Rezension von
Prof. Dr. Arno Lange, Bestensee im Heimatspiegel Nr. 8/2002
Autorenkollektiv.‑
Die Sicherheit.
Abwehrarbeit
der DDR.
edition ost,
Berlin 2002
(1)
Wie gewandelt und widersprüchlich unsere Berliner
Republik nach dem ersten Jahrzehnt ihrer Existenz zu sehen ist, wird nun wieder
mit diesen soeben erschienenen Bänden jedem politisch Denkenden bewußt.
Beginnend etwa, dass das Buch von Markus Wolf "Spionagechef im geheimen
Krieg" noch 1997, was heißt vor nur fünf Jahren, zuerst in den USA
erscheinen mußte, bevor man es in Deutschland publik machen konnte. Bis dahin,
dass nun zu diesen Bänden und für die sozialistische Tageszeitung Neues
Deutschland" (4./5. Mai 2002) ein westdeutscher Geheirndienstexperte
(Prof. Dr. Erich Schmidt-Eenboom, Weilheim/ Bayern) eine sachliche
Wertung schrieb, die selbst von lebens- und gesinnungstreuen Ostdeutschen
nicht gebessert zu werden braucht. Wie einfältig sind hingegen jene Geister im
Osten, die diese wertvolle Wirklichkeitsschilderung Bestwissender als
eine "von noch Glaubenden" abtun (Das Blättchen, 10/2002).
(2)
Der Titel der Publikation ist
eigentlich irreführend. Je mehr man sie bewältigt, desto bewußter wird, es
handelt sich um eine wertvolle Dokumentation zur Gesellschaftsentwicklung
überhaupt. Zur Wandlung und Ablösung der menschheitsgeschichtlich reaktionär
gewordenen kapitalistischen Produktionsweise und Gütervertellung durch die sich
unabhängig von unserem Willen durch setzende sozialistische Weltrevolution.
Damit zum tatsächlichen
Marxismus und speziell zum Marxismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts, im
wissenschaftlichen Verständnis der Gesellschaft heute wie der gewesenen und
heutigen Politik, den eingerissenen
Pragmatismus zum sozial Grundsätzlichen widerlegend.
Sie ordnet sich damit all jenen zu, die seit der
Jahrhundertwende immer auffälliger ein wissenschaftliches Bewältigen der DDR-Geschichte
fordern. Etwa wie wieder Stefan Bollinger / Fritz Vilmar "Die DDR war anders
- Eine kritische Würdigung ihrer sozialkulturellen Einrichtungen, Berlin
2002". Ein Buch, das ebenfalls Aufsehen erregt, zumal Professor Vilmar als
Westberliner - und über viele Jahre angesehener Politikwissenschaftler
der Freien Universität Berlin - dieses neue Denken verficht.
(3)
In allen Teilen der Publikation zur Staatssicherheit
der DDR wird vor allem das deutsch-deutsche Verhältnis seit den fünfziger
Jahren tragend. Den Leser fast überfordernd bietet sie sorgsam belegte
Informationen zu Inhalten, zu denen selbst zur Gesellschaftstheorie Arbeitende
bestenfalls Vermutungen und Legenden hatten.
Doch noch bedeutender werte ich das Bemühen der
Autoren, das Deutsche eingebunden in das Internationale, an der Nahtstelle
zweier Weltsysteme und höchstgerüsteter Militärblöcke zu sehen. In die Politik
Europas eingeordnet und insbesondere der Großmächte über ein halbes Jahrhundert
hin.
Ob BRD oder DDR -
sie waren zu allen Zeiten Schachfiguren der amerikanischen und russischen
Politik. So hatte es schon bei Markus Wolf bereits 1997 eindeutig geheißen:
"Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen und blieb es
unter Chruschtschow, Breschnew, Andropow, Tschernenko, bis Gorbatschow sie der
NATO überließ." Die Autoren führen nun sorgsamen Beleg hierzu.
(4)
Das von der westdeutschen Sieger-Politik vom
ersten Tag der "Einheit" und bis heute stereotyp gesetzte Wort, die
DDR habe den international gewichtigsten Geheimdienst gehabt, war und ist
politisch verlogen. Vor allem gebraucht, um die DDR angeblich legitim
zerschlagen zu dürfen. Doch ein kleiner Staat mit um 17 Millionen Bürgern, kriegszerstört,
reparationsbelastet und konsequent sozial orientiert dazu, konnte sich bereits
aus sozialen Gründen nie den Sicherheitsaufwand leisten, wie das bei den großen
Staaten selbstverständlich ist.
Und der Legende, neben jedem Bürger der DDR habe einer
von der "Stasi" gestanden, wurde von der großen Mehrheit der
Ostdeutschen ohnehin bald nur mit verständnisvollem Lächeln bezüglich
westdeutscher Unbedarftheit begegnet. Wie berechtigt, das belegen die beiden
Bände fast durchgängig, vor allem aber in jenen Kapiteln, die sich mit der
Arbeitsweise oder dem organisatorischen Aufbau des Sicherheitsdienstes
befassen.
Das Bild wandelt sich jedoch sofort, wenn man das
Geschehen aus der Sicht der Arbeitsergebnisse oder der Qualität der
Arbeitsleistung prüft. Hier haben die Mitstreiter von Markus Wolf deutsche wie
international historische Maßstäbe gesetzt, die weder eine sachliche Politik
noch eine wissenschaftliche Wertung unbeachtet lassen darf.
(5)
Jedes Staatswesen weltweit hatte und hat seinen "Sicherheitsdienst".
Diese Welt voller antagonistischer Gegensätze erzwingt das erst recht und es
gibt kaum Aussicht auf Wandlung. Wie auch jeder Staat bemüht sein muss, den
eigenen auf möglichst hohem Leistungsniveau, aber auch, bedingt durch die
Brisanz dieser Welt, sozial erträglich zu gestalten.
Die DDR-Staatssicherheit hinterließ zur
grundsätzlichen Arbeitsweise wertvolles Wissen. Sie wirkte nach streng
wissenschaftlichen Grundprämissen und versuchte zu allen Zeiten, möglichst vom
Individualismus bestimmte Strukturen, Gegensätzlichkeit oder Doppelarbeit zu
vermeiden. Sie verstand sich als Teil des politischen Systems der DDR
insgesamt, von ihm letztlich bestimmt. Sah sich verpflichtet, durch wertvolle
konzeptionelle Zuarbeit die Politik zu bessern. Fand sich auch gar nicht so
selten, vor allem im letzten Jahrzehnt der DDR, im Kampf gegen Fehlleistungen
einer mangelhaften, senilen Gesamtpolitik.
(6)
In Einheit mit dem Enteignen und Zerschlagen der DDR-Wirtschaft
durch das westdeutsche Grosskapital wurden die Begriffe "Stasi" und "Informant"
(IM) zum wichtigsten Ansatz der über uns gekommenen Eroberungspolitik des
Westens. Nicht Staat oder SED, der Sicherheitsdienst wurde massenpsychologisch
raffiniert und überlegt gesetzt.
Da das Leben in der DDR wie im Westen und weltweit
auch seine Konflikte kannte, war es leicht, nach dem Herbst jeden Konflikt und
jedes leidige, bedauernswerte und entschuldigungswürdige Erleben als eines mit
der Sicherheit zu dichten. Bald dann auch von manchen Bürgern gar nicht so
selten bewußt genutzt, um in der neuen BRD-Gesellschaft persönliche Positionen
oder Begünstigungen zu erlangen, oder auch, um sich politisch zu rechtfertigen.
Im gleichen Sinne wurde auch der Verdacht einer Arbeit für die Sicherheit immer
wieder neu in die Öffentlichkeit gesetzt und genutzt. Bloße Verdächtigungen
genügten, um den Ostdeutschen die Posten und Arbeitsplätze zu nehmen.
Der Begriff IM, es ging wie nun belegt, vor allem um
die für die DDR in der BRD bzw. im Ausland Tätigen, gibt bis heute
Rätsel auf: Der Sicherheitsdienst der doch international kaum beachtenswerten
DDR hatte seit den Zeiten Adenauers und trotz aller hauptsächlich in
Deutschland üblichen Sozialistenverfolgung fast unüberschaubar viele
Informanten in allen bedeutenden Institutionen der BRD, in Ministerien und
Parteivorständen, in KonzernIeitungen und bekanntlich selbst in den Spitzen
ihrer Geheimdienste.
Und es waren zumeist hochgebildete, wohlsituierte und in hohem Ansehen stehende Bundesbürger, die an der Seite der DDR für eine friedliche Koexistenz beider Systeme in Deutschland und in der Welt wirkten. Nur wenige dieser IM konnten trotz großem Aufwand nach 1990 "enttarnt" werden. Und selbst sie blieben mehrheitlich ehrliche Sympathisanten des sozialistischen Versuchs DDR.
Die Tatsache aber, dass es nur um 110.000 solcher IM
gab, beantwortet auch die Frage nach der tatsächlichen Relation von
Sicherheitsdienst und Gesellschaft. Egal, ob wir den Prozentanteil zur
Bevölkerung der DDR oder der gesamten BRD berechnen.
(7)
Diese jüngste Selbstdarstellung zum
Sicherheitsdienst der DDR dürfte bald; zu einem Lehrbuch der Methodik solcher
Sicherheits-Politik und ‑Arbeit generell werden. Wenn auch nur dort
voll gebraucht, wo die sozialen und politischen Interessen der Bürger nicht im
Gegensatz zum Sicherheitsdienst stehen. Oder: Wo die politische Überzeugung und
nicht das Honorar bestimmend ist.