jungeWelt

01.12.2006 / Inland / Seite 5

Was wäre, wenn ...

... das Böse nunmehr obsiegte?

Mathias Wedel

Das Böse ist natürlich - seitdem es die Gestapo nicht mehr gibt und weil die Existenz Satans nicht zweifelsfrei bewiesen ist - die Staatssicherheit. Sie hat in den letzten 16 Jahren so viele Verbrechen begangen, wie in all den Jahre zuvor nicht - Dutzende Auftragsmorde, ein bis zwei Morde durch radioaktive Bestrahlung, Entführungen, Zwangsadoptionen, Folterungen in Jugendwerkhöfen und Mißbrauch von Babypuppen waren dem Publikum nicht nur völlig neu, sondern sind auch neu dazugekommen. Auch zahlreiche psychische Zerrüttungen seit Einführung des Euro und der letzten Umstellung auf die Winterzeit - früher für normale Herbstdepressionen gehalten - gehen aufs Stasikonto. Die Stasi selber hat dazu keinen wesentlichen Beitrag mehr leisten können, dafür aber die Organe, die sie offenbar fest im Griff hat - Spiegel, Bild, Focus und Superlllu. Auf diese Weise konnte das MfS nicht nur glauben machen, daß es weiter existiert, sondern fortgesetzt Angst und Schrecken säen.

Seit gestern nun, scheint's, hat der Rechtsstaat vor dem Bösen kapituliert. Seine bisher nicht enttarnten Handlanger dürfen nun ungefährdet ihrer Geschäftstätigkeit nachgehen. Als erstes haben die Polizisten den Ton geändert. Ein Verkehrskontrolleur, der mich auf flachem Lande hinter einem unbeschrankten Bahnübergang an einer stillgelegten Bahnstrecke mit angeblich überhöhter Geschwindigkeit stellte, reagierte auf meine halb ungläubige, halb trotzige Haltung mit den Worten: »Wir können auch anders«.

Das saß! Hellhörig geworden, klangen mir die Worte des Zugbegleiters nach Bernau (denn natürlich mußte ich die Fahrerlaubnis abgeben) in den Ohren. Der Mann, dessen Qualifikation ich in einer tariflichen Auseinandersetzung in Abrede stellte (angeblich hatte ich den falschen Fahrschein gelöst, deshalb nannte ich ihn einen Idioten) konterte: »Sie wissen wohl nicht, was ich früher gemacht habe!« Nein, aber jetzt konnte ich es mir denken.

Noch lustiger geht es seit heute an ostsdeutschen Schulen zu, in die sich viele hauptamtliche Stasis gerettet hatten. Als Lehrer für Nadelarbeit, Ausdruckstanz oder Ethik sind sie ausgerechnet in ideologieintensiven Bereichen aktiv. Das liegt ihnen irgendwie. Ab heute werden sie die lieben Kleinen mit spannenden Geschichten aus ihrer Tschekisten-Zeit in Atem halten. In Klapp- und Freistunden werden sie gern eingesetzt, denn es fehlt ihnen nie an faktenreichem Stoff: Herr Schmidt erzählt von früher. Hubertus Knabe befürchtete gestern auf dem Brandenburger Info-Radio noch Schlimmeres. Wahrscheinlich Anwerbungen von Kinder-IM.

Das Böse obsiegt offenbar auch in der Gauck-und Birthler-Behörde. Seit Jahren sitzen dort fünfzig Stasioffiziere im Sessel. Manche allerdings nur im Pförtnerhäuschen. Pfarrer Gauck hat sie eingestellt. War er ihnen zu Dankbarkeit verpflichtet? Wenn ja - wofür? Daß sie seine Akte geführt oder daß sie sie gereinigt hatten? Jedenfalls kann sich jeder, der vom Bösen einigermaßen eine Ahnung hat, vorstellen, was diese halbe Hundertschaft in der Behörde angerichtet hat. Nicht Gutes jedenfalls, sondern Böses. Hubertus Knabe vermutet beispielsweise, daß einzelne Aktenseiten, die als »verschwunden« gelten, gar nicht verschwunden, sondern »verschwunden« sind. Wurde in der Behördenkantine mit Drogen hantiert? Knabe erinnert sich an gewisse Müdigkeitsschübe, ja Bewußtseinstrübungen, die während seiner Festanstellung in der Behörde an ihm registriert wurden, und die schließlich zu seiner Verlegung in den Knast von Hohenschönhausen geführt hatten. Und hat es nicht von den einstigen Geheimdienstlern an der Pforte oft genug ein vergiftendes »Guten Morgen« oder ein luziferisches »Kommen Sie gut nach Hause, Herr Knabe« gegeben? Auch mancher plötzlich entleerte Papierkorb erscheint heute in einem anderen Licht.

Und von diesen Leuten läßt sich die Demokratie weiter auf der Nase herumsitzen. Aus der Behörde verlautet: Elf der belasteten Personen seien »aus fachlichen Erwägungen« unersetzlich (was muß das für eine Drecksarbeit sein, die sie verrichten!). Und der große Rest sei unkündbar.

Das Böse - unkündbar. Schlimmer geht's nimmer.