Nicht beantwortete Zuschrift an den ORB

 

Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg

Fernsehmagazin "Focus"

 

 

Sendebeitrag "Rosa Listen Schwule in der Stasi Kartei" vom 09.11.1993

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

als sachkundiger Zeitzeuge - ich war langjährig als leitender Analytiker in der Hauptabteilung XX des MfS tätig - erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass die o.g. Sendung zur Aufarbeitung von DDR-Vergangenheit denkbar ungeeignet und von Lügen und Halbwahrheiten geprägt ist, die zudem mit üblen journalistischen Tricks serviert werden.

 

Damit unterscheidet sich dieser Beitrag in unangenehmer Weise von der vielfach sachlichen, objektiven und kritisch nachfragenden Berichterstattung des ORB.

 

Zur Sache:

 

Gleich einleitend wird behauptet, dass Homosexuelle zwischen Kindesentführern, Sexualtätern und Mördern in der "Stasi-Kartei" geführt worden seien. Das MfS war für derartige Straftaten aber eindeutig überhaupt nicht zuständig und hat solche Personenkategorien auch nicht in seinen Karteien erfasst.

 

Es konnte Homosexuelle also auch nicht zwischen den entsprechenden Tätern einordnen.

 

Indem Herr Dr. GRAU als Forscher in der GAUCK-Behörde vorgestellt und dabei gezeigt wird, wie er einem Regal ein dickes Buch entnimmt, wird dem Zuschauer suggeriert, dass die folgenden Aussagen exakt recherchiert und authentisch belegt sind. Genau das trifft aber für eine Reihe von Aussagen nicht zu.

 

So ist die Behauptung von Dr. GRAU, in der DDR seien Homosexuelle entgegen den offiziellen Erklärungen kriminalisiert worden, nicht wahr.

 

Geradezu kindisch ist der Hinweis mit falschen Bildern auf die Weltfestspiele 1973, wo eine kleine Gruppe englischer Homosexueller auf sich aufmerksam machen wollte. Im Konsens mit den ausländischen Festivalteilnehmern war diese Aktion als Provokation bewertet und komplikationslos durch die Sicherheitsorgane der DDR aufgelöst worden.

 

Hätte das MfS dieser Aktion eine sicherheitspolitische Bedeutung beigemessen, wäre es logischerweise nicht 10 Jahre untätig geblieben.

 

Richtig ist, dass sich ab 1983 die Hauptabteilung (nicht die Abteilung) XX mit Zusammenschlüssen Homosexueller beschäftigte, die unter dem Dach der Kirche entstanden waren und in einigen wenigen Fällen auch außerhalb der Kirche existierten.

 

Vorausgegangen war, dass sich mit Beginn der 80er Jahre unter dem Schutz der evangelischen Kirchen in der DDR oppositionelle Gruppierungen herausgebildet hatten, die sich bewusst den vom Führungsanspruch der SED bestimmten gesellschaftlichen Strukturen entgegenstellten und von westlicher Seite massiv beeinflusst und unterstützt wurden.

 

Aufgabe des MfS war es, den politischen Inhalt und die Zielsetzung der als neues Phänomen auftretenden Zusammenschlüsse Homosexueller zu bestimmen. Es handelte sich um insgesamt 15-20 Gruppierungen mit ca. 250 Personen, die in sich stark differenziert waren. Diese Gruppen waren auch weiter der Gegenstand der Beobachtung seitens des MfS und zwar nicht wegen der sexuellen Orientierung ihrer Mitglieder sondern mit dem Ziel der rechtzeitigen Erkennung und vorbeugenden Verhinderung einer weiteren Politisierung, insbesondere des Zusammengehens mit oppositionellen Gruppen oder einer entsprechenden eigenen Entwicklung.

Die Homosexuellen-Gruppen wurden nicht der Opposition zugeordnet, niemand wurde wegen der Zugehörigkeit zu ihnen strafrechtlichen Maßnahmen ausgesetzt.

 

Hieraus zu schlussfolgern, das MfS habe alle Homosexuellen unterschiedslos überwacht und katalogisiert, ist eine maßlose Übertreibung im Verhältnis von 1 : 1000. (Schätzungsweise lebten in der DDR 300-500.000 Homosexuelle beiderlei Geschlechts).

 

Obwohl eine "Katalogisierung" in meine Zuständigkeit gefallen wäre, vermag ich nicht zu sagen, warum und nach welchen Kriterien sie eigentlich erfolgen sollte.

 

Durch die Hauptabteilung XX des MfS wurde allerdings die Lage der Homosexuellen in der DDR - gestützt auf Berichte inoffizieller Mitarbeiter und unter Nutzung einer Vielzahl offizieller Kontakte – gründlich analysiert. Ein Ergebnis waren von mir persönlich erarbeitete und begründete Vorschläge, die nach Bestätigung durch Erich HONECKER 1984 zu einer spürbaren positiven Veränderung der Lebenssituation dieses Personenkreises führten. ( Ermöglichung von Kontaktanzeigen, Zulassung von Veranstaltungen, der Ehrung homosexueller Opfer des NS-Regimes, der Wohnungsvergabe an homosexuelle Paare in Gleichsetzung mit Lebensgemeinschaften u.a.m.) Bereits damals hatte ich vorgeschlagen den diskriminierenden § 151 des StGB der DDR bei der nächsten Strafrechtsänderung zu streichen, was 1988 dann auch erfolgt ist und die Homosexuellen in der DDR rechtlich besser stellte als heute.

 

In meinen Vorschlägen wurde übrigens auch auf das in der Sendung strapazierte Problem der Erpressbarkeit eingegangen. Diese Erpressbarkeit ist dort und insoweit real, wo Homosexuelle aus Angst vor einer Ablehnung in der Gesellschaft ihre sexuelle Orientierung zu verbergen suchen. Deshalb konnte man Homosexuellen mit der Wahrung von Staatsgeheimnissen verbundene Funktionen nicht bedingungslos öffnen. Mein Vorschlag lautete, durch eine langfristig angelegte, systematische Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung die Akzeptanz Homosexueller zu erreichen. Entsprechende Anstrengungen wurden nach 1984 verstärkt unternommen und blieben auch nicht ohne Wirkung.

 

Natürlich hatte ich meine Vorschläge u.a. damit begründet, Homosexuelle nicht durch Missachtung ihrer berechtigten Interessen der Opposition zuzutreiben. Ich hatte aber auch angeführt, dass  der Sozialismus als humanistische Gesellschaft Lösungen für die nicht schuldhaft herbeigeführte Lage Homosexueller finden müsse und dass es paradox sei, dass ausgerechnet die Kirche, die durch ihre Sexualfeindlichkeit maßgeblich die Haltung der Gesellschaft zur Homosexualität geprägt hat, sich dieses Themas annimmt, während die KPD schon in der Zeit der Weimarer Republik gegen den §175 gekämpft hatte.

 

Die Behauptung, die Sicherheitsorgane der DDR hätten die Homosexuellen in einer "rosa Liste" erfasst ist ebenso falsch wie abenteuerlich. Allein die Übernahme eines Begriffes oder Symboles aus der Nazi-Zeit widerspricht dem antifaschistischen Grundverständnis der Mitarbeiter des MfS und sicherlich auch der Volkspolizei.

 

Die Personendatenbank der DDR wurde durch das Ministerium des Inneren geführt und anschließend von den Bundesbehörden übernommen. Irgendwelche Tricks mit der Personenkennzahl können jederzeit nachgeprüft werden. Dem hätte aber eine systematische Erfassung homosexueller Personen vorangehen müssen, was nicht erfolgt ist. Auch die Dissertation von FEHR, die nicht im Auftrag oder zum Nutzen des MfS erfolgte, sondern aus der Sicht kriminal­polizeilicher Brennpunktarbeit, liefert dafür keinen Beweis. Unbestreitbar ist, dass bestimmte Treffpunkte Homosexueller zugleich Schwerpunkte der Kriminalität und von Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit bildeten. Der Ausgangspunkt ist also auch hierbei nicht eine Anti-Haltung gegenüber Homosexuellen und mit der "Stasi" als Inkarnation alles Bösen hat das schon gar nichts zu tun.

 

Warum ist eigentlich niemand in der Lage, eine "rosa Liste" oder eine Weisung zu ihrer Führung vorzulegen, wo doch ganz andere Unterlagen in dunkle Kanäle gelangten oder von Personen verwaltet werden, die nun wahrlich nicht als MfS-Sympathisanten einzustufen sind?

 

Das Gleiche ist zu der Behauptung anzumerken, dass vorgesehen gewesen sei, Homosexuelle, noch dazu als eine der ersten Gruppen, in Internierungslager einzusperren. Listen für vorgesehene Internierungen im Verteidigungsfall sind doch in mehreren Bezirksverwaltungen aufgefunden worden und brauchen nur daraufhin überprüft zu werden. Ich biete Ihnen jede Wette an, dass sie Homosexuelle als Personengruppe in solchen Listen nicht finden werden, was nicht ausschließt, dass dort z.B. ein einzelner Homosexueller, der im Verdacht der Spionage stand, registriert ist. Überhaupt wäre es an der Zeit aus dem Thema Internierungslager die "Stasi-Hysterie" herauszunehmen. Immerhin gestattet sogar die Internationale "Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten" im Artikel 15 im Falle eines Krieges oder eines anderen öffentlichen Notstandes, der das Leben der Nation bedroht, garantierte Menschenrechte erheblich einzuschränken.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

(Wolfgang Schmidt)