junge Welt vom 15.12.2005

Jagdverein Birthler

Im Zweifel gegen den Angeklagten: Wer vielleicht bei der Stasi war, kann nicht NDR-Sportchef sein

Klaus Huhn

Jeder spürt: Es ist Agentenzeit! Die Woge schwappte sogar bis ins Weiße Haus, überall ist von der CIA die Rede. Jetzt wurde flugs auch die »Stasi« reaktiviert. Und zwar im Eilverfahren. Ein Anlaß war gegeben: Der NDR hatte einen neuen Sportchef engagiert, Hagen Boßdorf. Der hat zwar in der DDR studiert, demonstrierte aber nicht nur bei der Tour de France, daß er einiges kann. So stieg er auf: Von der taz in die RBB-Sportredaktion, wurde dort Chefredakteur, wechselte ins Büro des ARD-Sportkoordinators und sollte nun außerdem Sportboß in Hamburg werden. Der Vertrag war schon unterschrieben, als eine Zeitung über Nacht »Stasiakten« präsentierte. Am Montag abend beschloß der NDR-Verwaltungsrat deswegen, eine Auflösung des Vertrages anzustreben.

Derlei funktioniert hierzulande reibungslos. »Hierzulande«, weil mal jemand vor einem Pariser Gericht damit auftauchte, um einen dort engagierten DDR-Rudertrainer in Not zu bringen, und kläglich scheiterte. Die Richterin - des Deutschen mächtig - las den Zettel und belehrte die Einreicherin: »In Frankreich wird in solchem Fall derjenige geladen, der das schrieb und der muß nach dem - eigentlich weltweit geltenden - Recht als erstes beeiden, daß dieses Papier tatsächlich von ihm stammt und dazu noch, daß er es nicht etwa unter Druck auf höhere Weisung oder nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gefertigt hat.« Die Richterin fragte höflich: »Ist der Mann mitgekommen?« War er nicht. Daraufhin reichte die Richterin das Papier mit einer Miene zurück, als habe sie sich ahnungslos die Finger beschmutzt. So endete das Verfahren.

Hierzulande aber ist alles ganz anders: Ein Stempel der Birthler-Behörde sorgt dafür, daß jeder Mielke-Mitarbeiter vorübergehend zum Ehrenmann erklärt, als glaubwürdig anerkannt und als Kronzeuge zugelassen wird. Boßdorf soll irgendwann eine Göttinger Studentin »ausgehorcht« haben. Irgendein Mister X soll ihm einen Decknamen zugeteilt haben: »IM Werfer«, weil er mal Handball gespielt hatte und in dieser Sportart tatsächlich Bälle geworfen werden.

Das alles hätte man ihm vielleicht durchgehen lassen, hätte Boßdorf nicht im Interview mit der
S
üddeutschen (6. Dezember) über die Birthler-Behörde gesagt, sie sei in seinen Augen ein »Jagdverein
gegen Ostdeutsche geworden
«. Das soll in der entscheidenden Sitzung des eilig zusammengetrommelten
entscheidenden Gremiums sehr ins Gewicht gefallen sein. Man versteht die Leute: So was mag man
denken, aber doch nicht
öffentlich erklären!                                  r

Um sich keine Vorwürfe wegen ihrer zuweilen penetranten Anti-Boßdorf-Kampagne einzuhandeln, präsentierte die Berliner Zeitung am Mittwoch übrigens flugs noch einen zweiten »IM«: Thomas Pfüller, Generalsekretär des Deutschen Skiverbandes. Auch der hat eine DDR-Vergangenheit, kann nicht überzeugend Widerstand nachweisen, gehört demnach in die Kategorie der Verdächtigen. Er war Mitglied der SED und - nicht verwunderlich - »IM Schmied«. Er horchte keine Göttinger Studentinnen aus, sondern zwang DDR-Langläuferinnen zu hemmungslosem Doping-Konsum.

Boßdorf skizzierte die »Agenten-Ankläger« in der Süddeutschen vom 6. Dezember so: »Es gibt eine Koalition von Journalisten, die dieses Thema bearbeiten, und 0er Birthler-Behörde, die sich bei der neuen Bundesregierung für die Zukunft empfehlen muß.« Nicht zu dieser großen Koalition gehören mochte am Mittwoch ARD-Programmdirektor Günter Struve. Er übte harsche Kritik am NDR-Verwaltungsrat und erklärte: «Ich werde mich dafür einsetzen, daß Hagen Boßdorf ARD-Sportkoordinator bleibt.«

Gegebenenfalls will Boßdorf übrigens auch die Einhaltung seines Vertrags mit dem NDR vor Gericht durchsetzen. Das kündigte sein Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel gestern in Berlin an.