Neues Deutschland
16./17.08.2003
Wie CSUler das Gruseln
lernten
Ein Mann mit spannender Vortragsreise -
und nimmt die Wahrheit locker
Von Peter
Kirschey
Das Internet ist eine schier
unerschöpfliche Quelle von Informationen. Dieser
Tage - der 13. August,
Tag des Mauerbaus, war zu begehen - fand sich ein Bericht aus der
bayerischen Provinz: "Ex-Häftling Rainer Schubert schildert in
Ebermannsdorf
seine DDR-Erfahrungen."
Der
CSU-Ortsverein Ebermannsdorf hatte Rainer Schubert zum Vortrag in den
Berggasthof eingeladen, und Schubert berichtete, bis auch der letzte
Christsoziale im Saal vor Schrecken über das gesammelte DDR-Unrecht
erbleichte. Und so ist in dem vermutlich einer Lokalzeitung entnommenen
Bericht zu lesen: »Schubert war bis 1975 als freiberuflicher Journalist in
Westberlin für verschiedene Nachrichtenagenturen tätig. Der heute 57-Jährige
wurde Anfang 1975 von West nach Ostberlin verschleppt und in einem
Schauprozess zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.« Warum, so ist zu fragen,
wurde Schubert, wenn er brav als Westberliner Journalist seine Pflicht tat, von
der Stasi in den Osten verschleppt? War da, nicht doch ein bisschen mehr? Ja,
da war ein bisschen mehr, aber der Leser dieser herzzerreißenden Geschichte
erfährt nichts davon. Die Unterlagen
des MfS, auch für Schubert Quelle seiner Geschichten, geben dagegen Auskunft.
Schubert war ein professioneller
Menschenhändler.
Das Schleusen von Menschen in den Westen war seine wahre Profession, damit
hatten er und seine Organisation Armaco AG kräftig Geld gemacht. 20 000 Mark
(West) soll der Kopfpreis pro Flüchtling gewesen sein. Falsche Pässe, falsche
Bärte, präparierte Autos - das
war die Welt des Rainer Schubert. Er und die Armaco AG haben es auf 97
geschleuste Personen gebracht. Die Spezialität des Hauses Schubert, Ärzte aus der DDR.
Und die Entführung? Rainer Schubert wurde 1975 im Fußgängertunnel unter dem Alexanderplatz in Ostberlin verhaftet. Wie kam er dort hin, wenn er doch angeblich aus dem Westen entführt wurde? Er wurde weder betäubt noch in ein Auto gestopft oder von finsteren Mächten in den Osten geschleift. Er kam von selbst, zum Zwecke der Geschäftsanbahnung - eine Flucht sollte vertraglich besiegelt werden. Was Schubert nicht wusste: Das MfS wusste genau Bescheid um seine Aktivitäten. Der Mann galt als gefährlicher Staatsfeind. Und Schubert, das sagen die Akten, wusste genau, was ihn erwartet, wenn er seinen Fuß in den Osten setzt. Im Nachhinein freilich verklärt sich alles. Dass Schubert für Nachrichtenagenturen in Westberlin gearbeitet hat, erzählte er; nicht so sehr, dass auch Nachrichtendienste dabei waren. Dafür wurde er in der DDR zu 15 Jahren Haft verurteilt und saß knapp neun Jahre davon ab.
Auch
nach dem Ende der DDR sorgte der Name Schubert für Schlagzeilen. Als Zeuge im
Prozess gegen jenen Mann, der ihn an das MfS verraten hatte, als Zeuge im
Prozess gegen einen General des MfS, der der Verschleppung angeklagt war. Doch
da es keine Verschleppung gab, wurde er freigesprochen. Er habe den Bereich
Öffentlichkeitsarbeit im Berliner Bezirksamt Lichtenberg aufgebaut, sagt
Schubert von sich. Diejenigen, die ihn aus der Arbeit kennen, denken mit Grauen
an diese Zeit zurück. Später, als Museumsführer in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen,
erwies er sich als untragbar, da er öffentlich Gewalt predigte.
"CSU-Ortsvorsitzender
Josef Gilch dankte dem Referenten Rainer Schubert für seinen Einsatz, >damit
die Zeit des real existierenden Sozialismus nicht vergessen wird<",
heißt es in dem Bericht. "Für ihn sei es unverständlich, dass die Zeit
bis. 1989 nicht aufgearbeitet, sondern in einem >Mantel des Schweigens<
gehüllt werde." Übrigens, der Artikel steht auf der Internet-Seite
der »Aufarbeitungsinitiative Deutschland« (wwwberlin-aid.de). Dort
finden sich noch viel mehr Heldengeschichten. Der Betreiber ist Rainer Schubert.