Neues Deutschland
ND vom 30.12.2004
Münchhausen oder Eulenspiegel?
Von Erich Schmidt-Eenboorn
Das vom
BND in Sorge erwartete Buch irritiert von Anfang an. Dem von staatsbürgerlicher Ritterlichkeit erfüllten Vorwort folgt ein Einstieg im Stile
der Haudegen-Broschüren, wie sie in angelsächsischen Geheimdienstmemoiren üblich sind. Vorweggenommen wird der Kern
des Buchs: die Operation »Giraffe«, jenes Unternehmen, durch das der nicht gerade erfolgsverwöhnte BND ab Juli 1990 gemeinsam mit
amerikanischen und britischen Diensten alles, was ein Agentenherz an Dokumenten
und Rüstungsmaterial
begehrt, bei den aus Ostdeutschland abziehenden sowjetischen Streitkräften absahnen konnte. Unter dem Decknamen »Dannau« war der Autor als Operateur dabei. Im
Herbst 1984 stieg Norbert Juretzko beim BND ein und
fand bei der »Postkontrolle
DDR« einen
unbefriedigenden Platz. Als Intrigantenstadl ohne
gleichen schildert er diese Dienststelle, nennt sie nur »bedingt dienstbereit«, bemängelt die Arbeitsmoral aller Mitarbeiter.
Im Gegensatz zu ihm haben indes HVA-Generale Respekt vor den aus diesem Sumpf
summierten Erkenntnissen über die Versorgungslage oder die Wehrmotivation in der DDR
bekundet. In seiner nächsten Verwendung von 1987 bis 1990 bei der Stay-Behind-Truppe
des BND war Juretzko endlich in seinem Element. Er
bietet Geschichtchen, beschreibt die Struktur des deutschen Gladio-Zweiges,
Praktiken der Tipp-Gewinnung, Ausbildung und Funkbetrieb, was bis dato in der
Form noch nicht öffentlich
geworden ist. Aber auch in diesen Passagen mangelt es nicht an Seitenhieben
gegen die Zentrale.
Zum
uralten und nicht auf Nachrichtendienste beschränkten Konflikt zwischen »Frontschweinen« und »Verwaltungshengsten« weiß der ewige Hauptmann manche Kapriolen zu
berichten. Berechtigt ist sicher die Kritik, dass den überlasteten Operateuren kein Übersetzer zur Seite gestellt wurde, während in anderen Dienststellen Däumchen gedreht wurden; andererseits müsste sich der Autor selbst fragen, wie es
zum Einsatz von Verbindungsführern wie ihn oder seines Partners Teubner
kommen konnte, wenn diese der russischen Sprache nicht mächtig sind, sie sich von Kollegen erst den
Geheimhaltungsgrad eines erbeuteten Schriftstücks in kyrillischen Buchstaben erklären lassen mussten. Fehlbesetzung?
Was der
Autor an Geheimmaterial aus sowjetischen Garnisonen beschaffen konnte, erfüllt ihn jedenfalls noch heute mit großem Stolz. Der Siegestaumel macht
betriebsblind. Denn was nutzt es, einem Gegner in die Karten zu schauen, der längst gepasst hat? Zudem ist fraglich, ob
alles, was »Dannau« sich auf die Fahnen schreibt, auch sein Werk war. Die spektakuläre Beschaffung eines Freund-Feind-Erkennungsgeräts der sowjetischen Fliegerkräfte z.B. verdankten die angelsächsischen Dienste ihrem Bekunden nach
einem Kollegen »Ernst«. Zweifellos hat Dannau
dem BND wichtige Quellen erschlossen - bis hin zu einem Oberst und einem
General der Westgruppe der sowjetischen Truppen. Seine Anbahnung und Führung von »Münchhausen« und »Eulenspiegel« beispielsweise erscheinen durchdacht und
professionell, auch wenn manche Dienstvorschrift vorsätzlich verletzt wurde. Wenn der BND über seinen Schatten springen könnte, würde er manche Anregung aus solchem
Einfallsreichtum gewinnen.
Nach der
Schilderung von Agenten-Abenteuern im »wilden Osten« und Kritteleien am bürokratischen
Starrsinn der Pullacher Verwaltung bietet das letzte Drittel des Buches einen
politischen Krimi: den Verdacht gegen den Leiter der BND-Abteilung 1, Volker Foertsch, für den KGB zu arbeiten. Ausgelöst hatte diesen Juretzkos Quelle »Rübezahl«, die ab Anfang 1997
entsprechende Hinweise streute. Ob es sich bei dem 1956 in BND-Dienste
getretenen Foertsch tatsächlich um den seit den 60er
Jahren gesuchten »zweiten Heinz Felfe« handelte oder
ob die russischen Dienste den BND durch Desinformation lähmen wollten, bleibt
ungeklärt. Verdienstvoll ist Juretzkos Aufhellung der
damaligen Vorgänge hinter den Kulissen - in Pullach,
beim Verfassungsschutz in Köln, beim MAD, beim Generalbundesanwalt und im
Bonner Kanzleramt. »Dannau« war dabei als Diener
zweier Herren, der Beschaffung und der Sicherheit, zwischen die Mühlsteine
geraten.
Die
Sicherheit war als paranoide Jagdgemeinschaft verschrien, selbst gegenüber dem
eigenen, seit Februar 1994 amtierenden Chef Foertsch.
Dessen Überwachung im Dienst per Video sowie die Ermittlungen im privaten
Umfeld waren von BND-Präsident Hansjörg Geiger gedeckt, der sich selbst
unbeschadet aus der Affäre winden wollte. Dass sich die Sicherheit letztlich
nicht für eine restlose Aufklärung des Falls durchsetzen konnte, ist auch
politischer Übersteuerung und einem merkwürdigen Verhalten der
Bundesanwaltschaft zuzuschreiben. Einen Gefallen hat man damit nicht dem in
Verdacht geratenen Mann getan: Foertsch schied im
Oktober 1998 verbittert aus, der Makel, dass da was gewesen sein könnte, haftet
weiter an ihm.
Wo es um
die Nachwehen der Operation »Giraffe« geht und um die Abschaltung gewonnener
Quellen, da hatte der BND-Hauptmann Juretzko zu wenig
Einblick in Notwendigkeiten. Ein knapper Bericht des russischen
Inlandsnachrichtendienstes FSB vom August 2001 räumt eigene Versäumnisse in der
Anfangsphase des Abzugs der Sowjettruppen ein, gesteht den westlichen Diensten
Beschaffungserfolge zu, macht aber zugleich deutlich, dass der Werbung von langfristigen
Innenquellen in der russischen Armee durch erfolgreiche Abwehrarbeit ein Riegel
vorgeschoben werden konnte. Es gab Grund genug, Vorsicht gegenüber möglichen
Doppelspielen walten zu lassen. Zu einer ausgewogenen Darstellung hätte sicher
auch gehört, von der Ausschleusung der BND-Quelle »Küstennebel« - ein
russischer Hauptmann der Funkaufklärung - über Kasachstan 1998 zu berichten,
zumal sie im Hausblatt des Ko-Autoren Wilhelm Dietl,
dem »Focus«, beschrieben worden ist. Mager kommt am Schluss (nur eine
Buchseite) der Prozess 2003 gegen Juretzko daher.
Hier wird vom Autor Geheimhaltung als Grund vorgegeben, die ihn ansonsten wenig
kümmerte. Die Bewährungsstrafe von elf Monaten sowie die verschwiegenen großen
Geldforderungen der Bundesrepublik an ihn sollen offenbar keinen Schatten auf
die edlen Motive des »Schlapphuts« werfen. Getrübt wird das Selbstmitleid des Juretzko auch nicht durch eine Spur von Reue über seine
Rolle in einem Verfahren im Juli 1998 gegen seinen ehemaligen Chef und zwei
Kollegen.
Der
wissenschaftliche Gebrauchswert des Buchs ist durch die Veränderung von Orten,
Abläufen und Namen eingeschränkt. Personen tauchen wechselweise unter Klarnamen
(Smidt oder Foertsch),
richtigen Decknamen (Gigl für Karl Gallwitz), verfälschten Decknamen (Gassinger
statt Assinger) bzw. Fantasienamen auf. Verbitterung
und Effekthascherei haben aus dem Stoff für ein herausragendes Buch ein allzu
vielschichtiges Elaborat werden lassen. Dennoch finden sich auch hier einige
Goldkörner.
Norbert Juretzko/Wilhelm
Dietl: Bedingt dienstbereit. Im Herzen des BND - die Abrechnung eines
Aussteigers. Ullstein Buchverlag, Berlin 2004. 382S., geb.,15,90 €.