Neues Deutschland vom 29. Juli 2010, Seite 17 (Politisches Buch)
Die Aktivitäten der HVA in der Dritten Welt
Auch Konkurrenzkampf
Von Erich Schmidt-Eenboom
Oberst a. D. Bernd Fischer, Mitarbeiter der HV A
ab 1965, saß bereits zehn Jahre später in der Leitung der Abteilung III der HV A, die auch für die Dritte Welt zuständig war. Im Oktober
1989 übernahm er die Leitung des neu geschaffenen
Bereiches II (Ausland ohne Bundesrepublik). Er kann sich in seiner Darstellung
des Auslandsengagements des MfS auf eigene Erinnerungen und die ehemaliger
Kollegen stützen. Fischer beschreibt den
nachrichtendienstlichen Beitrag zur Außenpolitik der DDR. Ab
Mitte der 1950er Jahre bis zur ersten Hälfte der 1960er Jahre
arbeitete die HV A nur über legal abgedeckte Residenturen, mit »Diplomaten mit zwei Berufen«. Die in der Westarbeit
vorherrschende »illegale Linie« wurde nur ausnahmsweise praktiziert. Unter den Bedingungen der Hallstein-Doktrin,
mit der Bonn die diplomatische Anerkennung der DDR blockierte, war die
operative Basis in den Auslandsvertretungen der DDR relativ klein. Zu Beginn
der 1970er Jahre, nach der umfassenden völkerrechtlichen
Anerkennung der DDR, erfolgte ein massiver Ausbau der Zahl und der Größe der legal abgedeckten Stationen mit Offizieren im besonderen
Einsatz und zahlreichen IM. Zugleich deckte die HV A damit nahezu den gesamten
Globus ab, mit bewusster Ausnahme von Israel. Im Februar 1990 agierten noch 62
Mitarbeiter der HV A in 28 Staaten. Im Laufe der Jahre hat der DDR-Geheimdienst
Beziehungen zu 17 Partnerdiensten unterhalten, davon sechs in Nah-/Mittelost
und sieben in Schwarzafrika, sowie zu 19 Befreiungsorganisationen, davon acht
im Nahen und Mittleren Osten. Nicht zufällig gab es für Palästinensische
Widerstandsbewegungen ein eigenes Referat.
Fischer selbst hatte mit 29 Jahren 1969 die MfS-Residentur in Kairo übernommen und in seinen
fünf Jahren am Nil enge persönliche Beziehungen zu Yassir Arafat und
dessen Geheimdienstchef Abu Jihad gepflegt. Eine »operative, auf nachrichtendienstliche Operationen oder Aktionen
orientierte Zusammenarbeit« mit den Palästinensern habe es trotz Hilfen bei der Ausbildung nicht gegeben,
so der ehemalige Statthalter von Markus Wolf in Ägypten, wohl aber die
Gewinnung von Erkenntnissen über die Arbeit des BND
und der CIA aus palästinensischen Quellen.
Die geweckte Neugier wird nicht überall im Buch befriedigt. Die Geschichte der rund 2000
inoffiziellen Mitarbeiter, ihre Identitäten und Operationen
bleiben im Dunkeln. Gern hätte der Leser auch
Genaueres darüber erfahren, wie es der kleinen HV A in Indien
und Indonesien gelang, erfolgreiche Gegenspionageoperationen zur großen CIA aufzuziehen. Aus dem überfrachteten Anhang
sticht als auch mentalitätsgeschichtlich
interessante Anlage der Bericht von Herbert Graf über Aktivitäten in Mosambik hervor.
Vehement weist Fischer alle Vorwürfe zurück, die DDR sei in den
internationalen Terrorismus verstrickt gewesen. Sie habe ihn zwar aufgeklärt, bemerkt er. Und letztlich habe man auf die PLO sogar mäßigend eingewirkt. Der Autor bestreitet auch, dass die DDR sich über ihren Nachrichtendienst »an militärischen oder inneren Auseinandersetzungen in Drittstaaten aktiv
beteiligt« habe. Er verschweigt andererseits nicht, dass
Erich Honecker 1980 die Lieferung von Panzern nach Äthiopien auf den Weg brachte - gegen den Rat der HV A, so Fischer.
Der Staats- und Parteichef sei beratungsresistent gewesen und habe gern den Gönner gegeben.
Fischer versichert, der DDR-Dienst habe sich »nirgendwo in nationale oder bilaterale Konflikte eingemischt«. Die auswärtigen Angelegenheiten
ihrer Gastländer hat das MfS dennoch zu beeinflussen
versucht, vor allem deren Beziehungen zur Bonner Republik. Zwei Beispiele
sollen diesen deutsch-deutschen Konkurrenzkampf um Einflusszonen erhellen: Als
Erfolg der HV A verbucht Fischer, dass 1964 mit Sansibar ein Durchbruch gegen
den Alleinvertretungsanspruch der BRD erzielt worden war. Im Juni 1968 erläuterte BND-Präsident Gerhard Wessel
dem Vertrauensmännergremium des
Bundestags, wie man sich um die Gunst Tansanias bemühte, um kommunistische, vor allem »sowjetzonale« Aktivitäten auf Sansibar einzudämmen, das 1964 mit Tansania vereinigt worden war. Er verwies auf
langjährige Verbindungen zum Sicherheitsdienst des
Landes sowie auf Ausbildung, Beratung und Gerätehilfen über einen konspirativen BND-Residenten. Gekrönt wurde diese Unterstützung 1968 durch eine
mehrwöchige Ausbildung des persönlichen Referenten und des Pressechefs von Staatspräsident Julius Kambaraga Nyerere beim BND.
Fischer berichtet, dass die HV A in Indien mit
Bombay, Kalkutta, Madras und Neu-Delhi (ab 1972 nur noch in der Hauptstadt)
gleich vier Residenturen unterhielt. Die HV A hatte Anteil am Friedensschluss
nach dem indisch-pakistanischen Grenzkrieg 1965 in Kaschmir, half den
Folgekrieg 1971 zu beenden und begleitete 1972 die Herauslösung von Bangladesch aus dem indischen Staatsverband. Im Wettlauf
um die Gunst des größten blockfreien Staats
trug sie damit mehr als nur ein Scherflein zugunsten der Warschauer Vertragsstaaten
bei. Insbesondere solche globalen Ambitionen Ost-Berlins waren Bonn ein Dorn im
Auge, Als der BND im Vorfeld des Staatsbesuchs von Kurt-Georg Kiesinger in
Indien im November 1967 erfuhr, dass die DDR mit Entsendung der früheren
stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats Margarete Wittkowski
»Störaktionen« vorbereitete, wurde die Operation »Igel« gestartet, die dank der
guten Beziehungen zum Partnerdienst Research and Analysis Wing
(RAW) von Erfolg gekrönt war.
Während der BND durchaus kein Geheimnis
um sein Wissen über das Engagement der DDR-Nachrichtendienste in Afrika und
Nahost macht, verschweigt er weiterhin sein eigenes in diesen Regionen, wie
etwa die Anwerbung des abgelösten ghanaischen Geheimdienstchefs Nunoo Mensah als BND-Agent 1983.
Rot hat vorgelegt, Blau müsste nachlegen. Denn erst durch Kenntnis beider
Blickwinkel wird ein endgültiges Urteil über die Dienste der beiden deutscher
Staaten möglich sein - und auch darüber, inwieweit die westlichen Demokratien
ihr freiheitliches Gesellschaftsmodell exportierten oder Diktaturen
installierten, um aus ökonomischen Interessen den Schulterschluss zwischen
Volksdemokratien in Osteuropa und in der Dritten Welt zu verhindern.
Bernd
Fischer: Als Diplomat mit zwei Berufen. Die DDR-Aufklärung in der Dritten
Welt.. Vorwort von Werner Großmann. Edition Ost, Berlin.
224 S., br., 14,90 €.