Moderne und unterhaltsame, aber einseitige Aufarbeitung der
Geschichte
der Geheimdienste in einer Ausstellung des
Zeitgeschichtlichen Forums
Aus
einem unsichtbaren Lautsprecher tropfen in eintöniger Folge unaufhörlich Zahlen
in englischer Sprache. Der
Sicherheitsbeamte am Eingang der Ausstellung
macht ein mürrisches Gesicht. "Das ist ein Code", sagt er mißmutig auf meine mitfühlende
Frage. Er muß sich das Band den lieben langen Tag anhören. Dann wird es
schummrig um mich herum. Schwarze spanische Wände, Nischen, Sackgassen,
Zwielicht. Bin ich hier in einer Geisterbahn ?
Nein. Es ist die zur Zeit größte Dunkelkammer Leipzigs, eine Ausstellung
im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig über Spionage im geteilten Deutschland
unter dem Titel "Duell im Dunkel". Das gespenstische Fluidum ist
Absicht. Der Besucher soll sich befangen oder gefangen fühlen, die Atmosphäre
sich tief in sein Unterbewußtsein einprägen. Geheimdienste arbeiten im Dunkeln.
Ein
gewaltiges Schild aus dem Berlin der fünfziger Jahre versperrt mir den Weg:
"Sie verlassen den amerikanischen Sektor". Der berüchtigte
Spionagetunnel zum Anzapfen von Telefonleitungen der Sowjetarmee wird gezeigt.
Im Halbdunkel zwei junge Besucherinnen. Sie flüstern und kichern. Wir kommen
ins Gespräch. Es sind Ulli und Corina, Geschichtslehrerinnen aus Leipzig. Ihre
Heiterkeit gilt der Tatsache, daß die Sowjets von Anfang an wußten, daß sie
abgehört werden und die Sache erst auffliegen ließen, als es politisch günstig
erschien. Beiden stellt sich die Frage nach dem effektiven Nutzen von Spionage.
Sie werden sie beim Bekanntwerden mit der Story um den
"Kanzleramtsspion" der HVA, Günter Guillaume, erneut stellen. Seine
Enttarnung war 1974 Anlaß des Rücktritts von Bundeskanzler Willy Brandt, des
Initiators einer vernünftigen Ostpolitik.
Die
geteilte Stadt Berlin war insbesondere in den fünfziger Jahren Tummelplatz
zahlreicher Geheimdienste unterschiedlichen Couleurs und wurde treffend Frontstadt
des kalten Krieges genannt.
Im
Begleitbuch zur Schau kann man über die Tätigkeit der westlichen
Nachrichtendienste gegen die DDR Interessantes erfahren. "Über Westberlin
gelangte ein Heer von Spionen in den Osten und in den Westsektoren trafen aktive
und potentielle Spione ihre Agentenführer", schreibt Paul Maddrell.
Die
durch die Amerikaner finanzierten antisowjetischen Organisationen
"Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen (UFJ) und "Kampfgruppe
gegen Unmenschlichkeit" (KgU) sowie das Ostbüro der SPD vermittelten für
die Spionage geeignete und willige Menschen an die westlichen Geheimdienste. In
den Durchgangslagern, insbesondere im Notaufnahmelager Marienfelde wurden
Flüchtlinge aus dem Osten durch die Geheimdienste angeworben, als Spione
zurückgeschickt oder zur Bearbeitung der "Rückverbindungen" genutzt.
Leider
widerspiegelt sich das nicht so in der Ausstellung. Man beschränkt sich im wesentlichen auf den spektakulären
Spionagetunnel und vermittelt den Eindruck, die Tätigkeit der westlichen
Geheimdienste sei übertriebene Propaganda der DDR gewesen.
Dabei
liegen genügend Erkenntnisse aus Ost und West über CIA und BND vor, nachzulesen
auch im umfangreichen Bestand der Bibliothek des Hauses.
Im
Mittelpunkt der Ausstellung steht erklärtermaßen und gewollt die
"Westarbeit" des MfS und die Tätigkeit der Hauptverwaltung Aufklärung
(HVA). "Einseitig !" schrieben Besucher deshalb in das Gästebuch und: "Wo bleibt der BND ?"
Vor
mir taucht in Übergröße das Abbild einer geheimnisvoll lächelnden, schönen Frau
in enganliegendem, langen Kleid auf. Es ist Mata Hari , personifizierter Mythos
der Spionage schlechthin. Unmittelbar daneben werden die weiblichen
"Spione" der HVA vorgestellt. Herabwürdigung dominiert. Viele von
ihnen, wie etwa Gabriele Gast, Johanna Olbrich, Ursel Lorenzen hatten durchaus
ideelle Motive, verstanden sich als Kundschafter und Patrioten. Alle nahmen bei
ihrer Mitarbeit bewußt in Kauf, daß sie bei Entdeckung zu langen Gefängnisstrafen
verurteilt werden könnten. Für sie war die Unterstützung des Sozialismus, der
wegen seines humanen Anliegens Anziehungskraft auf sie ausübte, wichtig. Es
ging ihnen deshalb in ihrer Kundschaftertätigkeit um die Stabilisierung des
Kräftegleichgewichts, um die Förderung der Politik der friedlichen Koexistenz
zwischen Ost und West. Mit ihren Informationen haben sie nicht nur über die
Lage in westlichen Entscheidungszentren informiert, sondern auch die DDR vor
politischen Fehleinschätzungen und Dummheiten bewahrt. Nicht bewahren konnten
sie die DDR vor dem Untergang und sich vor dem Zusammenbruch ihrer Illusionen
über den realen Sozialismus.
Doch
die politischen Zusammenhänge dieser Zeit darzustellen, ist keine Stärke der
Ausstellung. Sie will unterhaltsam sein, Neugier und auch Sensationsbedürfnis der
Besucher befriedigen. Realität und Fiktion werden vermengt, historische
Wirklichkeit mit tendenziöse Spionagefilmen verflochten und damit Mythen
und Spionagelegenden verstärkt.
Der
Eintritt in die Spionageshow ist frei, was viele Besucher lobend im Gästebuch
erwähnen. Wie schon im sozialistischen Obhutsstaat DDR sind auch die
herrschenden politischen Kräfte im zusammengesteckten Deutschland daran
interessiert, daß eine möglichst große Zahl von Menschen sich ihre
Betrachtungsweise der Geschichte zu eigen macht. Einem geschenkten Gaul guckt
man nicht ins Maul, doch die Gabe ist
löchrig wie Schweizer Käse. Der Besucher bezahlt für das "Duell im
Dunkel" indirekt über seine Einkommenssteuer.
Laut
den Tätigkeitsberichten der Stiftung Haus der Geschichte verbrauchte das Zeitgeschichtliche
Forum Leipzig allein von 1998 bis 2000 30 Millionen DM. Heute dürften die Kosten
bei der Summe von 25 Mill. Euro (!)
angelangt sein.
Die
Hinzuziehung von ehemaligen Mitarbeitern des MfS bei der Vorbereitung der
Ausstellung hätte dieser sicher gut getan. Aber das dafür geeignete
"Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des
MfS" e.V. (IK) wird seit Jahren negiert, Angebote zu Dialog und Mitarbeit werden abgelehnt. Auf der anderen
Seite wird Autoren der Staatssicherheit Verklärung ihrer Arbeit und
Meisterschaft im Vermeiden von Selbstkritik vorgeworfen. Vielleicht begünstigt
Mißachtung eine solche Tendenz. Insbesondere ehemalige Bürgerrechtler vertreten
einen Alleindeutungsanspruch. Sie haben Platz und Stimme im Kuratorium der
Stiftung. Den Titel der Ausstellung "Duell im Dunkel" hat man
allerdings trotzdem von einer viel beachteten gleichnamigen Veranstaltung des
Insiderkomitees im Jahre 1994 "übernommen".
Während
im Zeitgeschichtlichen Forum die Geschichtet der Geheimdienste im einstmals geteilten
Deutschland gezeigt wird, machen die Geheimdienste weiter Politik.
Um
im März 2003 die Zustimmung des Sicherheitsrat der Vereinten Nationen für den
Krieg der USA gegen den Irak zu erreichen, fälschten und fabrizierten z.B. der
amerikanische und britische Geheimdienst Unterlagen, die beweisen sollten, daß
Saddam Hussein UN-Resolutionen zur Abrüstung seines Landes verletzt.
Solange
sich Klassen, Nationen und Religionen feindlich gegenüber stehen und es Gründe
gibt, dem anderen zu mißtrauen, wird es das Bedürfnis geben, den vermeintlichen
Gegner auszuforschen und sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Solange es
Konkurrenz um Macht, Profite und Ressourcen, wie das Öl gibt, wird es Versuche
geben, den Konkurrenten auszuschalten. Dazu sind geheimdienstliche Methoden
bestens geeignet.
Die
Frage nach Abschaffung der Geheimdienste bleibt deshalb aktuell, auch wenn die
Bedingungen dafür gegenwärtig hoffnungslos erscheinen.
Für
den Einzelnen und damit auch den Besucher des "Duell im Dunkel"
bleibt die Erkenntnis, daß die Folgen nicht voraussehbar sind, wenn er sich mit
einem Geheimdienst einläßt.