Ein Plädoyer
Von
Dr. jur. Peter‑Michael Diestel,
Rechtsanwalt
in Potsdam,
Stellvertretender
Ministerpräsident und
letzter
Innenminister der DDR
Wer es als Sensation betrachtet, daß zum ersten Mal seit der Wende
so komplex über ein Thema sach- und fachkundig geschrieben wird, was Deutschland seit zwölf
Jahren bewegt, kommt auf seine Kosten. Elf Generäle und neun Oberste eines der effektivsten Geheimdienste der Welt
schildern detailliert was das Ministerium für Staatssicherheit der DDR im
Innersten zusammenhielt, wie es strukturiert war, welche Stellung es im
Machtgefüge
der DDR einnahm, was es bezweckte, wie es funktionierte, was es erreichte.
Berichtet wird ebenso über Fehler und Irrtümer.
Dies ist ungewöhnlich und
nicht hoch genug zu würdigen; denn im allgemeinen und in aller Welt pflegen
Generäle keine Fehler zuzugeben, sie sehen sich - selbst nach
bedingungslosen Kapitulationen - stets als Sieger der Geschichte.
Wer Sensationen von diesem
Buch erwartet wie sie seit der Wende in mittelalterlicher Pranger-Manier
von verantwortungslosen und auflagengeilen Medien, von bestimmten Journalisten
ins Lese-, Seh- und Hörpublikum gepreßt werden, der kommt nicht
auf seine Kosten. Die Generäle und Oberste wissen viel von vielen und bleiben
ihrem Ehrenkodex treu: Sie schweigen. Die (meisten) Politiker aller Couleur,
Wirtschaftsbosse, Kulturleute der erschiedenen Ebenen, Journalisten und
Vertreter anderer Berufszweige können das spannende Buch entspannt lesen -
ihre Namen, Worte und Taten werden nicht erwähnt.
Dieses Buch genügt
wissenschaftlichen Ansprüchen und steht damit im auffälligen Gegensatz zu mehr
oder minder seichten Elaboraten von Möchtegern-Historikern, Politikern im
Talar, einäugigen Bürgerrechtlern sowie unzähligen Viel- und
Dampfschreibern. Für die schnelle Mark und den Eintagsruhm stürzten sie sich
auf MfS-Akten, ohne sie in den politischen bzw. gesellschaftlichen
Zeitrahmen zu stellen. Sie schrieben vom toten Papier ab und publizierten fast
immer, ohne mit lebenden Zeitzeugen gesprochen zu haben. Sie fabrizieren eine
vergiftete Atmosphäre in Deutschland, die der mentalen Einheit entgegenstand
und zum Teil noch steht - und wohlwollend unterstützt von einer Politik,
die auf die Delegitimierung der DDR und die Auflösung der DDR-Eliten
gerichtet war. Als wichtigstes staatliches Instrument dafür diente und dient
die sogenannte Gauck-Behörde. Deren Opfer bleiben ebenso unvergessen wie
die des MfS.
An keiner Stelle des Buches
ist zu erkennen, daß sich die Autoren für ihr Tun, Handeln und Unterlassen, für
das jahrzehntelange Wirken des östlichen Geheimdienstes rechtfertigen wollen,
auch wenn ihnen das unterstellt werden wird. Sie informieren, erläutern,
erklären.
In gebotener Nüchternheit
stellen sie die gesamte Breite des ihnen von der SED übertragenen Auftrages
dar. Der reichte von der Abwehr subversiver Angriffe auf die DDR über den
Schutz der verfassungsmäßigen politischen Grundlagen und der Sicherheit der
Wirtschaft bis hin zum Schutz vor Bandenkriminalität und Terror. In bisherigen
Publikationen der genannten peinlich banalen Denkungsart wurde die DDR auf die
Stasi, die Stasi auf die IM, die IM auf das Bespitzeln von Mißliebigen
reduziert. Als ließe sich das Wesen eines einzigen Staates dieser Welt
ausschließlich über das Bewerten seines Geheimdienstes definieren.
Die Texte der zwanzig
ehemals führenden MfS-Männer erheben nicht den Anspruch einer gehobenen
literarischen Qualität. Sie sind von unterkühlter Brisanz, betonter
Sachlichkeit was auch die enthaltenen subjektiven Komponenten betrifft und
damit treffgenau. Das ist um so höher zu bewerten, als die Autoren selbst -
und mit ihnen die anderen MfS-Mitarbeiter - die ganze Wucht des
Hasses, der gesellschaftlichen Ablehnung und Abstrafung des westlichen gegen
den östlichen Staat aufzufangen und zu erleiden hatten. Sie praktizieren in
ihrem Buch gegenüber dem einstigen Feind einen Grad von Fairneß, der sich
wohltuend von primitiven Attacken der gegen sie gerichteten bisherigen
Publikationen unterscheidet
Wünschenswert wäre, daß sich
diese Ritterlichkeit nach zwölf Jahren Einheit in der öffentlichen Diskussion
und allgemein durchsetzt. Dies käme nicht zuletzt der politischen Kultur in
Deutschland zugute.
Das Buch ist eine Arbeit
gegen das Ausgrenzen von Menschen und Menschengruppen aus politisch-ideologischen
Gründen. Solches ist unserem Lande nie bekommen. Beispiele aus der Geschichte
sind bekannt, ich muß sie nicht anführen. Folgerichtig bezog ich als DDR-Innenminister
beim Auftrag, das Ministerium für Staatssicherheit aufzulösen, MfS-Führungskräfte
in die administrativen Aufgaben auf dem Weg zur deutschen Einheit mit ein,
bediente mich zum Nutzen der Gesellschaft ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten.
Leider fruchtete mein
Beispiel nicht; eine bis heute anhaltende Verleumdungskampagne desavouiert die
Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit, verbannt sie aus der Gesellschaft
und stempelt sie zu Kriminellen.
Im krassen Gegensatz zu
deutschen Geheimdienstlern aus der DDR erfreuten sich Geheimdienstler aus
anderen postkommunistischen Staaten engster Männerfreundschaften mit führenden
deutschen Politikern und genießen Undercover-Men
und Special Agents aus anderer
Himmelsrichtung hohe allgemeine Achtung.
Das Buch will dazu beitragen,
diesen untragbaren Widerspruch endlich aufzulösen.
Als DDR-Innenminister
hielt ich es für notwendig, die vom Kalten Krieg geprägten deutsch-deutschen
Geheimdienst-Aktivitäten zu neutralisieren, um den Übergang aus der
Diktatur der SED zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung friedlich
gestalten zu können. Zu meinen ersten Amtshandlungen gehörte, eine
entsprechende Vereinbarung mit dem damaligen Bundesinnenminister Dr. Wolfgang
Schäuble zu treffen. Mit ihr sollten die deutschen Geheimdienst-Tätigkeiten
gegeneinander beendet werden.
Heute staune ich über meinen
naheliegenden, aber naiven Gedanken.
In der Wende und nach der
Wende arbeitete der BND wie andere ausländische Geheimdienste auf dem Gebiet
der noch bestehenden DDR aktiver denn je. Die große Anzahl von
»Überwerbungen«, die mir regelmäßig mitgeteilt wurden, belegen das.
Mir ist nicht bekannt daß
ein einziger westdeutscher Geheimdienstler deshalb auch nur moralisch belangt
worden wäre - während ostdeutsche Geheimdienstler die Tradition preußischen
Spießrutenlaufes fortsetzen mußten.
Das MfS wurde aufgelöst
Allen Mitarbeitern standen die beruflichen und sozialen Folgen deutlich vor
Augen. Bleibende Arbeitslosigkeit gehörte noch zu den harmloseren
Begleiterscheinungen. Dennoch stellten sich die ehemaligen Mitarbeiter und
Waffenträger dieses Geheimdienstes der neuen Rechts- und Moralordnung
nicht entgegen. Im Gegenteil: Loyal halfen sie mit sich selbst abzuwickeln. Sie
haben Anteil daran, daß die Wende friedlich verlief und die deutsche Einheit
nicht mit Blut befleckt wurde. Wie sich manche vielleicht erinnern, griff der
rumänische Geheimdienst Securitate zu den Waffen, um die Wende dort
aufzuhalten.
Haben die deutschen
Geheimdienstler aus der DDR und die Inoffiziellen Mitarbeiter dieses Dienstes
die fortgesetzte gesellschaftliche Ächtung verdient?
Die Ergebnisse der
strafrechtlichen Verfolgung von ehemaligen MfS-Mitarbeitern, die hohe
Anzahl von entsprechenden Verfahren und die geringe Anzahl von Verurteilungen,
lassen nur den Schluß zu: Das MfS scheint im Ergebnis der strafrechtlichen
Aufarbeitung rehabilitiert zu sein.
Zwingt sich deshalb nicht
geradezu die Frage nach den eigentlichen Macht- und
Verantwortungsstrukturen in einer kommunistischen Diktatur auf?
Diese Frage führt -
nach unvoreingenommener historischer Betrachtung - direkt zum Politbüro
der SED und den nachgeordneten Gliederungen dieser allmächtigen Staatspartei.
Doch die Verfolgung und Ausgrenzung der IM eines Sicherheitsdienstes, dem eben
keine der vielen unterstellten Verbrechen anzulasten sind, reißt nicht ab.
Gleichwohl gilt es, begangene strafbare Handlungen konsequent zu ahnden.
1989/1990 verpaßte
Deutschland viele Chancen - auch jene, sich sach- und fachkundig mit der
vierzigjährigen Geschichte des DDR-Geheimdienstes zu beschäftigen und
auseinander zu setzen. Statt dessen wurden HorrorVisionen verbreitet die sich
schließlich zu einer landesweiten Stasi-Hysterie ausweiteten. Vergeblich
hatte die Regierung von Lothar de Maiziere vorgeschlagen, neben den Akten auch
deren Aufzeichner und Bewahrer in die sogenannte Aufarbeitung der MfS-Geschichte
einzubeziehen.
Zwölf Jahre mußten ins Land
gehen, bis das mit dem vorliegenden Band »Die Sicherheit Zur Abwehrarbeit des
MfS« geschah.
Die erwähnten sachlichen
Sensationen des Buches bestehen wie bereits angedeutet unter anderem darin, daß
- die Mär beendet
wird, daß das MfS keine staatlichen Aufgaben zu bewältigen hatte, sondern sich
darauf beschränkte, Stoff für blut- und haßtriefende Horror-Stories
in der Nachwendezeit anzuhäufen;
- die Behauptung ad
absurdum geführt wird, das MfS habe den Staat DDR dominiert. Das ist
nachweislich falsch; denn die Partei hatte immer recht. Ihr diente der Staat
DDR als politisches und als Machtinstrument, damit die NVA, die Polizei und der
Geheimdienst;
- die Effizienz des
MfS nicht vermocht hat die gesellschaftliche Entwicklung aufzuhalten. Womit
sich auch in diesem Fall die Frage nach dem Nutzen von Geheimdiensten für
deren Auftraggeber stellt;
- die gesetzlichen
Grundlagen für das Wirken des MfS genannt werden, für eine Zeit da die
allgemeine gesetzliche Grundlage für die Tätigkeit etwa des BND und des MAD
noch ausstand;
- die tatsächliche
Stellung, Rolle und Funktion der Inoffiziellen Mitarbeiter in den MfS-Strukturen
dargestellt wird. Sie sind stellvertretend für die gesamte DDR und auch für das
Ministerium für Staatssicherheit nach der Wende als Verkörperung des Bösen
politisch, moralisch und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden.
Die jetzt heuchlerisch
beklagte Folge ist, daß geschonte und gewendete ehemalige SED-Funktionäre
längst wieder mitregieren, sich mit der Entlarvung und Verteufelung ehemaliger
IM des MfS hervortun und sie wegen Untragbarkeit aus dem öffentlichen Dienst
werfen. Solches nenne ich widersinnig und pervers, einer Demokratie und einem
Rechtsstaat abträglich.
Die Perversion wird noch übertroffen, wenn ehemalige MfS-Obere vor Gericht oder vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen gegen ihre IM aussagen, aktiv zu ihrer Verurteilung beitragen und als freie Männer unbehelligt nach Hause gehen. An Verfehlungen dieser Art geht das Buch nicht vorüber.
Da ich als Christ und Demokrat an das Gute im
Menschen glaube, hoffe ich nicht nur auf eine faire, offene Diskussion dieses
bislang einzigartigen MfS-Kompendiums, sondern auch auf eine ebenso
objektive Erwiderung durch die Alt-Geheimdienste der gemeinsamen
Bundesrepublik Deutschland. Ein Buch ihrer Oberen wird - dessen bin ich
gewiß - ähnliche bis gleiche Strukturen, Aufgabenfelder, Methoden des
Observierens und des Nachrichtensammelns, Aktivitäten gegen Feinde des Staates,
Maßnahmen der Konspiration und so weiter anführen und natürlich Unterschiede
deutlich machen. Etwa: Was dem Osten der IM, ist dem Westen und uns allen
heute der V-Mann. Seine Aufgaben aber dürften nahezu deckungsgleich
erscheinen.
Einen ersten Schritt in
diese Richtung hat vor Jahr und Tag Herr Augstein mit seinem Nachrichten-Magazin
»Der Spiegel« gemacht als er geradezu geheimdienstlich informiert über die
Gehlen-Organisation, den BND-Vorläufer, schrieb. Interessanter
aber noch wäre ein Blick von innen. Wie ihn die elf Generäle und neun Oberste
auf das MfS werfen.
Für das BND- oder
Verfassungsschutz-Buch stelle ich mich als Verfasser des Vorwortes gern
zur Verfügung.
Auch für beide.
Obwohl ich für Geheimdienste
eigentlich nichts übrig habe.