junge Welt

10.08.2009 / Politisches Buch / Seite 15

Ein Phänomen

Neuer Sammelband             die HVA

Peter Wolter

Der Auslandsnachrichtendienst der DDR, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), gilt als einer der erfolgreichsten Geheimdienste der Welt - kein Wunder, daß sich das Ausland für dessen Geschichte interessiert. Im New Yorker und Londoner Verlag Routledge, Chapman & Hall ist jetzt ein Sammelband erschienen, in dem 13 Autoren aus den USA, Schweden, Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark und Deutschland dem Phänomen HVA auf die Spur zu kommen versuchen.

Eingeleitet wird der Band mit einem historischen Abriß der HVA - gemeinsam verfaßt von den Herausgebern Thomas Wegener Friis (Odense, Dänemark), Kristie Macrakis (Atlanta, USA) und Helmut Müller-Enbergs (Berlin). Nigel West (USA) befaßt sich mit Gegenspionage-Operationen im Nachkriegs-Europa, Paul Madrell (Großbritannien) engt das Thema auf die DDR ein. Der deutsche Friedensforscher Erich Schmidt-Eenboom analysiert die Erfolge und das sich anschließende Versagen der westlichen Dienste in der Spionage gegen die DDR. »Taub, stumm und blind - die CIA und Ostdeutschland«, ist ein Beitrag des ehemaligen CIA-Chefhistorikers Benjamin B. Fischer (USA) überschrieben.

Einen tieferen Einblick in die Erfolgsgeschichte der HVA bietet Müller-Enbergs in seinem Beitrag »Politische Aufklärung: Schwerpunkte und Quellen -1969 bis 1989«. Der bei der Birthler-Behörde beschäftigte und wegen seiner auf Unabhängigkeit bedachten Forschungen immer wieder unter Beschuß geratene Historiker analysiert über 75 Quellen, die von drei HVA-Abteilungen geführt wurden. Er kommt dabei zu zwei Ergebnissen: Zum einen hatte die HVA einen beachtlichen Einblick in die politischen Kreise der BRD hinein. Zum anderen hatte sie ihre besten Jahre in den 70er Jahren. Danach fiel es ihr immer schwerer, neue Quellen zu erschließen.

Das Buch hat vor allem zwei Schönheitsfehler: Erstens ist es mit einem Verkaufspreis von 87 Euro sündhaft teuer. Zweitens fehlen Beiträge ehemaliger HVA-Offiziere, von denen viele bereit sind, über ihre frühere Arbeit zu berichten. Widerspruch und Korrekturen sind aber offenbar weder von der Birthler-Behörde noch vom Verlag gewünscht, da sie nicht zur »Erinnerungspolitik« passen, wie staatliche Propaganda heute in der BRD genannt wird.

Kristie Macrakis/Thomas Wegener Friis/Helmut Müller-Enbergs (Hg.): East German Foreign Intelligence (Studies in Intelligence). Routledge Chapman & Hall, New York/London 2009, 256 Seiten, 000 Euro * 92 US-Dollar/59,50 brit. Pfund/etwa 87 Euro