RotFuchs Februar 2008,
Seite 7
Anmerkungen eines Teilnehmers der
Konferenz in
Odense
Man muß sie
hören alle beide
Am 17./18. November fand an der dänischen Universität Odense eine Konferenz zum Thema „Hauptverwaltung A. Geschichte. Aufgaben. Einsichten" statt. Es nahmen etwa 300
Interessierte teil, von denen rund 60 frühere Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit waren. Bürgerliche Zeitungen spotteten über einen „Betriebsausflug des MfS".
Es gab 24 Redner, 11 aus dem Osten, 13 aus dem Westen. Auf dem Weg zu dieser Konferenz lagen viele Stolpersteine. Die dänischen Gastgeber um Dr. Fries hatten sie ursprünglich
am
17. Juni 2007 in Berlin durchführen wollen, scheiterten aber am Widerstand nichtwissenschaftlicher
Kräfte.
Karl-Wilhelm Fricke, Spezialist in Sachen DDR-Verunglimpfung, freute sich: „Erst nach öffentlichen Protesten von Opferverbänden wurde die Tagung kurzfristig abgeblasen."
Verschiedene Medien berichteten, der Druck der Birthler-Behörde sei ausschlaggebend gewesen. Mit anderen Worten: Bestimmte Kreise haben so viel Einfluß auf die Öffentlichkeit,
daß
sie wissenschaftliche Tagungen verhindern können.
Unter diesen Umständen war schon das Stattfinden der Konferenz ein Erfolg. Aber die Vorgeschichte hat auch prinzipielle Aspekte. Die Birthler, Knabe und Fricke wollen (nicht nur
in diesem Fall) das öffentliche Auftreten von Mitarbeitern des MfS unter allen Umständen verhindern. Hubertus Knabe fand: Die Veranstaltung in Odense sei so zu sehen, als ob
Osama bin Laden zum
Gedankenaustausch gebeten worden wäre.
Weiß er, was er sagt? Osama bin Laden war der Homunkulus des USA-Geheimdienstes im Krieg gegen die UdSSR. Ihm wird heute der Terrorismus in aller Welt angelastet. Dem MfS
auch?
Selbst Dr. Knabe sollte in
Rechnung stellen:
1. Das Recht auf Meinungsfreiheit gehört zu den Kernrechten,
die im Grundgesetz und in den Menschenrechtskonventionen garantiert sind.
Welches deutsche Gericht hat bisher dieses Recht jemandem
abgesprochen? Es existiert unabhängig von der Gesinnung
eines Bürgers, auch für Oppositionelle. Seine Verweigerung bricht das
Grundgesetz und das Völkerrecht.
2. Die Kritiker der Konferenz gehen bis hinter die feudale
Ordnung zurück. Das älteste deutsche Recht, das der Ritter Eike
von Repkow etwa 1224 im „Sachsenspiegel"
aufgeschrieben hat, enthält bereits das Prinzip: Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man muß sie hören alle beede. Gibt es
heute ein ordentliches Gerichtsverfahren, in dem der Angeklagte nicht das Wort
erhält? (Wer betrachtet Guantänamo als rechtens?)
3. Geschichtsschreibung ist keine Anklage, und der
Historiker ist kein (Scharf-Richter. Über den Wert von Zeugenaussagen läßt sich streiten. Eine Oxford-Regel besagt, daß sie kritisch zu prüfen sind. Roman Herzog, der als Bundespräsident am 26. März 1996 vor der
Eppelmann-Kommission aussagte (man stelle sich so etwas in anderen Ländern
vor), behauptete, daß Zeitzeugen, vor allem Opfer,
die wichtigste Geschichtsquelle seien. Manche folgen ihm.
Wenn dem so ist, sind natürlich auch Mitarbeiter des MfS Zeitzeugen
(wenngleich der Wert ihrer Aussagen nicht jenen der Bekundungen von
Kriegsverbrechern erreicht, die jetzt ständig in Fernsehdokumentationen „Zeugnis ablegen"). Die Mitarbeiter des MfS, die in
Odense auftraten, taten das Ihre, daß die Spaltung der
Deutschen nicht auch im Geschichtsbild irreparabel wird. Frau Professor Dr.
Christie Macracis aus den USA drückte das dort so aus: „Deutschland ist eine Demokratie,
und die lebt schließlich vom Austausch der Meinungen." Irrt sie? Der
Austausch von Meinungen setzt voraus, daß sie
unterschiedlich sein dürfen. Ein Blick in die bürgerliche Presse ergibt, daß
wir davon noch weit entfernt sind. Die „Berliner Zeitung" vom 20. November
phantasierte über „Unerträgliche Meuchelmorde". Es war der Berliner CDU-Abgeordnete
Frank Henkel, der in gleicher Wortwahl behauptete: „Die Gruselmärchen
dieser Stasi-Schergen sind unerträglich." Er rief nach dem Verfassungsschutz.
Nur: Wer in Odense hat solche „Gruselmärchen" gehört?
Wird Henkel sie nachweisen, wenn das Protokoll erscheint? Wer sich mit der
Sache seit längerem beschäftigt, hatte erwartet, daß
der „Stasi-Experte" und Nestor der Kritiker an der DDR-Justiz Karl Wilhelm Fricke und der
Fachmann für Geheimdienste Helmut Müller-Enberg
auftreten. Müller-Enberg verdient sein Geld bei der
Birthler-Behörde.
Fricke schoß seine Granaten aus der
Ferne ab, Müller-Enberg hatte seine Teilnahme zugesagt.
Er erkrankte plötzlich und ließ seinen Beitrag verlesen. Bereits die Einleitung
zeigt, welche geistigen Verrenkungen denjenigen abverlangt werden, die im Dienste der
Birthler-Behörde „forschen". Er stütze sich in seinen Ausführungen nicht
auf dienstlich gewonnene Erkenntnisse oder von ihm selbst veröffentlichte Arbeiten,
sagte er.
Warum eigentlich nicht? Waren die dienstlich gewonnenen
Erkenntnisse und vorherigen Veröffentlichungen für Odense nicht brauchbar
gewesen?
Und der wissenschaftliche Ertrag der Konferenz? Es ging
bekanntlich um Geschichte, Aufgaben und Einsichten der HVA. Das
Konferenzprotokoll wird zeigen, wie stark solche Redner wie Werner Großmann
(dessen Text verlesen wurde), Ralf-Peter Devaux,
Herbert Bertsch, die Kundschafter Rainer Rupp und Gabriele Gast und andere die Kenntnisse über das Handeln
und die Wirkung der HVA bereichert haben. Daß
mancher eine Art Bilanz versuchte, versteht sich. „Es ist eine gute Sache,
wenn man als Zeitzeuge eingeladen wird, das Wort zu ergreifen", zitierte
das ND am 19. November Horst Behnke.
„Balsam für die geschundene Agentenseele?" fragte
Karlen Vesper in derselben Zeitung am 24./25. November die Oberste a. D. Klaus
Eichner und Gotthold Schramm. Wissen wollte sie auch, ob sich die
Wissenschaftler zu den ehemaligen MfS-Offizieren „weich" oder
„hart" verhalten hätten. Solche Fragen gingen am Konferenzverlauf vorbei.
Wenn Werner Großmann feststellte, daß die HVA-Arbeit ein
Beitrag zur Erhaltung des Friedens gewesen sei, dann hat kein Kritiker das widerlegen
können. Sie verantwortete weder Staatsstreiche noch „Killerkommandos"
oder Auftragsmorde („Arbeiten", die in westlichen Geheimdiensten zum Alltag
gehören).
Der abwesende Karl-Wilhelm Fricke war über das Auftreten von
MfS-Mitarbeitern erbost. Das ist nicht neu: „Sie alle sagen in
trotzig-provokanter Manier ja zu ihrer Vergangenheit und haben partout nichts zu
bereuen.
Selbst wissenschaftliche Kontakte suchen sie für ihre Zwecke
zu nutzen." Ist das nicht unerhört?!
Ich bin aus wissenschaftlichem Interesse der Einladung nach
Odense gefolgt und habe mich lediglich mit einer Intervention nach dem Vortrag
von Dr. Armin Wagner an der Debatte beteiligt. Trotzdem hat Hans-Martin
Tillak vom „Stern" Erstaunliches
über mich berichtet. Als „Ex-Staatssicherheitsdienstler" hätte ich über das
Bordmikrofon eines der beiden Busse mein Buch vorgestellt, „eine Attacke auf den
Stasi-Kritiker Hubertus Knabe". Zwar habe ich vor zwei Jahren eine Arbeit
über Knabes „Gruselkabinett" geschrieben, aber
das Buch, auf das ich jetzt verwies, heißt „Hysterische Historiker".
Mitarbeiter des MfS bin ich nicht gewesen, was für die
Teilnahme in Odense auch nicht Bedingung war. Wenn Tillak
helfen würde, mein Buch zu „skandalisieren" (wie
z. B. viele Medien den Erguß von Eva Herman), hätte ich dagegen keine Einwände.
Prof. Dr. Horst Schneider