„Neues Deutschland vom
28.10.2004
Geheimdienste, Politik
und Medien
neues Enthüllungsbuch von Erich Schmidt-Eenboom
Meinungsmacher mit Schlapphut
Von Klaus Eichner
Wer
das spannungsgeladene und widerspruchsvolle
Beziehungsgeflecht zwischen Geheimdiensten, Politik und Medien
untersuchen und darstellen will, der kann das aus theoretisch-philosophischer
Sicht tun oder auf der Grundlage von sauber recherchierten und beeindruckend
dokumentierten Fakten. Letzteres demonstriert
Erich Schmidt-Eenboom mit seinem neuen Werk »Geheimdienst, Politik und Medien« eindrucksvoll.
Obwohl es sich auf Materialien seines 1998
erschienen Buches »Undercover - Der BND und die deutschen Journalisten«
stützt, geht es doch weit über diese Publikation hinaus - sowohl hinsichtlich
der Quellenlage als auch der Breite und Neuordnung der untersuchten Sachverhalte, einschließlich
einiger bedeutsamer Fälle mit
CIA-Hintergrund.
»Undercover« war seinerzeit heftig durch Medien attackiert und der Autor mit Klagen
überzogen worden. Getroffene Hunde bellen.
Kaum einer in der bundesdeutschen Medienlandschaft der 60er und 70er
Jahre mit Rang und Namen, der nicht in
irgendeiner Form im Kontakt mit dem BND stand. Wobei Schmidt-Eenboom sehr wohl Motive
und Intensität der Zusammenarbeit differenziert wertet.
Jetzt kann der Geheimdienstexperte mit neuen Dokumenten aufwarten,
insbesondere aus dem Privatarchiv des
früheren BND-Vizepräsidenten Dieter Blötz. Dieses
ist ein Phänomen für sich. Es ist nicht verwunderlich, wenn ein Vizepräsident eines Geheimdienstes seine
Aktivitäten durch Aktenvermerke dokumentiert.
Verwunderlich bzw. unprofessionell erscheint es indes, wenn Durchschläge
nicht, im Safe des Geheimdienstes bleiben, sondern in einem Privatarchiv
landen. Womit freilich sich dem sachkundigen Rechercheur eine ergiebige Quelle auftut. Da Blötz als
Vertrauensmann der SPD im BND - entgegen früheren Gewohnheiten - als Vizepräsident des Geheimdienstes selbst engste Kontakte zu Regierungskreisen in Bonn pflegte, enthält
dieses Privatarchiv viele bedeutsame und
entlarvende Vermerke. Zu erfahren ist
von jahrzehntelangen illegalen
Inlandaktivitäten des
Auslandsnachrichtendienstes der
Bundesrepublik, von »Pressesonderverbindungen«
des BND, gezielter Überwachung der politischen Opposition im Lande sowie missliebiger Politiker und Journalisten, über die umfangreiche Dossiers
angelegt worden sind. Das Spinnennetz der
CSU-Seilschaften im BND war besonders
dicht geknüpft, als Willy
Brandt die »Neue Ostpolitik« verkündete und durchzusetzen begann. Mit höchstem
Misstrauen und oft massiven Eingriffen in politische Entscheidungsfindungen wurde
versucht, die Bemühungen um
Entspannung zu torpedieren.
Ein besonders beredtes Beispiel der illegalen Inlandsaufklärung wird
im Kapitel über die nachrichtendienstliche Überwachung des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann und seines privaten und
politischen Umfeldes gegeben. Heinemanns christlich fundierter Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, sein Drängen auf eine ernsthafte Prüfung der sowjetischen
Initiativen von 1952 für eine Wiedervereinigung Deutschlands, seine Warnung vor einem blinden Antikommunismus und nicht zuletzt seine Bemühungen um eine anwaltschaftliche
Vertretung von Kommunisten nach dem KPD-Verbot in der Bundesrepublik
alarmierten bereits die Schlapphüte in
der damaligen »Organisation
Gehlen«, aus der später der BND
hervorging!
Verdienstvollerweise
macht Schmidt-Eenboom auf parallele oder ähnliche Aktivitäten der CIA aufmerksam, vom Wirken des Congress of Cultural Freedom (CCF, Kongress für die Freiheit der Kultur), über
die öffentlich, aber nur zum Teil,
eingestandene Agententätigkeit der
Journalistin Carola Stern bis hin zur Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM).
Beleuchtet werden des weiteren vor geheimdienstlichem
Hintergrund illegaler Waffenschmuggel und die Unterstützung
des Irak unter Saddam Hussein durch die Lieferung von Ausrüstungen für die
Giftgasproduktion.
Mit seinen Recherchen im
Privatarchiv von Blötz, in Teilen des
Nachlasses des Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Günter Nollau und vielen anderen »amtlich geheimen«
Beständen kann Schmidt-Eenboom außergewöhnliches und authentisches
Faktenmaterial offerieren. Akribisch hat er die Fälle und Vorgänge studiert. Sein Buch ist gespickt mit Tausenden von
biografischen und operativen Details,
was mitunter den Lesefluss etwas erschwert. Nichtsdestotrotz
ein spannendes, kurzweiliges, lehrreiches
und informatives Buch.
Erich Schmidt-Eenboom: Geheimdienst ~ Politik und Medien. Kai Homilius Verlag, Berlin 2004. 401 S., geb., 24,80 €.