Aus: NEUES DEUTSCHLAND, 13. Februar 2004
Politisches Buch
Unterwandert und
gescheitert?
Die DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik
Von Klaus Eichner
Vor zwei Jahren hatte die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik zu einer
dreitägigen Konferenz über die »Westarbeit« der Aufklärungsdienste der DDR
geladen. Jetzt veröffentlicht die Behörde einen Sammelband mit den Beiträgen
der Referenten. Das eigentlich Spannende an dieser Konferenz mit dem
Untertitel: »Geheimdienste und Politik im deutsch-deutschen Verhältnis« waren
jedoch die Kommentare von Wissenschaftlern und Publizisten zu den Referaten
sowie die Diskussionen zwischen Podium und Publikum. Warum macht die
Birthler-Behörde nicht auch diese einem breiten
Leserkreis bekannt? Weil sie Kritik an ihren Thesen offenbaren würden? Wie etwa
jene in der Diskussion über die von Philipp-Christian Wachs vorgetragene
Bewertung des von der DDR angestrebten Gerichtsverfahrens gegen Theodor
Oberländer. Der Publizist Götz Aly hatte mit
Nachdruck die beispiellose Korrektheit des »Braunbuches« der DDR hervorgehoben
und von der Notwendigkeit gesprochen, mit Enthüllungen über NS-belastete
Personen in führenden Funktionen in der Bundesrepublik eine Debatte über die
nationalsozialistische Vergangenheit angestoßen zu haben. Oder etwa die Debatte
zum Referat von Bundesanwalt Joachim Lampe, der das so genannte
Stasi-Unterlagen-Gesetz als ein Sonderrecht in einer historischen
Ausnahmesituation gekennzeichnet hatte, das indes grundgesetzwidrig sei, da es
die verfassungsmäßig unantastbare ausschließliche Kompetenz der Gerichte für
Schuldzuweisungen ignoriert sowie Persönlichkeitsrechte und Datenschutz für
einen bestimmten Personenkreis einengt. Dem Teilnehmer an der Tagung sind noch
die wütenden Reaktionen von Mitarbeitern der Birthler-Behörde auf dessen
Ausführungen in lebhafter Erinnerung.
Ein dritter Streitpunkt auf dieser Konferenz entspann sich um die Frage: Konnte
das Ministerium für Staatssicherheit über seine Quellen in der Bundesrepublik
erheblichen, gar geschichtsbildenden Einfluss auf die
Entwicklung in Westdeutschland nehmen? Oder war solcherart Infiltration eher
marginal im Vergleich zu vielen anderen Wirkungskomponenten? Hubertus Knabe
vertrat wieder seine Lieblingsthese von der »unterwanderten Republik« mit
Vehemenz, aber bar jeglicher überzeugender Beweisführung. Und dies, obgleich
Manfred Görtemaker, Professor an der Universität
Potsdam, dessen These bereits in seinem Eröffnungsvortrag ad absurdum geführt
hatte.
Generell ist zu konstatieren,
dass die Beiträge der Historiker in diesem Sammelband, insbesondere von Görtemaker und Bernd Stöver,
hervorstechen. Sie waren bemüht, das Thema Spionage in den Kontext der
gegenseitigen Beeinflussung beider Seiten des Kalten Krieges zu stellen und die
jeweiligen Interessen der Großmächte zu beachten. Stöver
wies nach, wie die Entwicklung und Forcierung der von den USA intendierten
»Befreiungspolitik« in Osteuropa zwangsläufig entsprechende Reaktionen der
Sicherheitsorgane der sozialistischen Staaten auslöste. In diesem Zusammenhang
forderten die Vertreter der Geschichtswissenschaft endlichen Zugang auch zu den
Akten der bundesdeutschen Geheimdienste.
Das von Mitarbeitern der Abteilung Forschung und Bildung der Birthler-Behörde
vorgelegte, aus fleißigem Aktenstudium gewonnene Material zur Westarbeit des
MfS beeindruckt zweifellos angesichts des quantitativen Umfangs, enttäuscht
jedoch in qualitativer Hinsicht. Die entsprechenden Wertungen offenbaren
vielfach erstaunliche Naivität und Realitätsferne. Und einmal mehr zeigt sich,
dass durch eine ausschließliche Fixierung auf die Akten einstige Vorgänge und
Biografien auch nicht annähernd exakt und authentisch zu beschreiben sind. Ein
Teilnehmer beklagte auf der Konferenz die Unsitte der
»Schlüssellochperspektive«, die unselige Fortsetzung finde. Von
wissenschaftlicher Seriosität kann gleich gar nicht geredet werden, wenn gar
solch abstruse Behauptungen aufgestellt werden wie etwa jene von Thomas
Auerbach, nach der »Sabotage- und Terrorstrategien« des MfS der »Errichtung
einer kommunistischen Diktatur im Operationsgebiet« gedient haben sollten.
Während ehemalige Vertreter der DDR-Geheimdienste als Referenten oder Podiumsgäste explizit unerwünscht waren (auf Grund einer prinzipiellen Entscheidung der Chefin der Behörde), konnten führende Vertreter bundesdeutscher Nachrichtendienste und Ermittlungsbehörden ihre Sichtweise auf die MfS-Spionage ausführlich darlegen. Wobei sie interessanterweise nicht mit Kritik an der Spionageabwehr ihres Staates sparten, an so manche vermeidbare Panne und manchen peinlichen Misserfolg erinnerten. Kurios, ja geradezu lächerlich war der Versuch von Ullrich Woessner, Abteilungsdirektor im BND, dessen offensichtliche Niederlagen durch die HVA-Quellen Gabriele Gast und Alfred Spuhler – die über Jahre die westdeutsche DDR-Spionage nahezu vollständig paralysieren konnten! – nachträglich in einen Triumph des BND umzudeuten. Sein bemerkenswerter Schlusssatz: »Ohne Frage ist das MfS insofern mit seinen Angriffen auf den BND insgesamt gescheitert.« Nachzulesen ist dies und vieles andere in dem hier angezeigten Band.
Georg Herbstritt/Helmut Müller-Enbergs:
Das Gesicht dem Westen zu... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland.
Edition Temmen, Bremen 2003. 458S., geb., 22,90 EUR.