Geheimdienstler decken
Karten auf
Für Sachbücher, deren erste Auflagen schon kurz nach dem Erscheinen
vergriffen sind, besteht offenkundig Interesse. Weit über einen spezifischen
Leserkreis hinaus. Das trifft für die bei Edition Ost verlegten beiden Bände
„Die Sicherheit – Zur Abwehrarbeit des MfS“ zu. Ihre Herausgabe war notwendig.
Die Verfasser des Kompendiums – 20 Generäle und hohe Offiziere des Ministeriums
für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik – widersetzen sich
dem offiziellen Zeitgeist. Sie machen Front gegen die „Siegerideologie“ der
weltweiten Allianz aus Sozialistenfeinden und Kommunistenhassern.
In Deutschland wies ihr die herrschende Klasse eine vorrangige Aufgabe zu: Die
1990 liquidierte DDR auch geistig auszumerzen, jede Erinnerung an deren
politische, soziale und kulturelle Errungenschaften zu tilgen. Denn ihr
Lebendigbleiben birgt für die derzeitigen Machthaber der BRD Gefahr.
Bei dem Ziel, die DDR total zu delegitimieren, spielt die sogenannte
Stasi-Problematik eine besondere Rolle. Von Geheimdienstthematik geht nun
einmal jener gewisse Reiz aus, den Enthüllungen über bislang Verborgenes
besitzen und der die Neugier eines breiten Publikums zu befriedigen verspricht.
Die von den Siegern verfolgte „Offenlegung“ ist allerdings höchst selektiv
erfolgt. Sie verwenden den bedauerlicherweise in ihre Hände gefallenen Nachlaß
des MfS zweckgebunden dafür, ihren Thesen von der DDR als „Überwachungs- und
Unterdrückungsstaat“ und seiner Staatssicherheit als dazu geschaffenem Instrument
den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dem mit solchen „Enthüllungen“
bedienten Publikum soll suggeriert werden, es sei „flächendeckender Ausspähung“
ausgesetzt und „kollektives Opfer“ des MfS gewesen. Solcherart erzeugte
Stasi-Phobie zielt darauf ab, einstige DDR-Bürger nun auch innerlich von ihrem
untergegangenen Staat zu lösen. Sie sollen in der Bundesrepublik „ankommen“ –
wenn auch nur als Bürger zweiter Klasse.
Eine nach Personalbestand und Finanzausstattung voluminöse Einrichtung – nach
ihrem ersten Chef als Gauck-Behörde bezeichnet – ist mit inquisitorischem Eifer
am Werk, die MfS-Aktenbestände politisch wunschgemäß zu verwerten.
Die Gier nach hohen Auflagen und Einschaltquoten veranlaßt Print- wie
elektronische Medien, Verleger und Regisseure, am Antistasi-Zirkus
teilzunehmen.
Was der Kumpanei dieser „Aufarbeiter“ an Seriosität und Sachlichkeit abgeht,
ersetzt sie mit Unterstellungen und Lügen. Bei den Beschuldigungen, mit denen
das MfS kriminalisiert werden soll, fehlt es an fast keiner Untat. Nur:
tausendfache Versuche, den Beweis für solche Behauptungen gerichtsfest
erbringen zu können, scheiterten gründlich. Im Arsenal der DDR-Staatssicherheit
ließ sich nichts aufspüren, was zum „Standard“ etlicher Geheimdienste
„freiheitlich verfaßter“ Staaten gehört: Darunter das Provozieren bewaffneter
Konflikte, Flugzeugentführungen, mit Gift oder Sprengstoff verübte Attentate
gegen mißliebige Spitzenpolitiker, das Inszenieren von Staatsstreichen und
verdeckten Kriegen.
Der Flut von Diskriminierung und Verleumdung stellen nun die Autoren des
vorgelegten Kompendiums, die in dieser Sache kompetenter sind als die Gauck-
und Birthler-Jünger, ihre Sicht entgegen. Sie waren durchweg – meist über
Jahrzehnte – in leitenden Funktionen des Ministeriums für Staatssicherheit der
DDR tätig. Diese Insider sind keine neutralen Beobachter. Sie sind in der Sache
natürlich Partei. Das mindert nicht ihr Bestreben, sich streng an Tatsachen zu
halten. Seriosität zeichnet die Publikation aus. Sie wurde im Wissen darum geschrieben,
daß derzeit in der Auseinandersetzung mit der Gegenseite keine
„Waffengleichheit“ besteht. Sie kann ihr angemaßtes Deutungsmonopol medien- und
manipulationswirksam nutzen. Den Autoren der beiden Bände aber wurde jeder
Zugang zu den Originalquellen verwehrt. Einstige Mitarbeiter des MfS genießen
nicht das Privileg der Akteneinsicht. Verhindert werden soll, daß anhand des
reichhaltigen, hieb- und stichfesten Beweismaterials vor allem zwei Legenden
widerlegt werden können:
Erstens die stereotyp strapazierte Behauptung, das MfS sei als gegen die eigene
Bevölkerung gerichtetes Repressionsinstrument geschaffen worden.
Zweitens die Dauerbrennerthese, die Politik der vom Gegner unablässig
umlauerten DDR sei von einem „pathologischen Sicherheitsbedürfnis“ geprägt
gewesen, das dann auch die Praxis des MfS bestimmt habe.
Die Original-Archivbestände des MfS enthalten eine Fülle von Tatsachenmaterial,
um diese Unterstellungen ad absurdum zu führen. Daß sich der sozialistische
deutsche Staat gegen seine mit allen politischen, ideologischen und
wirtschaftlichen Mitteln sowie unter Einsatz auch subversiver (terroristischer)
Kräfte angestrebte Abschaffung zur Wehr setzte, war seine
Selbsterhaltungspflicht sowie durch das Völkerecht legitimiert. Das MfS
handelte im Rahmen der Verfassung und der Gesetze der DDR.
Allerdings: Was für jeden Geheimdienst in jedem Staat der Welt gilt, galt auch
für das MfS. Es wurde von der politischen Führung als ein Instrument ihrer
Politik gehandhabt. Die Leitlinien, an denen sich das Ministerium in seiner
Tätigkeit zu orientieren hatte, wurden vom Zentrum der politischen Macht, dem
ZK der SED, vorgegeben. Ihnen konnten – und wollten – sich die Mitarbeiter der
DDR-Staatssicherheit nicht entziehen. Dabei blieb das MfS in seiner Arbeit von
politischen Fehlentscheidungen der Führung nicht unbetroffen. Sie resultierten
auch in zweckentfremdeter und mißbräuchlicher Benutzung seiner Dienste.
Frustrierend war für dessen Mitarbeiter, daß durch sie akribisch ermittelte
Erkenntnisse zur Lage und zu Details von zentraler Stelle zunehmend nicht als
Alarmsignale verstanden und entsprechend genutzt wurden. Dies festzustellen
bedeutet nicht, eigene Fehler und Fehlentwicklungen im Wirken des MfS zu
bagatellisieren oder zu verschweigen. Die Autoren, die sich ihrer Verantwortung
stellen, benennen sie selbst.
Thematisch beschränkt sich die Publikation auf Bereiche der Abwehrarbeit und
damit befaßte Diensteinheiten des MfS. Gegen sie richtet sich die
Diffamierungskampagne der Gegenseite im besonderen.
Mit ihrer betont sachlichen, auf Fakten gestützten, in der Polemik sparsamen
Bearbeitung der Problematik geben die Verfasser Antwort auf die Frage, wie das
MfS wirklich funktioniert hat und warum welche Faktoren sowohl den Umfang als
auch die Methodik seiner Arbeit bestimmten. Sie gingen bei ihrer
Rechenschaftslegung vor der Öffentlichkeit davon aus, daß eine objektive
Bewertung des MfS zur Voraussetzung hat, seine Tätigkeit im Zusammenhang mit
dem konkreten gesellschaftlichen Umfeld und den gegebenen Bedingungen zu
analysieren.
Die Aktionen der Sicherheitsorgane beider Seiten vollzogen sich unter den
Bedingungen harter Klassen- und Systemkonfrontation in einer bipolaren Welt mit
unversöhnlichen Gegensätzen zwischen zwei großen Rivalen – Sozialismus und
Imperialismus. Der Kalte Krieg und die ständige Gefahr seines Umschlagens in
einen weltweiten atomaren Schlagabtausch setzten die Rahmenbedingungen, unter
denen auch der Geheimdienst des sozialistischen deutschen Staates zu wirken
hatte. So wie es historisch gerechtfertigt war, in Gestalt der Deutschen
Demokratischen Republik eine gesellschaftliche Alternative – den Sozialismus –
auf deutschem Boden zu wagen, so legitim und notwendig war es, dieses Vorhaben
zu schützen.
Wolfgang Clausner
Rezension im "Rotfuchs", Ausgabe Juni 2002
DIE SICHERHEIT Zur Abwehrarbeit
des MfS, Edition Ost im Verlag Das Neue Berlin 2002, 1 248 Seiten, im
Grauschuber, bis Ende Juni 54,00, dann 68,00 €, ISBN 3-360-01030-2
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