„junge Welt“, 07.01.2019

»So schnell geht's nicht«

Präsident des Drittligisten Hallescher FC mit Stasi-Vorwürfen zum Rücktritt gedrängt - Fans wehren sich

Oliver Rast

Eine Enthüllungsstory sollte es sein, »exakt«, das Nachrichtenmagazin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), teaserte am 5. Dezember: »HFC-Präsident Schädlich war als Stasi-IM aktiver als bislang bekannt.« Die Akte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) über den »Inoffiziellen Mitarbeiter« (IM) liege dem MDR-Magazin »komplett« vor. Schädlich sei demnach gezielt für die Ausforschung von Studenten und Professoren an der Abteilung Wirtschaftswissenschaften der Martin- Luther-Universität Halle eingesetzt gewesen. Neu waren diese Information indes kaum. Seit 1992 war die »inoffizielle Mitarbeit« Schädlichs beim MfS bekannt, seit Juni 2002 amtierte der 64jährige als Präsident des Drittligisten Hallescher FC (HFC).

Schädlich reagierte schriftlich auf die MfS-Vorwürfe: »Ich möchte grundsätzlich feststellen, dass mein Zusammenwirken mit dem MfS in den 80er Jahren ein wesentlicher Fehler war, dessen Tragweite ich damals nicht erkannt habe, den ich aber stark bereue.« Er könne diesen Fehler nicht ungeschehen machen, aber nachweisen, »die richtigen Schlussfolgerungen gezogen« zu haben.

Die »Causa Schädlich« wurde zum Politikum. Am 16. Dezember räumte der HFC-Präsident »mit sofortiger Wirkung« seinen Posten. Sechs Tage zuvor hatte er mitgeteilt, wegen fehlender Unterstützung durch Vorstandskollegen bei der Jahreshauptversammlung nicht wieder für das Amt kandidieren zu wollen. Die Versammlung der HFC-Mitglieder war ursprünglich für den 16. Dezember angesetzt. Schädlich hatte sich dort wieder in den Vorstand und das präsidiale Ehrenamt wählen lassen wollen. Wenn der MDR das verhindern wollte, hätte er kaum einen besseren Termin für seine »Enthüllung« finden können. Aufgrund des Rücktritts des Präsidenten wurde die Versammlung auf den 3. Februar verschoben. Interimsweise führen die Vorstände Jürgen Fox und Jens Rauschenbach den Verein. Beide stehen erklärtermaßen nicht für das Präsidentenamt zur Verfügung.Eine treibende Kraft gegen Schädlich war Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos). Am 10. Dezember erklärte er: »Die öffentliche Hand kann nicht mit einem Verein zusammenarbeiten bzw. ihn finanziell fördern, wenn an dessen Spitze eine Person steht, die als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit tätig war.« Und der OB hat Macht: Stadtsparkasse, Stadtwerke und Wohnungsgesellschaft HWG sind kommunale Sponsoren des Klubs.Alles eine Intrige des OB? Lokalpolitiker sprechen das offen aus. Für den StadtratsvorsitzendenHendrik Lange (Linke) war die Entmachtung Schädlichs »perfide und durchsichtig«, wie er am 11. Dezember in einer Stellungnahme schrieb. Lange wirft Wiegand vor, »als Alleinherrscher über öffentliche Fördermittel« aufzutreten. »Mit welchem Recht«, so Lange, »erpresst er einen gesamten Verein mit dem Fehlverhalten einer Person?« Ähnlich äußerte sich der lokale FDP-Politiker und Vorsitzende des Landessportbundes von Sachsen-Anhalt, Andreas Silbersack: Der OB sei von Schädlich abgerückt, nachdem dieser »bei ihm in Ungnade gefallen« sei.Und der Verein? Lars Töffling, HFC-Pressesprecher, versicherte auf jW-Nachfrage: »Der Verein ist nach dem Rücktritt uneingeschränkt handlungsfähig.« Natürlich habe es Unmut in Teilen der Fanszene gegeben. »Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, der Blick ist nach vorn gerichtet«, so Töffling. Der Fanbeauftragte und Vorstandskandidat Andreas Wolf nimmt die Atmosphäre im Verein anders wahr: »Hier ist keinesfalls alles ruhig, so schnell geht's nicht«, sagte er gegenüber jW, Erste Stimmungstests werden die Fanforen Ende Januar sein.Schädlichs Bilanz kann sich sehen lassen: 2008 Aufstieg in die Regionalliga Nord, 2012 Aufstieg in die dritte Liga. 2011 Eröffnung des Stadionneubaus auf dem Areal des früheren Kurt-Wabbel-Stadions. Sportlich hat sich der HFC in der dritten Liga etabliert und gehört in dieser Saison zu den Spitzenteams.Rückendeckung erhielt Schädlich von den Rängen. Der HFC-Fankurvenrat, ein Zusammenschluss der aktiven Fanszene, erklärte am 12. Dezember: »Wieder einmal mischt sich Herr Dr. Wiegand in seiner Gutsherrenart in die Belange des Vereins ein. Einem Verein, der keine Abteilung der Stadt Halle ist, sondern ein eingetragener Verein auf Basis von stolzen Mitgliedern!« Den HFC-Vorständen Fox und Rauschenbach werfen die Fans vor, »Marionetten« des OB Wiegand zu sein. Bei der Heimpleite gegen den Karlsruher SC am 15. Dezember prangte ein großes Banner in der Kurve: »Wir alle sind der Hallesche Fußballclub e.V.! Wiegand raus!«Weiteren Zündstoff lieferte die Weitergabe der Kandidatenliste für die Vorstandswahl an die Mitteldeutsche Zeitung kurz nach Neujahr. Ein Kandidat, der ungenannt bleiben will, äußert sich gegenüber jW ungehalten: »In den Gremien wurde klipp und klar Stillschweigen vereinbart; erst sollten die Mitglieder informiert werden, dann die Öffentlichkeit.«Reibungslos dürfte die Mitgliederversammlung am 3. Februar kaum über die Bühne gehen - dafür ist die Fanfront gegen die »Marionetten« im Verein zu groß.

Aus Leserbriefen an die Redaktion (10.01.2019)

Zu jW vom 7.1.: »So schnell geht's nicht«

Wann werden ehemalige hauptamtliche oder inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit endlich als gleichberechtigte Bürger des Landes behandelt? Obwohl sich die Mitarbeiter des MfS für den Erhalt der DDR eingesetzt haben, ohne gegen geltendes Recht zu verstoßen, (...) werden sie immer noch gesellschaftlich ausgegrenzt. Geltendes Recht schreibt dagegen gemäß Paragraph 78 Abs. 1/3 StGB vor, dass die Verjährungsfrist der Verfolgung bei außerordentlich schweren Straftaten, »die im Höchstmaß mit Freiheitsstrafe von mehr als fünf Jahren bis zu zehn Jahren bedroht sind«, bereits nach zehn Jahren endet. Selbst wenn allein schon die Zugehörigkeit zum MfS nach jetzt geltendem Recht entgegen allen Rechtsstaatsprinzipien als »Straftat« gelten würde, wäre die Verjährungsfrist für die Betroffenen lange abgelaufen. In dem gegebenen »Fall Schädlich« wie in vorausgegangenen ähnlichen Fällen zeigen sich aber immer wieder Praktiken und Haltungen, die mit Prinzipien eines Rechtsstaates völlig unvereinbar sind. Ginge es nach dem Verständnis einiger Lokalpolitiker, soll die frühere Zugehörigkeit zu m MfS offenbar als lebenslanger »Dauerstraftatbestand« gelten. (...) Für gewisse Kreise scheinen im Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern des MfS alle Normen der Rechtssicherheit, der Gerechtigkeit und der Angemessenheit keinerlei Bedeutung zu haben. (...)

Dr. jur. Heinz Günther, per E-Mail