Neues Deutschland
„ND“ vom 31.03.2005
Politisches Buch
»Dort wird es ums Ganze gehen, Dick«
Die letzte Mission des US-Geheimdienstmannes Vernon A. Walters
Von Siegfried Prokop
Der Mann, um den es in diesem Buch geht, war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Sein Leben lang unverheiratet, besuchte Vernon A. Walters (1917 - 2002) nie eine Universität, ging täglich in die Kirche und sprach fließend sechs Sprachen. Seine wichtigsten Meriten verdiente er sich als unerschütterlicher Antikommunist auf dem »Schlachtfeld der Freiheit«. Wo immer in der Welt eine rechtmäßige Regierung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus Washingtoner Sicht gegen amerikanische Interessen verstieß, kam es zu verdeckten Aktionen zum Zwecke eines Umsturzes, bei denen in der Regel Walters als ein Drahtzieher agierte: so 1953 im Iran beim Sturz der Regierung Mossadegh, in Chile 1973 beim Niedermetzeln Allendes und 1974 beim Abwürgen der »Nelken«-Revolution in Portugal. Gemeinsam mit dem Papst in Rom wertete er bei mehreren Besuchen Geheimdienstmaterial aus, um dem aus Polen stammenden Oberhaupt der katholischen Kirche die Möglichkeit zu geben, Einfluss auf die politische Entwicklung im Heimatland zu nehmen. Trotz der überwiegend verwischten Spuren dieser Geheimdienstkarriere von Walters gelang es Klaus Eichner und Ernst Langrock durch eifriges Studium des veröffentlichten Materials ein plastisches Bild dieser US-Version von James Bond zu zeichnen und den Leser mit manchem interessanten Detail zu überraschen, wobei sie Walters letzte Mission von 1989 bis 1991 ins Zentrum ihrer Betrachtung rücken.
Walters,
der 1989 bereits 72 Jahre alt und eigentlich Ruheständler war, erhielt kurz vor Neujahr einen
Anruf des Präsidenten George
W. H. Bush, sen. Dieser bot ihm an, US-Botschafter in Bonn zu werden: »Dort wird es ums Ganze gehen. Dick, willst
Du mir helfen oder wirst du mich im Stich lassen?« Am 10. Januar
1989 zitierte die FAZ Walters zu seinem Auftrag in Bonn: »Eine meiner Hauptaufgaben ist es, die
letzte Ölung zu geben,
kurz bevor der Patient stirbt.« Die Bemerkung bezog sich auf den
Realsozialismus in der Phase der Agonie. Die sowjetische Wrtschaft
befand sich in einem Zustand des Verfalls. Nationalitätenkonflikte erschütterten das Land. Der fluchtartige Abzug
sowjetischer Truppen aus Afghanistan offenbarte eine strategische Niederlage.
Mit der Rücknahme der »Breshnew-Doktrin« signalisierte Michail Gorbatschow dem
Westen »Verhandlungsbereitschaft«. Sollte das ganze osteuropäische System zum Einsturz gebracht werden,
musste aus Washingtoner Sicht zuerst der mittelosteuropäische »weiche Unterleib« der UdSSR aufgerollt werden und nach Möglichkeit die DDR durch Einverleibung in
die Bundesrepublik verschwinden (»dem sowjetischen Sicherheitssystem das
Herz herausreißen« -Brent Scowcroft, Sicherheitsberater des US-Präsidenten). Walters wurde im April 1989 als
außerordentlicher
und bevollmächtigter
Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik akkreditiert. Er tat eben
genau dies, was Washington von ihm erwartete und in der »Grand Strategy« vom 18. Dezember 1988 konzipiert hatte.
Walters registrierte mit Genugtuung, dass bestimmte Bonner Politiker dem Kurs
auf einen äußerst schnellen Anschluss der DDR zu folgen
bereit waren. Dazu zählte Bundeskanzler Helmut Kohl, Kanzleramtschef Seiters
und Kohls Berater Teltschick. Eine andere Rolle in
der Sicht von Walters spielte Außenminister
Hans-Dietrich Genscher. Dieser schien der amerikanischen Präsenz in Europa
nicht mehr die Rolle beizumessen wie früher. Walters manövrierte
deshalb über seine Direktkontakte zum Bundeskanzleramt systematisch das Bonner
Auswärtige Amt und Hans-Dietrich Genscher ins Abseits. Walters Drahtzieherei
ging soweit, dass er sogar das US-Militärflugzeug organisierte, das den überraschten
Helmut Kohl, der sich zur Zeit des Mauerfalls in Warschau aufhielt, nach Berlin
brachte, um gerade noch rechtzeitig das Deutschlandlied anzustimmen.
Walters
konnte im Juni 1991 bereits wieder seinen Alterssitz in Florida beziehen, nachdem
er seinem Präsidenten gemeldet hatte: »Mission accomplished.« Den stillen Tod der Sowjetunion - symbolisiert durch das
letztmalige Einholen der Fahne mit dem Hammer- und Sichelemblem über dem Kreml
am 25. Dezember 1991 - erlebte Walters an seinem Fernseher mit. Zu Recht
stellen die Verfasser die Frage, ob die Verantwortlichen in der Sowjetunion und
in der DDR dieses Signal, das mit dem Einsatz von Walters
gegeben wurde, erkannt hatten? Sie kommen zu dem Schluss, dass dies nicht der
Fall war: »Haben wir nicht immer gesungen: >Völker hört die Signale«... Aber
die andere Seite bläst zum... letzten Gefecht< und wir hören keine Signale mehr.«
Diesem
spannend geschriebenen Buch, sind zahlreiche Leser zu wünschen. Es markiert
einen wichtigen Mosaikstein jener auf den ersten Blick verwirrenden Ereignisse
und Prozesse der Wendezeit von 1989 bis 1991. Für den Fall, dass eine zu wünschende
zweite Auflage vorzubereiten ist, sollten einige Ungenauigkeiten korrigiert
werden. Der U-2- Zwischenfall 1960 ließ die in Paris geplante Gipfelkonferenz
platzen, nicht die Genfer Gespräche. ERP ist die Abkürzung von European Recovery Program (nicht Plan, wie
im Glossar zu lesen ist)
Ein Anhang
mit ursprünglich geheimen Dokumenten der US-Regierung, die den gegen die
sozialistische Gemeinschaft gerichteten Kurs seit 1948 belegen, rundet die
Publikation ab.
Klaus Eichner/Ernst Langrock: Der Drahtzieher. Vernon A.
Walters - ein Geheimdienstgeneral des Kalten Krieges. Kai Homilius Verlag, Berlin 2005. 277S., geb., 18 EUR.