Erschienen in: Junge
Welt, Montag 23. November 2009, N. 271, politisches Buch, S. 15
Legitimer
Auftrag
Ein Buch über das DDR-Wachregiment „Feliks
Dzierzynski“. Von Lothar Tyb’l
Eberhard Rebohle ist weder
Schriftsteller noch Historiker, er schrieb keinen Roman und keine Geschichte
des Wachregiments „Feliks Dzierzynski“,
das dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstand. Dass er zur
Feder griff und ein 250-seitiges Buch mit dem Titel „Rote Spiegel. Wachsoldaten
in der DDR“ veröffentlichte, ist auch nicht dem Rentenalter geschuldet, das
Erinnerungen aufleben lässt. Ihn leitete der Stolz auf das, was er als junger
Soldat von 1961 bis 1964 im Wachregiment erlebte und für die DDR aus
Überzeugung freiwillig leistete, und es ist die Empörung über die schon 20
Jahre währenden Versuche, solche Leistungen zu missachten. Dass der Verlag „edition ost“ seinem Anliegen eine
öffentliche Stimme gibt, ist anerkennenswert.
Militärisches Leben
Das einleitende Kapitel vermittelt dem Leser zahlreiche, der
Öffentlichkeit bisher unbekannte Fakten und Befehle aus der Gründungsphase des
Wachregiments und seiner Entwicklung in den 50er Jahren. Diese Spezialeinheit
wurde am 4. November 1949 aufgestellt, ihre Legitimität und die ihres Auftrages
oft geleugnet. Der Autor leitet sie aus dem widersprüchlichen Gang der
deutschen Geschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem bald darauf
entfachten „Kalten Krieg“ ab. Für viele Leser wird anregend sein, die Sicherung
der Staatsgrenze der DDR am 13. August 1961 aus der Sicht eines jungen Soldaten
nachzuvollziehen.
In den folgenden Abschnitten schildert der Autor anschaulich
seine soldatische Grund- und die Spezialausbildung zum Aufklärer,
Fallschirmspringer und Waffenwart. Diese Kapitel verdeutlichen das Ringen um
die Lösung des Widerspruchs, einerseits althergebrachte Formen und bewährte
Methoden militärischen Lebens zu nutzen und andererseits ihnen einen neuen,
sozialistischen Inhalt zu geben. Rebohle erinnert
sich des anstrengenden Soldatenalltags und an das kameradschaftliche Verhältnis zu seinen
Kommandeuren. Verschwiegen wird nicht jener Vorgesetzte, der bei der
Stubenkontrolle mit dem Zeigefinger den Staub von der Heizung aufnahm und ihm
höhnisch an der Wange abwischte. Aber der Leser wird dem Autor abnehmen, wenn
er diese Episode als nicht repräsentativ für das Wachregiment bezeichnet.
Sonderstellung
Wachposten am Sitz der Regierung in der Klosterstraße, Vorsicherung im Keller des Hauses der Ministerien für einen Staatsempfang, Ehrenposten beim Begräbnis des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl 1964, Sicherung der Transporte beim Geldumtausch in der DDR, Bewachung der Gästehäuser während der Leipziger Messen, Komparserie bei der Verfilmung des Romans von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“, Soldat in der Ehrenkompanie bei der Akkreditierung ausländischer Botschafter – die Vielfalt der erfüllten Wach- und Sicherungsaufgaben ist beeindruckend. Sie unterstreicht dreierlei: Erstens die Härte des dreijährigen Dienstes der Wachsoldaten. Das nimmt dem Gerede von „Privilegien“ die Grundlage. Zweitens den militärischen Charakter des Dienstes im Wachregiment, der sich von den geheimdienstlichen Funktionen des MfS unterschied. Und drittens die Legitimität der Aufgaben, die international in allen Staaten üblich sind und in der Verfassung und im geltenden Recht der DDR ihre Grundlage hatten. Die Sonderstellung dieser Spezialeinheit zwischen Armee, Polizei und Staatssicherheit verständlich zu machen, ist ein großes Verdienst des Buches.
Das abschließende Kapitel und das Interview mit dem letzten
Kommandeur des Wachregiments, Generalmajor Manfred Döring, geben überraschende
Einblicke in das an Widersprüchen reiche Innenleben des Wachregiments im
„Wendejahr“ 1989. Beide Texte machen deutlich, warum und wie das Regiment bis
zum 31. März 1990, also ein halbes Jahr vor dem Beitritt der DDR zur BRD, abgewickelt wurde. Döring und Rebohle weisen darauf hin, dass die Waffen dieser Einheit -
ebenso wie die der Grenztruppen und der NVA - in den zugespitzten
Auseinandersetzungen des Herbstes 1989 nicht eingesetzt worden waren, weil
entsprechende Einsatzbefehle von keiner Führungsebene gegeben wurden. Außerdem
entsprach dies der Haltung der Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere, die sich
als Teil der Bevölkerung begriffen. Das viel beschriebene „Wunder der
friedlichen Revolution“ ist nur solange unerklärlich, solange solche Tatsachen
ausgeklammert werden.
Der Autor konzentriert sich in diesem Buch auf seinen Dienst in
den Jahren 1961 bis 1964 und die Entwicklung der Aufklärungs- und Ehrenkompanie.
Er verzichtet auf eine kritische und selbstkritische Gesamtgeschichte des
Wachregiments; sie zu schreiben – als Teil einer Einschätzung der Militär- und
Sicherheitspolitik der untergegangenen DDR -, bleibt noch zu leisten. Das
streitbare Buch Rebohles, dessen Titel auf die roten
Kragenspiegel des Wachregiments zu Beginn der 50er Jahre zurückgeht, liefert
dafür aber wichtige Einblicke und Ansätze.
Eberhard
Rebohle: Rote Spiegel. Wachsoldaten in
der DDR. edition ost“,
Berlin 2009, 256 Seiten, 14, 90 Euro