Neues Deutschland
29.11.06
Der Hakenkreuz-Bäcker
Peter Pfütze über Kriminelle und Westbesuch
Von Herbert Kierstein
Vielleicht wäre es der Versachlichung der hitzigen Stasi-Debatte im Frühjahr/Frühsommer des Jahres dienlich gewesen, wenn sich jene Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der BRD eingeschaltet hätten, die - wie Kollegen diplomatischer Vertretungen anderer westlicher Staaten - über viele Jahre Untersuchungs- und Strafgefangene ihres Landes betreut haben, die vom MfS der DDR inhaftiert worden sind. Mindestens 130 Diplomaten haben etwa 3500 Besuche in DDR-Gefängnissen absolviert. Keiner von ihnen hat sich bis heute zu Wort gemeldet, ihre Mission findet in der Öffentlichkeit keine Erwähnung. Peter Pfütze, von 1974 bis 1989 als Mitarbeiter des MfS verantwortlich für die Organisation und Betreuung von Diplomatenbesuchen in Haftanstalten der DDR, macht mit seinem Buch dieses Kapitel Geschichte jetzt öffentlich. Er bietet Einblicke in die Tätigkeit der Untersuchungsabteilung des MfS, die Praxis der Strafverfolgung in der DDR im Spannungsfeld deutsch-deutscher Beziehungen. Zeitgeschichtliche Hintergründe und Zusammenhänge werden beleuchtet.
Bonner Diplomaten vergewisserten sich, dass ihren »Klienten« in DDR-Gefängnissen keine körperliche Gewalt angetan wurde. Sie wohnten auch Gerichtsverhandlungen bei. Ein US-amerikanischer Konsul war verwundert, wie viel Zeit das Gericht dem Angeklagten ließ, seine politischen Gedanken darzulegen. In den USA sei dies anders, erklärte er. Bis zu drei Stunden konnten sich die West-Diplomaten mit den Häftlingen unterhalten. Klagen über die Haftbedingungen gab es kaum.
Gut gelungen sind dem Autor die Psychogramme der Täter, mehrheitlich Agenten, Grenzverletzer, »Menschenhändler«, die über Persönlichkeitsstruktur und Motive der Tat Auskunft geben, den Hintergrund eines Falles Sichtbarwerden lassen. Wer zweifelt - alle Aussagen sind nachprüfbar. Nicht nur könnten sie durch die bisher schweigenden West-Zeugen bestätigt werden. Auch müssten die Berichte über die durchgeführten Häftlingsbesuche im Bundeskanzleramt zu finden sein. Entsprechende Zeugnisse lagern auch in der Gauck/Birthler-Behörde.
Pfütze reflektiert nicht nur Geschichte, sondern erzählt auch Geschichten. So über einen Bäcker, der sich nicht davon abbringen ließ, Brezeln zu backen, die wie Hakenkreuze aussahen. Oder über die Ermittlungen gegen eine Hellseherin, deren Voraussagen Bürger der DDR zum Verlassen ihres Landes bewegten. Kriminelles und Kurioses ist hier vereint.
Peter Pfütze: Besuchszeit. Westdiplomaten in besonderer Mission. Edition Ost, Berlin. 256 S., br, 14,90 EUR.