"junge
welt", 15./16.01.2003
Feuilleton
Peter Rau
»Bringt
Steine mit!«
Vor 13 Jahren bliesen
sogenannte Bürgerrechtler zum angeblich gewaltfreien Sturm auf die MfS-Zentrale
in Berlin-Lichtenberg
Am heutigen Mittwoch laden die
Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR
sowie die »Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« in Berlin zu einer
Podiumsdiskussion und Filmvorführung ein. Der Anlaß der Veranstaltung im
Cubix-Filmpalast am Alexanderplatz – gezeigt wird ein Anderthalb-Stunden-Film
über den »Alltag einer Behörde« – ist in der Einladung ausdrücklich genannt:
der »Jahrestag der Besetzung der MfS-Zentrale in der Berliner Normannenstraße
am 15. Januar 1990«. Über den Zweck der Übung läßt die eingangs erwähnte
Stiftung keinen Zweifel aufkommen: Auf den Punkt gebracht, geht es um die
Pflege alter Feindbilder. Ein sachlicher Rückblick auf den 15. Januar 1990 und
seine Vorgeschichte scheint daher angebracht.
Einem Blick in die diversen »Wende«-Chroniken über den Herbst 1989 ist zu
entnehmen, daß zunächst nicht »die Stasi« den Volkszorn ausgelöst hatte,
sondern die Sprachlosigkeit der Staats- und Parteiführung bzw. ihre
Verweigerungshaltung gegenüber jeglichen Reformen. Auch die halbherzigen Wende-
und Reformversprechungen nach dem Honecker-Rücktritt beruhigten die Lage
keineswegs.
Unabhängig davon trug auch das Selbstverständnis der Tschekisten, also der
Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, als »Schild und Schwert der
Partei« dazu bei, sie als potentielle Gegner von Veränderungen und Feind Nummer
eins anzusehen. Zwar hatte es auch schon im Oktober die berühmten Demo-Sprüche
»Stasi in die Produktion« gegeben, andererseits aber auch die Mielke-Weisung an
die Bezirksverwaltungen des Ministeriums, bei Demonstrationen wie etwa den
Montagsritualen in Leipzig Zurückhaltung zu üben. Selbst ein so profunder
DDR-Kenner und -Kritiker wie der BRD-Publizist Karl-Friedrich Fricke mußte
einräumen, daß es seitens des MfS kaum Initiativen gegen die »Wende« gegeben
habe. Dessen ungeachtet trugen die Protagonisten der sogenannten Bürgerrechtsbewegung,
die alte Rechnungen mit dem MfS zu begleichen trachteten, das Ihre zum Anheizen
der Stimmung bei und fixierten die Opposition nur noch auf das eine Thema – und
den einen Sündenbock für alle Fehlentwicklungen des realen Sozialismus.
Auch die in der Regierungserklärung des – nach dem am 7. November erklärten
Rücktritt der bisherigen Stoph-Regierung – neu ins Amt gewählten
Ministerpräsidenten Hans Modrow am 17. November verkündete Auflösung des
Ministeriums für Staatssicherheit änderte daran nicht viel. Die von ihm
angekündigte Bildung eines Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) anstelle des
MfS ging – trotz des Hinweises auf eine deutliche Verkleinerung dieser Behörde
– den »Bürgerbewegten« gegen den Strich. Obwohl die mit der Grenzöffnung am 9. November
verbundenen Gefahren für Ordnung und Sicherheit bereits zutage traten, bliesen
ihre Gruppen, vom Neuen Forum über den Demokratischen Aufbruch bis zur
Initiative Frieden und Menschenrechte, weiterhin zum Sturm auf die
Sicherheitsstrukturen. Deren Erneuerung unter dem früheren
Mielke-Stellvertreter Wolfgang Schwanitz als Leiter des Amtes führte zwar
umgehend zur Auflösung der mehr als 200 Kreisdienststellen des ehemaligen
Ministeriums und zur damit verbundenen Entlassung von Tausenden Mitarbeitern, zur
kontrollierten Abgabe der vorhandenen Waffenbestände wie zum Stopp der im
Oktober begonnenen selektiven Aktenvernichtung, doch all das ging den
Bürgerrechtlern nicht weit genug.
Wo bisher zur Gewaltlosigkeit mahnende Kerzen angezündet wurden, werden mehr
und mehr andere Töne angeschlagen: Am 4. Dezember stürmen »Bürgerkomitees« im
Zusammenwirken mit Staatsanwälten und Volkspolizisten als erstes die
AfNS-Behörde in Erfurt; Besetzungen in anderen Bezirksstädten folgen, um »die
weitere Vernichtung von Unterlagen zu verhindern«, wie es hieß. Am 6. Dezember
verlangen Sprecher des Neuen Forums öffentlich, überall die Staatssicherheit
unter »Bürgerkontrolle« zu stellen. Der am folgenden Tag in Berlin erstmals
zusammentretende Zentrale Runde Tisch – ein Gremium, in dem neben den in der
Volkskammer vertretenen Parteien und Organisationen auch die Gruppen der
Bürgerrechtsbewegung Sitz und Stimme haben – fordert die Modrow-Regierung auf,
auch das Amt für Nationale Sicherheit unter ziviler Kontrolle aufzulösen. Das geschieht
eine Woche später; anstelle des Amtes sollen nun ein Nachrichtendienst und eine
Verfassungsschutzbehörde mit 4000 bzw. 10000 Mitarbeitern geschaffen werden.
Doch auch dieser Beschluß muß wenige Wochen danach wieder zurückgenommen
werden. Am 12. Januar 1990 verspricht der Ministerpräsident, bis zu den –
seinerzeit noch für den 6. Mai geplanten – Wahlen keine neuen Geheimdienste zu
schaffen. Zu diesem Zeitpunkt haben bereits rund 30000 ehemalige MfS-Angehörige
ihre Entlassungspapiere erhalten, für weitere 22500 ist die Eingliederung in
die verschiedensten Bereiche der zivilen Wirtschaft vorgesehen. In den Kreisen
und Bezirken sind alle Waffenkammern geräumt. Während Bürgerkomitees behaupten,
daß die Zentrale in Berlin noch voll funktionsfähig sei, sind auch hier die
Archive von Staatsanwälten versiegelt worden, das Rechenzentrum hat seine
Arbeit eingestellt. Für den 15.Januar ist vorgesehen, daß auch in dem Komplex
zwischen Frankfurter Allee, Rusche- und Normannenstraße ein Bürgerkomitee in
einer Sicherheitspartnerschaft mit Staatsanwaltschaft und Volkspolizei die
Aufsicht übernimmt.
All das hält die Opposition jedoch nicht davon ab, die Anti-Stasi-Stimmung
weiter anzuheizen. Seit dem 10. Januar ruft das Neue Forum unter dem Motto »Mit
Phantasie und ohne Gewalt gegen Stasi und Nasi« zu einer Aktionskundgebung am
15. Januar, 17 Uhr, vor dem Komplex in Berlin-Lichtenberg auf. Geplant ist u.
a., die Eingänge und Einfahrten zuzumauern: »Bringt Steine mit ...«
»Keine Gewalt«?
Vor 13 Jahren wurde die MfS-Zentrale in
Berlin-Lichtenberg gestürmt (II und Schluß)
Die Spuren des 15.Januar 1990 in
der Zentrale des gewesenen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Lichtenberg
sprechen für sich. Die Gewaltfreiheit, auf die die Oppositionsbewegung in der
Wende-DDR so stolz war (und es auch noch heute ist), hatte sich, ausgehend von
den zur »phantasievollen« Aktion gegen MfS bzw. AfNS aufgerufenen Demonstranten,
in ihr Gegenteil verkehrt. Dabei hatten sich sowohl die Leitung des
zwischenzeitlich anstelle des MfS geschaffenen Amtes für Nationale Sicherheit
wie der beiden geplanten Nachfolgeeinrichtungen – Verfassungsschutz und
Nachrichtendienst – ebenso wie die anderen bewaffneten Organe der DDR, also NVA
und Volkspolizei, zu den gesellschaftlichen Veränderungen bekannt, die mit der
Streichung der führenden Rolle der SED sowie des damit hinfälligen
»Klassenauftrages« eingeleitet worden waren.
Am Ende jenes Januartages, an dem das Neue Forum und andere Bürgerrechtsgruppen
ihren Forderungen nach Auflösung, Besetzung und »Bürgerkontrolle« der »Stasi«
Nachdruck verleihen und die Zufahrten zum MfS-Areal symbolisch zumauern lassen
wollten, waren die geplante Mauern nicht mehr als ein kümmerliches Fragment und
die mitgebrachten Steine offensichtlich einer anderen Verwendung zugeführt
worden. Noch Tage später boten nicht wenige Bereiche des Gebäudekomplexes
zwischen Rusche- und Magdalenenstraße ein Bild der Verwüstung, wie sich
Matthias Wagner, ein von der Regierung eingesetzter und von der
Bürgerrechtsbewegung akzeptierter Archiv-Auflöser, an seinen »Blick in den
Abgrund des Bürgerkrieges« erinnert: »Eingeschlagene Fenster und Glastüren,
grelle Losungen an den Wänden, skizzierte Galgen...« Im Versorgungstrakt, so
Wagner weiter, »hatte sich der Unmut der Eindringlinge besonders entladen. Die
meisten Fenster waren zersplittert.« Nur das Archiv, das zu erwartende
eigentliche »Objekt der Begierde«, sei verschont geblieben.
Aus einer ganz anderen Perspektive verfolgten die Adressaten dieser
unkontrollierten Gewaltausbrüche das Geschehen. Nach den bereits erfolgten
Massenentlassungen von Mitarbeitern des ehemaligen Ministeriums waren unter der
Führung von Offizieren aus der »zweiten Reihe«, die zunächst die Schaffung
neuer Sicherheitsstrukturen konzipiert und in Angriff genommen – und dabei
übrigens auch mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz kooperiert – hatten, nun
noch 500 bis 600 Mitarbeiter sowie technische Kräfte unter Aufsicht von
Regierungsbeauftragten mit der zu Jahresbeginn angewiesenen vollständigen
Auflösung der verbliebenen Diensteinheiten befaßt. Von hier aus war auch die
Übergabe von Waffen und Munition in den Kreisen und Bezirken organisiert
worden; in der Zentrale selbst waren die restlichen Waffen aus den Depots der
einzelnen Dienstbereiche am 14. Januar an die Polizei übergeben worden.
»Niemand hätte zumindest für eine gewisse Zeit bemerkt, wenn Waffen vorsätzlich
zurückbehalten und die Auflöser damit ausgerüstet worden wären«, heißt es zum
Beispiel in einem jW vorliegenden Erinnerungsbericht eines der mit der
Abwicklung betrauten hohen Offiziere über jene Tage. »Aber wir waren für die
Losung ›keine Gewalt‹, wir wollten weder 1989 noch später und auch nicht bei den
zu erwartenden Krawallen schießen.«
Vom Innenminister für den 15.Januar erbetene zusätzliche Maßnahmen zum
Objektschutz blieben aus. Deshalb wurde die Mehrzahl der Auflöser angewiesen,
das Objekt bis zum Mittag zu verlassen; in jeder Diensteinheit sollten
lediglich Gruppen von zwei bis fünf Mitarbeitern – »selbstredend unbewaffnet« –
für die Innensicherung und eventuelle Gespräche verbleiben. Alle Bereiche
wurden verschlossen, wo möglich technisch gesichert und versiegelt. Wirksam zu
schützen waren insbesondere die Nachrichtenmittel wie die Fernmeldezentrale der
Regierung.
Gegen 16 Uhr näherten sich erste Demonstranten dem Objekt. Ihre Anzahl wuchs
ständig. Seriöse Quellen nennen Zahlen zwischen 10000 und 50000. Sie sammelten
sich in der Normannen- und vor dem Eingang Ruschestraße. »Sie skandierten die
damals üblichen Sprüche und Losungen, näherten sich den Toren, kletterten an
ihnen hoch und versuchten, sie zu öffnen... Dann ergoß sich der Strom der
Teilnehmer in das Innere des Objekts. Einige Gruppen der Eindringlinge stürmten
zielgerichtet in für arglose Demonstranten merkwürdige Bereiche...« Während es
im Haus I, dem sogenannten Ministertrakt, relativ ruhig blieb und man das
Gespräch mit den hier anwesenden Mitarbeitern suchte, stürmten andere zielgerichtet
den Bereich der Spionageabwehr, aus der ein ehemaliger Arbeitsgruppenleiter
inzwischen die Fronten gewechselt hatte (Akten aus diesem Bereich sollten am
Abend durch einen VP-Posten einem angeblichen Journalisten aus München
abgenommen werden). Unter Verweis auf diverse später in Umlauf gebrachte
Legenden – von wegen »die Stasi selber war’s« – notierte der Augenzeuge weiter:
»Sicher haben die BRD-Dienste das Spektakel nicht organisiert, aber es wären
doch keine Geheimdienste, hätten sie keine Erkenntnisse über Pläne und
Absichten der Demo-Organisatoren gehabt und dann nicht beschlossen,
gewissermaßen auf dem Trittbrett mit in die offenen Scheunentore des einstigen
Gegners einzufahren.«
Der hier auszugsweise zitierte Bericht verschweigt natürlich nicht, daß sich
später auch Vertreter des Runden Tischs vor Ort um Schadensbegrenzung bemühten.
Der Auftritt von Ministerpräsident Hans Modrow – bei seiner Ankunft noch von
aufgebrachten Bürgern als »rote Sau« beschimpft – trug zur Beruhigung der
Situation bei, während neben und hinter ihm »Bürgerrechtler« wie Rainer
Eppelmann, Konrad Weiß oder Markus Meckel »heulend und zitternd darauf
warteten, daß die ersten Steine flogen« (so ein Spiegel-Reporter). Dabei waren
zu der Zeit die meisten Randalierer unter Mitnahme mancher Trophäe bereits
wieder verschwunden. Selbst Sprecher des Neuen Forums distanzierten sich
umgehend von dem Geschehen, obwohl es Ingrid Köppe aus ihren Reihen war, die
das offene Tor lautstark bejubelt hatte. Später hieß es, die Veranstalter hätten
das nicht gewollt. Sie hätten ihren Aufruf nicht zu Ende gedacht...