Auszug aus der
bedeutsamen Rede von Egon Krenz anlässlich des 118. Geburtstages von Ernst
Thälmann (Dokumentation der „jungen Welt“ vom 19.04.2004)
Verlogene Terrorismusdebatte
Es handelt sich ja bei den Vergleichen der DDR mit dem Faschismus nicht nur um Geschichtsfälschung. Es ist zugleich eine schamlose Verharmlosung der Naziverbrechen und eine Dämonisierung der Geschichte der DDR. Es ist eine unglaubliche Verhöhnung der Opfer der Nazibarbarei, die als Volksverhetzung verboten gehört.
Kürzlich wurde am Gebäude des Ministeriums für Staatsicherheit eine »Gedenktafel« angebracht, die wohl eher den Namen »Diffamierungstafel« verdient. Bei aller notwendigen kritischen Bewertung unserer Geschichte - ich versuche aktiv daran teilzunehmen - ist es völlig unakzeptabel, die DDR und ihr Ministerium für Staatssicherheit in die Nähe von Terrorismus zu bringen. Die DDR hat weder Terrorismus gefördert noch geduldet.
Sie hat ihre Bevölkerung aktiv vor terroristischen Anschlägen geschützt. Die DDR hat keine »Killer« bestellt und keine Morde in Auftrag gegeben. Unsere Sicherheitsorgane haben im Gegenteil erfolgreich dazu beigetragen, daß die DDR der einzige deutsche Staat blieb, der an keinem Krieg beteiligt war. Schon dadurch unterscheiden sie sich von jenen Geheimdiensten und Regierungen, die Dokumente fälschten, um Kriege gegen andere Völker zu führen.
Als die Bundesrepublik 1977 Ziel von Terroranschlägen war, nutzte die DDR ihre guten Beziehungen zur VR Jemen und zu Somalia und die Anwesenheit unserer Sicherheitsorgane in diesen Ländern, um die höchsten Repräsentanten Jemens und Somalias zu bitten, alles zu tun, damit die Passagiere in der Lufthansa-Maschine nicht zu Schaden kommen. Bundeskanzler Schmidt hat damals in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag der DDR ausdrücklich für die Zusammenarbeit bei der Terrorbekämpfung gedankt. Dies ist heute vergessen, weil es nicht der Diffamierung der DDR dienen kann.
Hätten jene, die für ihre Gehässigkeiten gegen die DDR im Sold des Staates stehen, diese
Tafel angebracht, wäre dies kein Grund zum Wundern
gewesen. Die »Geschichtsaufarbeitung« erfolgt hierzulande regierungsamtlich und durch Beschlüsse des Bundestages mit dem Ziel, die DDR und ihre antifaschistische
Vergangenheit zu delegitimieren. Daß aber Menschen
mit gestandener DDR-Biographie und selbst frühere
Funktionsträger der DDR mitgewirkt haben,
wundert mich schon. Es wundert mich vor allem, daß sie bei dieser
unwürdigen Tafel nicht ihre Eigenwürde verletzt sehen.
Haben wir nicht genug Fakten aus der deutschen Nachkriegsgeschichte, um auch Fragen an die alte Bundesrepublik zu stellen: Ging die Ohrfeige der Beate Klarsfeld für Kiesinger nicht ins Prinzipielle? Hat man die Mörder von Philipp Müller, dem jungen Gewerkschafter, der 1952 bei einer Friedensdemonstration in Essen ermordet wurde, verfolgt oder verurteilt? Wie starb Benno Ohnesorg, der eher unpolitische Student in Westberlin und wer bestrafte die Verantwortlichen? Wer stellte Politiker und Richter vor Gericht, die verfassungswidrig die KPD und die FDJ verboten?
Wir erlebten, wie die Rosenbergs, Patrice Lumumba, Martin Luther King, Salvador Allende oder Bischof Romero ermordet wurden wie Ernst Thälmann. Aus keinem anderen Grund als Antikommunismus. Und der mörderische Vietnamfeldzug, die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht auf Kuba, alles aus denselben Gründen - Antikommunismus! Und immer wieder die alte Bundesrepublik, offen oder versteckt an der Seite der Invasoren und Diktatoren. Das ist meine Antwort an jene, die nicht müde werden, der DDR nur Unmenschlichkeit in die Wiege zu legen. Ich bin keineswegs unkritisch zu meiner Vergangenheit in der DDR oder wäge Unrecht gegen Unrecht ab. Doch eine gerechte und differenzierte Beurteilung der DDR wird nur möglich sein, wenn die gesamtdeutsche Nachkriegsgeschichte auf dem Prüfstand steht. Ich wende mich gegen jedes Pauschalurteil über die DDR - ob es nun positiv oder negativ ist.