Tageszeitung junge Welt

03.02.2006 / Sport / Seite 16

Für die Steuer-Unterlagen: Katarina Witt mit 6.0 von Coubertin

Klaus Huhn

In 10 000 Minuten werden in Turin die Winterspiele eröffnet. Doch in deutschen Medien ist weniger von der olympischen Atmosphäre als von »Stasiakten«, die den Paarlauftrainer Ingo Steuer belasten sollen, zu lesen. Offenbar um den Vorwürfen Nachdruck zu verleihen, wurde jetzt sogar Katarina Witt in die Debattenschlacht geschickt. Nachdem Ex-Stasi-Behörden-Chef Gauck unlängst in der Zwickauer Kollwitz-Schule den Schülerinnen und Schülern versicherte, ihm hätte die Weltmeisterin hüllenlos im Playboy besser gefallen als im FDJ-Blauhemd, grub der Sportchef einer Hauptstadtzeitung am Donnerstag die Memoiren des Kufenstars aus, und publizierte indiskrete Zitate aus angeblichen MfS-Akten.

Die FAZ (Donnerstagausgabe) entschied sich für ein Interview mit Katarina Witt und begann es mit der extrem behutsamen Frage: »Waren Sie erstaunt darüber, daß auch Sie zu denjenigen gezählt haben, auf die Ingo Steuer ... ein wachsames Auge hatte?« Nein das war sie nicht, doch hatte sie sich »damals (1993) entschieden, nicht mit dem Finger auf jemanden zu zeigen oder eine öffentliche Jagd zu eröffnen. Dies tun jetzt aber Personen, die weder... betroffen waren, noch einen Bezug zu unserer damaligen Situation in der DDR haben.« Die FAZ bohrte nach: »Ist es Ihres Erachtens an der Zeit, die Aufarbeitung der Stasi-Fälle nach so langen Jahren einzustellen?« Witt: »Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie mit der Problematik umgegangen wird. Ich kenne Steuers Akte nicht, aber ich denke, daß 16 Jahre nach dem Mauerfall einerseits die Dinge so langsam aufgearbeitet sein sollten und andererseits, daß es an der Zeit ist, wichtigere Themen in den Vordergrund zu rücken. 14 Tage vor den Olympischen Spielen wird das plötzlich wichtig. Das alles trägt doch nicht dazu bei, daß Ost und West besser zusammenwachsen, und es trägt auch nicht zu besseren Olympischen Spielen bei.«

Lebte der Begründer der modernen Spiele, Baron Pierre de Coubertin noch, hätte er ihr garantiert ohne zu Zaudern dafür die Haltungsnote 6,0 - bekanntlich die höchste, die auf dem Eis vergeben wird - zugesprochen. Übrigens soll Katarina Witt in den Nachwendejahren auch ein überzeugendes Beispiel dafür gegeben haben, wie man Vergangenheit aufarbeitet, als sie MfS-Offiziere einlud und sie fragte: »Erzählt mir, warum ihr diese Akten über mich angelegt habt?«

Inzwischen hat sich auch die Bundeswehr, bei der Ingo Steuer beschäftigt ist, zu Wort gemeldet und dessen fristlose Entlassung angekündigt. Und wieder ein Arbeitsloser mehr.