"Neues Deutschland" vom 18.09.2003
Gelesen
Kriminelle pro Staat
Rechtsradikale V-Männer als »Geheime
Informanten«
Von Matthias
Koch
Das Sachbuch des Monats Oktober heißt »Geheime Informanten« und untersucht die Verquickung des Verfassungsschutzes mit der rechtsradikalen Szene in der Bundesrepublik. Autor Rolf Gössner - Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, Rechtsanwalt, Publizist, Geheimdienstexperte sowie parlamentarischer Sachverständiger in Gesetzgebungsverfahren auf Bundes- und Länderebene - »will vor dem Hintergrund der Besorgnis erregenden Entwicklung von Neonazismus und rechter Gewalt in diesem Land der V-Mann-Problematik im rechten Sumpf auf die Spur kommen«.
Gössner spricht ohne Vorbehalte von Kriminellen im
Dienst des Staates. Als Beispiele für seine These bringt er viele FallStudien,
sechs ausführlich und zwölf im Stenogramm. Demnach verliefen rechtsextreme V-Mann-Karrieren
häufig nach demselben Strickmuster. Vor, während oder nach kriminellen Taten -
Mordversuch, Vertrieb rechtsradikalen Gedankengutes, Brandstiftung,
Körperverletzung, Waffenhandel, Teilnahme an Bombenanschlägen oder Anstiftung
zum Mord sind nur eine kleine Auswahl - dienten sich vorwiegend Männer bei der
Verfassungsschutzbehörde an.
Für die Kriminellen lohne sich der Deal auf alle
Fälle. Neben Verkürzung der Haft oder Vergünstigung der Haftbedingungen locke
vor allem der schnöde Mammon zur Spitzeltätigkeit in den eigenen Reihen. »Die
Honorarsätze lagen lange bei 300 bis 1500DM, heute liegen sie bei etwa 400
bis 1250 Euro im Monat und mehr«, schreibt Gössner. Der Thüringer V-Mann
Tino Brandt soll beispielsweise bis zu 20.000 Euro jährlich an Spesen, Prämien
und Honorar bezogen haben. Hohe Zuwendungen hätten allerdings mehrere Haken. Zum
einen reiche die Summe häufig für die Unterhaltung der Lebenskosten aus. V-Männer
gerieten so in finanzielle Abhängigkeit. Zum anderen wäre die staatliche Förderung
unweigerlich in den Aufbau neonazistischer Strukturen geflossen.
Ein Schwerpunkt der Abhandlung ist die NPD. Diese
Partei sei besonders stark von V-Leuten durchsetzt. Innenministerium und
Verfassungsschutzbehörden hätten inzwischen einräumen müssen, dass »etwa 30 der
200 NPD-Vorstandsmitglieder seit Jahren als V-Leute im Sold des Staates«
standen.
Neben der Klärung von vielen Begrifflichkeiten, wie
»V-Mann-Führung« oder »Verbrennen von V-Leuten« fragt Gössner
nach der Zukunft des Verfassungsschutzes. Er fordert, die bedingungslose
Aufarbeitung
der Verstrickungen durch den Einsatz von V-Männern in der NPD. Zudem
stellt er Reformation oder gar Abwicklung des aus 17 Verfassungsschutzbehörden
bestehenden Geheimdienstes in den Raum. Die Inanspruchnahme von VLeuten, die
Ralf Gössner als eine der unzuverlässigsten und rechtlich bedenklichsten
Formen der Nachrichtenbeschaffung bezeichnet, dürfte deshalb ein brisantes
Thema bleiben.
Rolf Gössner:
Geheime Informanten. V-Leute des Verfassungsschutzes. Kriminelle im Dienst
des Staates. Knaur Taschenbuch, 320 Seiten, Oktober 2003, 12,90 €