Kundschafter im Westen

von Rosemarie Müller-Streisand

Selten habe ich ein so interessantes Buch gelesen wie den Sammelband "Kundschafter im Westen". Dreißig Mitarbeiter der HVA kommen zu Wort, die überwiegende Anzahl BRD-Bürger, manche auch mit falscher Identität aus der DDR gekommen und, ganz besonders beeindruckend, zwei Ehepaare aus den USA stammend, - bezeichnenderweise der eine Ehemann - George Pumphrey - dort als Farbiger, der andere - pseudonym "Robert" genannt - auf Grund jüdischer Herkunft diskriminiert -, einige von ihnen bereits vor oder nach 1989 verstorben, einige unter Pseudonym schreibend, einige bereits vor 1989 aus Sicherheitsgründen aus der BRD abgezogen, andere - der bekannteste von ihnen ist Günter Guillaume - während jener Zeit enttarnt, verhaftet, verurteilt und nach kürzerer oder auch langer Haft in die DDR gegen BRD-Agenten ausgetauscht, die meisten von ihnen nach dem Ende der DDR -leider nicht selten durch Verrat aus den Reihen der HVA - verhaftet und in völkerrechtswidrigen Prozessen der BRD-Klassenjustiz zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt.

Zu diesen Prozessen stellt Klaus von Raussendorff zutreffend fest (S 86 f.): "Daß zuerst mit den DDR-Spionen abgerechnet wurde, fiel zunächst kaum als diskriminierend auf. Spionage wurde doch schon immer bestraft Mancher wurde zwar stutzig, daß die Regierung Modrow rechtmäßig verurteilte Spione in der DDR ohne Gegenleistung freiließ, während der Generalbundesanwalt der BRD im Frühjahr 1990 den ersten ihm durch Verrat aus den Reihen des MfS frei Haus gelieferten DDR-Kundschafter in Düsseldorf anklagte. Allem Gerede von einer Amnestie 'für teilungsbedingte Delikte' zum Trotz. ... Weder der letzte Premierminister der DDR, de Maizière, noch sonst jemand, der dazu auf politischer Bühne in der Lage gewesen wäre, hatte in der lügenschwangeren Atmosphäre der Vereinnahmung der DDR Verstand und Charakter genug, um juristisch stringent der Wegfall der Strafbarkeit der DDR-Spionage zu vertreten, Verantwortung für ehemalige DDR-Kundschafter zu übernehmen oder Solidarität mit den Verfolgten zu organisieren."

Jeder Beitrag ist durch eine informative Kurzbiographie eingeleitet, in der jeweils auch über die eingetretene Strafverfolgung berichtet wird. Die literarischen Formen sind recht unterschiedlich: die überwiegende Zahl der Beiträge sind zum Teil detaillierte Erinnerungen. Einiges liegt auch in Interview- oder Briefform vor und der Band schließt sogar mit einem beeindruckenden lyrischen Beitrag.

Nun kann man den Band unter sehr verschiedenen Aspekten zur Kenntnis nehmen.

Wer gern Krimis oder Abenteuerromane liest, kommt durchaus auf seine Kosten, die Erinnerungen sind teilweise geradezu spannend. Ostalgiker werden sich über Motivation und Erfolge der Aufklärungsarbeit ebenso freuen wie über den Mut und die Selbstlosigkeit der überwiegenden Zahl der Mitarbeiter.3

Aber für den Historiker sind noch zwei andere Aspekte interessant.

Zum einen die Frage nach der sozialen und politischen Herkunft der Kundschafter. Bei der Lektüre teile ich das Erstaunen von Klaus von Raussendorff: "Nachdem ich eine ganze Reihe von früheren Kundschafterkollegen kennengelernt hatte, mußte ich zu meiner Überraschung feststellen, daß in dieser Personengruppe eine große Vielfalt von Weltanschauungen und Charakteren vertreten war: Die weltanschaulichen Motivationen für die Kundschaftertätigkeit variierten von 'kommunistisch' über 'national-patriotisch', 'pazifistisch', 'sozialdemokratisch', 'anti-imperialistisch' bis zu einer Haltung, die man als moralische Verachtung für bundesrepublikanische Verhältnisse bezeichnen kann." ( S. 89).

Auch die familiäre Herkunft der Autoren ist höchst unterschiedlich: einige kommen aus kommunistischen Elternhäusern - wobei die höchst prekäre Situation eintreten konnte, daß der Vater bereits für die HVA arbeitete, ohne daß der Sohn - übrigens ein illegitimer Enkel von Ernst Bloch - etwas davon ahnte und höchst erstaunt war über das Verbot, in die DKP einzutreten, bis er dann schließlich selbst HVA-Mitarbeiter wurde. (Vater und Sohn Feuerstein, S.196-232). Ein anderer (Hans-Joachim Bamler, S. 33 - 37) berichtet, er entstamme einer großbürgerlichen Familie, sein Vater sei Generalleutnant der Wehrmacht und jahrelang in leitenden Positionen der Abwehr unter Canaris tätig gewesen. Er selbst war Leutnant in der Nazi-Elitedivision "Großdeutschland". "Als 1944 mein Vater in sowjetische Gefangenschaft geriet, wurde meine Mutter aufgrund eines Himmler-Befehls in Sippenhaft genommen und kam zuletzt ins KZ Dachau. Nach dem berüchtigten Todesmarsch bis nach Tirol starb sie kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner. ... Damals schwor ich mir: Niemals wieder Faschismus, niemals wieder Krieg!" Ein dritter (Ulrich Steinmann, S. 20-32) war Sohn eines Mitgliedes der NSDAP, der als Reichsbahn-Beamter 1952 unter die 131er Gesetzgebung der BRD - Rückkehr der Nazis in ihre früheren Ämter - fiel und sich daraufhin 1952 aus der DDR in die BRD absetzte; im Rahmen der Familienzusammenführung kam sein Sohn 1955 mit der Mutter elfjährig legal in der BRD, von wo aus ihm bei regelmäßigen Verwandtenbesuchen in der DDR ein Vergleich beider Systeme möglich war. "Mir selbst stand natürlich auch deutlich vor Augen, welches das reichere Land war und welches das ärmere, aber vieles in der DDR erschien mir als sehr viel fortschrittlicher. So entwickelte ich ein positives Interesse für die DDR und überhaupt für die Politik. Ich fand, daß in der Bundesrepublik vieles anders gemacht werden müßte, sah aber in der DDR trotz vieler Mängel den besseren Weg." (S.21).

In Aufzählung schlechter und guter Voraussetzungen zur Kundschaftertätigkeit liest man in einem anderen Bericht (Harald Gottfried, S. 147-151): "Schlecht war bei mir auch noch ein anderes Moment: Als ich 12 Jahre war, wurde mein Vater verhaftet und 1947 in Waldheim zu 10 Jahren Haft wegen Agitation und Propaganda gegen den Kommunismus verurteilt. Er saß diese Zeit in Bautzen ab. Sein Schicksal belastete mich sehr. - Hilfreich hingegen für meine politische Motivation war meine eigene Biographie: 1935 in Netzheim bei Bromberg geboren, was in Polen lag, erlebte ich den Einmarsch deutscher Truppen und die Freude des 'Heim ins Reich' der Auslandsdeutschen. Mein Vater war an der 'Germanisierung' der eroberten Ostgebiete als Lehrer und Schulrat in Lemberg (Lwow) beteiligt. In den Sommerferien 1942 besuchte ich dort meinen Vater und wurde Augenzeuge, als Juden des Ortes zusammengetrieben und 'auf der Flucht' erschossen wurden. In einem Bunkerloch am Rande der Stadt wurden ihre Leichen verscharrt. Ich war erschüttert und fragte mich, wie man so grausam sein konnte." (S. 147)

Überwiegend kamen die in der BRD gebürtigen Kundschafter aus dem Umkreis der 68er. Aber es gab auch andere Zugänge. Der Kölner Journalist Heinz D. Stuckmann (S.233-250) beschreibt - ausgesprochen vergnüglich zu lesen - seine eigene politisch-ideologische Entwicklung in ihrer ganzen Dialektik: vom nazi- und kriegsbegeisterten Hitlerjungen, der gleichzeitig Mitglied des oppositionellen katholischen Flügels der Bündischen Jugend war, nach Ende Krieges, immer noch selbstverständlich antikommunistisch, Nazigegner und Journalist werden wollte. "Denn - so hatte ich erkannt - die Sozialarbeit war weitgehend nutzlos, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht stimmten. Als Journalist würde ich dazu beitragen, diese gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern (und wußte noch nicht, daß man das in der BRD nicht konnte). ... Ich überwand den Abscheu gegenüber den Linken - nein, nicht ganz. Ich überwand den Abscheu gegenüber den Sozialdemokraten. Das waren keine Kommunisten." So trat er schließlich 1950 in die Gewerkschaft HBV ein und "nahm es hin, daß in dieser Gewerkschaft auch Kommunisten waren - gottlob nur wenige." Ohne Sympathien für die APO ("ein kleiner Aufstand der jungen Bürgerlichen gegen die alten Bürgerlichen, alles wie gehabt, nämlich vor dem ersten Weltkrieg mit den Wandervögeln und später mit der Bündischen Jugend.") unterzeichnete er einen "Aufruf 'Für die Widerzulassung der Kommunistischen Partei Deutschlands'." "Ich war dafür, daß diese Partei wieder zugelassen wurde; sie hatte als einzige während der Nazizeit in größerem Umfang die Faschisten bekämpft. Aber ich war gegen die Kommunisten. Was nun?" Und doch ergab sich aus dieser Solidarität praktische Zusammenarbeit, über die Stuckmann berichtet: Als die DKP zugelassen wurde, gab sie kleine Betriebszeitungen heraus. "Aber was sie druckten, war für die Westdeutschen unlesbar und damit unnütz. Woher sollten die Redakteure das auch können?" Die in die DDR Emigrierten "schrieben wie das Neue Deutschland, oder sie meinten so zu schreiben. 'Das liest keiner' sagte ich ... 'Eure Zielgruppe, die der Arbeiter, liest nicht das Neue Deutschland. Der hiesige Arbeiter liest Bild. ... Also müßt ihr schreiben wie Bild.' ... Wie Bild arbeiten, wie die gehaßte Springer-Presse schreiben, das wollte nicht in die Köpfe ... Zum nächsten Schulungswochenende brachte ich eine Meldung von ADN mit und las den ersten Absatz vor: 'Der erste Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzende des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, sowie der Vorsitzende des Bundesvorstandes des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und Mitglied des Politbüros des ZK der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Harry Tisch, eröffneten...' 'Liebe Leute', sagte ich, 'glaubt ihr im Ernst, daß ein westdeutscher Arbeiter auch noch die dritte Zeile einer solchen Nachricht liest? Maximal nach zwei Zeilen ist Schluß - Schluß aber auch mit der Lektüre der nachfolgenden Ausgaben der Betriebszeitung.' Das sahen sie nach langen Diskussionen ein." Das Ergebnis der Arbeit zeigt er stolz einem Mitarbeiter beim Presseamt der DDR, den er bei Recherchen über das Verhalten der Deutschen in Polen 1939-1945 - er sollte zum Thema "Die Vertreibung vor 20 Jahren" schreiben! - kennengelernt hatte. Die Reaktion dieses Mitarbeiters: "'Aus der Partei wird nichts. ... In dem antikommunistischen Klima der BRD muß diese Partei zur Sekte verkommen. Sie kann nichts dafür.' Pause. 'Ich habe etwas Besseres für dich.' Er hat mich geduzt. Und ich ahne etwas. Verdammte Kommunisten...."

Und eine zweite Frage ist für den Historiker interessant: wie haben Kundschafter im Westen die "Entspannungspolitik", wie haben sie die Politik der UdSSR gesehen und worauf führen sie das Ende des Sozialismus in der DDR zurück?

Auch hier ergibt sich ein ganz und gar uneinheitliches Bild. Keineswegs alle sind gegen antikommunistische Demagogie immun, obgleich doch zu ihren Aufgaben auch die Aufklärung von Mechanismen der BRD-Politik und ihres Ziels, der Liquidierung der sozialistischen DDR, gehört hätte. Verantwortlich dafür dürfte, wie einige aufschlußreiche Reminiszenzen zeigen, die problematische Haltung der HVA-Spitze zu dieser Aufgabe gewesen sein. Dazu paßt, daß sich gelegentlich eine verwunderliche Affinität zur Hal-tung der PDS gegenüber der DDR zeigt. Ich kann das nicht besser als in nebeneinandergestellten Zitaten zeigen:

So erklärt Kuron, die östlichen Geheimdienste seien effektiv gewesen, aber "sie haben letzten Endes nicht den Zusammenbruch der DDR verhindert." "Ich habe die politische Zielsetzung - Wandel durch Annäherung - für richtig gehalten. Am Ende dieser Entwicklung hätte ohnehin nur ein Deutschland gestanden."

Verwunderlich ist die politische Naivität mancher Kundschafter. So spricht Karl Gebauer (S.52-68) vom "Niederwalzen des Prager Frühlings" und meint dann: "Mit der 68er Bewegung im Westen und der Regierungsübernahme der Sozialdemokraten in Bonn 1969, nicht zuletzt aber mit der Präsidentschaft Richard Nixons in Washington im gleichen Jahr, setzte ein Paradigmenwechsel in der internationalen Politik ein. ... Die neue Ostpolitik Willy Brandts trug Früchte ... Alle Zeichen deuteten auf Entspannung." Und dann entdeckt Gebauer 1972 "die Planung des militärischen Erstschlages im Ostseeraum. ... Das haute mich um. Bislang war ich stets vom Defensivcharakter der Bundeswehr ausgegangen; offiziell und öffentlich sprach man nur von der Landesverteidigung. Die NATO verstand sich in ihren Verlautbarungen als Verteidigungssystem. Alle Planungen gingen - angeblich - von einem Angriff des Warschauer Paktes aus, der abgewehrt werden müsse, nie las ich etwas von einem Präventivschlag." "Vielleicht war ich ein wenig blauäugig."

Ganz gegensätzlich hatte Rainer Rupp von vornherein die NATO gesehen. Er hatte "fast zwei Jahrzehnte im komplexen Prozeß der NATO-Verteidigungsplanung mitgearbeitet, die korrekter als NATO-Angriffsplanung bezeichnet werden müßte, insbesondere im Licht des Angriffskrieges gegen Jugoslawien und des 'Neuen Strategischen Konzepts' zur weltweiten Intervention des atlantischen Bündnisses". Er habe während seiner "Zeit bei der NATO an allen Wintex-Übungen teilgenommen." Diese Wintex-Übung war "die mit Abstand umfangreichste und bedeutendste Stabsübung der NATO ..., die alle zwei Jahre stattfand." "Alle Wintex-Kriegsspiele, die stets zum Dritten Weltkrieg führten, haben immer mit einer 'bürgerkriegsähnlichen Entwicklung in Jugoslawien' angefangen. ... Dabei bestand das eigentliche Ziel von Wintex darin, die politischen und militärischen Mechanismen zur Freigabe bzw. zum Einsatz von Atomwaffen einzuüben, damit im Ernstfall alle Prozeduren für den nuklearen Erstschlag glatt von der Hand gingen."

Aufschlußreich, um nicht zu sagen erschütternd, ist übrigens wie sehr Illusionen von der Spitze der HVA gefördert wurden. Alfred Spuhler, Mitarbeiter des BND seit 1968, der von 1972 bis 1988 mit der HVA zusammenarbeitete, berichtet (S. 113-129) im Mai 1991 brieflich aus der Haft, in der er sich seit November 1989 befand, er habe Markus Wolf Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal getroffen und in sehr offener Diskussion "mit ihm über alle mich bewegenden Probleme, einschließlich des weiteren wirtschaftlichen und politischen Weges der DDR", gesprochen. "General Wolf machte kein Hehl aus seiner persönlichen Reformfreudigkeit auf politischem und wirtschaftlichen Gebiet, wobei er hinzufügte, daß militärpolitische Maßnahmen in Richtung auf eine Beendigung des Kalten Krieges ein entscheidender Gradmesser für eine positive Entwicklung sein könnten. Dieses Gespräch gab mir sehr viel Hoffnung. Ich vertraute auf die Persönlichkeit von Markus Wolf und seinen Einfluß, wußte aber damals nicht, daß selbst er an den Mauern des Politbüros abprallen würde. - Als dann Mitte der 80er Jahre Generalsekretär Michail Gorbatschow Perestroika und Glasnost proklamierte, war ich fast sicher, daß nun endlich auch in der DDR die Entwicklung zu einem demokratischen Sozialismus möglich sein würde. - Generaloberst Markus Wolf sei, wie ich hörte, als möglicher Außenminister der DDR im Gespräch. Das waren Informationen, wie sie für mich besser nicht sein konnten. Doch schon nach kurzer Zeit mußten wir diese Hoffnung begraben. General Wolf, inzwischen als Leiter der HVA von seinem Dienstposten zurückgetreten, fiel in Ungnade."

1986, berichtet Spuhler weiter, habe er sich mit Generaloberst Werner Großmann, dem neuen Leiter der HVA, in Budapest getroffen. Es sei "zur von mir erbetenen Diskussion über die Auswirkungen der sowjetischen Reformpolitik auf die DDR" gekommen. Großmann habe bedeutet, "daß er voll hinter diesen Reformbestrebungen stehe und sie unterstütze. ... Das war eine eindeutige und klare Aussage, welche mich wiederum in meiner Hoffnung bestärkte, daß erste Reformbestrebungen in der DDR sicherlich bald greifen würden." Nach 1987 "überschlugen sich die Ereignisse förmlich. Das Volk nahm das Zepter in die Hand und forderte die längst überfälligen Reformen ein." "Ich komme nochmals auf mein Gespräch mit General Wolf Anfang der 80er Jahre zurück. Er sagte, daß militärpolitische Maßnahmen in Richtung auf eine Beendigung des Kalten Krieges ein entscheidender Gradmesser für eine positive Entwicklung hinsichtlich notwendiger innerer Reformen in den WP<Warschauer-Pakt>-Ländern seien. Er hat recht behalten. - Durch das Nachlassen des Rüstungsdruckes konnte die Sowjetunion und der gesamte WP aufatrmen und ohne die ständige Angst im Nacken sich ihren inneren Reformen zuwenden. - Die DDR hat diese Chance nach meinem Eindruck nicht genutzt. Die politische Führung der DDR wollte oder konnte einfach nicht erkennen, daß gutes sozialistisches Gedankengut viel zu lange schon mit Füßen getreten wurde. Ziel der Reformen war es ja nicht, eine kapitalistische Gesellschaftsordnung einzuführen. Das ist auch heute nicht die Absicht der östlichen Länder. <1991!> Wenn ein Vaclav Havel sagt, er bedauere, daß der Sozialismus zum Knüppel verkommen ist, oder er anläßlich der Verleihung des 'Karlspreises' in seiner Dankesrede zum Ausdruck brachte, er hoffe, daß sich die östlichen Länder einem bewährten System annähern - dann ist das doch keine Laudatio auf den Kapitalismus. Nichts anderes wollten die Bürgerrechtsbewegungen Neues Forum, Bündnis 90 etc. mit ihren Demonstrationen zu Ausdruck bringen." (Es sind eben nicht alle Aufklärer aufgeklärt.)

Ganz anders reflektiert der Kommunist (DKP-Mitglied) Peter Wolter (S.313-333) die bemerkten Widersprüche: "Während viele DKP-Mitglieder im Westen zum Hurra- Sozialismus neigten, hörte ich bei den HVA-Genossen viele Zwischentöne heraus, auch verhaltene Kritik an der Parteiführung. Auf diese Weise bekam ich ein halbwegs realistisches Bild von der DDR, einen Eindruck von all den Schwierigkeiten, Widersprüchen, Schwächen und Ungereimtheiten, mit denen der Aufbau des Sozialismus behaftet war. Und vielleicht hat mich das auch davor bewahrt, den Weg vieler 'Hurra-Sozialisten' zu gehen, die nach der 'Wende' das Handtuch geworfen oder sich auf die andere Seite geschlagen haben." Seine heutige Position: "Da mir die SED durch Namensänderung abhanden kam, versuchte ich einige Zeit lang, mich in der Nachfolgepartei PDS zu engagieren. Seit einigen Jahren bin ich wieder in der DKP aktiv, die Partei, in der ein deutscher Kommunist nach meiner Auffassung organisiert sein sollte; die es aber manchen Kommunisten schwer macht, sich in ihr zu organisieren."

Und dieser Peter Wolter trifft die interessante Feststellung: "Irgendwie hatte sich gegen Mitte der 80er Jahre die Stimmung in der HVA geändert. Immer wieder meinte ich in Gesprächen mit den Genossen Unsicherheit herauszuhören, sie schienen an Biß, an Schneid verloren zu haben. Deutete sich hier schon die Orientierungslosigkeit der Partei, der Niedergang des Sozialismus an?"

Herbert Willner - "20 Jahre in der FDP-Bundesgeschäftsstelle und der Friedrich-Naumann-Stiftung; Referent für Außen-, Sicherheits-, Deutschland-, Europa- und Entwicklungspolitik" - zieht ein "Gesamtfazit bezüglich der Deutschlandpolitik der BRD": "Die BRD war bereit, die DDR und ihre Führung mittelfristig in engen Grenzen wirtschaftlich und finanziell stabilisieren zu helfen, ihr aber gleichzeitig politische Substanz abzukaufen, um sie langfristig politisch zu unterhöhlen. Ich war zunehmend im Zweifel, ob die DDR-Führung die beträchtlichen Gefahren dieses Kurses trotz entsprechender Bewertung, d. h. Warnungen durch Kundschafter der HVA, richtig erkannte bzw. nach den Vorgaben aus Moskau erkennen durfte." (S. 305) Willner meint: "Eine andere Frage ist, ob die DDR-Regierung und die führende Partei SED diese Hinweise ernst genug nahmen, sie manchmal überhören wollten oder mußten, weil die sowjetische Führungsmacht entsprechend eingriff. Auch hierzu konnte ich in wenigen Fällen Anmerkungen übermitteln, z. B. dann, wenn auf irgendwelchen diplomatischen Empfängen Diplomaten der sowjetischen Botschaft gegenüber westlichen Kollegen eher abfällig über die DDR urteilten bzw. die Interessen der DDR als völlig nachgeordnet im Vergleich zum sowjetisch-bundesdeutschen Beziehungsgefüge charakterisierten. Ich mußte das mitunter mit zusammengebissenen Zähnen schlucken und mir als hauptamtlicher FDP-Mitarbeiter ein freundlich-zustimmendes Lächeln abnötigen. Auch das gehörte zum Kundschafterauftrag."

Völlig neu und interessant war für mich - wenn auch von Willner mehr am Rande in seinem Bericht über die FDP-Erörterung zu den sog. "Vier Geraer Forderungen", die Erich Honecker an die BRD richtete erwähnt -, was er (S. 304) zur Grenzregelung in der Strommitte der Elbe schreibt: "Auch die Grenzfestlegung auf den Wasserstraßen der DDR war für die BRD bedeutsam: Während die DDR insbesondere den Verlauf der Elbegrenze in der Strommitte - statt auf dem rechten, DDR-seitigen Ufer - anstrebte, schien die BRD-Seite vor allem die Seegrenze im Bereich der Lübecker Bucht und der weiteren Ostsee zu interessieren. Der Begriff Junktim fiel viel mehrfach. Es ging dabei um die Lübecker Bucht und vor allem um die sogenannte Kadet-Rinne zwischen der DDR-Halbinsel Darß und der dänischen Insel Falster. Dies ist eine relativ schmale, aber für Ostseeverhältnisse tiefe Wasserstraße, durch die sich Tag für Tag eine beträchtliche Schiffstonnage schiebt. Die Festlegung der Seegrenze und folglich der staatlichen Verantwortung in diesem Bereich gebot sich daher schon deshalb. Der wichtige seestrategische Hintergedanke, den Dr. Bräutigam, <späterer Ständiger Vertreter der BRD in der DDR, noch später Justizminister des Landes Brandenburg> knapp umriß, bestand aber in einem anderen Aspekt: Die Kadet-Rinne weist im Unterschied zur ansonsten flachen Ostsee eine größere Wassertiefe auf, eben als tiefe Rinne im Meeresboden der Ostsee. Hier konnten U-Boote der Bundesmarine aus der Lübecker Bucht heraus untergetaucht und schwer zu orten in die östliche Ostsee ausschwärmen. Darauf beruhte für die Bundesmarine das strategische Interesse. Hier wurde also ein gewichtiges und nicht unbedingt defensives Motiv der BRD erkennbar."

Ein anderer Kundschafter, "Robert" ging als gebürtiger USA-Bürger bei der Beurteilung der Gorbatschow-Konzeption von seiner Kenntnis der Ziele des us-amerikanischen Imperialismus aus. (S. 360 - 376). "In Moskau kam nach Tschernenkos Tod Gorbatschow an die Macht. Spontan begrüßte ich die von ihm erklärte Absicht, Verkrustungen zu beseitigen und mehr Offenheit zu wagen. Perestroika und Glasnost waren objektiv not-wendig, das wußte jeder politisch denkende Mensch. Aber das fand statt unter den Bedingungen einer unveränderten Blockkonfrontation. Hatten das die Genossen in Moskau ausreichend bedacht, fragte ich mich. - Ich las Gorbatschows Buch über die Perestroika und fand meine Frage hinlänglich beantwortet. Ich sah schwarz, nicht rot. Der Generalsekretär der KPdSU meinte offenkundig, daß der Widerspruch zwischen Sozialismus und Kapitalismus vom gemeinsamen Interesse am Überleben überlagert, mithin aufgehoben sei. Die Angst vor Atomkrieg und ökologischen Katastrophen sei größer als die vorm politischen Untergang. Aus Angst vorm Mord sollte man also besser Selbstmord begehen. - In meinem Kollektiv war ich derjenige, der am meisten über diesen neuen Helden besorgt war. War Gorbatschows Naivität gespielt, oder glaubte er im Ernst, daß das Ende der nuklearen Konfrontation zwischen der UdSSR und den USA die Kriegsgefahr weltweit bannen würde und Freiraum für die Entwicklung des Sozialismus schaffte. Der Kampf der Klassen ging doch nicht durch Abrüstungsverträge zu Ende? ... Der Klassenkampf war nicht zu Ende, sondern trat in eine neue Phase. - Und hatte man in Moskau vergessen, daß der Kalte Krieg durchaus ein Krieg gewesen war, der nur ein Ziel kannte: die Überwindung des Sozialismus. Der Appetit auf ein Sechstel der Erde, das dem Kapital seit 1917 entzogen war, war nicht verschwunden.... Gorbatschow war offenkundig blauäugig. Ich nicht. ... Die 'Brüder und Schwestern' in der DDR vermochten nicht, zwischen der Realität und der Propaganda des Kapitalismus zu unterscheiden. Sie konnten (oder wollten) nicht wahrhaben, daß der Wohlstand in der BRD auf neoimperialistischer Unterdrückung und Ausbeutung der ärmeren Länder der Welt fußte. Meine Wut auf die DDR-Bevölkerung, auf die 'Opposition', auf das SED-Politbüro war groß. Wie konnte man sich so wegwerfen? So jämmerlich abtreten?"

Gewiß ist die volle Einsicht in die Ursachen der Niederlage der DDR bei manchem erst nachträglich gekommen: "Daß ... der sogenannte Entspannungskurs nur eine andere Methode zur Liquidierung des anderen Staates war, das habe ich - wie die meisten Menschen hüben und drüben - erst nach der Konterrevolution begriffen." (Stuckmann, S. 242)

Während Alfred Spuhler von der allseitigen Überlegenheit der NATO über den Warschauer Pakt ausgeht (S. 117 f.), sieht Ulrich Steinmann, seit 1977 Referent für Waffen und Munition in der Rüstungsabteilung des Bundesverteidigungsministerium, das Kräfteverhältnis anders (S.20-32): "Nach meiner Einschätzung hätte die Sowjetunion die Hochrüstungspläne der 80er Jahre mit sehr viel mehr Gelassenheit beobachten und abwarten können, bis das ganze Kartenhaus in sich zusammengefallen wäre. Auch die starke Volkswirtschaft der USA hätte die überhöhten Rüstungsausgaben nicht lange verkraftet. Die USA wären früher oder später in eine Wirtschaftskrise geraten, und der Ostblock hätte in der Zwischenzeit im zivilen Bereich an Boden gewinnen können." Der Interviewer: „Genau das Gegenteil ist aber geschehen." Steinmann: „Ja, leider! Aber das hätte nicht sein müssen. Nach all den Erkenntnissen, die nicht nur ich, sondern viele der mir damals unbekannten Mitstreiter geliefert haben, hätte die Sowjetunion nicht vor der aggressiven Hochrüstung der USA zu kapitulieren brauchen. Daß es dennoch geschah, liegt nach meiner Einschätzung nicht an einem Mangel an Information! Da haben ganz andere Absichten der damaligen sowjetischen Führung den Ausschlag gegeben.! ... Ich muß gestehen, daß ich - wie so viele in Ost und West - Gorbatschow und die mit seiner Person verbundenen Veränderungen zunächst sehr positiv eingeschätzt hatte. Reformen in der UdSSR und in der DDR schienen mir notwendig und begrüßenswert. Als in der DDR wenige tausend Bürger die Staatsmacht der DDR in die Defensive trieben, schien mir das wie ein Märchen von der Demokratie: Das Volk meldet sich zu Wort, und die Regierung gehorcht. Bald wurde mir aber klar, daß das alles nur eine inszenierte Komödie war. Ein paar Kirchenleute und gesellschaftliche Außenseiter durften vor den Medien der Welt 'Volk' spielen und das einsammeln, was zwischen den Großmächten bereits verkauft worden war. (Die meisten der damaligen Akteure sind inzwischen wieder in der Versenkung verschwunden und haben wohl selbst erkannt, daß sie damals gar nicht die Handelnden waren, sondern unbewußt Marionetten in einem Spiel, das andere inszenierten.) ... Geschichte ist nicht determiniert, sie muß nicht zwangsläufig so verlaufen, wie sie es dann tut. Es stand damals keineswegs fest, daß der Sozialismus in Osteuropa beseitigt werden würde. ... Unser Weg hätte auch zum Erfolg führen können. In der Situation nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war es legitim und vernünftig, den Aufbau einer sozialistischen Alternative in Deutschland zu versuchen. Und trotz aller Probleme und aller Fehler, die in der DDR gemacht wurden - ich will mich da gar nicht in Besserwisserei verlieren -, hätte unser Weg auch erfolgreich verlaufen können. Die Welt stünde heute besser und friedlicher da." Ich schließe mit einem beeindruckenden Zitat aus dem Beitrag von Herbert Willner (S. 310): „Die Herren der Globalisierung, und dazu sind ja nicht nur Regierungen der sogenannten fortgeschrittenen Industrieländer, sondern vorrangig Konzern- und Bankherren mit weltumspannender Macht und noch weiterreichenden Ambitionen zu rechnen, haben aus der langjährigen Existenz eines alternativen Gesellschaftsmodells ihre Lehren gezogen. Sie haben 73 Jahre lang in den Abgrund geschaut, in dem sie, wenn nicht so unverzeihliche selbstverschuldete Fehler gemacht worden wären, vielleicht historisch hätten entsorgt werden können. Ihr Fazit: Das darf sich niemals wiederholen! Entsprechend müssen die Reste sozialistischen Aufbegehrens mit Stumpf und Stiel ausgemerzt werden. Die Menschen müssen entsozialisiert, entsolidarisiert und entpolitisiert werden, um sie - ‘teile und herrsche!’ - beherrschen und um jegliche gesellschaftsverändernde Aktivitäten ausbremsen oder verhindern zu können. Auch dies muß ich als Quintessenz des Aufklärerlebens bezeichnen, - die - statt etwa zu Resignation - allerdings erst recht zu neuem politischen Handeln veranlaßt."