RotFuchs“, Ausgabe Februar 2010

 

Spreu und Weizen

Über zu Kreuze Gekrochene und unbeirrbar Weiterkämpfende

 

In welchem Tollhaus befinden wir uns eigentlich? Da stellt eine Genossin ihr Amt zur Verfügung, „um es nicht zu beschädigen“. Welches Amt wird hier wohl beschädigt? Offenbar das einer Vizepräsidentin in einem bürgerlichen Landesparlament!

Eine andere Genossin verzichtet freiwillig auf einen Ministerposten „um der Sache willen“. Welche Sache ist hier gemeint? Geht es darum, wer der beste Pfleger am Krankenbett des siechen Kapitalismus ist?

Eine dritte Genossin legt sogar ihr Mandat nieder, weil sie der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS einst Informationen übermittelt hat und nun ihrer Partei „nicht schaden“ will. Für solche Informationen hat der aufrechte Kommunist Rainer Rupp etliche Jahre in Saarbrücken im Knast gesessen – verurteilt von einem Klassenrevanche übenden Gericht des deutschen Imperialismus.

Ein weiterer Genosse will mit Hilfe des letzten DDR-Innenministers Dr. Diestel sein Landtagsmandat behalten, obwohl die „guten“ IMs diesen „bösen“ IM dazu auffordern, es niederzulegen.

Zu meiner operativen Zeit gab es verschiedene Kategorien von Inoffiziellen Mitarbeitern des MfS. Sie hießen IMS, IMV oder IMB. Heute haben wir eine neue Kategorisierung: Es gibt ehemalige IMs, die sich schämen und bereuen, aber darüber schon immer gesprochen haben. Da sind IMs, die bedauern und Abbitte tun, sich aber nicht mehr an alles erinnern können. Und schließlich fehlt es nicht an IMs, die so tun, als ob sie das erste Mal davon erfahren, daß es so etwas überhaupt gegeben hat.

Wo bleiben jene, welche stolz auf eine Zusammenarbeit mit dem MfS waren und es heute noch sind?

Natürlich gibt es sie, aber diese wollen nicht mitregieren, haben also keinen Grund, sich zu verleugnen. Aber können wir tatsächlich Bekennermut von Genossen in dieser Gesellschaft, die so tief im Antikommunismus versunken ist, erwarten?

Immerhin müssen alle, die sich freimütig zu ihrer Mitarbeit bekennen, damit rechnen, nicht nur vom Klassenfeind, sondern auch in den eigenen Reihen diskriminiert und diskreditiert zu werden.

Wie kann sich überhaupt eine Partei als linksorientiert bezeichnen, die sich freiwillig einer so unwürdigen Prozedur wie der „Stasi-Überprüfung“ unterwirft? Wieso tritt die PDL nicht wie früher konsequent für die Abschaffung der berüchtigten Gauck-Birthler-Behörde ein, die mit ihren unsäglichen Verleumdungskampagnen nicht wenige aufrechte DDR-Bürger in den Freitod getrieben hat?

Warum wählt sie sogar eine neu eingeführte Birthler-Landesbeauftragte in Brandenburg mit?

Ich halte es mit den Aussagen von Herbert Kierstein und Gotthold Schramm, die in ihrem Buch „Freischützen des Rechtsstaates“ (edition ost) die Feststellung getroffen haben: „Die Illusion lebt bei nicht wenigen Funktionären und Mandatsträgern, die auf Posten und Pöstchen in der bürgerlich-kapitalistischen Republik aus sind, weiter. Wie steht die Partei Die Linke zur DDR und ihren Institutionen, insbesondere zum MfS? Das bleibt die Gretchenfrage. Solange nicht die Haltung zur Vergangenheit klar ist, wird es auch keine Klarheit für die Wähler darüber geben, wohin die Partei steuert. Vielleicht liegt ihre Zukunft schon hinter ihr.“

Die Gretchenfrage heißt für mich nicht nur, wie ich es mit der Religion halte, sondern auch, wie man für Karriere und Macht alles aufgeben kann, was man einst als lieb und teuer betrachtete.

Besonders unaufrichtig ist die Stellung zum MfS und dessen IMs bei ehemals leitenden Funktionären der SED, die sich inzwischen gewandelt oder angepasst haben. Sie wissen doch genau, daß es im MfS strikte Anweisungen gab, keine hauptamtlichen Mitarbeiter der Partei anzuwerben.

Erstens, weil das MfS darauf vertrauen konnte, von Genossen in solchen Positionen jegliche Unterstützung zu erhalten.

Zweitens, weil sich das MfS aus prinzipiellen Gründen nicht über die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse erheben durfte und wollte. Diese Maximen wurden in der Praxis weitgehend befolgt.

In jedem administrativen Kreis der DDR gab es eine Einsatzleitung, die nicht den Chefs der Kreisdienststelle des MfS und des Volkspolizeikreisamtes (VPKA) unterstand, sondern dem 1. Sekretär der SED-Kreisleitung.

Sicherlich waren die operativen Mitarbeiter des MfS auch für die politisch-moralische Erziehung der ihnen anvertrauten, ja meist von ihnen selbst geworbenen IMs verantwortlich. Nicht in jedem Falle war es möglich, aus den Betreffenden Marxisten zu machen, erwies sich dies doch als ein langer Prozeß. Außerdem mußte ja nicht jeder Staatsratsvorsitzender werden!

Wie verhält es sich nun mit jenen, welche heute beschämt die Augen niederschlagen und sich tausendmal bei Hinz und Kunz entschuldigen? Man stelle sich vor, es wäre notwendig gewesen, Leuten dieser Art Aufgaben zu übertragen, die Mut erfordert hätten: Wären sie dann ebenso standhaft geblieben wie Gabriele Gast oder Rainer Rupp, oder hätten sie beim ersten verlockenden Angebot der Kapitalisten nicht uns und die Sache verraten?

Doch es gibt genügend Leute, die sich zum Staat und seinen Sicherheitsorganen mannhaft bekennen.

Spreu und Weizen haben sich getrennt. Die der Sache Treugebliebenen wissen um den Wert der ehemals hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter. Sie standen zum Staat DDR, der Frieden und Antifaschismus verkörperte. Einem Staat, der mit dazu beitrug, daß 40 Jahre von Europa kein Krieg ausging.

Diese Standhaften sind ein Schatz. Den zu Kreuze Kriechenden sei gesagt: Die euch heute loben, verachten und benutzen euch nur.

Den Schwankenden rufen wir die Mahnung Bertolt Brechts ins Gedächtnis:

... Und was immer ich auch noch lerne,

Das bleibt das Einmaleins:

Nichts habe ich jemals gemeinsam

Mit der Sache des Klassenfeinds ...

 

Konstantin Brandt, Berlin