und Ostdeutschland: Benjamin B. Fischer (USA)
- Markus
Wolfs Akten, Beute der CIA: Operation Rosenholz: Dr. Robert G.
Livingston (USA)
Die Referate der HVA waren an der Themenstellung der
Konferenz orientiert und verleugneten nicht unsere sozialistischen Positionen.
Nachteilig wirkte sich aus, dass für den mündlichen Vortrag zwingend nur 20
Minuten möglich waren, dadurch kam es zu Verkürzungen, auf wichtige
Argumentationen musste verzichtet werden. Zu jedem Referat liegt der
Universität jedoch eine Langfassung (meist zwischen 10 und 15 Seiten) vor.
Von den Referenten der HVA erfolgten auf der Grundlage der Themenstellung
der Konferenz qualifizierte Darstellungen jeweils mit Bezugnahme auf
historische Ereignisse und Zusammenhänge. Sie bewerteten ihre Arbeit als
Beitrag für die Erhaltung des Friedens und brachten Genugtuung darüber zum
Ausdruck. Die Konferenz hat deutlich durch die detaillierten Vorträge der
Kundschafter Dr. Gabriele Gast und Rainer Rupp gewonnen. Beeindruckend deren
Schilderung wichtiger politischer und operativer Zusammenhänge und
Erkenntnisse, sowie die politische Entscheidungen direkt beeinflussender
Informationen. Dass beide Kundschafter bedeutsame Ergebnisse der Aufklärung der
HV A zur Kenntnis gaben, zeigt die Reaktion einiger bürgerlicher Medien.
Von der Universität waren 13 westliche Wissenschaftler
aufgeboten, die unter den gleichen Bedingungen agieren konnten.
Im Anschluss an die Sektionen bestanden Möglichkeiten für
Anfragen an die Referenten bzw. für kurze Statements. Dabei kam es sowohl zu
inhaltlichen Diskussionen als auch zu „propagandistischen“ Äußerungen von
Vertretern beider Seiten. Auch die für die Diskussion zur Verfügung stehende
Zeit war zu kurz bemessen. Dies verminderte beträchtlich die Möglichkeiten für
den Meinungsstreit und zur Fragestellung.
Zu den aktuellen
Reaktionen nach Abschluss der Konferenz:
Im Widerspruch zu allen früheren positiven Wertungen und
Appellen für die „Freiheit der Wissenschaft“ – bis zum Abschluss der Konferenz
am Sonntag, 18.11. – erklärte der Veranstalter, Dr. Thomas Wegener Friis, am
23.11.:
„Somit zeigten sich
auf dieser Konferenz zwei Sachverhalte:
- Die anwesenden
Wissenschaftler (Anm.: gemeint sind offensichtlich die westlichen
Wissenschaftler!) haben eine durch Fakten abgesicherte Darstellung der
DDR-Spionage geliefert.
- Die geistige
Verfassung der alten Stasi-Eliten hat sich nicht verändert. Diese Personen
haben sich mit ihren propagandistischen Äußerungen öffentlich diskreditiert.“
Das war eine erstaunliche Kehrtwende von der Position, die
der Veranstalter Dr. Friis während und unmittelbar nach der Konferenz
öffentlich vertreten hat. So wurde Dr. Friis z.B. in der Frankfurter Rundschau (19.11.2007) noch wie folgt zitiert: „Dass
die HV-A-Leute ihre Position darlegen würden, das ist natürlich kontrovers.
Aber alles in allem ist das vernünftig abgelaufen". Und der „Stern“ (19.
11. 2007) berichtete: „der Konferenzorganisator Friis war am Ende hoch
zufrieden mit dem Erfolg seiner Konferenz“. Gegenüber der Tageszeitung „junge
Welt“ (20.11.2007) sagte Dr. Friis, die Konferenz sei „sehr vernünftig
gelaufen, es war ein spannendes Experiment“ Nach einigen Referaten habe es
„zwar hitzige Diskussionen“ gegeben, man sei „sich aber nicht an den Kragen
gegangen“. Was bei Dr. Friis den plötzlichen Sinneswandel verursacht hat, so dass
er einige Tage später mit einer total konträren Stellungnahme an die Öffentlichkeit
ging, darüber kann nur spekuliert werden.
Dagegen zeigte sich die schwedische Professorin Dr. Birgitta
Almgren in einem Interview in junge Welt
vom 30.11.2007 über das Ergebnis der Konferenz hocherfreut und zugleich machte
sie klar: „Es geht für die Wissenschaft nicht um Schuldbekenntnisse.“
Unter Bezugnahme auf eine Veröffentlichung in der
"Süddeutschen Zeitung" betonte der westdeutsche Wissenschaftler Dr.
Andreas Kalckhoff in einem Leserbrief am 22.11.2007:
„Die Kritik, mit der die Autorin die Veranstalter bedenkt,
ist für eine Journalistin, der die Trennung von Bericht und Kommentar, von
Recherche und Interpretation doch vertraut sein müsste, schon erstaunlich.
Anscheinend hat sie erwartet, dass die Spione, von denen einige von Gerichten schuldig
gesprochen worden sind und ihre Strafe abgesessen haben, von den Historikern
quasi noch einmal vor Gericht gezerrt und unter Johlen des Publikums
abgeurteilt werden. Eine Historiker-Tagung mit einem Schauprozess zu
verwechseln, ist indes ein Missverständnis.“
Aussagen aus einigen Medien:
ohne Unrechtsbewusstsein; keine Aufklärung, nur beharrliche
Rechtfertigung; die verbreiten doch nur Geschichtsklitterung; Zeitzeugen oder
Unbelehrbare; Verhöhnung der Stasi-Opfer.
Diese
Aussagen werden ergänzt durch hasserfüllte persönliche Diffamierungen. Da lesen
oder hören wir: Gespenstertreffen in Dänemark; Seniorentreffen der
schauerlichen Art; Butterfahrt der Stasi-Offiziere: Eine Hundertschaft
beleibter Senioren schleicht in den Hörsaal; Versammlung alter Männer auf
Krücken und in Gesundheitsschuhen.
Natürlich
meldet sich auch die Birthler-Behörde zu Wort:
Die Behörde, die eine Beteiligung an der Konferenz abgelehnt hatte,
kritisierte deren Verlauf . Vom wissenschaftlichen Anspruch der dänischen
Veranstalter, die Ansichten der HVA-Vertreter einer kritischen Reflexion
auszusetzen, sei "nicht viel übrig geblieben".
"Aufklärungswille
ist hier nicht erkennbar, es geht nur um Rechtfertigung", sagte der
wissenschaftliche Mitarbeiter der Behörde, Jens Gieseke (der als „stiller
Beobachter an der Konferenz teilnahm), der Nachrichtenagentur AFP. "Die
alten Stasi-Generäle haben keinerlei Reflexion dessen, was sie getan haben.
Denen geht es nur um Reinwaschung und ums Abstreiten von Verantwortung",
sagte Birthler-Sprecher Andreas Schulze. "Man adelt Leute zu Zeitzeugen,
die nichts gelernt haben. Die verbreiten doch nur Geschichtsklitterung."
Und Hubertus
Knabe sattelt noch drauf:
Die
Konferenz verharmlose die SED-Diktatur sagte Knabe vor Beginn der Konferenz.
Dem Organisator Thomas Wegener Friis mangele es offenbar an der notwendigen
Sensibilität im Umgang mit Diktaturen. Das Argument, die Stasi-Offiziere seien
Zeitzeugen, sei absurd. „Das ist so, als würde man Osama bin Laden und seine
Mitarbeiter zu einer Terrorismus-Tagung einladen.“
Damit unterstreicht Knabe seine Position, dass die Historiker das jetzt
nachholen müssten, was die Justiz nicht geschafft hat.
Unter
weitgehender Ausblendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Diskussionen
der Konferenz in Odense fokussierte sich die Berichterstattung, speziell in den
deutschen Medien, auf die schrille „Vermarktung“ der persönlichen Äußerungen des
Rechtanwalts Jürgen Strahl. Der hatte unter Verweis auf den gerade wieder
ausgestrahlten Stauffenberg-Film auf die damals in Nazi-Deutschland
vorherrschende Meinung gesagt: Verräter erschießen sich selbst oder sie werden
erschossen. Ohne Versuch, den Sachverhalt weiter zu klären, stürzten sich die
deutschen Medien auf diese gewiss inakzeptable Äußerung von Rechtsanwalt Strahl
und so wurde die Aussage einer Person aus dem Publikum pauschal als die der
ehemaligen HVA-Referenten kolportiert.
Lassen wir
hier nochmals die schwedische Professorin, Frau Birgitta Almgren zu Wort
kommen. Im bereits erwähnten Interview mit „junge Welt“ sagte sie mit Blick auf
die Berichterstattung in den großen deutschen Medien:
„Ich habe
einige dieser Artikel gelesen und kann es gar nicht nachvollziehen. Mit Blick
auf die Verfasser frage ich mich: Waren wir auf derselben Konferenz? Die
Zeitungen stürzten sich auf irgendwelche provozierenden Äußerungen von
Zugreisten in den Pausen, die nichts mit den Vortragenden zu tun hatten“.
Werner
Großmann, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Konferenz teilnehmen
konnte, äußerte sich zu dieser absichtlichen Verdrehung der Tatsachen in den
deutschen Medien am 29.11. in der jW:
„In den
letzten Tagen wurde durch Medien versucht, die Tätigkeit der HVA und ihrer
ehemaligen Mitarbeiter zu diskreditieren und zu kriminalisieren sowie das
Ergebnis der Konferenz in Frage zu stellen. Die Medien beziehen sich vor allem
auf einen Diskussionsbeitrag des Gastes der Konferenz, RA Jürgen Strahl, der
die Behauptung aufgestellt hatte, dass Verräter aus militärischen Einrichtungen
zu erschießen seien oder sich selbst zu erschießen hätten. Er nahm dabei Bezug
auf den Mord an Graf von Stauffenberg, der wegen seiner Beteiligung an den
Ereignissen des 20. Juli 1944 von den Nazis hingerichtet wurde.
Ich, unsere
Teilnehmer an der Konferenz und alle ehemaligen Mitarbeiter der HVA distanzieren
sich entschieden von dieser Feststellung. Den empörenden Vergleich von
verbrecherischen Entscheidungen Nazideutschlands mit Vorgängen in der DDR
weisen wir entschieden zurück.
Wir halten
das Vermächtnis gegenüber den Kämpfern gegen den Faschismus hoch und wenden uns
gegen Verletzungen der Menschenrechte in Vergangenheit und Gegenwart.“
Wolfgang
Schwanitz erklärte dazu:
„Als letzter
Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) distanziere ich mich energisch
von der Äußerung des Herrn Jürgen Strahl auf der Konferenz „Hauptverwaltung A.,
Geschichte/Aufgaben/Erkenntnisse“ am 17. und 18. November 2007 an der
Süddänischen Universität in Odense.
…..
Die
faktische Gleichstellung der DDR mit dem Hitlerfaschismus ist eine Beleidigung
aller, deren Maxime der Antifaschismus ist.
Zu den
Gründern des MfS gehörten viele Kämpfer gegen den Faschismus. Sie prägten den
Geist des Antifaschismus in diesem Organ.
Mit seiner
Äußerung steht Strahl allein. Von ihr auf die Denkweise der Mitarbeiter des MfS
zu schließen und eine neue Kampagne, ja Pogromstimmung, gegen die „Stasi“
auszulösen, ist
dem
Antikommunismus geschuldet. …“ (Vgl.
www.mfs-insider.de)
Wir sind uns
aber einig, dass die bürgerlichen Medien auch einen anderen Anlass für ihre
Hetze und Verleumdung gefunden und genutzt hätten.
Aber die
Medien kommen auch nicht umhin, in ihren Überschriften und Beiträgen positive
Wertungen aus Beiträgen unserer Seite in die Öffentlichkeit zu transportieren,
z.B.: erfolgreiche Arbeit zur Friedenssicherung; wir sind nicht wie andere Geheimdienste
für Staatsstreiche, Ermordungen oder Entführungen verantwortlich; nach wie vor
achten und ehren wir die Kundschafter des Friedens; unsere Quellen wurden
niemals für Zwecke missbraucht, die humanistischen Zielen widersprechen; stolz
auf unsere Arbeit mit herausragenden Ergebnissen; ich würde heute nichts
anderes machen.
Zum Auftreten
bürgerlicher Wissenschaftler:
Von den 13
westlichen Referenten behandelten zwei Historiker Themen weitab vom Inhalt der
Konferenz (Prof. Nigel West über Überläufer aus dem KGB in den 40er/50er
Jahren; Dr. Matthias Uhl über die Militärspionage des KGB unter Chruschtschow).
Die
Frankfurter Rundschau zog als Resümee:
„Die Fachwissenschaftler unter den Rednern
blieben allerdings deutlich im Schatten der einstigen DDR-Geheimdienstler, die
selbstbewusst bis aggressiv auch Fragerunden zur Selbstdarstellung nutzten.“
Der Leiter des Museums in der Berliner Normannenstr., Bernd Lippmann,
hatte sich, anders als seine Berliner Kollegen, für die Teilnahme an der Tagung
entschieden. Nach seinen Erklärungen wollte er den einstigen „Stasi-Generälen
nicht das Feld überlassen“.
Während
seines Vortrages mit subjektiven und unrealistischen Vorstellungen über die
Struktur der Westspionage des MfS stellte er dann u.a. die tiefgründige Frage:
„Weil Sie
doch so viel Wert auf Ihre antifaschistische Motivation legen, möchte ich mal
wissen, ob alle von der Stasi verhafteten DDR-Bürger in Ihren Augen Faschisten
gewesen sind?“
Herr
Lippmann bezog sich auch auf seine Kontakte zur „Internationalen Gesellschaft
für Menschenrechte“. Auf eine Anfrage aus dem Publikum über geheimdienstliche
Hintergründe der Gründung und des Wirkens dieser „IGfM“ wusste Herr Lippmann
keine Antwort. Ein Vertreter der HVA nannte ihm spontan die Namen der Geheimdienstagenten,
die Gründer der „IGfM“ waren – und Herr Lippmann konnte sich dann zumindest an
einen Namen erinnern.
Dem fügte er
dann noch zehn Fragen an Gabriele Gast an mit dem Höhepunkt, ob denn die HVA
ihr als Quelle auch vertraut habe.
Frühere Stasi-Offiziere sollten nach Ansicht von Lippmann zwar als
Zeitzeugen befragt werden, dürften aber nicht als Verkünder ihrer Ideologie
auftreten.
Der
Militärhistoriker und Offizier der Bundeswehr, Dr. Armin Wagner aus Hamburg, versuchte eine Ehrenrettung des Bundesnachrichtendienstes
(BND) und sparte dafür jede kritische Bewertung der Spionagemethoden des BND
aus, die zu zahlreichen Verhaftungen durch das MfS führten. Es ist aus
zahlreichen Publikationen ersichtlich, dass der BND wegen mangelnder
Professionalität und Fehlern der V-Mann-Führer Hunderte von Agenten durch
Enttarnung in der DDR verloren hat. Das findet bei Dr. Wagner keine Erwähnung.
Nach Ansicht von Dr. Wagner habe
der westdeutsche Dienst trotz viel schwierigerer Startbedingungen stets ein
"zutreffendes Lagebild" der sowjetischen Militärpräsenz in der DDR
gehabt - auch wenn es mit der Spionage in den obersten Sphären der ostdeutschen
Politik sehr haperte.
Dr. Wagner
bediente die alten Klischees der Geheimdienst-Arbeit Ost-West:
"Aber
es macht schon einen ethischen Unterschied, ob ich für eine liberale
freiheitliche Ordnung arbeite oder für ein diktatorisches Regime."
Im Disput
über unsere Darlegungen zur Bearbeitung der bundesdeutschen Nachrichtendienste
durch die HVA kritisierte er nachdrücklich, dass der Referent nichts über die
Niederlagen der HVA in diesem Kampf ausgebreitet habe.
Die Tageszeitung junge Welt bilanzierte:
Vor
allem bei Wissenschaftlern aus dem Ausland stieß die Konferenz auf Resonanz.
»Das war hochspannend. Ich habe noch nie so viele interessante Details
erfahren«, lobte die niederländische Historikerin und Autorin Beatice de Graaf.
»Von der HVA-Seite gab es selbstkritische und gut formulierte Beiträge, bei
manchen Referaten wäre aber vielleicht etwas mehr wissenschaftliche Reflexion
nötig gewesen.« Klaus Schulze, Assistenz-Professor an der Universität Roskilde
(Dänemark), zeigte sich überrascht »von der problematischen wissenschaftlichen
Qualität von zwei der Bundesregierung nahe stehenden Referenten«. Der deutsche
Friedensforscher Erich Schmidt-Eenboom hob den internationalen Aspekt hervor:
»Es hat sich ausgezahlt, daß Referenten aus Drittstaaten in die Konferenz
einbezogen wurden«, bemerkte er gegenüber jW. »Ich hoffe, daß diese neue
Sachlichkeit auch nach Deutschland überschwappt.«
Die Harvard - Professorin Kristie Macrakis, die seit Jahren
über die wissenschaftlich-technische Aufklärung der DDR forscht und dazu
etliche hundert Akten aus der Birthler-Behörde ausgewertet hat, hob die
Qualität der jahrelang tätigen Quellen des Bereiches SWT hervor und
polemisierte außerdem über die Thesen von Dr. Wagner, dass 90 Prozent der
Quellen der HVA auf der Basis materieller Interessen tätig war (Dr. Wagner
beruft sich dabei auf Forschungsergebnisse der Birthler-Behörde). Sie
bekräftigte ihre Position noch einmal nachdrücklich in einem Leserbrief in der
FAZ vom 5.12. mit der Überschrift: „Warum so feindselig?“
Erich Schmidt-Eenboom gab eine kritische Bilanz der
BND-Spionage gegen die DDR. Nach authentischen Angaben hatte der BND im Jahre
1988 rund 180 Agenten in und gegen die DDR eingesetzt; davon waren 160 vom MfS gesteuerte Doppelagenten, von den 20 noch
nicht offiziell enttarnten Quellen hatten 2, maximal 3, die Qualität von
Innenquellen mit entsprechendem Informationszugang.
Der britische Historiker P. Maddrell, der seit Jahren
Forschungen zur westlichen Spionage von 1945 bis 1961 vom Boden der BRD aus gegen
die SBZ/DDR betreibt, stellte fest, dass
bei diesen massiven Spionage- und Subversionsangriffen die DDR zu umfassenden
Abwehrmaßnahmen gezwungen war, ihre Abwehrarbeit also legitim war.
Besonders faszinierend war der Vortrag des langjährigen
Leiters der Historical Division der CIA, Benjamin Fisher. Er bezeichnete es als
den größten historischen Fehler der CIA, die HVA als „toten Nebenarm“ des KGB
betrachtet und damit unterschätzt zu haben. Die Quittung war, dass alle
CIA-Agenten in und gegen die DDR vom MfS gegengesteuert waren. In seinem
Beitrag listete er eine Reihe eindrucksvoller Erfolge der HVA auf.
Abschließend
berichtete der US-amerikanische Forscher und frühere Diplomat Robert
Livingston ganz sachlich und unvoreingenommen über seine Forschungsergebnisse
zum Problem der „Rosenholz“-Dateien. Dabei unterstrich er, dass die Arbeit der
HVA in der BRD, wie auch anderswo, nicht auf Systemsturz, Unterwanderung usw.
ausgerichtet war und gab eine hohe
Wertung der HVA-Ergebnisse bei der Aufklärung in der Bundesrepublik und der
NATO.
Noch einmal aus der Bilanz
der jungen Welt:
In Dänemark
ist machbar (Anm.: heute muss man sagen: schien kurze Zeit machbar), was in
Deutschland zur Zeit offenbar noch nicht möglich ist: eine offene und auf
Erkenntnisgewinn gerichtete Diskussion über die Rolle der Auslandsaufklärung
des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR.
Die
Konferenz war aus unserer Sicht unter den gegebenen Möglichkeiten ein
wissenschaftlicher Erfolg, der eine Fortsetzung verdient. Sie bot Gelegenheit
zu sachlichen Gesprächen und Dialogen.
Im Frühjahr
2008 soll ein Konferenzband mit möglichst allen Beiträgen (das ist abhängig von
der Zustimmung der Referenten zur Veröffentlichung ihrer Vorträge) erscheinen.
Aus der Vorgeschichte:
Die ängstliche Marianne -
ein Kommentar
Zur entsprechenden Pressemitteilung der BStU
Zitat des Tages: "...wenn Sie (Frau
Birthler) ihren Historikern das versierte Fragen, das Einordnen und Bewerten
von mündlichen Quellen nicht zutraut, dann muss man fragen, was anderthalb
Jahrzehnte wissenschaftliche MfS-Aufarbeitung in ihrem Haus an Kompetenz
gebracht haben." (Thomas Rogalla, ehem. Presesprecher der BStU, in der
"Berliner Zeitung vom 08.06.2007)
Meinungsdiktat von Birthler & Co. erfolgreich verteidigt:
Wissenschaftliche Tagung über die HVA des MfS abgesagt.
"Beschämender Eingriff in Freiheit der Wissenschaft"
(Interview
der "jungen Welt" mit Thomas Wegener Friis am 12.06.2007)
Aus der "jungen Welt" vom
20.11.2007:
Spannendes Experiment
Interview mit der US-Professorin
Kristie Macrcis
Etwas Kalter Krieg
Rainer Rupp: Kurz vor dem Atomkrieg (jw 22.11.07)
Forscher drohen Konsequenzen (ND 24.11.07)
ND-Interview mit HVA-Vertretern (24.11.07)
Trauerspiel Odense (ND 29.11.07)
Interview mit der schwedischen Professorin B. Almgren (jw 30.11.07)
Distanzierung von unsäglicher Äußerung:
Erklärung von Werner Großmann
Erklärung von Wolfgang Schwanitz
Anmerkungen von Prof. Horst Schneider zur Konferenz in Odense
Hauptverwaltung A - Geschichte, Aufgaben und Einsichten.
Referate und Beiträge der Konferenz am 17./18.11.2007 in Odense/Dänemark.
(edition ost Berlin 2008)
Inhaltsangabe