junge Welt
20.01.2011/Titel/Seite 1
Hetze im Nazistil
Arnold
Schölzel
Wer aus einem Staat kommt, in dem Judenmörder und Nazibonzen es bis zu Bundeskanzler, Staatssekretär, Richter und General bringen konnten,
kann beim Kampf gegen Linke an eine lange Tradition anknüpfen. Vor allem an die alten Methoden. Am Mittwoch prangte auf der
auflagenstärksten Zeitung Berlins, dem Springer-Blatt B.Z. –
in Großbuchstaben vor einem Porträt der Linksparteivorsitzenden Gesine Lötzsch:
»Stasi-Skandal bei Linke-Chefin«. Ihr Büroleiter sei »als hauptamtlicher Mitarbeitet des MfS enttarnt«. Der etwas magere Sachverhalt dazu: Der Leiter des Bundestagsbüros von Gesine Lötzsch, Klaus
Singer, leistete zwischen 1978 und 1981 Wehrdienst im DDR-Wachregiment »Feliks Dzierzynski«, das dem MfS unterstand- allerdings ausschließlich mit militärischen
Protokotlaufgaben und Bewachung von wichtigen DDR-Einrichtungen betraut war.
Die B.Z. - im Volksmund als »Schweine-B.Z.« bekannt - macht daraus, Singer sei »hauptamtlicher
MfS-Mitarbeiter« gewesen.
Halluzinationen dieser Art über Mandatsträger und Mitarbeiter der Linkspartei waren in der Vergangenheit
schon öfter aufgetaucht.
Die Luftnummer des rechten Kampfblatts könnte als gängige antikommunistische
Blödelei abgetan werden, steigerte sich Autor
Gunnar Schupelius gemeinsam mit dem in solchen Fällen unvermeidlichen Hubertus Knabe nicht in wahren Furor. Er
macht sich über die Familie Singers her und schreibt: »Der Vater, Rudi Singer, war Vorsitzender des Staatlichen
Rundfunkkomitees der DDR. >Dieses Komitee sorgte im Auftrag der SED für die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung<,
stellt der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, fest. Für Knabe gehörten die Singers zur sozialistischen Aristokratie der DDR<.«
Zu »den Singers« sei hier festgehalten: Rudi Singer wurde 1915 in Hamburg geboren,
schloß
sich 1932 während seiner Lehre zum Exportkaufmann dem
Kommunistischen Jugendverband und 1933 der KPD an. Im Mai 1933 kam er erstmals
in Gestapohaft, 1934 in das KZ Fuhlsbüttel, im Mai 1937 wurde er wegen Widerstandstätigkeit zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, danach
ausgewiesen, in der Schweiz interniert. 1944/45 gründete er u.a. zusammen mit dem
Theaterregisseur Wolfgang Langhoff die Bewegung »Freies Deutschland« in der Schweiz. Seine beiden Eltern wurden 1942 in Auschwitz
ermordet. Er arbeitete nach der Befreiung zunächst in Bayern als Journalist
und siedelte vor der drohenden Verhaftung 1951 in die DDR über, wo er von 1966 bis 1971 Chefredakteur des Neuen Deutschland
war, danach bis 1980 Vorsitzender des Rundfunkkomitees.
Daß Antifaschisten, die vom
deutschen Faschismus verfolgt worden waren, in der Adenauer-Bundesrepublik erneut
mit Haft bedroht wurden, ist nicht neu, gehört zur glorreichen
Geschichte dieses Rechtsstaates. Zumal wenn die Schergen der 50er Jahre
dieselben waren wie in den 30er und 40er Jahren, was oft zutraf. Neu ist
allerdings das Verfahren, ihre Angehörigen in Sippenhaftung
zu nehmen. Diese Errungenschaft des Jahres 2011 überbietet den
seinerzeitigen Kampf gegen den »Kommunismus«. Schuppelius und Knabe schaffen es
zweifellos noch bis zu den Enkeln.
Anmerkung: In fast 40 Jahren leisteten
insgesamt ca. 70.000 junge DDR-Bürger auf freiwilliger Basis ihren zumeist
3-jährigen Wehrdienst im MfS-Wachregiment ab. Sofern sie anschließend nicht in
den Dienst im MfS übernommen wurden – also in der überwiegenden Mehrheit – wurden
sie anschließend als Reservisten der Nationalen Volksarmee der DDR geführt.
W.S.