„Ich nehme an, daß wir die Geschichte im Nahen Osten verändert haben."
Rezension zu
Malcolm BROWN: Lawrence of Arabia: The Life, The Legend, London (GB):
Thames & Hudson 2005
[dt. Ausgabe: Lawrence von Arabien. Bilder einer Legende, Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2005]
Angehörige geheimer Nachrichtendienste
arbeiten im Geheimen. Nur wenige werden bekannt, nur einzelne berühmt - oft nicht unter ihrer wahren Identität. Wer weiß schon von den Menschen hinter
den Mythen? Der erste Weltkrieg brachte zwei solcher Ausnahmen hervor. Während in Europa Mata Hari zur wohl bekanntesten Agentin wurde, entstand im Nahen
Osten die Legende des Lawrence von Arabien.
Als Margaretha Zelle im Oktober 1917 hingerichtet wurde, führte Thomas Edward Chapman, Major
der Armee und des Geheimdienstes Englands, eine Streitmacht aus arabischen Stämmen gegen die Türken. Gerade
hatten sie Akaba eingenommen. Jerusalem und Damaskus war ihre nächsten Ziele.
Einfühlsam schildert Brown anhand
sorgsam ausgewählter Quellen, wie sich der 1888
in Wales geborene Thomas Edward zu einer besonderen Persönlichkeit entwickelte. Schon als Schüler in Oxford trieb ihn großes Interesse für mittelalterliche Befestigungsanlagen um. Es führte ihn zum Studium der Archäologie und des
Arabischen, zu Exkursionen in den Nahen Osten. Aufgrund seiner Kenntnisse der
Region und Sprache wurde er 1914 vom Geheimdienst Seiner Majestät angeworben und einer Mission zugeordnet, die von Kairo
aus türkische Truppen und ihre Absichten aufklären sollte.
Rasch erkannte der junge Offizier die Schwäche der arabischen Stämme in ihrem
Kampf gegen die osmanische Herrschaft: ihre Uneinigkeit. „Ich möchte sie alle zusammenziehen und
Syrien [...] aufrollen", so seine überlieferte
Aussage. Zusammen mit dem einflußreichen Faisal Ibn Hussain gelang ihm genau das.
Sie führten den sog. arabischen Aufstand und befreiten türkische Besetzungen. In diesen Jahren bis 1918 entstand die
bis heute bekannte Legende des Lawrence von Arabien.
Doch schon auf dem Weg nach Damaskus plagten ihn schwere
seelische Nöte. In türkischer Gefangenschaft war ihm brutale Gewalt angetan
worden. Die ebenfalls im November 1917 verkündete Balfour-Deklaration führte ihm nun
vor Augen, wie sehr er und seine Kämpfer für die arabische Sache Spielball der großen Politik waren. „Die
Regierungen sahen die Menschen nur als Masse", schrieb er enttäuscht. Einerseits verlangte London von Major Lawrence
Loyalität gegenüber einer Politik zugunsten
eines jüdischen Staates; in diesem Sinne sollte er die Araber-Stämme führen. Thomas E. Lawrence
andererseits hatte ihre Eigenständigkeit gewollt. Während General Allenby triumphal
in Jerusalem einzog, fühlte sich Lawrence „innerlich zerrissen" und sah sich ob der ihm abgenötigten „Doppelzüngigkeit" als „den größten Gauner unserer Bande"; damit meinte er die
britischen Militärs und Politiker.
Als Mitglied des Eastern Committees
des Kriegskabinetts, als Teilnehmer der Pariser Friedenskonferenz über die Neuordnung der Nachkriegswelt und als Berater von
Kolonialminister Winston Churchill setzte er sich unermüdlich für seine Überzeugungen ein. Doch er drohte, an seinem inneren
Konflikt zu zerbrechen. Er zog sich zurück, arbeitete
an seinem berühmten Buch „Die sieben Säulen der Weisheit" und
dessen populärem Extrakt „Aufstand in der Wüste".
Ständig versuchte er, sich der Prominenz, die ihm die Medien
aufzwangen, zu entziehen. Als einfacher Schütze T. E. Shaw
(1928 nahm er diesen Namen offiziell an) verbarg er sich beim Royal Tank Corps
und der Royal Air Force. Aber sogar in seinem Refugium Clouds Hill, einem
einsamen Häuschen in den Wäldern von Dorset, bedrängten
Journalisten ihren „Erzspion der Welt" und „warfen Steine auf [sein] Dach, um ihn vor die Tür zu locken". Bis zuletzt gelang es ihm nicht, sich
von seiner Legende zu lösen. Für die Zeitungen starb am 19. Mai 1935 ergo nicht etwa
Thomas Edward Shaw, sondern „Lawrence of Arabia dies"
(Titel der Oxford Mail).
Malcolm Brown ist es gelungen, die Vielzahl der
Lawrence-Publikationen um ein herausragendes Buch zu bereichern. Aus
zahlreichen öffentlichen und einigen privaten
Sammlungen hat er Schriftstücke, Fotos, Bilder und
Selbstzeugnisse über und von T. E. Chapman/Lawrence/Shaw zusammengetragen. Daraus entstand ein
sensibles Portrait eines außergewöhnlichen Menschen, jenseits aller bis heute vorherrschenden,
blauäugigen Klischees, die der Spielfilm mit Peter OToole (1962) geprägt hat.
Offen bleibt die Frage, was aus Lawrence geliebtem Arabien
geworden wäre, wären seine Vorstellungen realisiert worden. „Ich nehme an, daß wir die Geschichte im Nahen Osten verändert haben. Ich frage mich, wie die Machthaber mit den
Arabern weiter verfahren werden." Seinen Freund Faisal
haben die Briten 1921 zum König des Irak gemacht. Als Faisal l. starb auch er 1935. 1968 wurde Faisal II. getötet und die
Monarchie durch einen Putsch der Bath-Partei abgeschafft. Ihre Führung übernahm 1979 Saddam Hussain. Ein Jahr später begannen
die Golf-Kriege. 2004 erschienen in der Londoner Times „Lawrence von Arabiens Lektionen für den Irakkrieg". Sie belegen, wie viel uns Lawrence
auch 70 Jahre nach seinem Tod noch zu sagen hat.
Bodo
Wegmann, Berlin