Rezension
„Zwischen den
Fronten“
In diesen Tagen ist das Buch „Zwischen den Fronten“ – Wie die Spionageabwehr des MfS den Funkstützpunkt „Nord“ der CIA in der DDR zu Strecke brachte – im Verlag am Park in der edition ost erschienen, für dessen authentischen Inhalt sich der Autor Dr. Heinz Günther verbürgt.
Nichts ist erfunden, Handlung und auftretende Konflikte sind aus dem Leben des Autors gegriffen, der in die Person des Jörg Werner schlüpft. Der Autor schreibt über sich und nicht über andere.
Kürzlich erregte der Film „Das Leben des Anderen’’ Aufsehen. Mit einer frei erfundenen Geschichte wurde versucht, daraus abgeleitete Konflikte darzustellen und Lösungen hierfür zu finden, die weit von Realität und Wirklichkeit entfernt waren. Das Echo auf den Film reichte von überschwänglichem Lob bis zu vernichtender Kritik. Herr Knabe sprach sogar jedem Mitarbeiter des MfS eine „Humanisierung“ ab. Zeitzeugen, gleich aus welchem Lager, und Insider waren sich überraschend einig in der Einschätzung: So war es nicht, so war eine Konfliktlösung nicht möglich!
Der Film reihte sich letztlich ein in den gegenwärtigen Zeitgeist, der an einer kritischen und sachlichen Aufarbeitung der jüngsten Geschichte nicht interessiert ist und eine globale Verurteilung der Tätigkeit des MfS, und zwar aller seiner Bereichte, zum Inhalt hat, ob das sein Autor und Regisseur wollte oder nicht.
Das nun vorgestellte Buch beginnt Anfang der 50er Jahre. Jörg Werner glaubt, die Frau seines Lebens Hannelore gefunden zu haben, deren Eltern plötzlich die DDR in Richtung BRD verlassen, genau zu jenem Zeitpunkt, als er seine Tätigkeit im MfS aufnehmen soll. Hannelore folgt den Eltern, nachdem die entstandenen Konflikte unlösbar erschienen. Sie trägt unter ihrem Herzen das Kind von Jörg, von dem er nichts weiß.
Jörgs bester Studienfreund, Hermann Bettin, gerät in die Fänge der CIA, wobei seine Leidenschaft, als Funker bei der Handelsflotte tätig zu werden, missbraucht wird. Seiner Enttarnung durch die Spionageabwehr des MfS, in der Jörg Werner tätig ist, folgt die Verurteilung zu einer langen Haftstrafe.
Dem Autor gelingt es, die daraus entstehenden Konflikte gefühlvoll und überzeugend zu schildern und Entscheidungen zu treffen, zu denen es unter den Bedingungen des Kalten Krieges als Kommunist und Mitarbeiter des MfS keine Alternativen gibt.
Der Autor war viele Jahre als Spionageabwehroffizier im Norden der DDR tätig, bevor er nach seinem Jurastudium seine Tätigkeit als Lehrer an der Schule der HV Aufklärung aufnahm.
Es gelingt ihm, die Spionagetätigkeit von Hermann Bettin mit der vielseitigen Spionage der CIA im Norden der DDR zu verbinden, die zu dieser Zeit eine Residentur mit zwei Funkmeldeköpfen unterhielt. Eine Darstellung der Spionageabwehr aus der Sicht einer Kreisdienststelle bzw. einer Bezirksverwaltung des MfS gab es bisher noch nicht. Eine Straffung dieser Darstellungen hätte den Wert dieses Abschnitts erhöht. Das trifft auch auf die jeweilige historische Einordnung der einzelnen Abwehraktionen zu, insbesondere auf die Darstellung der von der CIA ausgehenden Pläne und Absichten zur Schwächung und letztlich Beseitigung der DDR.
Das Buch macht vom Ende der 50er Jahre einen Sprung in die Zeit unmittelbar nach Anschluss der DDR an die BRD. Werners Jugendliebe war in die alte Heimat zurückgekehrt und nunmehr als Schulrätin in Rostock tätig. Das zufällige Zusammentreffen mit ihr und mit seinem bis dorthin unbekannten erwachsenen Sohn fand keine Fortsetzung. Zu tief waren die Gräben, die der Kalte Krieg hüben wie drüben bei den Menschen geschlagen hatte.
Ein spannendes und lesenswertes Buch, das geeignet ist, auch die jüngere Generation anzusprechen und für ein Stück deutsche Geschichte zu interessieren. Wenngleich die Lebensgeschichte von Jörg Werner letztlich ein Einzelschicksal schildert, so zeigt sie doch, dass auch die heute als Verbrecher und Monster beschimpften Mitarbeiter des MfS von Fleisch, Blut und Gefühl waren und sind, so wie Du und ich.
Gotthold Schramm
Heinz Günther "Zwischen den Fronten", Verlag am Park, Berlin 2006, 240 Seiten, 12,90 €