„Neues Deutschland“, 29.09.2005

Drehverbot wegen Stasi-Angst?

Ex-CIA-Agent Hannes Sieberer plädiert für mehr Sachlichkeit

Fragwürdig


Dem MDR wurde verboten, mit Ihnen und dem ehemaligen MfS-Offizier Herbert Kierstein ein Ge­spräch in den Räumen der ehema­ligen Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen nach­zustellen. Mit welcher Begründung wurde Ihnen der Zutritt verwehrt?

Es wurde von Seiten der Gedenkstätte gegenüber der Journalistin, die uns im Auftrag des MDR interviewte, erklärt, daß man wegen des Buches »Verheizt und vergessen«, das ich gemeinsam mit Herbert Kierstein geschrieben habe, keine Drehgenehmigung erteile. Konkret nähme man Anstoß an der Nennung einer Person im Buch - ich vermute, es handelt sich um Reuter und sein U-Boot-Gruselkabinett aus der Zeit der Sowjetverwaltung.

Der eigentliche Grund scheint aber der zu sein: Mein aus konkreter Erfahrung und Beobachtung gespeistes Bild von der Untersu­chungshaftanstalt stimmt nicht mit dem von der Gedenkstättenverwaltung verbreiteten überein. Daran darf niemand kratzen. Das aber tue ich in meinem Buch.

Danach haben Sie vor dem Eingangstor gedreht. Ging das wenigstens reibungslos?

Nein. Es kamen plötzlich von drinnen drei aufgeregte Frauen - ich nehme an: Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte -, von denen eine in sächsischer Mundart das Kamerateam, die Journalistin, meinen Partner und mich aufs Übelste und in primitivster Weise beschimpfte. Herr Kierstein, der im Tor, also auf dem Gelände der Gedenkstätte stand, wurde des Platzes verwiesen.

Können Sie sich auch diese ungewöhnliche Reaktion erklären?

Hier trifft Gleiches zu: Offenkundig passt einigen eine sachliche, vorurteilsfreie Art der Geschichtsbetrachtung nicht. Um es deutlich zu sagen: Ich habe aus antikommunistischer Überzeugung gegen die DDR und gegen das MfS gearbeitet, ich war deren erklärter Gegner. Dafür wurde ich zu 15 Jahren Haft verurteilt. Das heißt aber nicht zwingend, dass ich über das MfS und die DDR Lügen verbreiten muss. Zorn und Unmut sind keine nützlichen Gehilfen für Historiker. Mehr Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit bei Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Ge­schichte halte ich für angebracht.

Könnte die Heftigkeit dieser Attacke auch etwas mit den diffusen, um nicht zu sagen, irrationalen Äußerungen jüngst aus dem Mun­de der Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, über vermeintliche IM im Bundestag zu tun haben? Hat dies auch dazu geführt, dass die Mitarbeiter der Stasi-Gedenkstätte nun Ihnen gegenüber Amok liefen?

Mag sein. Jedenfalls hat mich diese von Hass erfüllte Reaktion doch ziemlich erstaunt.

Wie nimmt ein Österreicher solche Vorgänge im heutigen Deutschland wahr?

Ich habe gewusst, dass der Konflikt um die Deutung der Vergangenheit fünfzehn Jahre nach der Vereinigung unverändert lodert, dass man von einer sachlichen Betrachtung und Bewertung der DDR und der Rolle des MfS noch Lichtjahre entfernt ist. Da scheint der Kalte Krieg nicht zu Ende. Die innerdeutsche »Vergangenheitsbewältigung« fokussiert sich noch immer auf die Stasi, sie ist der Sündenbock für alles. Das registriere ich von außen, als Österreicher, unverändert mit Sorge und plädiere für mehr Nüchternheit.

 

Fragen: Robert Allertz

Das Buch von Hannes Sieberer und Herbert Kierstein »Verheizt und vergessen. Ein US-Agent und die DDR-Spionageabwehr«, herausge­geben von Gotthold Schramm, erschien dieser Tage im Berliner Verlag Edition Ost (223 S., kartoniert, 14,90 €).