Sozialistischer Dialog / Geraer Dialog,
Ausgabe 21 (Januar 2010), Seite 12 - 14
Rechtssicherheit statt Staatssicherheit!
Mit dieser Losung demonstrierten 1989/90 Bürgerrechtler in
der DDR. Wie sieht es heute mit der Rechtssicherheit aus, z.B. beim
unendlichen Thema Stasi und öffentliche Ämter? Vor 20 Jahren war auch der
Sonderparteitag der SED/PDS mit der Trennung von stalinistischen Strukturen, stalinistischen
Verhaltensweisen, mit dem Vortrag des unvergessenen Michael Schumann. Wie weit
ist diese Trennung in den 20 Jahren gelungen? Nach Worten mächtig gewaltig -
aber nach Taten?
Die Bereitschaft sich unterzuordnen, sich wider besseren Wissens und die Logik Fragen und Widerspruch zu verkneifen,
war die Voraussetzung zum Funktionieren diktatorischer, poststalinistischer
Verhältnisse. Betrachten wir den Teil von „Traditionen" aus der Endphase
der SED, die man umschreiben kann mit Kuschen, Obrigkeitsgläubigkeit, Akzeptanz
und Schönreden von Tabuisierungen und Denkverboten, usw. Inwieweit ist das
Überwinden solcher Verhaltensweisen gelungen? Inwieweit ist die Realität eher
eine Fortführung mit anderen politischen Vorzeichen? Sich das Stellen
sachlich gebotener Fragen nicht nur zu verkneifen, sondern sich das auch noch
als Ausdruck eines irgendwie höheren Grades an politischer Reife, Weitsicht
usw. schönzureden, das auch anderen einzureden, gehörte zum SED-Alltag, zumindest
in der Niedergangsphase. Ist das überwunden oder steht solches Verhalten mit
anderen politischen Vorzeichen in der Partei DIE LINKE in voller Blüte?
In den 90er Jahren konstatierte Michael Schumann in der PDS
eine starke Neigung, sich vor einer wirklich gründlichen Auseinandersetzung
mit „igitt-Themen", wie er es nannte, zu
drücken. Dabei ging es auch um den Geheimdienstteil des Kalten Krieges. Hat er
mit seinen Befürchtungen Recht behalten? Werden heute die sachlich gebotenen
Fragen gestellt, an sich selbst und öffentlich, oder ist es üblich, sich das
mit allen möglichen Rechtfertigungen zu verkneifen?
Bei der Versorgung der Öffentlichkeit mit Informationen
über den Geheimdienstteil des Kalten Krieges hat die Gaucksche Zauberbehörde
einen solchen Grad an Monopolstellung erreicht, dass eigentlich beim Kartellamt
Großalarm sein müsste. Wie seriös ist diese Quelle, wie wird die Tätigkeit der
Zauberbehörde hinterfragt? Dabei geht es zunächst gar nicht um Geschichte und
deren Bewertung, sondern um einfachstes politisches Handwerk. Lesen eines Gesetzestextes
und feststellen: Was steht darin, was steht nicht darin. Geht es im
Stasi-Unterlagen-Gesetz um die Offenlegung der Akten des MfS oder geht es um
deren Fälschung durch Herausnahme (§ 37) bestimmter
Aktenteile?
Wenn das Gesetz mit § 37 StUG die Säuberung
von allen Vermerken über Mitarbeiter von NATO-Nachrichtendiensten verlangt,
wird es die Behörde wohl auch tun. Ist das nur eine unbedeutende Veränderung der
Aussagen der Akten oder macht diese Klausel das Ganze zur Aktenfälschung per
Gesetz? Die Frage sollte jeder gründlich durchdenken. Wer den §-37-Trick nicht
durchschaut, versieht das ganze Gauck-System nicht. Der §-37-Trick ist der
Schlüssel. Bezeichnenderweise wird immer von „Einsichtnahme" in die Akten
gesprochen, nicht vom Lesen der Akten. Ein Buch liest man von Anfang bis Ende.
Die Gaucksche Zauberbehörde hingegen „gewährt Einsicht", gestattet
demzufolge das Lesen ausgewählter Teile. Sind Stasi-Unterlagen-Gesetz und
Gauck-Amt also die Umsetzung der Forderungen der DDR-Bürgerrechtler von 1989/90
nach Offenlegung der Akten oder sind sie deren trickreiche Umgehung?
Die große Rechtfertigung für das Gauck-System ist immer die
Genugtuung für Menschen, die als „Opfer der SED" bezeichnet werden. Wenn jemand
in der DDR Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt war, vielleicht sogar im Gefängnis,
und ihm wird heute „Akteneinsicht gewährt" - wie wirkt sich der §-37-Trick
aus? Wer als IM über ihn berichtet hatte, kann er vielleicht erfahren. Aber hat
er eine Chance, etwas über Kontakte von Geheimdiensten der NATO in sein Umfeld
zu lesen? Darf er lesen, wo das MfS Erkenntnisse oder nur Vermutungen über
Aktivitäten der NATO-Dienste in seiner Umgebung niedergeschrieben hatte?
Solche Angaben, warum das MfS überhaupt tätig wurde, werden auch ihm, streng
nach Gesetz, vorenthalten. Ist das Gauck-System also wirklich, wie stets behauptet,
ein Vertreter der Interessen der „Opfer der SED", oder werden diese
Menschen nur benutzt?
Wenn jemand IM des MfS war und er möchte sich Klarheit über
die Zusammenhänge des früheren Geschehens verschaffen - wie wirkt sich der §-37-Trick
aus? Kann er oder sein Anwalt bei der „Einsichtnahme" noch irgendwelche
Hinweise entnehmen, dass es um eine Auseinandersetzung mit den
NATO-Geheimdiensten ging bei den Aufträgen, die man ihm erteilte oder den
Auskünften, die man von ihm einst haben wollte? Das wäre gegen das Gesetz. Er
darf nur lesen, dass er Spitzelaufträge erhielt und ausführte. Auf diese Weise
beweist das Amt stets das, was zu beweisen sein Existenzzweck ist.
Es herrscht gewissermaßen Gleichheit vor dem Gesetz. Die
einst vom MfS Verfolgten und die IM des MfS werden gleichermaßen getäuscht. Man
könnte auch sagen, sie werden der gleichen Art von Gehirnwäsche unterzogen,
sofern sie sich zur „Akteneinsicht" entschließen, wozu natürlich niemand
gezwungen ist. Alles freiwillig und gesetzlich geregelt und daher für DIE
LINKE kein Grund zu handeln? Die Beschlusslage in der Partei ist auf ehrlichen
Umgang mit der Geschichte ausgerichtet. Mittäterschaft bei der Täuschung der Bevölkerung,
und sei es nur durch Schweigen und Wegsehen, ist von Parteibeschlüssen nicht
gedeckt.
Die Gaucksche Zauberbehörde ist eine Bundesbehörde. Für die
Kontrolle ihrer Tätigkeit ist der Bundestag zuständig. Wie nimmt der sein Kontrollrecht
wahr? Alle zwei Jahre erstattet die Behörde einen Tätigkeitsbericht Da die
Fälschung der Akten Teil der Tätigkeit ist, muss im Bericht über die Tätigkeit
dazu berichtet werden. Natürlich braucht man nicht nach dem Wort
„Aktenfälschung" zu suchen. Dazu wären Selbsterkenntnis und Aufrichtigkeit
von extremem Grad notwendig. Doch Angaben über die gesonderte Verwahrung von Unterlagen
nach § 37 StUG müssten im Bericht stehen. Das ist
jedoch nicht der Fall. (Siehe z. B. Bundestagsdrucksache 16/13020 vom 26. 5. 2009)
Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Fälschung der Akten
durch Aussortieren von Unterlagen ist gesetzliche Pflicht der Behörde, kann
ihr also nicht zum Vorwurf gemacht werden. Ein Vorwurf wäre das allenfalls an den
Gesetzgeber. Das Totschweigen dieser Tätigkeit im Tätigkeitsbericht ist
dagegen ein eindeutiger Bruch des Gesetzes.
Wie kann man Bundestagsabgeordnete ermutigen, ihre Rechte
wahrzunehmen? Wie kann man ihnen die Angst nehmen, sie würden Unanständiges tun,
wenn sie von einer Bundesbehörde die Einhaltung des Gesetzes fordern? Wer
wäre zuständig, in Ergänzung zum Tätigkeitsbericht DS 16/13020 die fehlenden
Angaben zur Umsetzung des § 37 einzufordern -sowohl zur Verfahrensweise als
auch zum Umfang?
Natürlich muss man sich bei allen Überlegungen darüber klar
sein, dass in der Sache ein großes Problem der Kommunikation liegt. Jegliche
kritische Frage zum Gauck-System hat unter den obwaltenden Bedingungen massive
Abwehrreaktionen zur Folge. Die werden nicht fair sein, sondern die
unmöglichsten Dinge unterstellen. Man muss sich auch eingestehen, dass 18 Jahre
Duldung des Rechtsbruchs Fragen an DIE LINKE aufwerfen. Aber man muss sich
entscheiden. Entweder weiter Mitschwindeln und die Öffentlichkeit täuschen,
oder Kursänderung Richtung Wahrheit.
Es ist ein bisschen wie bei Hans-Christian Andersen im köstlichen
Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Wenn man sich
erst einmal darauf eingelassen hat, von der Offenlegung der Stasi-Akten durch
das Gauck-Amt auszugehen, ist es schwer auf einmal laut auszusprechen, dass
Majestät einen nackten Hintern hat. Aber gilt nicht auch: besser spät als nie?
Zur deutschen Nachkriegsgeschichte, zum West-Ost-Konflikt
wird es unter Garantie auch künftig sehr unterschiedliche Auffassungen geben. Auch
innerhalb der Partei DIE LINKE. Das ist einfach normal. Sachlcher Streit ist
fruchtbar und soll gepflegt werden. Aber Formen von Hexenwahn, wer hat beim
Satan unterschrieben und wer nicht, sind in Geschichtsdebatten entbehrlich. Um
Grundsätze der Logik kommt man nicht herum. Wer rückwirkend die Arbeit der
einen Geheimdienstseite im West-Ost-Konflikt für unerlaubt erklärt, der fordert
rückwirkend freie Bahn für die Gegenseite. Ob er das wahrhaben will oder nicht.
Freie Bahn für Hitlers Spionage-Asse in der Organisation Gehlen, später BND,
und die Vietnamkriegshelden aus CIA und militärischen US-Geheimdiensten bei der
Spionage gegen die DDR kann wohl kaum als sozialistische oder linke Forderung angesehen
werden.
Und um Fehlverhalten von Menschen festzustellen und zu
sanktionieren wurde schon lange eine Institution erfunden, die man
Gerichtsbarkeit nennt. Sie durch dubiose Sonderbehörden ersetzen zu wollen,
ist ein Vorhaben, wo edle Motive zwar lautstark behauptet werden, aber ganz und
gar nicht als bewiesen gelten können.
Stasi-Hysterie und Gauck-System sollten nicht als isolierte
Erscheinung angesehen, sondern in den Kontext der herrschenden
Geschichtspolitik gestellt werden. Die politischen Kräfte, die es zu
verantworten haben, dass mitten durch Deutschland eine Systemgrenze gezogen
wurde, möchten diesen Fakt aus der Geschichte tilgen. Sie wollen nicht wahr
haben, dass sie es waren, die das Land geteilt haben. Deshalb der gigantische
Aufwand zur Dämonisierung von DDR, SED, MfS. Die dahinter stehenden Interessen muss
man erkennen und benennen.
„…Das Gedächtnis der Menschen
ist schwach. Darum ist es leicht, selbst die jüngste Vergangenheit, die die
Mehrheit der Bürger miterlebt hat, total zu verfälschen. Die Zerreißung der
deutschen Einheit wird heute von der Mehrheit der Deutschen in völliger
Verdrehung der Tatsachen als ein Werk des Ostens angesehen. Daß
sie primär einfach das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges ist, in dem die Völker
Europas den großdeutschen Ambitionen der Nazis endgültig den Garaus machten, daß also alle Nachbarn Deutschlands für die Zerstückelung
Deutschlands waren, daß es sogar in erster Linie die
Westmächte waren, die die Spaltung Deutschlands systematisch herbeiführten,
weil sie insbesondere für die Erreichung der politischen und militärischen
Ziele der USA gegenüber der Sowjetunion eine unbedingte Notwendigkeit war,
während die Russen bei einer Fortsetzung der alliierten Kontrollratspolitik
unter Aufrechterhaltung der deutschen Einheit Möglichkeiten gehabt hätten, ihren
Einfluß weiter nach Westen auszudehnen - diese und
viele andere simple Tatsachen sind fast spurlos aus dem Bewußtsein
getilgt. Statt dessen hat eine systematische Kampagne
bewirkt, daß die Spaltung als ein Werk der
Kommunisten angesehen wird, so daß Antikommunismus und
nationales Geltungsstreben bereits wieder in der altgewohnten
Weise eine gefährliche Einheit bilden.“
Robert Havemann: „Fragen Antworten Fragen", München 1970,
zitiert nach der Ausgabe im Aufbau-Verlag 1990, ISBN 3-351-01775-8, Seite 277.
Und da ein Irrtum selten so betoniert ist wie dieser, muss man es immer wieder sagen: Die Teilung ging nicht vom Osten aus, sondern vom Westen. 1949 wurde gemäß Beschluss der Londoner Sechs-Mächte-Konferenz aus den Westzonen ein Staat gebildet und die Sowjetische Besatzungszone ausgegrenzt und übriggelassen. Deshalb wurde aus der SBZ die DDR gebildet. Was natürlich nicht heißt, die westdeutschen BürgerInnen wären für die Teilung verantwortlich. Weder die Lehrerin aus dem Schwarzwald noch der Hafenarbeiter aus Hamburg haben Deutschland geteilt. Sie wurden überhaupt nicht gefragt, ob sie mit den Schritten der Teilung einverstanden waren. Die erste Wahl zum Bundestag war am 14. 8. 1949. Dabei ging es um die Zusammensetzung des Parlamentes. Ob Einverständnis mit der schon stattgefundenen Bildung eines westdeutschen Teilstaates besteht, stand nicht zur Abstimmung. Wie auch zuvor die westdeutschen WählerInnen keine Möglichkeit hatten, über die ökonomische Teilung (D-Mark) oder staatliche Teilung (Bildung eines westdeutschen Teilstaates) irgendein Votum abzugeben. In der Phase der Gründung der zweiten deutschen Demokratie hatte es so seine Eigenheiten mit der Demokratie. Allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass 1948/49 noch Not herrschte, dank des Krieges der Hitlerbande. Westbindung hieß auch berechtigte Aussicht auf Linderung der Not durch Marshallplan usw. Es ist daher nachvollziehbar, dass sich der Widerstand gegen die Teilung sowohl bei der Bevölkerung als auch bei politisch Verantwortlichen der Westzonen in Grenzen hielt. Dieses Verständnis für das Verhalten auf der Westseite 1948/49 heißt aber nicht die heute übliche Schuldzuweisung an den Osten zu rechtfertigen.
Wer nicht will, dass die reale Geschichte des Kalten Krieges nach und nach substituiert wird durch eine Comic-ähnliche Mär von einem Kampf Gut gegen Böse, kommt um die grundlegenden Zusammenhänge und Fakten der Teilung Deutschlands nicht herum. Und es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Teilung in den Köpfen überwinden könne. Ohne über die Entstehung der Teilung zu reden.
In den ersten 20 Jahren nach der Bildung der PDS ist sehr
viel über Geschichte geredet worden. Als optimal kann das Resultat nicht
gelten. Der Kardinalfehler lag in einer Nabelschau DDR, die die Zusammenhänge mit
der deutschen Teilung und der West-Ost-Konfrontation weitgehend
ausblendete. Wohl am verheerendsten
hat sich dieses Defizit beim Thema geheimdienstlicher Teil des West-Ost-Konfliktes
ausgewirkt. Statt Aufarbeitung war hier Umarbeitung der Geschichte angesagt.
Die Forderung nach offenem Umgang mit Biografien wird dann zum (Selbst-)Betrug,
wenn die äußere Situation, die Bedingungen, unter denen die Biografien gelebt
wurden, ausgeblendet werden.
„Rechtssicherheit statt Staatssicherheit" heißt unter
heutigen Bedingungen wohl „Rechtsstaat statt Gauckismus“
und ehrlicher Umgang mit Geschichte schließt Duckmäusertum gegenüber
antikommunistischen Hasspredigern und Scharlatanen aus.
Friedrich Thiemann