junge Welt
04.02.2011 / Thema /
Seite 10
»Im Dienste alter Kameraden«
Hintergrund. Über die Netzwerke des
Bundesnachrichtendienstes (Teil lI und Schluß)
Klaus Eichner und Gotthold Schramm
Nach seiner Rückkehr aus den USA 1946 machte sich der ehemalige Nazi-General
Reinhard Gehlen an den Aufbau eines deutschen Geheimdienstes. Die so
entstehende »Organisation Gehlen« (ORG Gehlen) wurde zur Vorläuferorganisation des späteren Bundesnachrichtendienstes (BND).
Gehlen richtete dabei von Anfang an seine Aufmerksamkeit auf die
Schaffung effektiver Stützpunkte im Ausland.
Dabei bildeten untergetauchte Nazi- und Kriegsverbrecher mit einschlägigen Erfahrungen aus der Tätigkeit in den
faschistischen Geheimdiensten das personelle Reservoir.
In den Anfangsjahren mußte sich Gehlen noch dieses Kaderreservoir mit
den amerikanischen Geheimdiensten, insbesondere dem Counter
Intelligence Corps (CIC) der US-Army,
teilen. Aber in diesen Personalfragen saß er am längeren Hebel, denn hier wirkte das Prinzip »Alte Kameraden im Dienste alter Kameraden«. Dem konnten die US-Dienste lediglich ihre Siegermacht und ihre
Dollars entgegensetzen. 1
Von
Italien bis Indonesien
Der frühe Aufbau operativer
Strukturen im Ausland erstreckte sich auf Österreich, Italien, den
Nahen
Osten, Südamerika und bis nach
Indonesien.
In Österreich war eine
operative Residentur bereits 1948 tätig. Eine führende Rolle spielte
hier Josef Adolf Urban. Obersturmbannführer Urban war als Führer des faschistischen Sicherheitsdienstes (SD) in Wien und
Balkanexperte im Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) tätig; zuletzt diente er den Faschisten als Chef der SD-Leitstelle
Budapest. Nach Kriegsende arbeitete Urban als bezahlter Nachrichtenagent für das CIC und andere westliche Geheimdienste und nicht zuletzt als
Sicherheitschef der neofaschistischen Werwolf-Gruppe des Dr. Theodor Soucek in Graz. Trotz seiner tiefbraunen Gesinnung wurde
Urban 1956 offiziell als Mitarbeiter in den BND übernommen und diente bis
weit in die 70er Jahre hinein in leitender Position unter dem Decknamen UHL in Pullach.
Die erste illegale Residentur
der ORG Gehlen in Italien stand unter Leitung des Gehlen-Bruders Johannes Gehlen
(Arbeitsname GIOVANNI), der Quellen im Vatikan und in Emigrantenkreisen führte.
Eine der Führungspersonen für die Arbeit der ORG im Raum Nordafrika/Naher Osten war der SS-Standartenführer im SD und Verbindungsoffizier zwischen Schellenberg und Gehlen,
Franz Wimmer-Lamquet. 1944 hatte er das »Sonderkommando Wimmer« geleitet, das aus
Fremdenlegionären und Einheimischen bestand und für Terrorakte in Nordafrika eingesetzt wurde.
Im Nahen Osten war für die ORG Gehlen als
Geheimdienstexperte der frühere SS-Sturmbannführer Alois Brunner tätig. Brunner war einer
der wichtigsten Mitarbeiter von Adolf Eichmann und an Judenvernichtungen in
Wien (1939-1941), Berlin (1942/43), Griechenland (1943) und in Frankreich
(1943-44) und in der Slowakei (1944 bis Februar 1945) führend beteiligt. Laut Simon-Wiesenthal-Center war Brunner
verantwortlich für den Tod von 128500
Menschen. Er wurde in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Brunner lebte bis 1954 unter falschem Namen in der BRD. Mit einem Paß
auf den Namen Dr. Georg Fischer reiste er im Auftrag der ORG Gehlen als deren
illegaler Resident nach Syrien. Er realisierte bis 1962 unter dem Tarnnamen Ali
Mohammed nachrichtendienstliche Aufträge Gehlens und der CIA
in Kairo und kehrte anschließend zurück nach Damaskus. Dort unterhielt er zahlreiche Kontakte zu
deutschen Journalisten, Touristen und Diplomaten, obwohl die BRD
Auslieferungsersuchen an die syrische Regierung richtete. Auch als am 1.März 2001 ein französisches Gericht Brunner
nochmals wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Abwesenheit zu einer
lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte, kam es nicht zur Ergreifung dieses Massenmörders.
Seit Anfang der 60er Jahre operierte eine BND-Residentur
im Apartheidstaat Südafrika. General Horst Mellenthin, einer der engsten Mitarbeiter im Stab Gehlens,
hatte schon frühzeitig seinen Bruder,
Friedrich Wilhelm Mellenthin, mit der Führung nachrichtendienstlicher Operationen in dieser Region
beauftragt. Mellenthin leitete 1960 die
Fluggesellschaft »Trek Airways« in Südafrika.2
In Argentinien existierte eine der größten deutschen Auslandskolonien. Sie rekrutierte sich in starkem Maße aus Nazis, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu Juan
Peron (Regierungschef 1945-1955) geflohen und von dessen Regierung wohlwollend
aufgenommen worden waren. Sie bildeten ein fast unerschöpfliches Reservoir von Informanten und Kontaktleuten für die ORG Gehlen und den BND. Bereits seit Anfang der 50er Jahre
nutzte der BND eine feste Residentur in Buenos Aires.
Als bedeutende nachrichtendienstliche Verbindung zählte dort der höchstdekorierte
Jagdflieger der faschistischen Luftwaffe, Adolf Galland. Nach Kriegsende floh
Galland über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien
und organisierte von dort neben seinen Aktivitäten für die ORG Gehlen und den BND in den 60er Jahren Waffengeschäfte mit der Bundesrepublik.
BND-Aufträge in Indonesien erfüllte SS-Standartenführer Dr. Rudolf Oebsger-Röder.
Er hatte ein Einsatzkommando der SS kommandiert, das in Bromberg ein Massaker
an der polnischen Bevölkerung verübte. 1941 leitete er den SD-Abschnitt Danzig. Oebsger-Röder war der Gründer und erste Leiter des Unternehmens »Zeppelin«. Im Rahmen dieses
Unternehmens wurden Hunderte sowjetische Kriegsgefangene ausgewählt, indoktriniert und für einen Einsatz im
sowjetischen Hinterland vorbereitet. Von Mai bis Juli 1944 war er
Einsatzkommandoführer in Ungarn. Im
Oktober 1944 wurde er als SS-Standartenführer Ausbilder in der Spionageschule
des RSHA. Nach dem Kriege kurzzeitig interniert, lebte er später einige Jahre in München, wirkte als
Ausbilder in der ORG Gehlen und verzog dann nach Indonesien. Dort fungierte er
sowohl als Berater und Biograph des indonesischen Diktators Suharto als auch
als Resident des Bundesnachrichtendienstes. Trotz Ermittlungen diverser
Staatsanwaltschaften konnte Oebsger-Röder mehrfach ungehindert in die BRD
einreisen. Er starb unbehelligt im Juni 1992 in München.
Massenmörder als BND-Agent
Anfang des Jahres 2011 wußte es die
Zeitschrift Der Spiegel ganz genau: Klaus Barbie, der »Schlächter von Lyon«, war 1966 von Bolivien aus »einige Monate« für den BND tätig. Er führte den Decknamen »Adler« und erhielt vom BND die
Registriernummer V-43118. Weitergehende Recherchen war den »Geheimdienstexperten« des
Spiegel diese Nachricht nicht wert, sie hatten ja nur vom BND
freigegebene Akten ausgewertet. Immerhin wird darin Barbie als »entschiedener Kommunistengegner mit kerndeutscher Gesinnung« charakterisiert.
Wir wollen der Öffentlichkeit helfen, ein wenig mehr hinter die Kulissen zu
schauen.
Klaus Barbie trat 1935
der SS bei. Sein erster Einsatz erfolgte im Büro für »jüdische Angelegenheiten« in Den Haag und
Amsterdam. Dort ließ Barbie Hunderte Juden
und deutsche Flüchtlinge inhaftieren.
Nach mehreren Beförderungen wurde er an
der Ostfront zur Bekämpfung der sowjetischen
Widerstandsbewegung eingesetzt.
1942 ernannte ihn das RSHA zum Gestapo-Chef von Lyon, einem der
Zentren der französischen
Widerstandsbewegung. Zur Schreckensbilanz des Wirkens von Barbie in dieser
Region gehören: Inhaftierung von mehr als 14000 Kämpfern der Resistance; Teilnahme an mehr
als 4300 Ermordungen und Deportation von 7591 Juden in die Gaskammern von
Auschwitz. Nach Augenzeugenberichten nahm Barbie persönlich an einer Vielzahl von Folterungen und Morden teil.
Bei Kriegsende gelang es Barbie, aus Frankreich zu entkommen, er
floh in die amerikanische Besatzungszone und stellte sich den amerikanischen
Behörden. Als erstes »Mitbringsel« bot er den US-Geheimdiensten Informationen über die Französische Kommunistische
Partei im Raum Lyon an.
Zu Ziel und Zweck der nachrichtendienstlichen Nutzung aktiver
Nazis sagt der internationale Geheimdienst-Experte Phillip Knighthley:
»Andere ehemalige
deutsche Nachrichten- und Sicherheitsleute wurden angeworben, weil sie
angeblich intakte Organisationen hinter dem Eisernen Vorhang hatten oder, wie
Klaus Barbie, der »Schlächter von Lyon«, dabei behilflich sein
konnten, Geheimdienstler zu finden, die sich versteckt hielten, und sie ebenfalls anzuwerben.«3
Davon zeugt auch ein Originaldokument des CIC vom 19.Februar 1949
mit dem Betreff: »Klaus Merk, Klaus Barbie«. Es enthält folgende Passage: »Der neue Aktionsplan erfordert dringlich die Gewinnung sämtlicher neuer Quellen, die Auffindung so vieler alter Gestapo-
und SS-Informanten wie möglich, besonders jener,
deren Auftrag unter dem Nazi-System in der Infiltration der KPD bestand.«4
Die französische Regierung
forderte mehrfach die Auslieferung von Barbie, denn er war im amerikanischen Kriegsverbrecherregister
CROWCASS sowie in den internen Listen des CIC als gesuchter Kriegsverbrecher enthalten. 5
Obwohl er nachweislich auf der
Gehaltsliste der CIA stand (mit einem Salär von immerhin 1700
Dollar pro Monat)6, verneinte das
State Department mehrfach jedes Wissen um die Existenz und den Aufenthalt von Barbie.
Als das CIC ab 1950 einschätzte, daß
die amerikanischen Behörden möglicherweise dem französischen Druck auf
Auslieferung nicht mehr standhalten könnten, erhielt Barbie
1951 einen »neuen« Paß auf den Namen Klaus
Altmann, das Internationale Rote Kreuz stellte ihm auf diese Personalien eine
Unbedenklichkeitsbescheinigung aus, und die CIA schleuste ihn über die »Rattenlinie« nach Bolivien. Nach einem geheimen Dokument der französischen Regierung setzte Barbie dort seine Agententätigkeit für CIA und BND fort.
Unvollständigen Akten im
Bundesarchiv zufolge verpflichtete ein BND-Werber Barbie Anfang 1966 in La Paz
als Agent mit dem Decknamen »Adler«. Die Quelle erhielt die BND-Registriernummer V-43118. Das erste
monatliche Honorar von 500 DM soll er im Mai 1966 erhalten haben. Danach flössen regelmäßige Zahlungen und
Leistungsprämien auf sein Konto bei der Chartered
Bank of London in San Francisco.7
Immerhin war der Agent Barbie für den BND so bedeutsam, daß
man ihn im Dezember 1966 zur Ausbildung nach Deutschland holen wollte. 8
Ein früherer hochrangiger
Mitarbeiter des bolivianischen Innenministeriums bestätigte einem Reporter des Miami Herald, daß
Barbie regelmäßig das Innenministerium mit Informationen über kommunistische Aktivitäten in Bolivien und
anderen südamerikanischen Staaten belieferte. Dieses
Material wurde auch als Kopie an die US-Botschaft gegeben.9
Barbie fungierte als »Berater« der Militärs in Bolivien und
erhielt außerdem einen sehr einträglichen Posten bei der Compania Transmaritima Boliviana, einer
Gesellschaft, die von den bolivianischen Militärs u.a.
zum Waffenhandel genutzt wurde. Er tätigte Geschäfte mit Vertretern der USA, Israels, der BRD und soll auch mit
einem Diplomatenpaß
nach Frankreich eingereist sein.
Seine Karriere erreichte einen Höhepunkt, als General
Hugo Banzer mit einem Staatsstreich zum Sturz von Präsident Juan Jose Torres in
Bolivien eine Militärdiktatur errichtete.
Der coup d'etat wurde tatkräftig von der deutschen Kolonie in Bolivien und von Barbie direkt
unterstützt. Als Belohnung setzte ihn Banzer in die Funktion des »Sonderberaters« seines Geheimdienstes ein. Mitte der 70er Jahre war Barbie der Kontaktmann
der bolivianischen Regierung mit dem Apartheid-Regime in Südafrika und bereitete u.a. für den Fall des Zusammenbruchs dieses Regimes die Übersiedlung weißer Rassisten aus Südafrika nach Bolivien vor. Zu seinem engsten Freundeskreis gehörten führende bolivianische
Faschisten. Nach dem Sturz des Banzer-Regimes in
Bolivien im Jahre 1978 bewährten sich die engen
Freundschaften, auch mit anderen ehemaligen Gestapo-Größen, wiederum für Klaus Barbie. Er wurde
ein enger Mitarbeiter von Roberto Suarez, der nach
Erkenntnissen der amerikanischen Drogenfahndung zu den größten internationalen Drogenbossen gehörte. Barbie baute für Suarez eine Schutztruppe und einen
Sicherheitsdienst auf. Seit 1978 war Barbie an der Planung eines neuen
Staatsstreiches beteiligt. Er war verantwortlich für den militärischen Teil des
Umsturzes. Dazu reiste er u.a. in die BRD, um
deutsche Söldner anzuwerben. Er übertrug das Kommando über das Bataillon »Fiances of Death« seinem engen Vertrauten, dem Neonazi Joachim Fiebelkorn.
Beim Putsch am 17. Juli 1980 sollte sich diese Söldnertruppe bei der
aktiven Unterstützung des Staatsstreiches
von General Luis Garcia Meza gegen die rechtmäßige Regierung Lidia Gueiler
»bewähren«. Barbie spielte persönlich eine herausragende
Rolle bei dem brutalen Vorgehen gegen Bergarbeiter, Gewerkschafter und
Studenten, die versuchten, dem Staatsstreich Widerstand entgegenzusetzen. Er
unterhielt auch in dieser Zeit wiederum engste Kontakte zum Innenminister Arce Gomez und zum bolivianischen Geheimdienst Servicio Especial de Seguridad (SES). Nach Recherchen amerikanischer
Journalisten war Barbie direkt an »Vernehmungen« in den Folterkellern des SES beteiligt.
Barbie scheute sich auch nicht, seine politische Haltung öffentlich zu demonstrieren. In einem Gespräch mit einem französischen Journalisten,
dessen Vater auf Weisung von Barbie ermordet worden war, äußerte Barbie: »Wir waren die Vorkämpfer des Kampfes gegen
den Bolschewismus. Schauen Sie sich die heutige Lage an! Wenn die Amerikaner
uns nicht gezwungen hätten, den Krieg zu verlieren,
dann würde das heute nicht passieren.«10
Nachdem General Mezas Hauptaktivitäten als Präsident Boliviens, die
volle Kontrolle über den Drogenhandel zu übernehmen, innen- und außenpolitisch auf immer stärkeren Widerstand gestoßen waren, mußte
er abdanken. Mit dem Rücktritt von General Meza als Präsident war auch das Ende
der Geheimdienstkarriere des »Schlächters von Lyon« besiegelt. Die neue
Regierung unter Siles Zuazo
gab 1983 seiner Auslieferung nach Frankreich statt.
Damit sah sich auch die Regierung der Vereinigten Staaten unter
dem Druck der Öffentlichkeit gezwungen,
eine Untersuchung über die Rolle
offizieller und inoffizieller Stellen der USA in der Verhinderung der
Bestrafung eines schwerbelasteten Kriegsverbrechers
und seiner jahrelangen geheimdienstlichen Nutzung einzuleiten. 11 Mit dem vorgelegten
Untersuchungsbericht zum »Fall Barbie« war jedoch auch das Ziel verbunden, das ganze Ausmaß der nachrichtendienstlichen und paramilitärischen Nutzung belasteter Faschisten aller Nationalitäten zu vertuschen, die Agenten kartiere von Klaus Barbie als eine
fehlerhafte Einzelentscheidung abzutun.
Fall Eichmann:
Spuren getilgt
In aktuellen Veröffentlichungen wird erwähnt, daß
auf einer Karteikarte des BND bereits 1952 ein Vermerk aufgetragen war, der
besagte: »Standartenführer Eichmann befindet
sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem Decknamen CLEMENS in Argentinien auf. Die
Adresse von Eichmann ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in
Argentinien Der Weg bekannt. «12
Dieser Chefredakteur war
Wilfried van Oven (nach anderen Quellen: Wilfred von Oven), Mitglied der NSDAP und
SA ab 1931. Er nahm am Spanischen Bürgerkrieg als Angehöriger der Legion Condor teil und wurde
1943 Pressereferent von Goebbels. Nach 1945 war von Oven kurze Zeit unter
falschem Namen als Dolmetscher und Schreibkraft bei der britischen Militärverwaltung in Deutschland tätig. 1949 kam von Oven
nach Argentinien und agierte dort ab 1951 als Korrespondent des
Spiegel. Er leitete in den 50er Jahren mehrere Nazi-Zeitschriften in
Argentinien, so war er Anfang 1952 Chefredakteur der deutschsprachigen Zeitung
Freie Presse, die inhaltlich voll an der Nazi-Ideologie orientiert war. Er war
Autor mehrerer Bücher, in denen die Zeit
des Faschismus zumindest verniedlicht, oft auch verherrlicht wurde. Von Oven
unterhielt enge Kontakte zu Leitungskadern der Republikaner in der
Bundesrepublik, trat als Vortragsredner in rechtsextremen Vereinen und Autor für rechtsextreme Strategieblätter auf. 13
Der Historiker Holger M. Meding stand
1989/90 in Kontakt mit von Oven. Dieser bestätigte ihm, daß
die Direktion der Freien Presse jahrelang Kontakte zur ORG Gehlen bzw. zum BND
unter General Gehlen unterhielt. Der Herausgeber Müller-Ludwig verschaffte dem Pullacher Geheimdienst Informationen
aus Regierungskreisen und gab ihm Einblicke in Interna argentinischer Politik.
Im Gegenzug unterstützte Gehlen das Blatt
finanziell und ließ ihm aus Deutschland
auch eine Druckmaschine zukommen. 14
Von Oven stand in Kontakt mit dem ersten BND-Residenten in Buenos Aires, Dr.
NEULAND (BND-Deckname).
Die ORG Gehlen gab die Information von 1952 über Eichmann nicht weiter. Erst am 19.März 1958 informierte sie die CIA, ohne daß eine Reaktion
erfolgte. Juristisch interessant ist auch die Frage, warum der BND oder das
Bundeskanzleramt nicht die Staatsanwaltschaft in Frankfurt/Main informierte,
die einen Haftbefehl gegen Eichmann erlassen hatte.
Über eine Weiterleitung
an die israelische Regierung oder den MOSSAD ist nichts bekannt. Erst die
energische Intervention des hessischen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer
brachte den Stein ins Rollen. Die Sorge des BND, die die CIA teilte, bestand
darin, daß
in der Berichterstattung über den Eichmann-Prozeß Bezüge zur Rolle von Hans Globke, dem Kommentator der Nürnberger Rassengesetze,
der unter Konrad Adenauer Staatssekretär im Bundeskanzleramt
war, hergestellt werden könnten. Selbst geringe
Spuren sollten getilgt werden. In einem internen Vermerk des CIA-Direktors
Allen Dulles vom 20.September 1960 hielt dieser fest, daß die CIA Einfluß
auf die Veröffentlichungen des Magazins Life genommen hatte:
»Gesamtes Material wurde gelesen. Eine unklare
Erwähnung von Globke, die
Life auf unsere Forderung hin wegläßt.« 15
Noch im März 1960 kam es in New
York zu einer Begegnung zwischen Kanzler Adenauer und Israels Premierminister
Ben Gurion. Ein wichtiger Gesprächspunkt war der Fall
Eichmann. Adenauer bemühte sich zu verhindern, daß
im Eichmann-Prozeß
Angriffe gegen die BRD erfolgen und insbesondere ein Vergleich der BRD mit dem
Dritten Reich vorgenommen wird. Darüber hinaus sollte
erreicht werden, daß
jeder Versuch der Verteidigung Eichmanns, den ehemaligen Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und damaligen Staatssekretär Globke als Zeugen vor Gericht zu
laden, verhindert wird. Im Ergebnis der Gespräche verpflichtete sich
Adenauer, für 320 Millionen DM Waffen an Israel zu liefern.
Die Gegenleistung bestand in der Tatsache, daß keine öffentliche Abrechnung mit den in der BRD auf freiem Fuß lebenden ehemaligen Nazi-Verbrechern erfolgte. Ben Gurion sprach
von jetzt an vom »anderen Deutschland«.
Ende Juni 1961 drangen BND-Agenten in Jerusalem in das Hotelzimmer
des Prozeßbeobachters
aus der DDR, Prof. Friedrich-Karl Kaul, ein und
entwendeten Unterlagen mit Angaben über westdeutsche Persönlichkeiten. Die Täter, Rudolf Vogel,
Adenauer-Intimus, und der Bild-Reporter Lynder, drängten noch in der Nacht den BRD-Diplomaten Preuschen,
diese Unterlagen als diplomatische Kurierpost zu deklarieren und sie
unmittelbar am nächsten Tag nach Bonn zur
Übergabe an den BND zu versenden. 16
Amtshiffe von der
CIA
Das Agieren bundesdeutscher Geheimdienste zur Vertuschung
belastender Beziehungen von führenden
Vertretern der Bundesregierung zu den Holocaust-Mördern war auch nach der Hinrichtung
Eichmanns
bestimmend.
Ende der 60er Jahre sorgte der Name Eichmann noch einmal für nervöse
Aktivitäten in den Führungsetagen der bundesdeutschen Administration und in Pullach und war Auslöser für eine konzertierte Aktion von
BND und CIA. Was war passiert?
Im Januar 1968 wurde von dem Exil-Ungarn Ladislas
Farago ein Dokument des ehemaligen deutschen Auswärtigen
Amtes über Desinformationsaktionen der Nazis von 1942 bis 1944 aus dem
Washingtoner Nationalarchiv abgelichtet, in dem Georg Kiesinger aus der
Abteilung »RU Referat B« auftauchte. Des weiteren
wurde ein Dokument des Nazi-Propagandaministeriums bekannt, auf dem gemeinsam
die Namen Kiesinger und Eichmann erschienen. Kiesinger war zu diesem Zeitpunkt
Bundeskanzler der großen Bonner Koalitionsregierung. Jetzt war schnelles
Handeln angesagt. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Karl
Theodor Freiherr zu Guttenberg (CSU), wandte sich an Gehlen. Dieser entsandte Dr.
Hans Langemann, damals Leiter des Strategischen Dienstes des BND in Pullach, nach Washington mit dem Auftrag, über CIA-Direktor
Richard Helms eine Schadensbegrenzung zu erreichen. Mit einem Begleitbrief von
Gehlen erschien Langemann auf Vermittlung des BND-Residenten in Washington,
General a.D. Heinz Danko Herre,
am 2.2.1968 bei Helms. Darin heißt es: »Lieber Mister Helms! In einer sehr
eiligen Angelegenheit sende ich - auf besonderen Wunsch des Herrn Bundeskanzler
- Reg.Dir. Dr. Langemann zu Ihnen. Langemann hat den
Auftrag, Sie mündlich über eine Entwicklung zu unterrichten, die im Bundeskanzleramt
große Besorgnis ausgelöst hat. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Dr.
Langemann in dieser Sache beraten und, wenn möglich, unterstützen könnten.«
Helms beauftragte den Experten für Nazi-Dokumente der CIA, einen
Mr. Hart, eine Lösung der diffizilen Angelegenheit zu finden. Eine Vernichtung
der Archivakten konnte aus rechtlichen und archivtechnischen Gründen nicht in
Frage kommen. So wurde vereinbart, die Suchlisten über die Filme der
beschlagnahmten Dokumente aus dem Verkehr zu ziehen, um so das Auffinden
spezieller Akten zu erschweren bzw. fast unmöglich zu machen. So erhielt
Langemann vom CIA-Mann Hart 58 Bände der Suchlisten und die Zusicherung, daß bei weiteren Aktenfunden, die Kiesinger belasten, der
BND umgehend informiert wird.17
Diese Beispiele zeigen, in welchem Ausmaß die Organisation Gehlen
und der BND Nazi-Seilschaften für ihre Zwecke nutzten. Sie schützten Täter vor
Strafverfolgung und arbeiteten mit Kriegsverbrechern und Massenmördern
zusammen. Eine öffentliche Aufarbeitung dieser Vorgänge ist längst überfällig.
Anmerkungen
1 Vgl. Eichner/Schramm: Angriff und Abwehr, Berlin 2007
(Neuauflage in Vorbereitung), S. 169ff.
2 Vgl. Erich Schmidt-Eenboom:
Der BND - Schnüffler ohne Nase, München 1993, S. 186
3 Vgl. Phillip Knightley: Die Geschichte
der Spionage im 20. Jahrhundert, Berlin 1990, S. 266
4 Mary Ellen Reese: Organisation Gehlen.
Der Kalte Krieg und der Aufbau des deutschen Geheimdienstes, Berlin 1992, S.
293, Fn. 12
5 Vgl. Counter Spy, März-Mai 1984, S.19
6 Vgl.
Counter Spy, June-August 1983, S. 42
7 Vgl. Spiegel Nr. 3/2011, S.32
8 Vgl. Berliner Zeitung v. 17.1.2011
9 Vgl. Counter Spy, June-August 1983, S. 42
10 zitiert
in: V. Chernyavsky: The CIA in the Dock, Moskau 1983
11 United States Department of
Justice Criminal Division: »Klaus Barbie And The
United States Government; Exhibits to the Report to the Attorney General of the
United States«, August 1983, Washington D.C.; U.S.Printing Office
12 Vgl. Spiegel online vom 8.1.2011
13 Vgl. Spiegel Nr. 25/1994
14 Vgl. Holger M. Meding (Hg.):
Nationalsozialismus und Argentinien; Frankfurt am Main 1995; S. 190
15 Aus FAZ.net vom 7. Juni 2006
16 Vgl. junge Welt 24.X25. Juli 2010: »Mythos Eichmann«
17 Vgl. Frank P. Heigl/Jürgen Saupe: Operation EVA - Die Affäre Langemann. Eine
Dokumentation, Hamburg 1982, S. 145 f.
Klaus Eichner war als
langjähriger leitender Analytiker in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des
Ministeriums für Staatssicherheit der DDR zuständig für das Gebiet der
US-Geheimdienste. Gotthold Schramm war von 1952 bis 1990 Mitarbeiter des
Ministeriums für Staatssicherheit und in der Spionageabwehr
tätig.