Junge Welt
26.06.2010 / Feuilleton / Seite 12
W. Schwanitz zum 80.
Robert Allertz
Sagen Sie mal, Herr Schwanitz«, fragte am Donnerstag eine Richterin in Berlin, nachdem sie aus einem Zeitungsbeitrag vorgetragen hatte, in welchem Hubertus Knabe die Wohnung von Schwanitz in der Leipziger Straße als piefig-miefig charakterisiert, »wie oft war Herr Dr. Knabe in Ihrer Wohnung?« Kein einziges Mal, antwortete der Angeklagte. Wer jemals aus seinem Arbeitszimmer in der 21. Etage auf die Berliner Innenstadt geblickt hat, wird zu anderen Urteilen gelangen als Knabe.
Wolfgang Schwanitz, Berliner von Geburt, ging mit 21 Jahren zum MfS und wurde im Herbst 1989 de facto Mielkes Nachfolger. Drei Jahre lang hatte er als Stellvertreter gewirkt, davor zwölf Jahre lang die Berliner Bezirksverwaltung geführt. Manch einer hat seit dem Ende der DDR versucht, am Generalleutnant a.D. sein Mütchen zu kühlen. Schwanitz hat den Profilneurotikern die Stirn geboten, alle Vorwürfe und Anklagen erwiesen sich als haltlos.
Stirn bot er auch im übertragenen Sinne. Er sammelte Autoren um sich, Leute vom Fach, die wußten, was das MfS war, und eben nicht nur vermuteten, was es angeblich gewesen sein sollte. 2002 erschien das zweibändige Werk »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS«. Es gibt drei Auflagen, im Internet kann man die rund 1300 Seiten komplett downloaden. Alles in allem hat das Standardwerk inzwischen an die 20000 Leser.
In diesem Jahr gab Schwanitz mit dem letzten HVA-Chef Werner Großmann ein weiteres kollektives Werk heraus: »Fragen an das MfS. Auskünfte über eine Behörde«, dessen dritte Auflage gerade in Arbeit ist. Das Buch, meinten die Autoren, sei ein schönes Geschenk zum 60. Geburtstag des MfS. Es war natürlich auch eins für Wolfgang Schwanitz. Doch das vielleicht schönste Präsent machte ihm zwei Tage vor seinem Jubiläum das Strafgericht in Moabit. Knabe hatte Anzeige wegen Beleidigung erstattet. Die Richterin sprach Schwanitz frei. Am Samstag feiert er seinen 80. Geburtstag. Nicht in seiner Wohnung. Denn die ist zwar hübsch, aber für die Zahl der Gratulanten zu klein.
http://www.jungewelt.de/2010/06-26/020.php?prin1=l 26.06.2010