Erschienen in: "Utopie kreativ", Nr. 184, Februar 2006, S. 125 ff.

 

Der „Fall Noel Field“

Erinnerung und Nachdenken

Zum gleichnamigen Buch von Bernd-Rainer Barth

Von Wolfgang Hartmann

 

 

September 1950: NEUES DEUTSCHLAND veröffentlicht eine Erklärung des ZK der SED „zu den Verbindungen ehemaliger deutscher politischer Emigranten zu dem Leiter des Unitarian Service Commitees Noel H. Field“.[1] In Ungarn gab es den Prozess gegen László Rajk u.a., der Slánsky-Prozess in Prag stand noch bevor (1952). Diese Prozesse richteten sich gegen bisher als untadelig geltende Kommunisten. Ohne selbst angeklagt zu sein oder auch nur in Prozessen als Zeuge vernommen zu werden, war der US-Bürger Noel Field die belastete und die belastende Hauptfigur. Field wurde vorgeworfen, ein strategischer Superspion zu sein und im Führungskader der osteuropäischen Kommunistischen Parteien ein Netz von US-Spionen oder Abhängigen geschaffen zu haben.

Sicherlich dank Stalins Tod im März 1953 ist es in der DDR zu keinem großen öffentlichen Prozess in der  Art derer in Budapest, Prag und Sofia mehr gekommen. Doch die Aufzählung allein der prominenten Namen, die diffamiert wurden und die potentiell Angeklagte geworden wären, ist eindrucksvoll.

Die genannte ZK-Erklärung war der Eröffnungszug für ein beschämendes Kapitel der SED- und DDR-Geschichte.

 

 

1.

Damals war ich gerade 21 Jahre alt und Jugendsekretär des Kulturbundes in Sachsen. In diesem Alter ist man erst bedingt kritikfähig. Wissen und Erfahrung sind noch gering. Das Aufschauen und unkritische Vertrauen in Vorbilder und Lehrer überwiegen. Zwar war ich durch die Auseinandersetzungen über Krieg und Faschismus kein unkritischer Mensch mehr. Aber unser jugendliches Ungestüm, die Trümmer wegzuräumen und „was Neues hin zu bau‘n“ (nach Brecht) überhöhten Gläubigkeit und Loyalität gegenüber den gestandenen Antifaschisten - und gegenüber der SED als Partei. Ihren Beschlüssen wurde vertraut – und seinerzeit sahen wir Jungen auch wenig Anlaß zu methodischem Zweifel.

 

Den genannten ZK-Beschluss zum „Fall Field“ las ich gläubig. Ich hatte nur einen winzigen kritischen Ansatz: Verdächtigt, beschuldigt wurden bis dahin hochangesehene Kommunisten. Z.B. der Schauspieler und Theaterintendant Wolfgang Langhoff. Es ging nicht nur um einen Einzelnen, sondern eben um viele und samt und sonders bewährte Genossen. Darum war schwer nachzuvollziehen, was sie allesamt auf die vorgehaltenen bösen Abwege gebracht haben könnte. Vorsichtig, mit einigen Skrupeln, fragte ich Ludwig Renn, unseren Kulturbund-Landesvorsitzenden. Der legendäre Ludwig Renn war nicht genannt, aber ausweislich seiner Biografie und besonders seiner Mexiko-Emigration einer der Betroffenen. Meine Frage nach seiner Meinung war ein wenig naiv-respektlos. Aber so waren wir Jungen damals. Jetzt geschah etwas, was ich meinen Lebtag lang nicht vergessen werde und nur schwer zu beschreiben ist. Wir saßen uns allein gegenüber, kein Zuhörer. Ludwig Renn nahm meine Frage auf und reagierte – und das ist die schwer beschreibbare Antwort – durch Schweigen. Es war nicht einfach Wortlosigkeit. Sparsames Minenspiel und Gestik ließen mich erkennen, daß er eine Antwort „suchte“. Ich weiß nicht, wie viele Minuten vergangen waren. Es schien mir eine Ewigkeit bis er schließlich langsam und betont, in der ihm eigenen knappen Art, sagte: „Wir werden sehen.“ Punkt. Das war eine indirekte Antwort. Sie vermied, was eigentlich als erwartbar hätte gelten sollen, nämlich den Parteibeschluss rechtfertigend zu erklären. Auch heute denke ich nicht, Ludwig Renns Reaktion könnte einer ausweichenden Vorsicht entsprungen sein.[2] Er dürfte kaum gemeint haben, mir gegenüber müsse er vorsichtig-unverbindlich sein. Deutlich spürte ich, da war etwas offen, vielleicht stimmte da etwas nicht. Und genau dies war dann ein Stachel, der nun in mir saß (und bis heute sitzt). Er sensibilisierte mich für Zwischentöne und so begann meine Emanzipation zur Kritikfähigkeit.

Die „Lösung“ – und neue Fragen - kamen dann mit der Dahlem-Geschichte, die für mich noch vor dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 eine Zäsur markierte (davon handelt u.a. mein Beitrag in „Spurensicherung Bd. III, ‚Leben in der DDR‘“).[3] Franz Dahlem, selbst tief in den Fall Field „verwickelt“ und deshalb 1953 aus dem Politbüro und dem ZK der SED entfernt, wurde 1955 fast konspirativ rehabilitiert und ohne irgendeine Erklärung, weder für die Partei noch für die Öffentlichkeit, mit einer hohen Regierungsfunktion betraut. Ich bat ihn um eine Auskunft (1955). Sie war offen und detailliert; hier zitiere ich aus unserem Gespräch nur ihren wichtigsten Satz: „Field war unser Mann, er war unser Genosse“.

 

 

2.

Der Berliner Historiker Bernd-Rainer Barth legt jetzt in zwei Bänden insgesamt 162 Dokumente und weitere Aussagen vor. Er hat sie in jahrelanger Forschungsarbeit aus Archiven von  Geheimdiensten, aus Parteiarchiven und weiteren Quellen erschlossen. Sprachkundig hat er viele der Dokumente aus ehemals geheimen ungarischen sowie aus anderen Archiven übersetzt. Die meisten sind erstmals für die Öffentlichkeit aufbereitet. Den Kern der Dokumentensammlung bilden die aufgefundenen Texte und Selbstzeugnisse Fields aus der Haftzeit, die vollständig überlieferten Vernehmungsprotokolle aus der Überprüfungsphase der sog. »konzeptionellen« Prozesse (Juni bis Oktober 1954), ferner die von den ungarischen Staatssicherheitsoffizieren verfaßten Berichte, Einschätzungen, Pläne und Briefe. Die erschlossenen Quellen vermitteln ein authentisches Bild.

Bernd-Rainer Barth hat mit penibel genauen und belegten Recherchen die Angaben der Dokumente und weitere Aussagen verifiziert – zumeist mehrfach.

Die im 2. Band aufgenommenen 57 Kurzbiografien geben dem „nachgeborenen“ Interessierten eine Vorstellung von den wichtigsten Akteuren. Hinzu kommen ein ergiebiger Anmerkungsapparat und umfangreiche Quellenangaben, ferner kompetente Vorworte von den selbst betroffenen Zeitzeugen George H. Hodos und Hermann Field sowie einige Beilagen. Dem Buch ist eine ansehenswerte DVD mit Werner Schweizers Dokumentarfilm "Noel Field - Der erfundene Spion" beigefügt. Angesichts des sehr umfangreichen Apparats und der Anlagen ist dem Verlag die schwierige drucktechnische Gestaltung sehr gut gelungen.

 

Der Fall Noel Field. Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa.

Hrsg. von Bernd-Rainer Barth u. Werner Schweizer in Verbindung mit Thomas Grimm. Kommentiert und übersetzt von Bernd-Rainer Barth.

 

Bd. I Gefängnisjahre 1949–1954

Dokumente 1 - 118 und  42 Fotos; 933 Seiten.

 

Bd. II Asyl in Ungarn

Dokumente 119 – 162

57 Kurzbiografien der wichtigsten Akteure

Quellen und Archive

Literaturverzeichnis, Sachregister und annotiertes Personenregister

 

Berlin: Basisdruck  Bd. I 2005, Bd. II 2006

 

Die bewundernswerte Kärrner- und Analysearbeit in den Partei- und Geheimdienstarchiven sowie beim Vergleich der Dokumente und anderer Aussagen ermöglichen eine objektive historische Sicht und eine Bewertung, welche keinerlei beschönigende, verniedlichende oder ablenkende Legenden mehr zuläßt.[4],[5] Offen gelegt wird eines der tragischsten Kapitel von Repressionen in den „realsozialistischen“ Ländern. Beim Leser werden viele Fragen ausgelöst, die über den eigentlichen „Fall“ hinausreichen.

 

 

3.

Seit der Fall Noel Haviland Field in Ost und West Aufsehen erregte, ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Noel Field, seine Frau Herta und sein ebenfalls betroffener Bruder Hermann wurden Symbol für eine besonders perfide Art stalinistischer Repression und Demütigung, die sich gegen eigene Leute, gegen bewährte Kommunisten und gestandene Antifaschisten richtete. Mit den Fields verbinden sich Ereignisse der späten 40er und der 50er Jahre in der Geschichte der KPdSU und der staatssozialistischen Parteien, insbesondere in Ungarn, Bulgarien, der Tschechoslowakei, Polen und auch der DDR. Sie betreffen keineswegs nur die öffentlich zelebrierten Prozesse gegen Rajk u.a. in Ungarn, Kostoff u.a. in Bulgarien, Slánsky u.a. in der ČSR. Sondern mehr noch deren Auswirkungen auf Formen und Methoden der Machtausübung.

Erschütternd lassen die Dokumente und noch mehr die Namen der Betroffenen erkennen, welche tragischen Schicksale denen bereitet wurden, die in den Strudel von Mißtrauen, Verdächtigungen und Prozessen gezogen wurden. Betroffen waren führende und angesehene Persönlichkeiten der kommunistischen Parteien Osteuropas sowie auch der Kommunistischen Partei in Westdeutschland sowie kommunistischer Parteien Westeuropas. Aus der DDR und aus der KPD in der Bundesrepublik unter anderen: Alexander Abusch, Paul Baender, Leo Bauer, Willi Bürger, Franz Dahlem, Mathilde Danegger, Alfred Drögemüller,  Lex Ende, Bruno Goldhammer, Harald Hauser, Willi Kreikemeyer, Wolfgang Langhoff, Paul Merker, Kurt Müller, Otto Niebergall, Willi Prinz, Ludwig Renn, Hans Schrecker, Hans Singer, Fritz Sperling, Anna Seghers, Bernhard Steinberger, Georg und Henny Stibi, Hans Teubner, Walter Vesper, Maria Weiterer.

 

 

4.

Noel und Hermann Field entstammten einer US-amerikanischen Quäkerfamilie. Noel Field (geb. 1904) studierte Völkerrecht an der Harvard Universität. Von 1926 - 1936 stand er im Dienst des US-Außenministeriums. Als Mitarbeiter der Westeuropabteilung befaßte er sich mit Abrüstungsfragen und dem Völkerbund. Hermann Field, Noels Bruder, war Architekt.

 

In einem während der ungarischen Haft geschriebenen ausführlichen Brief an das ZK der KPdSU vom 24. März 1954 (Dok. Nr. 19 [6]) beschreibt Noel Field seine "Entwicklung vom pazifistischen Idealisten zum militanten Kommunisten". Freundschaften mit Gleichgesinnten beförderten diesen Weg. In den 30er Jahren fanden die Fields in den USA Kontakt mit dem deutschen Emigrantenpaar Hede Gumperz und Paul Massing. Die Massings arbeiteten für die sowjetische Auslandsaufklärung. Nachdem Field einige Loyalitätskonflikte überwunden hatte, gewannen sie ihn zur Mitarbeit. Das war 1935. Field wechselte 1936 vom US-State departement auf eine Stelle im Völkerbund in Genf.

 

Privat unternahmen Noel und Herta Field 1938 eine vom sowjetischen Geheimdienst betreute Reise in die Sowjetunion. Für deren Einordnung und Verstehen ist aufschlußreich, daß sie vom stellvertretenden Leiter des sowjetischen Auslandsnachrichtendienstes, Sergej Schpigelglas, persönlich betreut wurden. Während ihres Aufenthaltes in Moskau wurde eine Regelung der Mitgliedschaft in der KP der USA gefunden, nämlich als geheime Mitglieder der amerikanischen Sektion der Kommunistischen Internationale. Aus Gründen der nachrichtendienstlichen Konspiration jedoch ohne einen dokumentierenden Beleg in ihrer Hand. Daher später Fields Bemühungen (auch zur Verteidigung gegen Verdächtigungen), diese Mitgliedschaft anerkannt und dokumentiert zu erhalten. Denn sowohl die nachrichtendienstliche Tätigkeit, als auch ihre spätere Solidaritätsarbeit im "Unitarian Service Committee" (USC) verstanden Noel und Herta Field als eine Form der Parteiarbeit.

Nach Westeuropa zurückgekehrt, warteten die Fields vergeblich auf die in Moskau verabredete neue Kontaktaufnahme des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Dies steht im Zusammenhang mit Ereignissen, die für viele Betroffene tragisch waren. In der Sowjetunion der 30er Jahren mutierte berechtigte Wachsamkeit zu einem paranoiden Mißtrauen, welches ungehemmt und willkürlich grassierte. Selbstverständlich war Wachsamkeit legitim - egal, ob aus kommunistischem Verständnis zum Schutz der Sowjetunion als Pionier für eine sozialistische Entwicklung – oder auch aus herkömmlichem Souveränitätsverständnis eigener selbstbezogener sowjetischer Staatsinteressen – darunter in jedem Falle des Schutzes gegen eine Aggression durch die Mächte des von Hitler geschaffenen Anti-Komintern-Paktes.

 

Abgesehen vom Fehlen rechtsstaatlicher Standards trafen die „Säuberungen“ Stalins mit ihren Schauprozessen, Erschießungen, Verbannungen und öffentlicher Diskriminierung nicht nur wirkliche Feinde, sondern überwiegend die eigenen Leute. Darunter bewährte Kommunisten sogar aus der Leninschen Parteiführung, auch aus den sowjetischen Geheimdiensten. Fields Moskauer Betreuer Schpigelglas wird als "Volksfeind" verhaftet und erschossen. Für die Fields bleibt nicht ohne Auswirkungen, daß verantwortliche sowjetische Geheimdienstpartner (z.B. Ignaz Reiss, Walter G. Krivitsky) sich abwandten, im Westen offenbarten und Zuflucht suchten. Die konkreten Zusammenhänge und die persönlichen Gründe - als Bruch mit Stalin - wären ein eigenes Thema. Insoweit gerieten die Fields schon damals in diesen Sog. Aber sie gaben – wie auch die Mehrheit der Repressierten selbst - ihre Ideale nicht auf. Und auf der Kehrseite wurde, als Folge von Verrat, Noel Fields Lage ebenfalls prekär. Er verließ den Völkerbund und schuf sich ein eigenes Feld kommunistischer Solidaritätsarbeit. Im Jahre 1941 griff Field ein Angebot der christlichen Unitarier aus den USA auf und baute mit seiner Frau in Südfrankreich ein Filiale des "Unitarian Service Committee" (USC) auf. Ihr Zentrum lag zunächst im von den Nazis noch nicht besetzten Marseille. Später verlegte er es notgedrungen nach Genf.

 

 

5.

Das USC organisierte für verfolgte antifaschistische Emigranten solidarische Hilfe. Unter ihnen deutsche, polnische, tschechoslowakische, ungarische, jugoslawische u.a. Emigranten, darunter viele Spanienkämpfer. Field bezeichnete die USC-Arbeit als eine "bürgerlich getarnte ‚Rote Hilfe‘". Dieses Hilfswerk leistete, unter schwierigen und teils konspirativen Bedingungen, eine eindrucksvoll umfangreiche Unterstützungsarbeit. Es half vielen hundert Kommunisten, die sich in Internierungslagern Südfrankreichs (z.B. Gurs, Vernet) oder in der Illegalität befanden. Für viele war es lebensrettende Hilfe. USC half auch anderen Flüchtlingen, z.B. jüdischen Kindern, deren Eltern deportiert worden waren. USC-Gelder wurden für Fluchthilfeaktionen genutzt, ferner zu Waffenkäufen für Partisanen. Alles unbestreitbare (aber in den Prozessen verschwiegene) Tatsachen. Von den nach der Befreiung vom Faschismus in führende Funktionen ihrer Länder gekommenen Kommunisten waren nicht wenige von Fields Solidaritätsleistungen unterstützt worden. Sie erhielten ihre Funktionen, dies vorweg gesagt, nicht weil Field sie als US-Agenten aufgebaut und eingeschleust haben sollte, sondern weil sie sich als Antifaschisten, z.B. im Spanischen Krieg, bewährt hatten.

In der Schweiz gab es eine starke KPD-Gruppe. Die emigrierten Genossen lebten legal in Freiheit – wie z.B. Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz, Karl Paryla und Mathilde Danegger am Zürcher Schauspielhaus – oder als Internierte. Einige lebten auch illegal: so Paul Bertz, der aus dem Funktionärsapparat der KPD kam. Er war der ranghöchste KPD-Funktionär in der Schweiz. Mit ihm und mit der Schweizer KPD-Gruppe hatte Field enge Beziehungen, z.B. als ihr Kurier in den noch unbesetzten Teil Frankreichs. Unter den gegebenen Umständen waren die Schweizer KPD-Gruppe und Paul Bertz für Noel Field „die Partei“.

 

6.

Aus gemeinsamer Zeit im US-Aussenministerium kannte Field Allen Dulles, nun US-Diplomat und Resident des Office of Strategic Services (OSS) in Bern. [7] Mit Paul Bertz abgestimmt, knüpfte Field Kontakt mit Dulles. Solche Kontakte, die auf den damaligen gemeinsamen antifaschistischen Zielen der Anti-Hilter-Koalition basierten, waren keinesfalls ungewöhnlich.[8] Der Zweck war, in diesem politischen Rahmen auch von Dulles Mittel für den antifaschistischen Untergrundkampf kommunistischer Gruppen zu erhalten. Zwischen Field und Dulles gab es im Auftrag der KPD-Leitung einige Zusammenkünfte. Über die Besuche bei Dulles in der US-Vertretung in Bern und ihre Ergebnisse war Paul Bertz (und damit die Partei) unterrichtet. Field konnte für die Solidaritätsleistungen des USC einige (relativ geringe) Beträge locker machen. Ferner erwirkte er Hilfsleistungen, um für Kommunisten aus den ungarischen und jugoslawischen Emigrationsgruppen in der Schweiz - unter den am Ende des Krieges noch schwierigen Bedingungen - die Rückkehr in ihre Heimatländer zu ermöglichen. Diese politisch legitimen und legalen Kontakte und die genutzten Hilfen bei der Rückkehr durch die Besatzungsgebiete in ihre Heimatländer wurden in den Prozessen der 50er Jahre in "Spionageverbindungen" verfälscht – entgegen allen den Kommunistischen Parteien stets gegebenen Informationen und den verfügbaren Einblicken in das tatsächliche Geschehen. Gleichsam wurde die Anti-Hitler-Koalition rückwirkend gelöscht.

 

Der reale Noel Field wurde in die Kunstfigur eines US-amerikani­schen Agenten verwandelt. Alleiniger „Beweis“ (neben erfolterten vorgegebenen Aussagen): Er hatte ja tatsächlich während des Krieges der Anti-Hitler-Koalition Kontakt mit dem – inzwischen zum Geheimdienstchef avancierten - Allen Dulles gehabt. Die unterstellte Funktion dieser Kunstfigur war, angeworbene Agenten des US-Geheimdienstes in die kommunistischen Parteien Osteuropas einzuschleusen. Dagegen diente der echte Noel Field als anfaßbare Hülle für die Konstruktion der Verfolgungswelle und der Prozesse namentlich in Ungarn, Polen, Bulgarien, der ČSR und der DDR. Diese Konstruktion sah die für viele tatsächlich lebensrettende Solidaritätsarbeit Fields als Mittel zum perspektivischen bösen Zweck. Alle, denen Field geholfen hatte, und die z.T. in ihren Parteien führende Funktionäre waren, wurden verdächtigt und zu bewußten oder mindestens unbewußten Agenten des Klassenfeindes gemacht.

 

 

7.

Hier scheint deutlich eine Methode auf, die nicht nur im vorliegenden Komplex eine schlimme Rolle in der Praxis der Parteien spielte: Ausgehend von einer verallgemeinernden, meist ideologisch geprägten Behauptung oder Abstempelung („Kontakt mit Field“ – oder „Trotzkismus“, „Browderismus“, „Titoismus“, „Zionismus“, „Versöhnlertum“, „Revisionismus“ u. dgl.[9]), wird ein daraus deduktiv gewonnenes Merkmal als allgemeiner Beurteilungswert und sogar als juristischer (strafrechtlicher) Urteilsgrund gegen einen Menschen oder eine Gruppe gesetzt. Das schafft oder begünstigt Willkür. Solches Verfahren öffnet überhaupt subjektiven sowie zufälligen Be- und Verurteilungen Einfluß. Mit dieser Methode wird ein Mensch nicht nach seinem tatsächlichen eigenen konkreten Handeln und seinen Motiven sowie nach seinen konkreten Ergebnissen beurteilt (wie z.B. Fields Überlebenshilfe für viele Kommunisten), sondern nach den auf ihn gerichteten ideologischen Projektionen. Tatsachen (z.B. Fields parteiintern bekannter Dulles-Kontakt) wird mit dieser Methode eine manipulierte Bedeutung verliehen. Um so schlimmer noch, wenn Handeln und Motive unter komplizierten Bedingungen widersprüchlich anmuten mögen oder auch - wie so oft im realen Leben! - tatsächlich sind. Oder wenn Handeln und frühere Motive in der später erfahrungsklug gewordenen Rückschau sich als tatsächlich fehlerbehaftet erweisen (was in der Parteigeschichtsschreibung gelegentlich sogar für die Partei als Ganzes eingeräumt wurde). Beweistatsachen und Nachweise sind dann entbehrlich, es genügt die Deduktion aus einem Konstrukt. Die unter Druck verschiedener Art erzielten Geständnisse gelten ohne weiteren Tatsachenbeweis als ausreichend. [10] Wer dagegen in der Repressionspraxis jener Periode standhaft nichts gestand, weil nichts zu gestehen war, oder wer gar wagte, dagegen zu halten, wurde noch negativer beurteilt. Und: Wie oft wurden - selbst in weniger zugespitzten Zusammenhängen - aus ergebener Parteiloyalität demütigende Selbstkritiken oder –beschuldigungen abgegeben?

 

Anzumerken ist noch, daß gerade wegen der den Geheimdiensten immanenten Konspiration und verdeckter Arbeitsweisen Vorwürfe von geheimdienstlichen Beziehungen leicht zu manipulieren sind.[11] Dazu kann eine bloße Vorzeichenumkehr genügen – wie im Fall Noel Field. Besonders dann, wenn – wie im ganzen Field-Komplex – die Beschuldigten naturgemäß nur schwer imstande sein können, gegen erfundene Schuldbehauptungen einen Unschuldsbeweis vorzulegen. Dank meiner eigenen operativen Arbeit im Auslandsnachrichtendienst der DDR kann ich empfinden, wie durch die Konspiration von Beziehungen falsche und seitenverkehrte Deutungen von Oberflächenbefunden begünstigt sein können, versehentlich oder auch mutwillig. Z.B. bei nachrichtendienstlichen Kontakten und Beziehungen unter „fremder Flagge“, oder bei der abschöpfenden Nutzung völlig legaler offener und normaler Gespräche. Um so verheerender wirkt dann in einem Organ der inneren Sicherheit eine Haltung, welche gegenüber „dem Anderen“ von einem prinzipiellen Mißtrauen ausgeht und sich selbst eine Art von Beurteilungsmonopol und Inquisitionskompetenz zubilligt. Allein die große Anzahl der später im Komplex Field und anderen Zusammenhängen notwendig gewordenen Rehabilitierungen zeigt dies überdeutlich!

 

 

8.

Noel Field war am 11. Mai 1949 in Prag konspirativ verhaftet, geheim nach Budapest verbracht und dort jahrelang, ohne rechtlichen Beistand, in strengster Isolationshaft gehalten worden. Wie viele andere Betroffene wurde er unter Folter (Dokumente 10 und19 [12]) zu vorgegebenen Aussagen gezwungen. Noel Field aber widerrief – sobald er sich wieder bei Kräften fühlte -  die erpreßten Aussagen. Damit wurde er als vorzuführender Zeuge oder als Angeklagter in einem Schauprozeß untauglich. Dennoch wurde er in den Prozessen und in den geheimen Repressionen als fiktiver Hauptzeuge bemüht. Freilich ohne je persönlich vorgeladen zu sein, vor Gericht aussagen zu können oder persönlich gegenüber gestellt zu werden. In den Prozessen war er somit eine Kunstfigur. Real wurde er in Isolationshaft gehalten und  - wie auch sein Bruder Hermann in Warschau - niemals selbst in einem Strafprozess angeklagt!

 

In den beiden Bänden Bernd-Rainer Barths wird anhand der Archivstudien und der Dokumente die „Konstruktion“ des Prozessgeschehens in Ungarn genau belegt. Deutlich wird, daß – eng mit Stalin abgestimmt – der damalige ungarische Parteichef Mátyás Rákosi seit 1949 Initiator und Konstrukteur des Grundmusters war. Eine Rolle dürfte dabei gespielt haben, daß Rákosi einem eigenen Schicksal entgegenwirken wollte, wie z.B. der Ächtung Josif Broz-Titos.

 

Die Verfolgungen im Zusammenhang mit dem „Komplex Field“ und die willkürlich konstruierten Anschuldigungen müssen als Teil der Absicht Stalins gesehen werden, jedwede Emanzipation sozialistischer Länder zu einem „eigenen Weg zum Sozialismus“ zu unterbinden und die uneingeschränkte Hegemonie der Sowjetunion zu sichern. Neben den alten Popanz „Trotzkismus“ wurde jetzt der des „Titoismus“ gestellt. Er diente nicht nur als Instrument zur Disziplinierung der Parteien, sondern auch einzelner Kommunisten. Gleichzeitig sollte das Ganze der Propaganda gegen den Imperialismus dienen – am Ende freilich ein Bumerang.

 

Noel Field und seine Frau Herta waren in Ungarn, Noels Bruder Hermann Field in Polen fast fünf Jahre in geheimer Isolationshaft (1949 – 1954). Sie blieben ohne Rechtsbeistand sowie ohne Information über das Außengeschehen. Sie erfuhren in Haft zunächst nichts über den Tod Stalins im März 1953 und über die ihm folgende Wende, welche letztlich auch zu ihrer Freilassung und Rehabilitation führte.

 

 

9.

Der Historiker Bernd-Rainer Barth folgt in seiner Forschung und bei der Aufbereitung ihrer Ergebnisse vorbildlich dem Prinzip sine ira et studio. Dennoch kann – besonders für die Linken - die heutige kritische Auseinandersetzung mit den Jahrzehnte zurückliegenden Geschehnissen keine kühle historische Wahrnehmung sein. Sie muß die nach Stalins Tod 1953 nur langsam und oft halbherzig erfolgten Rehabilitierungen mit Konsequenz zu Ende führen. Dazu gehört die Frage nach den Gründen der Halbherzigkeit. Diese offenbarte sich in der SED dreifach. Während die diskriminierenden Beschuldigungen ausgiebig öffentlich erfolgt waren, blieben die Rehabilitierungen zumeist eher versteckt. Die Öffentlichkeit erfuhr wenig (oder gar nichts). Es gab keine öffentliche Entschuldigung. Die Verleihung von Titeln und Auszeichnungen „ersetzte“ die offene Rehabilitierung. Zweitens: Hinsichtlich der zutage liegenden Deformationen und auch Exzesse „sozialistischer“ Machtausübung wurde jede offene kritische Analyse der Ursachen und ihres Zusammenwirkens mit den verschiedensten Faktoren unterlassen. “Keine Fehlerdiskussion“ hieß in der SED ein Verdikt nach dem XX. Parteitag der KPdSU. Schließlich: Verantwortliche für bewußt konstruierte Beschuldigungen und erpresste Aussagen wurden nicht zur Verantwortung gezogen. Das gilt auch für die Verantwortlichen in der SED-Spitze.[13]

 

Die konsequente Rehabilitierung hat für Sozialisten und für ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft auch eine ethische Dimension. Wahrhaftigkeit ist ihre Bedingung. Zu dieser gehört, daß Schuld und Verantwortliche nicht namenlos bleiben können.

 

Das Wichtigste aber ist, für die Zukunft eindringlich in das Gedächtnis einzufügen, daß künftige Versuche, eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen, niemals mehr solche Verirrungen, politische Paranoia und Entartungen von institutioneller Macht sowie persönlichen Machtmißbrauch dulden dürfen, wie sie (auch) der „Komplex Field“ offenbart. Die schmerzhafte Erfahrung belegt, wie sehr sonst humanistischer Anspruch und stabiler Erfolg beschädigt und gesellschaftlicher Fortschritt weit zurückgeworfen werden. Wenn die von Rosa Luxemburg bezeichnete Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ dauerhaft für eine sozialistische Gesellschaft entschieden sein soll, dann nur, wenn den hier gezeigten Deformationsmustern keine Wiederholung gestattet wird.

 

Dies ist leichter gefordert, als verwirklicht: Denn in zugespitzten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist selbstverständlich kaum zu erwarten, sie könnten idealtypisch verlaufen. Jeder neue Versuch Sozialismus zu schaffen, wird auf den militanten Widerstand derjenigen stoßen, deren eigene Interessen durch die eigensüchtigen profitbestimmten Ziele kapitalistischen Systems, durch seine Mechanismen und Machtprivilegien bestimmt sind und bedient werden. Dennoch muß in der Hitze (und Spontaneität) solcher Kämpfe der Selbstentstellung und der Versuchung entgegengewirkt werden, einen neuen autoritären Staatssozialismus zu schaffen. Um so mehr ist die Forderung nach einer eigenen sozialistischen Analyse sowie nach Schlußfolgerungen für institutionelle Sicherungen zu bekräftigen. Deshalb die Fragen: Welchen Boden gab es für die mit dem Namen Field bezeichneten, aber nicht darauf begrenzten Vorgänge? Welche Bedingungen und Ursachen wirken auf jene Resultante der vielen Kräfteparallelogramme, die nach Friedrich Engels das geschichtliche Ergebnis hervorbringt?[14]

 

Eine Reduktion der Analyse auf bloß subjektive Eigenschaften der Verantwortlichen und Beteiligten (z.B. persönliche Machtgelüste, Eitelkeiten, charakterlicher Opportunismus, fehlende Kritikfähigkeit, emotionale Ausschläge) führte in die Irre - so sehr natürlich auch individuelle Eigenschaften – und Verantwortlichkeit! – negativ oder positiv eingehen. Doch wesentlicher sind die gesellschaftlichen Umstände.

 

Selbstverständlich kann die Kritik an den Irrtümern und Entartungen vergangener staatssozialistischer Machtpolitik (namentlich der Stalinzeit) nicht aus dem konkreten historischen Kontext herausgelöst erfolgen (wie es der gegenwärtig vorherrschende Zeitgeist aus durchsichtiger Absicht manipulierend unternimmt). Die Kritik kann nicht treffsicher sein, ohne zuerst an den „eigenen“ tradierten historischen Boden zu denken. Im Falle der Sowjetunion (und ihres Einflusses nach außen) beispielsweise an die absolutistische Machtpraxis des ihr vorausgegangenen Zarismus sowie an die „Gewohnheiten“ des großrussischen Nationalismus. Also, wie sich gezeigt hat, an Muttermale, an nachwirkende Prägungen durch die doch zu überwindenden Herkunftsverhältnisse und an „gewöhnte“ Praktiken. Lehrreich ist der Blick auf das heute wieder kapitalistische Rußland und die anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion: Läßt er nicht ahnen, wie schwer es nicht nur nach 1917 war sondern bis heute noch ist, aus den im Kern autoritären und willkürlichen Machtgewohnheiten zaristischer Färbung auszubrechen? Und welche weite Zeitspanne dafür realistisch ist? Gegen die Heuchelei sei angemerkt, daß absolutistische Machtpraxis kein exklusives Problemmuster von Sozialismusversuchen war und ist. Solche Machttechniken brauchten seinerzeit wie auch heute „negative Symbolfiguren“, die ein bedarfsgerechtes Feindbild hergeben. Zu solchem mußte auch Noel Field herhalten.

 

In den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mußte der Begründer der sowjetischen Tscheka, Feliks Dzierzynski, bereits eine Ahnung von dieser Gefahr für die Sowjetunion empfunden haben. Seine Frau Zofia notiert in ihren Erinnerungen: „Feliks war nach den Worten W. R. Menshinskis [15] ‘der strengste Kritiker seiner Schöpfung (der Tscheka - Z.D.)’. Er fürchtete nichts mehr, als daß sich der Wurm in ihr einniste, sie ein sich selbst genügendes Organ werde, die Verbindung zur Partei verlöre, ihre Mitarbeiter schließlich auf Abwege gerieten und ihre immensen Rechte ausnutzten“.[16]

Das ist eine erste Komponente.

 

Mit ihr verband sich eine zweite. Sie war völlig anderen Charakters. Auch sie vermag nicht wirklich zu rechtfertigen, hilft aber zu verstehen. Bertolt Brecht sagt in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“:

 

 

 

 

 

„Dabei wissen wir doch:

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit

Verzerrt die Züge.

Auch der Zorn über das Unrecht

Macht die Stimme heiser. Ach, wir,

Die wir den Boden bereiten wollten für Freund­lichkeit,
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird,

Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist,
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht." [17]

 

Waren (und sind), wie in Brechts Vision, die Verhältnisse in der Welt schon soweit, „daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“? Sind es nicht heuchlerische Vorhaltungen, die da leugnen, daß die terroristische Herrschaft des Faschismus, sein Chauvinismus und Rassismus, seine Aggressionskriege, das System von Konzentrationslagern, die industrialisierte Menschenvernichtung sowie seine Demütigung fremder Völker in hohem Maße emotionale Abwehrreflexe provozierten und nährten? Reflexe und Emotionen, die leicht die eigenen Ideale und Ziele, das eigene rationale Handeln beschädigen, vielleicht sogar vergessen lassen konnten?

 

Zur prägenden Sozialisation derer, die nach 1945 (im Osten) führend angetreten waren, eine neue und als sozialistisch verstandene Gesellschaft zu schaffen, gehörte nicht nur ihre selbst erlebte Erfahrung in z.T. noch absolutistischen Gesellschaften, sondern auch die einer fast beispiellosen barbarischen Unterdrückung: Auschwitz, Maidanek, Mauthausen, Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen u.a. sind einmalig. Hinzu kommen das Kriegs- und das demütigende Okkupationsregime. Läuft die heutige Leugnung der von Brecht genannten sozial- und politisch-psychologischen Momente nicht auch - mindestens unbewußt, manchmal vielleicht absichtsvoll - auf das Verdrängen ihrer barbarischen Ursachen hinaus?

 

Die Abwehrreflexe gegen brutale Herrschaftsziele und Methoden, welche feudale oder kapitalistische Regime provoziert haben (und heute noch immer neu hervorbringen), begünstigen die Verzerrung oder gar die Verdrängung humaner Grundsätze bei denen, die sich wehrten und wehren. Zum Beispiel gegen den Kolonialismus und seinen Rassismus, gegen imperiale strategische Optionen (etwa zur Durchsetzung von Erdölinteressen), gegen die Mißachtung der Selbstbestimmung gesellschaftlicher Entwicklungen und Kulturen (eine der Hauptquellen auch des heutigen Terrorismus!). War (und ist) es nicht die Erfahrung der sich dagegen Wehrenden und eigenes Recht Fordernden, selbst unerbittlich bekämpft zu werden? Wegen anderer Überzeugungen, wegen anderer Rasse, wegen anderen Glaubens, allein schon wegen entsprechender Verdächtigungen. Aber insbesondere dann, wenn sozialistische Ziele angestrebt werden und die Herrschenden eine reale Gefahr für ihre eigenen Interessen sahen und sehen. Sollten solche Erfahrung ohne Folgen für die eigenen Dispositionen nach einem Machtwechsel bleiben? Deformationen haben ihre Quellen! [18] Die skizzierten Erfahrungen rechtfertigten nicht spätere stalinistische Machtpraktiken. Aber sie bewirkten - auch für viele der an der Basis Handelnden! - eine andere Kultur des eigenen Machtgebrauchs, als sie sich in einer Gesellschaft vorbereitet, welche - selbst wenn nur formal - die bürgerlich-demokra­tischen und liberalen Spielregeln einigermaßen einhält.

 

Für Sozialisten und ihre Selbstbestimmung muß daher eine der Konsequenzen auch aus dem Komplex Field sein,  schon auf dem Wege zu einer sozialistischen Gesellschaft die demokratische Kultur der Macht (Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Dialog, Toleranz u.a.) nicht nur zu verteidigen, sondern aktiv mit zu gestalten – aber sie nicht einfach als „bürgerlich“ zu denunzieren. Hatte nicht die Geringschätzung bürgerlichen demokratischen Fortschritts die Pforte für Deformationen bisheriger Sozialismusversuche geöffnet?

 

Eine dritte, auch ideologische Komponente ist verflochten. Sie war mindestens bis Ende der 50er Jahre dominant. Während Marx, Engels, Rosa Luxemburg oder Antonio Gramsci die „Diktatur des Proletariats“ (und diese nicht nur isoliert erfolgreich „in einem Lande“) als ein Zwischenstadium sahen, welchem eine Zivilgesellschaft folge – mit einem „Absterben des Staates“, wurden im „marxistisch-leninistischen“ Selbstverständnis Staat und Partei zur zentralen Kategorie. Nicht nur zur legitimen Verteidigung gegen tatsächliche Konterrevolution und Aggression von außen – sondern als allmächtige und zentralisierte Leitinstanz für die politische, ökonomische, wissenschaftliche, kulturelle Entwicklung überhaupt. Oft bis in kleine Details. Und gab es nicht im Sprachgebrauch eine Vulgarisierung des Diktaturbegriffs? In Rosa Luxemburgs kritischer Sicht ist immanent die notwendige Alternative erkennbar:

 

„ ... einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Füh­rer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustim­men, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft - eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Hand­voll Politiker, d. h. Diktatur im rein bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobinerherrschaft“ [19]

 

Unabdingbar gehört zu der von Rosa Luxemburg antizipierten gesellschaftlichen Kultur auch der anfänglichen „Diktatur des Proletariats“, den Bürgern nicht Kritik zu verwehren, sondern ihnen Fähigkeit zu demokratischer Kritik und zu kritischer demokratischer Auseinandersetzung zu vermitteln. (Also auch das Gegenteil von Walter Ulbrichts „Keine Fehlerdiskussion“.)

 

Einen weiteren mächtigen Faktor für die Realität der Staaten, die bisher Sozialismus versuchten, bildete das ökonomische Kräfteverhältnis. Schon am Beginn erhob sich für die Sowjetunion die bedrängende Frage, ob „Sozialismus in einem Lande“ möglich sei.[20] Erst Jahrzehnte nach der sowjetischen Oktoberrevolution begannen weitere Länder den Versuch, Sozialismus aufzubauen. Freilich nicht als Ergebnis einer originären sozialistischen Revolution, sondern wesentlich als Konsequenz und Ergebnis der dem Faschismus zugefügten Niederlage sowie unmittelbaren sowjetischen Einflusses. Mit Ausnahme der DDR und z.T. der ČSR waren diese Länder alle ökonomisch noch gering entwickelt. Sowohl hinsichtlich ihrer absoluten Leistungsfähigkeit, als auch ihres technologischen Ausgangspunktes. Dieses ökonomische Kräfteverhältnis begünstigte strengen Zentralismus und Machtfetischismus. Seinerzeit erklärten manche westliche Beobachter politische Pläne und Absichten der sozialistischen Länder mit aus „Minderwertigkeitsempfinden“ rührenden Reflexen - auch in Sicherheitsfragen.

 

Die geschichtlichen Abläufe des „Komplexes Field“ lassen sich nicht enträtseln, wenn nicht die Tragik des Zusammenwirkens, der Verflechtung und sogar der gegenseitigen Stimulierung aller dieser verschiedenen Bedingungen und Faktoren beachtet wird.

 

 

10.

Noel Field, seine Frau Herta und sein Bruder Hermann kamen schließlich 1954 frei. Noel und Herta Field verblieben auf eigenen Wunsch in Ungarn – in jenem Land, in dem sie schlimme Qualen erlebt hatten. Sie blieben trotz alledem Sozialisten! Sie blieben der Sowjetunion und der kommunistischen Bewegung verbunden. Warum? Darin gleichen den Fields sehr viele Menschen, die in der Sowjetunion, in den osteuropäischen Ländern, auch in der DDR, von analogen Verdächtigungen und Repressionen betroffen waren. Weshalb sind die Fields und die anderen Genannten nicht abtrünnig geworden? Sie schöpften ihre Kraft aus der ihnen eigenen historischen Sicht auf die Notwendigkeit einer sozialistischen Alternative, auf Rosa Luxemburgs Alternative „Sozialismus oder Barbarei“. Dies war ihr Grundverständnis als Kommunisten (oder als Marxisten). Dieses historische und Selbst-Verständnis war nicht aufhebbar durch die Konstellationen, in die sie sich zwar selbst begeben hatten, die ihnen aber in ihren negativen und für sie bedrohlichen Eigenschaften wohl als gegeben, aber eben nicht als alternativlos „gesetzmäßig“ erscheinen mochten. Das machte sie auch leidens- und überlebensfähig – wie gegenüber anderen Repressionen auch. Sie, die Betroffene waren, wurden mit ihren Erlebnissen fertig. Um so mehr ist es unsere Pflicht, ihnen gerecht zu werden und statt Verdrängung oder Beschönigung die Geschichte, unsere Geschichte, kritisch anzueignen – auch für die künftigen Generationen, für die „Urenkel“ Jürgen Kuczynskis. Und für die Erfüllung der Visionen, denen Fields - trotz allem! - verbunden blieben.

 

Die beiden Bände des Historikers Bernd-Rainer Barth geben dafür eine überaus solide Grundlage.



[1] Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Band III; Berlin 1952; S.197 f.

[2] Zu dieser Zeit war, was ich nicht wissen konnte, Ludwig Renn bereits von der Kontrollkommission der SED-Landesleitung  in Dresden angehört worden, vgl. Barth, Bd. I, S. 420 f. – hier auch über die Beziehungen Renn – Field.

[3] Hg.: Unabhängige Autorengemeinschaft „So habe ich das erlebt“; Spurensicherung III: Leben in der DDR; GNN-Verlag Schkeuditz 2000, S. 357 f.

[4] Wie etwa Kurt Gossweiler: Die Aufklärung der Vorgänge um Noel Field – ein abgeschlossenes Kapitel? In: ebenda, S.377 f.

[5] Ein Erklärungsversuch des englischen Journalisten Stewart Steven, wonach der Fall Field und die von ihm provozierten Prozesse und Repressionswellen in Osteuropa ein von der CIA eingefädeltes Spiel gewesen seien, wird von den Dokumenten, die Bernd-Rainer Barth vorlegt und aufbereitet, nicht gestützt. Steven, Stewart: Sprengsatz. Die Operation Spinter Factor der CIA, Stuttgart 1975.

[6] Barth, Bd. I, S. 145 f.

[7] Das Office of Strategic Services war während des 2. Weltkrieges der wichtigste Nachrichtendienst der USA und Vorläufer der CIA.

[8] Z.B. wurden sie mit einer durch Ruth Werner – „Sonja“ – vermittelten Abstimmung mit der Sowjetunion auch von prominenten kommunistischen Emigranten in England unterhalten (etwa Jürgen Kuczynski oder Anton Ruh, später der Chef des DDR-Zolls).

[9] Methodisch eine ähnliche Rolle in der Kaderpolitik der SED spielten eine Zeit lang solche pauschalen Merkmale wie „westliche Emigration“, „westliche Kriegsgefangenschaft“, (frühere) „Zugehörigkeit zu parteifeindlichen Gruppierungen“ (wie KPO oder SAP).

[10] Eine gewisse Zäsur gab es nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 – wenn auch mit unterschiedlicher Konsequentheit. Das gilt auch für die DDR-Strafprozess­ordnung: Ohne gleichzeitigen konkreten Tatsachenbeweis bleiben Geständnisse von Beschuldigten gegenstandslos.

[11] Dies ist keineswegs ein Problem nur der Sicherheitsorgane der frühsozialistischen Staaten.

[12] Barth, Bd. I, S. 75 f. und S. 145 f.

[13] Eine freilich eher formale Ausnahme in Ungarn: Einige Verantwortliche des Geheimdienstes erhielten als Sündenböcke für ihre Auftraggeber Strafprozesse, u.a. wegen der angewandten Folterungen. Auch darüber geben die von Bernd-Rainer Barth erschlossenen ungarischen Dokumente Einblick.

[14] Engels an Bloch (21./22.9.1890): „Wir machen unsere Geschichte selbst, aber erstens unter sehr bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen. Darunter sind die ökonomischen die schließlich entscheidenden. Aber auch die politischen usw., ja selbst die in den Köpfen der Menschen spukende Tradition, spielen eine Rolle, wenn auch nicht die entscheidende. (...) Zweitens aber macht sich Geschichte so, daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante - das geschichtliche Ergebnis - hervorgeht, die selbst wieder als Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was der einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat.“. In: ME, Ausgewählte Briefe, Berlin 1953,  S. 503. 

[15] W.R. Menshinski war Stellvertreter und später Nachfolger Dzierzynskis.

[16] Zofia Dzierzynska: "Jahre großer Kämpfe", Berlin 1977, S.303

[17] In: Gedichte, Bd. IV, Berlin 1961, S. 148

[18] Zur deutschen Problematik ausführlich und tiefschürfend, auch unter Heranziehung Eugen Kogons, Hans Mayers und Wolfgang Ruges: Michael Schumann: Über den Umgang mit unserer Geschichte und die spezifischen ideologischen Grundlagen der Repression; in: Gregor Gysi, Uwe-Jens Heuer und Michael Schumann (Hg.): Zweigeteilt - Über den Umgang mit der SED-Vergangenheit; Hamburg 1992; S.16 f.

[19] Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke; Bd. 4, S. 362 f; Dietz Berlin 1974

[20] Dieses Problem der frühen Sowjetunion ist in den heutigen historischen Betrachtung etwas in den Hintergrund getreten. Um es gegenwärtig zu machen, ist die Lektüre des genau recherchierten historischen Romans „Radek“ von Stefan Heym (München 1995) empfehlenswert.