Keine andere
Wahl !
Nun hat auch
der ehemalige Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, George Blake, lt.
Untertitel der wichtigste Doppelagent in der Ära des Kalten Krieges - ein
autobiographisches Werk vorgelegt. Im wohltuenden Unterschied zu den früheren
"Erinnerungen" ehemaliger Spione ohne die Zwänge aus ideologischen
Vorgaben oder geheimdienstlicher Konspiration bzw. Irreführung, die
Publikationen der Spione im Auftrag der ehemals sozialistischen Staaten ebenso
beeinflußten, wie noch bis heute Veröffentlichungen von Überläufern aus
östlichen Geheimdiensten in den Westen davon geprägt werden.
Nicht
zuletzt deshalb beeindruckt das Bemühen von George Blake, seine ganz
persönliche Position darzulegen sowie seine von tiefem Nachdenken zeugenden
Überlegungen über Schuld und Verantwortung und um so nachvollziehbarer die
Darlegungen zu seinen Motiven.
Hier meldet
sich ein Mensch zu Wort, der auch nach den Bitterkeiten der Niederlage des
Systems, dem er unter Einsatz seines Lebens gedient hat, bereit ist, für seine
Motive einzustehen und der auch heute noch sagen kann und will: "Ich hatte
keine andere Wahl !" Und das nicht, weil ihm eine geheimdienstliche
Intrige keinen Ausweg gelassen hätte. Nein, in der Kälte und Bitternis der
Internierung in Nordkorea reift in dem jungen Mitarbeiter des britischen
Geheimdienstes SIS 1951 der Entschluß, sich freiwillig mit dem Geheimdienst der
Sowjetunion zu verbinden und all die Belastungen der Arbeit eines Kundschafters
im Herzen eines anderen Geheimdienstes auf sich zu nehmen, "um der Sache
des Kommunismus zu dienen". Phillip Knightley, ein international
anerkannter Experte für Geheimdienstarbeit (u.a. "Die Geschichte der
Spionage im 20. Jahrhundert") bescheinigt George Blake in seiner
Einleitung: "Hier handelt es sich um die Geschichte eines Mannes, der seit
seiner frühesten Jugend für das, woran er glaubte, sein Leben riskiert
hatte."
Woran könnte
die Aussage gemessen werden, G. Blake sei der wichtigste
"Doppelagent" im Kalten Krieg
gewesen ?
Ihm wurde
vorgeworfen, mehr als vierhundert Agenten des britischen Geheimdienstes an den
KGB verraten zu haben. In erster Linie doch wohl ein Hinweis auf die Intensität
der Spionagetätigkeit Großbritanniens gegen die Ostblockstaaten. George Blake
wehrt sich auch überzeugend gegen die Anschuldigung, er sei für den Tod von
vierzig Agenten verantwortlich.
Spektakulär
ist wohl vor allem, dass er lange vor
dem "ersten Spatenstich" das Projekt des Abhörtunnels in Altglienicke
bei Berlin an den KGB übermittelte. Nach der "planmäßigen" Aufdeckung
dieser mit britischem Know how und amerikanischen Dollars realisierten
Abhöraktion jubelten die westlichen Medien diesen Tunnel als einen großen
Erfolg der CIA hoch. Nun kann jeder nachlesen, daß dank George Blakes
Informationen dieses Projekt zu einem der brillantesten Täuschungsoperationen
des KGB in den 50er Jahren genutzt wurde.
Evtl. ist
die Bedeutung der Arbeit von George Blake auch aus der in der Geschichte der
britischen Justiz einmaligen Höchststrafe von 42 Jahren ablesbar.
Nicht alle
Fragen konnte Blake beantworten, insbesondere wie es zu seiner Enttarnung
gekommen ist, über welche Kanäle der SIS Signale auf eine sowjetische
Spitzenquelle in seinem Apparat bekommen hatte. Der Hinweis auf den Verrat
eines leitenden Mitarbeiters im polnischen Geheimdienst reicht nicht aus.
Aber nicht Aussagen über Geheimdienst-Operationen, über den Alltag eines Agenten beim Fotografieren von Dokumenten oder bei den Treffs, über die spektakuläre Flucht aus dem Londoner Gefängnis Wormwood Scrubs o.ä. machen das Buch interessant und wertvoll. Für den Leser wird überall der Mensch George Blake mit seinen Überzeugungen, seinen Zweifeln, seinen Fragen erlebbar.
George
Blake: Keine andere Wahl; Die Autobiographie des wichtigsten Doppelagenten aus
der Ära des Kalten Krieges;
edition
Verlags-GmbH, Berlin, 1995; ISBN 3-86124-284-2; 349 S., geb;