junge Welt
08.03.2010 / Politisches Buch / Seite 15
Kontrahenten
Ein Buch über zwei höchst ungleiche Agenten im Kalten Krieg
Leander Sukov
Im Berliner Dr. Köster Verlag ist ein eigenartiges Buch erschienen. Unter dem sperrigen Titel »Im Auftrag von US-Militäraufklärung und DDR-Geheimdienst. Die Lebensgeschichte zweier gegnerischer Agenten im Kalten Krieg« hat die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Nicole Glocke die Lebensgeschichten des österreichischen US-Spions Hannes Sieberer (geb. 1951) und des bundesdeutschen Mitarbeiters des DDR-Auslandsnachrichtendienstes, der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), Peter Wolter (geb. 1947) gegenübergestellt.
Nichts verbindet diese Geschichten als die Tatsache, daß beide in ihrer Tätigkeit auf die DDR fixiert waren. Das Buch versäumt es, mehr zu finden. Die Autorin unternimmt nichts, um abgesehen von bloßer Nacherzählung den Weg beider in die Agententätigkeit zu schildern und ihre Haftbedingungen darzustellen. Allerdings gelingt im Gespräch auf der beiliegenden CD eine positive Konfrontation. Wolter und Sieberer stehen dem früheren FAZ-Journalisten Peter Jochen Winters Rede und Antwort. Obwohl Winters es als guter Westjournalist nicht lassen kann, Wolter hier und da in der üblichen Weise korrigieren zu wollen (was allerdings nicht greift), ist die Unterhaltung von Sachlichkeit getragen, ohne lahm und langweilig zu wirken.
Diffuse Motivation
Im Vorwort schildert Nicole Glocke, daß die Schwierigkeiten groß waren, einen Westagenten zu finden. Daß letztlich die Wahl auf Sieberer fiel, der von 1976 bis 1982 als Agent tätig war, ist einem Hinweis Wolters zu verdanken. Allerdings stellt sich die Frage, ob Sieberer ein geeigneter Gesprächspartner war.
Während nämlich Wolter bereitwillig Auskunft über seine tiefgehende Motivation gibt, seit 1973 für das Staatssicherheitsministerium der DDR zu arbeiten, diese Motivation auch politisch inhaltlich begründen kann und weder bei den Berichten über seine Kundschafterarbeit, noch über die Haft in der BRD die sachliche Ebene verläßt, lamentiert Sieberer und hadert mit dem selbstverschuldeten Schicksal. Weshalb er überhaupt auf die Idee kam, sich zuerst der CIA und - als diese ihn nicht wollte - dem damaligen militärischen Geheimdienst der USA (MIS) anzudienen, wird mit einigen lapidaren Sätzen abgetan. Mehr war allerdings auch nicht zu holen.
Der Text des Buches - der immer wieder auf die Ebene eines Besinnungsaufsatzes herabfällt - vermittelt das Bild eines Menschen, der seine geheimdienstliche Tätigkeit als Ersatz nimmt: Ob es sich um autoritäre Strukturen oder eine Flucht aus der Beengtheit seines Wohnortes Schwaz, einem Flecken in Tirol, handelt, bleibt offen. Ganz offenbar aber hat er, außer einer übergroßen und gänzlich unkritischen Affinität zu den USA und einem diffusen Wunsch, dem Weltfrieden zu dienen, keine wirkliche politische Motivation.
Auch nach seinem Austausch aus der DDR-Haft 1985 bleibt er ein Getriebener. Von der ÖVP tritt er zur FPÖ über und auch dabei scheinen nicht politische Überzeugungen die Grundlage zu sein, sondern der Wunsch nach einer autoritär geprägten Heimat.
Sieberer
dient sich also dem MIS an und wird von diesem - einem offenbar bis an die
Grenze der Debilität unprofessionellen Geheimdienst - buchstäblich verheizt. Schon nach relativ kurzer
Zeit findet er sich in DDR-Untersuchungshaft wieder und wird zu 15 Jahren Haft
verurteilt. Er hatte als Agentenführer einen Großcousin dazu verpflichtet, über Truppenbewegungen und mehr zu
berichten. Auch der wird verhaftet und verurteilt.
Sicherer lamentiert in extensiv leidender Form über die Haftbedingungen in der DDR, die sich aber - liest man danach Wolters Bericht über seine eigene Haft - kaum von jenen in der BRD unterscheiden. Überhaupt scheint Sicherer das Gegenteil von jemandem zu sein, den man bei einem Geheimdienst erwartet.
Psychogramme
Seine Haft sieht er als Verrat der Amerikaner, die ihn ins Feuer geschickt und sich nicht mehr um ihn gekümmert hätten. Eine richtige Einschätzung: Der MIS hatte ihm für den Fall des Auffliegens den schnellen Austausch innerhalb weniger Monate zugesichert. Das war ein zu keinem Zeitpunkt haltbares Versprechen. Und so ergibt sich beim Bericht Sieberers am Ende ein Bild von der menschenverachtenden Umgangsweise amerikanischer Geheimdienste mit den eigenen Leuten, während sich die Dienststellen der DDR dem Gefangenen gegenüber korrekt verhielten.
Ganz anders Wolter. Er, der anfangs noch nach seinem politischen Weg sucht, abwägt, sich umfassend bildet und dann in DKP und SEW eintritt, hat tiefgreifende und realistische Gründe, sich der Hauptverwaltung Aufklärung anzudienen. Er verrichtet seine Agententätigkeit mit Akribie und Umsicht. Seine Führungsoffiziere lassen ihn nicht im Stich, es entwickeln sich Freundschaften, die auch über die Zeit der DDR und die Haft hinaus halten. Daß Wolter letztlich gefaßt wird, ist der Konterrevolution zu verdanken - erst nachdem ein Überläufer geredet hat, wird man seiner habhaft. Er kommt in Untersuchungshaft, nach drei Monaten wird der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Wolter hängt in der Luft, kann jeden Moment wieder eingesperrt werden und erfährt nach fast vier Jahren in der Hauptverhandlung vor der berüchtigten Vierten Strafkammer des Oberlandesgerichts Düsseldorf, daß der Haftbefehl bereits aufgehoben wurde. Was vor 1990 zu einer hohen Strafe geführt hätte, endet mit einer Verurteilung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.
Das Buch, das seinem Anspruch nicht gerecht wird, liefert immerhin die Psychogramme zweier Personen und zweier Geheimdienste, die unterschiedlicher nicht sein können. Sicherer, der Getriebene, der immer an sich und den anderen Zweifelnde und Verzweifelte, wurde das, was er nicht sein wollte: eine Spielfigur. Wolter hingegen ist ein überzeugter Kommunist, der tut, was sein politisches Gewissen ihm auferlegt. Das jedenfalls leistet das Buch: die Unterschiede herausstellen. Gemeinsames darzustellen - dazu eigneten sich die Kontrahenten nicht.
Nicole Glocke: Im Auftrag von US-Militäraufklärung und DDR-Geheimdienst - Die
Lebensgeschichte zweier gegnerischer Agenten im Kalten Krieg. Verlag Dr. Köster,
Berlin 2010, 272 Seiten, 19,80
Euro