Junge Welt

25.10.2007 / Feuilleton / Seite 12

Teilweise ein Witz

Mit »Hysterische Historiker« untersucht Horst Schneider die Totalitarismusdoktrin

Gerhard Lehmann

Die Totalitarismustheorie fand nach 1990 besonders in Sachsen eine neue Heimstatt. In seinem neuen Buch »Hysterische Historiker« zitiert Hort Schneider den früheren UNO-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan: »Man kann aus der Geschichte lernen; ohne einen Sinn für Geschichte kann niemand die Zukunft planen. Wer aus der Geschichte lernt, braucht sie sich nicht zu wiederholen.«

Der Marxist Horst Schneider, der heute 80 Jahre alt wird, setzte sich bereits mit der Totalitarismustheorie auseinander, als er Professor für allgemeine Geschichte an der Pädagogischen Hochschule in Dresden war. All das, was er als Emeritus geschrieben hat, hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Am Anfang steht »Todesurteile am Münchner Platz. Fakten, Folgen und Fragen zum Dresdner Landgericht«, erschienen 1997 im Verlag am Park; bei Spotless 2004 folgte »Das Hannah-Arendt-lnstitut im Widerstreit politischer Interessen«; dann »Erinnerungsschlacht ohne Ende - Anmerkungen zum Streit über die aktuelle deutsche Gedenkstättenpolitik« und »Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari)« (beide 2005), außerdem publiziert er im RotFuchs.

Der Streit entzündet sich nicht an den Tatsachen, sondern an deren Wertung« schreibt Schneider in »Hysterische Historiker«. Er untersucht unter anderem, was herauskommt, wenn die schielende Justitia und die käufliche Klio sich verbinden. Das entwickelt er anhand der Forschungsergebnisse »eines der namhaftesten und einflußreichsten Totalitarismusforscher« Eckhard Jesse, für den »die Parallelen zwischen beiden deutschen Diktaturen auf der Hand« liegen. Schneider stellt fest: »Der Historiker Jesse prüft nicht, was warum geschehen ist, sondern er klagt öffentlich an und ernennt sich auch gleich zum (Nürnberger) Richter«. Solches Vorgehen verlangt Widerspruch«. Und zwar in zwölf Kapiteln.

Schneider untersucht und vergleicht nicht nur zwischen DDR und Nazireich, er bezieht die BRD mit ein, er fragt nach den Eigentums- und Machtverhältnissen und dem ideologischen Überbau. Er kommt zu dem Schluß: »Die Totalitarismusdoktrin bedient die Interessen einer herrschenden Minderheit, die das Geschichtsbild über die DDR manipuliert und instrumentalisiert.« Manche Erscheinungsformen dieser Doktrin muten wie ein Witz an: So hängt am Haupteingang des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden die Information, daß eine hauptamtliche oder inoffizielle Mitarbeit bei der Staatssicherheit eine Tätigkeit an der Klinik ausschließe. Schneider fragt: »Wer kennt ein Beispiel, daß SS- oder Nazi-Ärzten nach 1945 die Ausübung ihres Berufes verboten wurde?« Ein Musterbeispiel für den Diktaturenvergleich. Horst Schneider: Hysterische Historiker, Verlas Wiljo Heinen, Böklund 2007, 304 S., 12 Euro