Neues Deutschland vom 16. September 2010, Seite 17 (Politisches Buch)

Die wissenschaftlich-technische Aufklärung der HV A

Zum eigenen Nutzen


    
Von Horst Müller

Zur Ausspähung des Gegners bzw.  Konkurrenten gehörte und gehört die Beschaffung und Verwertung von Informationen bzw. Erkenntnissen über neue wissenschaftliche Ergebnisse, Technologien und Produkte, besonders auf dem Gebiet der Rüstung. Betrieben wird diese sogenannte Industrie- und Wirtschaftsspionage von Staaten wie auch einzelnen Unternehmen. In der DDR wurde sie als wissenschaftlich-technische Aufklärung bezeichnet und unterlag im Rahmen der Auslandsaufklärung dem Sektor Wissenschaft und Technik (SWT) der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) im Ministerium für Staatssicherheit. In einem Beitrag über die Sicherheit in Organisationen hat Helmut Müller-Enbergs, als Wissenschaftler tätig in der »Birthler«-Behörde, Organisation und Struktur dieser untersucht. Der Autor berichtet ziemlich exakt über Bedarfsermittlung und Zielbestimmung, Aufgabenstellung sowie Verantwortlichkeiten für die Beschaffung und Auswertung von Informationen in Betrieben, Ministerien und weiteren Institutionen in diversen Staaten. Danach verfügte die DDR über ein gut funktionierendes System der Unterstützung ihrer Volkswirtschaft durch nachrichtendienstliche Aktivitäten, deren Notwendigkeit sich vor allem aus dem vom Westen gegen diesen Staat geführten Wirtschaftskrieg ergab.

Die recht ausführlich dargestellten Diensteinheiten des SWT, die Abteilungen V, XIII bis XV sowie die Arbeitsgruppen 1, 3 und 5 sind richtig charakterisiert und widerspiegeln die realen Gegebenheiten. Das bezieht sich sowohl auf ihre Größe, ihren jeweiligen Verantwortungsbereich, einen Teil ihrer Zielobjekte im Operationsgebiet als auch auf die wichtigsten Quellen, die dort geführt wurden. Nicht unumstritten dürfte aber die Einordnung der Tätigkeit des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Ministeriums für Außenhandel der DDR als eine »Komponente der Wissenschafts- und Technikspionage der DDR« sein. Eine Umgehung der gegen die DDR (und andere sozialistische Staaten) verhängten Embargobestimmungen beim Import von Industrieerzeugnissen, Ausrüstungen usw., wie sie KoKo zum Teil praktizierte, kann nicht mit Spionageaktivitäten gleichgesetzt werden. Aufschlussreich ist die beispielhafte Aufzählung besonders produktiver Quellen. Möglich wurde dies dem Autor durch die Entschlüsselung und Rekonstruktion einer elektronischen Datenbank der HV A (SIRA). Dabei wurde sichtbar, dass die Erarbeitung von mehr als tausend Informationen durch einzelne Quellen zwar nicht die Regel, durchaus aber auch keine Ausnahme war. Und diese hatten tatsächlich einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Effektivität der DDR-Volkswirtschaft. Müller-Enbergs kommt zum Schluss, dass Aufwand und Nutzen der wissenschaftlich-technischen Aufklärung der DDR im Einklang standen.

Sven Max Litzcke / Helmut Müller-Enbergs (Hg.): Sicherheit in Organisationen. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main. 291 S., geb., 29,80 €.