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03.12.2009 / Feuilleton / Seite 12 |
junge Welt
Alles muß rauskommen
Endlich aufgedeckt: Das MfS war schlimmer ais die Gestapo. Eine Buchvorstellung in der jW-Ladengalerie
Arnold Schötzel
Zwei Premieren an einem Abend in der jW-Ladengalerie: Die beiden Exoffiziere des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) Herbert Kierstein und Gotthold Schramm stellten am Dienstag ihr Buch »Freischützen des Rechtsstaats. Wem nützen Stasiunterlagen und Gedenkstätten?« vor. Im Auditorium nahmen unter den etwa 60 Anwesenden einige ehemalige MfS-Häftlinge Platz, darunter die frühere Bundestagsabgeordnete (Grüne, später CDU) Vera Lengsfeld. Vor der Tür war von ihnen zu hören gewesen: »Wir gehen jetzt 'rein und übernehmen den Laden.«
Das blieb in mehrfacher Hinsicht unfrommer Wunsch, obwohl sich im Publikum keine Mehrheit für die Autoren bzw. ihre Gegner abzeichnete, denn als solche erwiesen sich diese Gäste. Sie nutzten das Saalmikrophon, um loszuwerden, was die Stasi-Industrie in ARD/ZDF/MDR-Zwei-Jahrzehnte-Endlosschleifen, in Oscar-gekrönter DDR-Halluzination, in Veronika-Ferres-TV-Spektakeln, ungezählten Spiegel/BND/Verfassungsschutz-Dossiers und in Joachim-Gauck-Jagdfanfaren (»Wir müssen die DDR-Globkes finden«) so bietet. Der Erfolg bleibt trotz medialer Dampfwalze mäßig. Warum, deutete sich an diesem Abend an.
In Kürze: Fakten trafen auf Ideologie, Angebote auf Gezeter. Eine Stunde lang mühten sich Schramm und Kierstein darzulegen, was sie aus Statistiken des Bundeskanzleramts und der Birthler-Behörde destilliert hatten. Das hatte einigen Informationswert, etwa die Mitteilung, daß sich im Kanzleramtsbereich des Kulturstaatsministers Bernd Neumann (CDU) vier Referate zur Geschichtspolitik ausschließlich mit Anti-DDR-Propaganda befassen und dabei über einen Etat von 55 Millionen Euro verfügen. Das kann schon eine beachtliche »Wissenschaftler«schar nähren, vor allem besagt es, welch hohen Stellenwert das Herumtrampeln auf DDR und Sozialismus in der Regierungszentrale hat. Da scheint es um Strategie zu gehen, nicht um tagespolitische Mickrigkeiten wie Aktenfinden oder Entschuldigungsarien. Zu erfahren war, daß der Etat der Birthler-Behörde auf 90 Millionen Euro geschrumpft ist und die Statistiken über die Nutzer des MfS-Bestandes proportional zur Kürzung der Bezüge - gelinde gesagt - widersprüchlicher werden. Es ließe sich auch sagen: Das Interesse - vor allem der Ostdeutschen - strebt in den Promilleberereich.
Kierstein,
der in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen Ermittler war, nutzte
Videoaufnahmen von Führungen durch die dort eingerichtete Gedenkstätte, um zu demonstrieren, welche Diskrepanz
zwischen Gruselstories und tatsächlicher Geschichte existiert: Die Zellen
im sogenannten »U-Boot« seien »menschenunwürdig« gewesen, erklärte er, erläutert werde heute aber nicht, daß
sie im Zuge des Umbaus durch das MfS nach Übernahme des Knasts von der sowjetischen
Geheimpolizei seit den 60er Jahren nicht mehr genutzt
wurden. Es entschuldige nichts, aber zu bedenken sei, daß ähnliche Haftzustände auch in anderen Ländern, einschließlich Westeuropa, in jenen Jahren
herrschten. Analoges gelte für angebliche Folter mit Wasser oder Hitze oder für die Häftlinge, die angeblich durch Bestrahlung
an Blutkrebs erkrankt und daran gestorben seien: Die Scanner, die in den 80er
Jahren aufgestellt worden seien, gab es in den 70em nicht. Die vorgefundenen
Geräte wurden nach
1990 von den neuen Behörden überprüft und als für Menschen ungefährlich eingestuft.
Vera Lengsfelds Replik schwankte zwischen Abstreiten, seltsamer
Mathematik und Verwechseln von Verdacht und Tatsache. Bei Führungen in Hohenschönhausen
werde, behauptete sie, sehr wohl die Nutzung des »U-Bootes« durch die Sowjets
erwähnt (Kierstein: »Ich kann auch die gesamten
Videos abspielen - kein Wort«); die Krebskranken seien an äußerst seltenen
Varianten gestorben (»Einer auf 1,2 Millionen Menschen, bei drei Toten hätten
3,6 Millionen Menschen in Hohenschönhausen sitzen müssen.«) Schlußfolgerung
der Frau, die im jüngsten Wahlkampf »mehr zu bieten« hatte: Die MfS-Leute
sollten »endlich« die Unterlagen vorlegen, die sie »beiseite geschafft hätten«.
Der »Alles
muß raus«-Wahn ist im Anti-DDR-Geschäft eine
belebende Anleitung zum Handeln, und so fühlten sich einige ihrer Mitstreiter
ermuntert, die Gestapo, die ja dem antifaschistischen Theologen Dietrich Bonhoeffer
in der Haft das Schreiben gestattet habe, dem MfS vorzuziehen - wegen dessen »Inhumanität«
- und die Vorzüge »demokratischer« Geheimdienste der Gegenwart zu preisen. Das
fand seinen Abschluß mit einer Bemerkung von jW-Ladengalerieleiter Michael Mäde:
Wer die faschistische Diktatur derart verharmlose, solle das bitte nicht in
diesen Räumen tun. Er fügte an: Seinerzeit am Runden Tisch sei er sich mit
einigen hier einig gewesen, die Auflösung aller Geheimdienste zu fordern. Nun
sei dies offenbar ersetzt durch Gefasel von »demokratischen« Diensten in Zeiten
eines Gefängnisses wie dem geheimen im afghanischen Bagram.
Dem war offenbar wenig entgegenzusetzen. Der Übernahmetroß
verschwand schweigend.