junge Welt vom 29.08.2005
Feuilleton
Kopflanger, Schwindler oder Flachpfeife?
Eine Broschüre von Horst Schneider stellt den notorischen Kommunistenfresser Dr. Hubertus Knabe vor
Peter Wolter
Eigentlich müßten die BRD-Eliten dafür dankbar sein, daß es in der DDR das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gab: Es ist eine großartige Projektionsfläche für phantasievolle Erzählungen und Gruselberichte über Zwangsadoptionen, Folter und geheime Hinrichtungen. Die Beschäftigung mit dem MfS liefert täglich den Beweis, daß die erzwungene Proletarisierung unserer Brüder und Schwestern in der Soffjetzone zu menschlichen Verwerfungen bis hin zum neunfachen Kindermord führte.
Das Problem mit dem MfS ist jedoch, daß die meisten Vorwürfe frei erfunden sind. Gegen ehemalige Mitarbeiter der Behörde gab es nach 1990 bis zu 30 000 Ermittlungsverfahren. Daraus entstanden 143 Anklagen, die mit zwölf Geld- und acht Haftstrafen endeten. Und diese wurden bis auf eine auch noch zur Bewährung ausgesetzt. Da BRD-Richter keine Beweise für die oben geschilderten Ungeheuerlichkeiten fanden, mußten Springer-Presse, Privatsender und Politiker sich einiges einfallen lassen, um der Bevölkerung ein für allemal jeden Gedanken an sozialistische Alternativen auszutreiben.
»Psychologische Kriegführung« (PSK) nennt sich das in unverblümt militärischer Sprache. Im 2. Weltkrieg setzten die deutschen Faschisten dafür Propagandakompanien (PK) ein - viele dieser bis auf die Knochen antikommunistischen PK-Männer nahmen später Spitzenpositionen in der westdeutschen Publizistik ein.
Ins Sozial- und Christdemokratische übersetzt heißt PSK heute »Erinnerungspolitik«, »Gedenkstättenpolitik« oder »Aufarbeitung« der DDR-Vergangenheit. Für die Umsetzung gibt es Spezialeinrichtungen wie die »Gauck-Birthler-Behörde« und Spezialisten wie Dr. Hubertus Knabe, mit dem sich der Dresdner Historiker Prof. Dr. Horst Schneider in der Broschüre »Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari)« befaßt.
Knabe hat sich mit Veröffentlichungen über das MfS einen gewissen Namen gemacht. Bekannt wurde er vor allem durch seine Ernennung zum Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen MfS-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, einer Einrichtung, die von der Bundesregierung mit Millionenbeträgen gefördert wird. Schneider weist in seiner Publikation überzeugend nach, wie Knabe & Co. die Besucher und die Öffentlichkeit mit ihren Geschichtsmanipulationen belügen: Die angeblichen Zellen für die Wasserfolter wurden erst nach 1990 eingebaut, kein ehemaliger MfS-Mitarbeiter kann sich an derartige Einrichtungen erinnern, es gibt keinerlei gerichtsverwertbaren Beweis. Knabes Gewährsmann ist ein dubioser ehemaliger Häftling, bei dessen »Beweisen« jeder Gerichtsvorsitzende einen Lachkrampf bekäme.
Schneiders Kritik an Knabe ist vernichtend: Billigste Polemik, Behauptungen ohne Beweis und ein schon pathologischer Haß auf alles Linke - das ist, folgt man Schneider, das Handwerkszeug dieses Kopflangers der Reaktion.
Bestätigt wird diese Einschätzung selbst von konservativer Seite. Erst am 24. August befaßte sich Klaus-Dietmar Henke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Knabes Buch »Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland«. Obwohl sich Henke sichtlich um Höflichkeit bemüht, deutet er an, daß es sich bei Knabe um eine Art wissenschaftlicher Flachpfeife handeln muß: »Der intellektuellen Genügsamkeit des Autors entspricht die handwerkliche Sorglosigkeit. Entgegenstehende Forschungserkenntnisse werden ignoriert, Zahlenkaskaden nicht belegt«.
* Horst Schneider: Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari). (Vorwort: Klaus Huhn). Spotless-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3 - 937943 - 14 -5, 126 Seiten, 5,10 Euro